Die Reibungselektrizität bunter Luftballons

von Leo Lippert

Wien, 14. Dezember 2017. Ach diese Luftballons. Handlich bis überlebensgroß, in scheußlich grellen Farben. In kaltem Scheinwerferlicht schweben sie durch Bühnen- und Zuschauerraum. Dreieinhalb Stunden lang. Manche kleben an der Decke, andere werden von beflissenen Diener*innen beiseite geräumt, in sanfter Bewegung gehalten, oder in der Ecke stillgestellt. Die Handbewegungen, mit denen die Zuschauer*innen die wabernden Gebilde von ihren Frisuren fernhalten, sind Choreographie und Charakterstudie zugleich. Und die Zielsicherheit, mit der ein knallgelbes Ungetüm im schönsten Rampenmonolog landet, ist beeindruckend. Vor allem aber verlangen die Luftballons nach unserer ständigen Aufmerksamkeit: Sie zerstreuen uns, und sind damit wohl auch symptomatisch für eine zerstreute Aufführung, die ihren Ton, ihre Stimmung nicht finden will.

Befehle wie Kapitulationen

Am Wiener Burgtheater inszeniert Johan Simons den "Radetzkymarsch", nach dem Roman von Joseph Roth. Eine sichere Bank, möchte man meinen. Im k.u.k. Hof-Burgtheater, in der Hauptstadt der Habsburgermonarchie, erzählt Simons mit großem Ensemble die Geschichte ihres Zerfalls. Und dieses Erzählen betreibt die Bühnenfassung von Koen Tachelet (übersetzt von Eva M. Pieper und Alexandra Schmiedbach) mit großer Sorgfalt. In schier endlosen Szenen wird der Epochenwechsel anhand der Familiengeschichte der Trottas ausgebreitet – jener Nachfahren des immer wieder beschworenen "Helden von Solferino", der den Kaiser vor einer tödlichen Kugel bewahrt hat und zum Dank dafür geadelt wurde.

Radetzkymarsch1 560 Marcella Ruiz Cruz Burgtheater uKatrin Bracks Bühnenbild für den "Radetzkymarsch": bunte Luftballons © Marcella Ruiz Cruz

Bezirkshauptmann Baron Franz von Trotta (Falk Rockstroh) und sein Sohn Leutnant Carl Joseph von Trotta (Philipp Hauß) reisen von Wien nach Galizien und wieder zurück. Manchmal reisen sie aneinander vorbei. Sie schreiben Briefe, und trinken heftig und verzweifelt. Der Sohn hat Spielschulden, und stolpert von einer Geliebten zur nächsten (alle gespielt von Andrea Wenzl). Philipp Hauß spielt ihn mit kurzsichtigem Blick und hängenden Schultern; seine Sprache ist ein Zaudern, das immer wieder in euphorische, fast hysterische Ausbrüche kippt. "Im Namen des Gesetzes löse ich die Versammlung der Arbeiter sofort auf", stottert er, nachdem es ihm der Major zweimal eingeflüstert hat. Es ist eine Kapitulation, kein Befehl.

Ausrangierte Machtmenschen

Die Unentschlossenheit, die Hauß seinem Trotta verleiht, reibt sich wunderbar an der Härte des zunehmend störrischer werdenden Vaters. An Falk Rockstrohs sturem Insistieren, seinem unerbittlichen Kommandoton lässt sich die Tragödie des ausrangierten Machtmenschen ablesen, der die Welt nicht mehr versteht, aber trotzdem noch meint, sie kontrollieren zu müssen. Und immer wieder treffen die Trottas auf den Kaiser (Johann Adam Oest), der milde und vor allem müde ist, und am Ende nur mehr schwächelnd seufzt: "An meine Völker..." Dann kommt der Krieg.

Radetzkymarsch2 560 Marcella Ruiz Cruz Burgtheater uMenschen im Epochenwechsel, erzählt anhand der Familiengeschichte der Trottas, Nachfahren
des "Helden von Solferino", der den Kaiser vor einer tödlichen Kugel bewahrt hat. Aber ihr alter Glanz ist verbleicht. © Marcella Ruiz Cruz

Bloß: differenziertes Spiel und ein detailreicher Handlungsverlauf machen noch keinen Roth. Und schon gar keine zarte Melancholie, kein Gefühl der Trauer um etwas, das eigentlich noch da ist und bloß vergessen hat, aus der Geschichte abzutreten. Die umständlichen Beamtenformalitäten und -prozeduren; die Gewissenskonflikte, weil die Etikette nicht eingehalten werden konnte; der zerdehnte Satzbau; die "Ich-hab'-wollen-sagen"-Formulierungen: all das fehlt in dieser Inszenierung. Stattdessen: meist kurze Dialoge, bedeutungsschwangere Pausen, und – völlig ironiefrei – das beschreibende Sprechen der Figuren über sich selbst als Figuren.

Aufgestellte Haare

Nach der Pause versucht Simons es mit Humor: Kalauer werden ausgepackt ("Und Sie? Sind Sie glücklich? – Ich bin verheiratet!"), und Trottas neueste Geliebte Wally (Andrea Wenzl) klettert, unter großem Gelächter im Saal, den ergrauten Herren in den ersten Reihen in den Schoß. Derweil führen Philipp Hauß und Falk Rockstroh in einer dichten Dreierkonstellation den Kaiser als wunderlichen Tattergreis vor, als einen, der viel weiß, aber es sich nicht anmerken lässt. Trotz Johann Adam Oests redlichem Bemühen um Haltung gerät die Szene zur Lachnummer.

Und schließlich, in einer absurden Partyszene, kommen die Luftballons noch einmal richtig zum Einsatz. Als in das Sommerfest des reichen Grafen Chojnicki (Steven Scharf) die Meldung platzt, der Thronfolger sei ermordet worden, stellt es den versammelten Gästen wortwörtlich die Haare auf: die Reibungselektrizität der bunten Ballons macht's möglich. Im Lachen der Zuschauer*innen geht die Monarchie zugrunde. Der Kaiser mag noch Kerzen angezündet haben. Doch "dies", verkündet Chojnicki triumphierend, "ist die Zeit der Elektrizität!" Oder eben die der Luftballons.

 

Radetzkymarsch
nach dem Roman von Joseph Roth, Bearbeitung von Koen Tachelet, übersetzt von Eva M. Pieper und Alexandra Schmiedebach
Regie: Johan Simons, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Greta Goiris, Musik und Sounddesign: Warre Simons, Assistenz Sounddesign: Jeske de Blouw, Licht: Norbert Joachim, Dramaturgie: Koen Tachelet, Mitarbeit Dramaturgie: Rita Czapka.
Mit: Dominik Dos-Reis, Sofia Falzberger, Philipp Hauß, Maximilian Herzogenrath, Marius Michael Huth, Daniel Jesch, Lorena Emmi Mayer, Ferdinand Nowitzky, Johann Adam Oest, Nick Alexander Pasveer, Christoph Radakovits, Peter Rahmani, Falk Rockstroh, Merlin Sandmeyer, Steven Scharf, Yannick Schöbi, Martin Vischer, Andrea Wenzl.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

In Der Standard (16.12.2017) "staunt" Ronald Pohl: "So todlangweilig soll Joseph Roths weltberühmter Roman gewesen sein?" Koen Tachelet und Johan Simons hätten den Stoff "episch ausgehungert", die ganze Inszenierung gleiche einer Stellprobe. "Vielfach schleichen die Figuren in der Tiefe des Raums um den heißen Brei des Romans herum." Das "wunderbare Burg-Ensemble" gelange mit den Joseph-Roth-Figuren zu keiner Übereinkunft, so Pohl mit liebevoller Süffisanz: "Man könnte auch sagen: Die Trauer über den Untergang des Kaiserreichs ist knapp hundert Jahre später noch immer so groß, dass man alle Anwandlungen von Spiellust von vornherein unterdrückt."

"Gewissheiten zerstreuen, Irritationen erzeugen", das seien Ziele von Johan Simons' "Konzeptkunst", schreibt Barbara Petsch in Die Presse (16.12.2017). Mit historischen Interpretationen habe diese Produktion nichts zu tun. "Ihre größte Stärke ist, dass sie die Lage der Monarchie mit jener Europas heute verbindet: politische Ranküne, Zerfallstendenzen, Nationalismus, Radikalisierung, Menschenhandel." Letztlich gewinnt den Abend aber "das souveräne Ensemble", das "Roths so märchenhaft stimmige Figuren (…) in ihren Identitäten wie in heruntergelassenen Hosen" dastehen lasse, so Petsch: "Nur die Angst zu stürzen hindert sie an der Flucht aus ihren Uniformen, aus denen sie sich zuweilen wie in einem Entfesselungsakt befreien und dastehen in weißen Overalls, fast jeder ein heimlicher Anstaltsbewohner." Als "grotesker Befreiungsakt" sei die ganze Aufführung angelegt. "Nicht schlecht. Vielleicht weist dieser Ansatz sogar einen neuen Weg zur Beschäftigung mit dem viel geliebten Joseph Roth."

Christine Dössel schreibt in der Süddeutschen Zeitung (18.12.2017): Johan Simons und Joseph Roth, das sei "die Geschichte einer Leidenschaft". Nur spüre man an diesem Abend davon wenig. Simons hungere "den Roman auf seine schwermütige Grundstimmung und seine Kernaussage" herunter. Nämlich dass hier "eine Welt untergeht". Auch heute dämmere "eine neue Zeit heran". Darauf ziele Simons "in aller Trauer und Ratlosigkeit" ab. Die Inszenierung tue nie so, "als wüsste sie etwas besser". Den "ungewohnt entschleunigten Rhythmus" müsse man dabei "aushalten". Das Erzählkonzept sei "klug gedacht und gemacht", aber "durchschaubar bis auf die Unterhose", in der die Figuren steckten. Sinnlich sei "dieses Strumpfsocken-Theater" nicht. Katrin Bracks Luftballons trügen zum "leicht sedierten Schwebezustand" bei und symbolisierten "die Blase, die hier zerplatzt". Auf der Bühne herrsche "die Atmosphäre eines stark ausgebremsten, teils alptraumhaften Zirkus". Philipp Hauß verleihe dem Leutnant Trotta eine "ungeheure Müdigkeit und Zerfurchtheit und ein sichtbar schlechtes Gewissen". Der "famose" Falk Rockstroh spiele Trotta-Senior mit "tiefporiger, todernster Ehr- und Pflichtversessenheit". Obwohl Simons die "Spieldynamik" bewusst ausbremse, setzten "kraftvolle Schauspieler" dennoch "starke Akzente".

Jan Küveler denkt auf Welt N24 (18.12.2017, online 7:55 h) über den Zusammenhang der Simons-Inszenierung mit der Inauguration der "neofeschistischen" blau-schwarzen Regierung in Wien nach. Zu bemerken, dass sich in Österreich "Gegenwart und Vergangenheit ineinander verknäulen wie verzweifelte Liebende", habe man am Wochenende im Burgtheater bei der Aufführung der "österreichischen Buddenbrooks" reichlich Gelegenheit gehabt. Es sei Roths "großes Verdienst", das "Symbolische und das Konkrete, das Reich und den Menschen so nahtlos ineinanderlaufen zu lassen wie Vergangenheit und Gegenwart" in Wien. Die Angelobung der neuen Regierung der "Neofeschisten" (Falter) mit den Zeitungsberichten über all ihre demokratischen Zweifelhaftigkeiten bildeten den "Resonanzboden" für den "Radetzkymarsch". Die Inszenierung habe "etwas von einem Hörspiel mit visueller Untermalung", wie immer bei Simons hielten sich "Herz und Intelligenz die Waage". Katrin Bracks fantastisch hingetupfte Luftballon-Bühne, "manisch und melancholisch, schwebend und schwer", bilde einen "idealen Rahmen" für die "geradlinige Regie", die den "wuchernden Text" zu einem "Bilderreigen" bändige.

Beinahe jede Szene gerate spätestens mit dem dritten Satz zur impersonation historischer Klischees, bemängelt Uwe Mattheis in der taz (19.12.2017). "Chargen knattern, Offiziersgattinnen räkeln sich röhrend im Negligé rotwangigen Kadetten entgegen. Eindimensionale Bilderbögen und Stadttheaterfakes, die formale Neuerung nur vortäuschen."

"Schon die Tat­sa­che, dass die wun­der­bar iro­nisch-me­lan­cho­li­sche Sprach­me­lo­die von Jo­seph Roth bei­na­he kom­plett ver­lo­ren­geht, gibt al­len, die ein En­de von Ro­man­dra­ma­ti­sie­run­gen for­dern, recht", schreibt Martin Lhotzky in der FAZ (19.12.2017). Ei­gent­lich gehe es bei Roth um den Unter­gang der Habs­bur­ger­mon­ar­chie, um die stil­len Ver­bin­dun­gen zwi­schen de­ren letz­tem Re­prä­sen­tan­ten, dem Kai­ser Franz Jo­seph, dem Toll­haus der k. und k. Ar­mee, und den Nach­fah­ren des al­ten Leut­nant Trot­ta. "Was zeigt uns Si­mons da­von? Leu­te in Un­ter­wä­sche, die mit rie­si­gen Luft­bal­lons spie­len, wel­che wie­der­um stän­dig stö­rend ins Pu­bli­kum se­geln und von dort manch­mal be­herzt zurück auf die Büh­ne ge­schubst wer­den."

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