Wir hauen zusammen

von Sascha Westphal

Köln, 15. Dezember 2017. Der Anfang ist furios. Die Augen suchen nach Orientierung: Rechts ist ein Boxring, hinten ein großer Spiegel, vor dem eine Videokamera steht, links hat Anne Ehrlich einen Kasten hingestellt, der Wohnung und Krankenhauszimmer zugleich ist. Ein paar Fenster und ein Türdurchgang gestatten Blicke in sein Inneres, wo zwei Schaufensterpuppen dem Raum eine melancholisch-düstere Aura verleihen. Doch es bleibt einem gar nicht die Zeit, all diese Eindrücke zu einem größeren Bild zusammenzusetzen.

Denn Nuran David Calis stößt das Publikum gleich mit aller Wucht in die atemlose Welt von Philipp Winklers Romandebüt hinein. Innerhalb weniger Minuten springt seine Adaption gleich mehrfach zwischen den Zeiten und Orten hin und her. Im einen Augenblick ist sie bei Heiko, Winklers Anti-Helden, der im Auto vor dem Haus seiner Ex-Freundin sitzt und nicht aufhören kann, nach oben zu ihren Fenstern zu starren. Im nächsten erzählt Calis von dem Tag, an dem Hannover 96 und Eintracht Braunschweig im DFB-Pokal aufeinander treffen. Die Hannoveraner Hooligans um Heiko und seinen Onkel Axel bereiten gerade ihr eigenes "Match", einen großen Kampf mit den Braunschweiger Hools, vor. Doch bevor die beiden tödlich verfeindeten Lager tatsächlich aufeinandertreffen, driftet die Inszenierung zurück in die Vergangenheit. Heiko erinnert sich daran, wie er zum ersten Mal mit seinem Vater Hans und seinem Onkel zu einem Spiel von Hannover 96 ins Stadion gegangen ist.

Einer, der den Absprung nicht schafft

Gleich in diesen ersten Minuten, in denen Daron Yates Heiko verkörpert, um dann gleich den Staffelstab an Justus Maier weiterzugeben, ist nichts mehr sicher. Vorurteile lösen sich im Taumel der Empfindungen auf wie alles, was man sonst noch über Hooligans zu wissen glaubte. Heikos Einsamkeit überwältigt einen. In nur wenigen kurzen Sätzen zeichnet Daron Yates das Bild eines modernen Werther. Doch diese romantische Perspektive auf den verlorenen Hool, der anders als seine besten Freunde den Absprung aus der Szene nicht schafft, lässt sich nicht halten. Wenn Justus Maier voller Vorfreude auf neue Gewaltexzesse vom Morgen des Pokalspiels berichtet, entsteht ein ganz anderes Bild. Mitgefühl schlägt um in Entsetzen, das umgehend einer sanften Wehmut weicht. Wer hätte nicht solche überlebensgroßen, verklärten Kindheitserinnerungen wie Heiko. Vor der Gewalt kam das Gefühl von Zusammengehörigkeit, das ihm Hans und Axel damals vermittelt haben.

Hool2 560 David Baltzer uNach dem Kampf ist vor dem Kampf. © David Baltzer

Wie Philipp Winklers Roman setzt auch Calis' Bühnenbearbeitung auf schonungslose Direktheit. Meist behält sie zwar den erzählenden Gestus des Romans bei und begnügt sich mit nur kurzen Dialogpassagen. Trotzdem ist es nahezu unmöglich, auf Distanz zum Geschehen auf der Bühne zu gehen. Die auf zwei Leinwände projizierten Live-Videobilder und die vom Band eingespielten atmosphärischen Geräusche, die gelegentlich noch durch vorab aufgenommene, geisterhaft klingende Satzfetzen ergänzt werden, verbinden sich mit dem Spiel von Simon Kirsch, Justus Maier und Daron Yates zu einem rauschhaften Erlebnis. Die drei Darsteller, die auch in alle anderen Rollen schlüpfen, spiegeln dabei auf eindrucksvolle Weise Heikos Zerrissenheit.

Einer, der sein Leben wegwirft

Mit sanfter Stimme und teilweise ein wenig unsicher und ziellos wirkenden Bewegungen illustriert Justus Maier Heikos kindliche Seite. Er, der in einer kaputten Familie aufgewachsen ist, konnte nie wirklich erwachsen werden. Etwas in ihm ist zerbrochen, als die Mutter die Familie verlassen hat. Es ist ihm nie gelungen, diese Scherben wieder zusammenzusetzen. Also flüchtet sich Simon Kirschs Heiko in eine heillos kitschige Liebe zu der drogensüchtigen Lernschwester Yvonne, während sich Daron Yates' Inkarnation des Hooligans vor allem in die Gewalt flüchtet.

Hool3 560 David Baltzer uHeiko mal drei: Daron Yates, Justus Maier, Simon Kirsch © David Baltzer

Trotzdem lässt sich keiner der drei auf diesen einen Charakterzug festlegen. Das wäre auch zu einfach. Mit simplen psychologischen Erklärungsmustern ist einem wie Heiko nicht beizukommen. Also schimmern seine anderen Seiten im Spiel von Simon Kirsch, Justus Maier und Daron Yates immer durch. Leider sind dagegen alle anderen Figuren blass. Nuran David Calis hat seine Bearbeitung so konsequent auf die Charakterstudie eines jungen Mannes, der sein Leben voller Absicht wegwirft, zugeschnitten, dass von Winklers präzise gezeichneten Nebenfiguren nur Karikaturen übrigbleiben.

Hool
von Philipp Winkler
Bühnenfassung von Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Tine Becker, Musik: Vivan Bhatti, Licht: Michael Frank, Dramaturgie: Stawrula Panagiotaki.
Mit: Simon Kirsch, Justus Maier, Daron Yates.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Die Uraufführung von "Hool" inszenierte im Mai 2017 Lars-Ole Walburg als Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Schauspiel Hannover.

 

Kritikenrundschau

"Der Sog, den der Regisseur und sein exzellentes Testosteron-Trio von Anfang an entwickeln, lässt während der folgenden anderthalb Stunden kaum nach", schreibt Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (18.12.2017). "Und wenn Simon Kirsch zum Schluss die letzte Zippo-Flamme ausbläst, versteht man: Dieser Heiko ist der einsamste Mensch der Welt." Was allerdings – "bereits in Philipp Winklers Romanvorlage" – hintenüberkippe, sei "der Beweis für die Behauptung, dass Hooligans aus der Mitte der Gesellschaft kommen, dass deren inszenierte Gewaltausbrüche das Negativ zum in festgezurrten Bahnen geordneten Alltag bilden", so Bos: "Stattdessen erleben wir einen Randständigen, der zum romantischen Beglotzen ausgestellt ist, ohne, dass man Gefahr liefe, dafür auf die Fresse zu bekommen."

 

 
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