Finanzjongleure in der Schwerelosigkeit

von Claude Bühler

Zürich, 14. Dezember 2017. Sagt man in der Schweiz "Mir nämeds uf öis" (Wir nehmen es auf uns), so passiert das an der Stelle, wenn die Melancholie des Unabänderlichen in die Zuversicht kippt, pragmatisch anpacken zu dürfen. Zu beiden Regungen ist das Personal aber weder bereit noch fähig, das Christoph Marthaler auf einen Spacetrip Richtung Ereignishorizont schickt: Die Finanzjongleure, Unternehmer und Briefkastenfirmen-Vernetzer stimmen mit frechem Weltgötter-Blick ins Publikum Richard Wagners Matrosen-Ruf "Hallajoh" aus der Oper "Der Fliegende Holländer" an.

Hologramm-Botschaften

"Ein Heiligenschein passt nicht zum Bau", hatte ein Baulöwe zuvor noch arrogant beim Boarding getönt, als spräche er zu einer Aktionsversammlung. Larmoyant hatte eine Unternehmerin gegluckst, sie habe doch das Erbe nie gewollt, "und jetzt habe ich den Salat" - respektive ein Konstrukt unter anderem aus Rüstungsfirmen. Übel und "sogar sehr übel" wird dem verkrampft grinsenden Personal jedoch beim Startruck, wenn ihnen die fliegende huis clos-Hölle und ihre selbstverschuldete Zwangslage bewusst wird.

Mir naemeds3 560 Tanja Dorendorf T T Fotografie uZeitschleifen im Weltall: Reise mit Mamut im führerlosen Raumschiff: Christoph Marthalers "Mir nämeds uf öis" © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Aber Marthaler ist gnädiger als Sartre und schickt den Passagieren ein "Hologramm" ins Flugzeug. Tora Augestad versorgt die Menschen mit dem, was ihnen fehlt: Die "selbstreinigende Kraft" musikalischer Einfühlung für ihre "guilty bodies". Wenn die norwegische Mezzosopranistin mit Bach-Kantaten oder Wagner-Arien das Raumschiff erfüllt, lassen sich die harten Damen und Herren mit gelöstem Gesicht zu einem Space-Ballett in nachgeahmter Schwerelosigkeit hinreißen, verfallen in Zuckungen, lösen geschäftliche Rituale wie das Zuprosten tänzerisch auf, zelebrieren ein ministry of silly moves.

Musik als Treibstoff

Einer gerät dabei in eine Art Traum oder Agonie. Es scheint, als passierten seine Verbrechen und seine Ausreden vor seiner Seele Revue: "sorry for that", bricht er immer wieder aus, um anschließend in beruhigendem Tonfall irgendwelche Wörter wie "transparency" zu murmeln. Eine Glanzszene des Abends, Szenenapplaus für Nicolas Rosat.

Mir naemeds1 560 Tanja Dorendorf T T Fotografie uSpace-Ballett der Schwerenöter © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Augestad treibt als Fokus das Singspiel mit dem bekannten Marthaler-Repertoire an: Barock, Klassik, Romantik, frühe Moderne, Schlager. Die Einlagen wirken immer wieder erhebend, tröstlich oder herzerweichend komisch. Etwa wenn sich die Unternehmerin an "Sorry seems to be the hardest word" von Elton John versucht: Nikola Weisse kann das überhaupt nicht singen. Aber sie kann – und so funktioniert ja Marthalers Theater im besten Falle – den kaputten Gefühlsbezug fühlbar machen und das Potential dahinter mitschwingen lassen. Als vollendeter Causeur wirft sich der schmierige Whistleblower an Bord in Pose: "Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient" (Udo Jürgens), bei Ueli Jäggi wird es zum Bekenntnis eines unverbesserlichen Schwerenöters.

Später will er beichten. Der Priester fragt ihn: "Ihr Fleisch ist sündig?". "Mein Fleisch?", fragt Jäggi erstaunt zurück. Das Publikum bricht in Gelächter aus, es hat verstanden: bei diesen Leuten ist nicht das Fleisch sündig, sondern der Geist. Und sein Fleisch ist nach seinen Begriffen nur Ware. Der Priester schiebt den Beichtstuhl runter: Man kommt ins Geschäft.

Manager drängen zur Futurologie 

Der pointenreiche, witzige Text mischt Gedichtfetzen, Selbstbekenntnisse wie "Wenn ich allein bin, sabbere ich manchmal" mit hemdsärmliger Managersprache. Mit kosmologischen Erklärungen und futurologischen Spekulationen (Robotik) verschärft Marthaler das Drama zunehmend, indem er so den Materialismus der Manager herauskehrt. Damit unterläuft er die Gefahr, die Finanzwelt bloß nachzuahmen, gar ihrer realen Schrillheit hinterher zu rennen.

Aber je weiter das Raumschiff von Erde abhebt, desto deutlicher wird spürbar, dass die verrückte Geschichte nicht über zwei Stunden trägt. Gelegentlich muss Tora Augestad mit ihrer Virtuosität dem Abend über gewisse Brüche helfen. Als schwaches Szenenbeispiel sei die Versteigerung erwähnt, zu der unter anderen Ex-Präsidenten von Weltkonzernen wie Marcel Ospel, Daniel Vasella oder Josef Ackermann wie in einer Diashow präsentiert werden: Eine Plattheit.

Zürcher Bräuche

Gute Marthaler-Figuren sind skurril, nicht quasi skurril gespielt, das verstanden nicht alle Ensemble-Mitglieder. Wie es gemeint ist, zeigten allen voran Nikola Weisse, Tora Augestad, Ueli Jäggi, Gottfried Breitfuss, Bernhard Landau. Ihnen zuzuschauen, ist reines Vergnügen.

Zum Schluss zeigt sich Marthaler als Fuchs. Er inszeniert den Zürcher Brauch des "Böögg"-Verbrennens, lässt das Ensemble gebückt und tattrig, als stützte es sich auf Rollatoren, um die brennende Figur herumrennen, gibt den Frühlingsevent als bürgerliches Alt-Herren-Ritual dem Gelächter preis. Das Zürcher Publikum applaudierte trampelnd.

Mir nämeds uf öis
von Christoph Marthaler und Ensemble
Uraufführung
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sara Kittelmann, Musikalische Leitung/Einstudierung: Bendix Dethleffsen, Video: Andi A. Müller, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Tora Augestad, Gottfried Breitfuss, Raphael Clamer, Jean-Pierre Cornu, Bendix Dethleffsen, Ueli Jäggi, Bernhard Landau, Elisa Plüss, Nicolas Rosat, Nikola Weisse, Stefan Wirth, Susanne-Marie Wrage, Siggi Schwientek fiel krankheitshalber aus.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Andreas Klaeui beschreibt in seinem Radiobeitrag auf SRF 2 (15.12.2017) die Bühne als "eine Art Raumschiff, in das nun alle möglichen Gauner und Wirtschaftskriminellen einchecken", "Ähnlichkeiten mit realen Menschen" seien "durchaus beabsichtigt", wobei es weniger um "einzelne namentlich bekannte Persönlichkeiten" gehe als um "das Prinzip der Gaunerei". Illusionslosigkeit und Ehrlichkeit sei eine "grosse Qualität" dieses Abends. Marthaler habe "viel Häme" für eine Kunst, die sich als "hübsches Pflaster" verstehe und mitmache in "diesem Zirkus der Hypokrisie". Natürlich sei ihm klar, dass "er selbst Bestandteil dieses Systems" sei. Dennoch versuche er die Zürcher "frontal" anzugreifen mit einem "vertrottelten Rössleinspiel zur Musik des Sechseläutenmarsches". Das Ensemble sei, auch musikalisch, hervorragend gewesen, das Ganze eine Heimkehr "ohne Konzessionen" und im "Triumph".

Alexandra Kedves schreibt auf den Online Seiten der Tamedia Gruppe (Zürcher Tages-Anzeiger, Der Bund aus Bern et al, 15.12.2017, online 14:39 h), der Pfauen habe getobt beim Verbeugen. "Durchaus speziell" sei das Stück: "ein Variété mit 33 musikalischen Nummern", das Phänomen der Zwangslage als der "Motor dieses seltsamen Abends". Die fragwürdigen Passagiere flögen "in den Untergang", nicht jedoch "ohne ihn in bester Marthaler-Manier ausgebremst zu haben. Mit Vertuschungen und Verbiegungen: Man beugt, zuckt, windet sich. Singt und quäkt." Dazu werde "Denglisch gejandelt und dadaisiert", ebenso "philosophisch spintisiert, variiert und repetiert". Ohne die hinreissende Mezzosopranistin und Jazzsängerin Tora Augestad als «menschliches Hologramm», wäre das Stück  allerdings "nicht so gut zu nehmen". Aber Marthaler dürfe sich seine "kratzbürstig altmodischen Verspieltheiten wider jede Spannungsdramaturgie und Spielökonomie erlauben".

Auf der Online-Plattform der Neuen Zürcher Zeitung bejubelt Daniele Muscionico (16.12.2017, online 5:30 Uhr) den "gescholtenen Messias" Marthaler. Der "steht wieder vor seinem Publikum - und Jubel überschüttet ihn ohne Ende. So beginnt und so endet Marthalers Comeback". Marthaler rechne ab. "Ja, das tut er, man darf es sagen." Die Figuren seien wiedererkennbar, aber dem Regisseur als "Menschen- und Ensemblefreund" und "atmosphärischen Alchemisten" glücke mit "seinem Danaergeschenk an Zürich" vor allem ein "musikalischer Abend" nach "bekanntem dramaturgischem Muster" mit "überragender musikalischer Qualität". Mit dem Bild, wie die Truppe zum "Sechseläutenmarsch, der Stadthymne" auf pantomimischen Rössern um den Böögg ruckele, mit diesem "galligen Kommentar auf die sklerotische Zürcher Bürgergesellschaft" erreiche Christoph Marthaler "Unsterblichkeitsqualität!"

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.12.2017) schreibt Hubert Spiegel: Erlösung von der Schuld "für die Übelsten der Superreichen, für die Top-Klientel der längst supranational und vielleicht schon bald interstellar agierenden Halsabschneider, Geld-, Dreck- und Müllsäcke" sei hier Marthalers "Geschäftsidee". Nach dem "Vorbild" der 'Bad Bank' gründe er "eine Art 'Bad State' ". "Geschäftemacher und Sprücheklopfer, Aufsteiger, Bankrotteure", "Korruptionskünstler im Dienste des Sports" steckten in "Zwangslagen", aus denen sie befreit werden möchten. "Wie oft" bei Marthaler gebe die Musik der "eher dünnen Handlung Nahrung" und kommentiere "spöttisch, ironisch oder herzergreifend das Geschehen". Die "umwerfende" Tora Augestad lasse die sich zuweilen bedrohlich auftuenden "Lücken" des Abends "rasch wieder vergessen". "Am Ende wurde Marthaler bei seiner Rückkehr in den Pfauen, den er 2004 als Intendant unter wenig schönen Umständen verlassen hatte, regelrecht gefeiert."

In der taz (16.12.2017) resümiert Eva Behrendt anlässlich der ersten Premiere von Marthaler am Schauspielhaus seit seinem versuchten Rauswurf 2003 noch einmal die schwierige Beziehung zwischen dem Künstler und der Stadt Zürich, die "folgerichtig" bei seinem Comeback im Zentrum stehe, "immerhin muss eine schwere Beziehungskrise aufgearbeitet bzw. neu befeuert werden". Marthaler lasse viel "wagnerianisches Treuelob" singen, zwischendurch lockerten Elton John, Mendelssohn-Bartholdy und ein Vivaldi-Medley für Keyboards "die Düsternis" auf. Wenn Tora Augestad "mit Engelsstimme" Wagner "Kate-Bushhaft verjazzt", sei das die "schönstmögliche Untergangsschändung". Einmal, beim "Spendenmarsch", wenn Gesichter der "Schweizer Geldprominenz" über einen Videoscreen flimmerten, "könnte es richtig konkret und damit auch ernsthaft böse werden", doch zu einem "ernsthaften Täterblaming à la Paradise Papers" käme es dann doch nicht. "Im hellauf begeisterten, lang applaudierenden Pfauen-Premierenpublikum fühlte sich jedenfalls keiner gemeint".

"Trotz der Sanftheit seiner Inszenierungen, der freundlichen Wunderlichkeit der in ihnen agierenden Personen, der feinen Musikalität darf man nie vergessen, dass Marthaler im Grunde immer ein politisch denkender Regisseur war. Und es natürlich noch ist", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (19.12.2017). 'Mir nämeds uf öis' sei eine pointierte Bestandsaufnahme der miesen Seite aller Geschäftsgebaren, die im Ausgangspunkt sehr schweizerisch sei – Stoff dafür liefere die Eidgenossenschaft genug. Aber der Abend verlasse die verschlossene 'schweizerische Miesmuschel' auch, werde in seinem Inhalt sozusagen globalisiert. "Und transformiert seine Schärfe mit viel schöner Musik."

Früher seien Marthalers Abende "von depressiver Düsternis" gewesen, aus der die Figuren sich nur durch Musik und Humor retten konnten, schreibt Christian Gampert in der ZEIT (21.12.2017). Nun sei die Aufführung "straff organisiert; aus der beckettschen komischen Leere ist ein immer noch bewundernswertes Tingeltangel geworden, ein kapitalkritisches Service-Modul". Musikalisch genüge das Unterhaltungsprogramm an Bord des Raumschiffs höchsten Ansprüchen. Die Besetzungsliste lasse sich "ins Parkett hinein verlängern", was, "bezogen auf die Züricher High Society, ein hübscher Gag" sei, so Gampert. Doch die Komik sei "nur noch professionell und virtuos", die Figuren versänken in ihrer eigenen Skurrilität. "Deshalb gab es, mitten hinein in die Schlussovationen, auch zaghafte Buhs".

 

 
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