Vampire unter sich

von Jürgen Reuß

Freiburg, 16. Dezember 2017. In der Mitte eine eher sanft ausgeleuchtete, erhöhte quadratische Plattform wie ein Boxring ohne Seile oder eine Festungsinsel oder eine bunkerartige Grabplatte. Der Rest der kahlen Bühne verschwindet im Dämmerlicht. Am rechten hinteren Seitenrand des Spielfeldquadrats steht ein Heizkörper. Dazu Edgar, der Hauptmann dieses militärischen Inselreichs, der es nie zum Major geschafft hat und sein kleines Reich mit misanthropischem, egomanem Missmut terrorisiert. Und seine Frau Alice, die es ihm nie verzeiht, dass sie sich von ihm aus ihrer eingebildeten Karriere als Schauspielerin herausblenden lassen hat.

Während die beiden für den bevorstehenden 25. Hochzeitstag das gegenseitige Angiften schon mal auf bewährt unerträgliche Betriebstemperatur hochfahren, schlängelt sich aus dem Bühnendunkel eine dritte Person heran, Kurt, der Jugendfreund, soweit Freundschaft mit menschlichen Giftschlangen möglich ist, nicht frei von eigenen Ambitionen Alice gegenüber, vom eigenen Scheitern in Nachgiebigkeit resigniert. Bald wird er das Podest erreicht haben, um die ermüdete Ehehölle nochmal in Wallungen zu katalysieren.

Auf- und Abschwellen des Giftpegels

Das junge holländische Regietalent Liliane Brakema, quasi direkt von der Schauspielakademie in Maastricht verpflichtet, nachdem sie dort mit ihrer Abschlussinszenierung von Ibsens "Wildente" begeisterte, konzentriert August Strindbergs "Totentanz" im Kleinen Haus des Theater Freiburg ganz auf Schauspieler und auf ihr Sprechen. So wenig wie Edgar und Alice in ihrer selbstgewählten Insel-Verbannung eine Ablenkung von ihrer einvernehmlichen Selbstzerfleischung zulassen, bekommt auch das Auge des Publikums keine Gelegenheit abzuschweifen. Eine schlüssige Idee. In der Alltagshölle der Verletzungsroutinen gibt es keinen Horizont mehr.

Totentanz1 560 Laura Nickel uInselreich als Grabplatte: Bühnenbild von Sammy van den Heuvel in "Totentanz" in Freiburg
© Laura Nickel

Edgar und Alice haben die Bindung zum Leben schon vor langer Zeit verloren, warten nur noch darauf, endlich als Schubkarre Dünger abtransportiert zu werden und reichern sich bis dahin mit den Miasmen von auf die Welt übertragenen Selbsthass an. In dieser Welt gibt es keine Entwicklung, nur Auf- und Abschwellen des Giftpegels. Edgar und Alice imaginieren sich als lebende Tote mit gelegentlichen Ausflügen in den Vampirismus wenn sich Frischblut oder wenigstens etwas Restblut wie das von Jugendfreund Kurt in ihren Dunstkreis begibt.

Verneinung menschlicher Entwicklung

Diese Unentrinnbarkeit verstärkt Brakema in dem sie die Figuren zusätzlich in manieristische Posen ähnlich denen aus Coppolas Bram Stoker-Verfilmung pfercht. Victor Calero versieht den stinkstiefligen Strindbergdracula mit dieser seltsamen Mischung aus Herrenwitzcharme, Aufblähungspose und weinerlichem Selbstmitleid, der seltsamerweise immer genügend Anziehungskraft ausübt, um Burschenschaften nicht aussterben zu lassen. Marike Kregel muss die Alice als dauererregten Besen geben, deren Unbefriedigtheit in eine seltsam verrenkte Körperlichkeit zwischen Mae West und Hüftleiden erstarrt ist, während die Hand wie auf der Suche nach doch mal vorhandener Mutterschaft über den Bauch kreist.

Totentanz3 560 Laura Nickel uKüsse, Bisse: Victor Calero, Martin Hohner, Marieke Kregel © Laura Nickel

Martin Hohners Kurt gerät in diesen Kreis hinein, wie ein frühpensionierter Gemeinschaftskundelehrer, der bei der Rückkehr in sein Heimatdorf feststellt, dass die Jugendliebe von damals inzwischen unter die Reichsbürger geraten ist. Und dann wird die Hölle noch einmal gemeinsam durchexerziert.
Mit der Inszenierungsidee und der schauspielerischen Leistung trifft das Stück dem tosenden Schlussapplaus nach zu urteilen, voll den Geschmack des Publikums.

Sehnsucht nach klarem Theater

Nach den Mundel-Jahren gibt es bei den Zuschauern einen Nachholbedarf an klarem Theater: ein Text, eine Regieidee, gute Schauspieler und fertig. Das wurde unter Peter Carp nun zum wiederholten Mal geliefert und freudig aufgenommen. Dem muss man Anerkennung zollen, auch wenn der Rezensent sich in diesem Strindberg-Universum, wo schon nach zehn Minuten klar ist, dass diese Ansammlung von Kotzbrocken auch in den folgenden neunzig den selben Selbst- und Fremdzerfleischungswolf drehen wird, eher unwohl fühlt. Zumal wenn diese armen, zu Herrenmenschenpose aufgeplusterten Wichte, nachdem sie mal wieder einen Gutmenschen ausgesaugt haben, durch eine Art zweisames Happy End auch noch mit der pseudo-subversiven Energie aufgeladen werden, es der verlogenen Welt doch mal wieder gezeigt zu haben. Aber man kann den Theatermenschen nicht vorwerfen, dass Strindberg das so nicht gewollt hätte.

Totentanz
von August Strindberg
Regie: Liliane Brakema, Bühne und Kostüm: Sammy van den Heuvel, Musik: Bauke Moerman, Licht: Mario Bubic, Dramaturgie: Heiko Voss.
Mit: Victor Calero, Marieke Kregel, Martin Hohner.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater.freiburg.de


Mehr über August Strindbergs "Totentanz": Daniel Foerster inszenierte das Stück im Juni 2016 in Frankfurt, Sascha Hawemann im Februar 2012 in Madgeburg, Günter Krämer verschränkte es mit Friederike Roths "Lebenstanz" in Wien im Februar 2011.

Kritikenrundschau

Ein fein austariertes, klug durchdachtes, dichtes Kammerspiel sah Bettina Schulte von der Badischen Zeitung (17.12.2017). Die Regie arbeite stark mit den Mitteln der Pantomime. Der großartige Sound von Bauke Moerman umhülle das Geschehen mit einer Klanghaut, die mal kaum wahrnehmbar sei, mal angenehm leichte Stimmung erzeuge, mal schockhaft schmerze.

 

 
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