Das Politische und das Politikum

Berlin, 28. Dezember 2017. Auf der Zielgeraden des Jahres erschien er und mit großer Wucht, der meistgelesene Text auf nachtkritik.de: ein Beitrag aus der Feder der Schriftstellerin Sibylle Berg. Da meint man: Eh klar, dass die ihre Heerscharen an Fans von überall her mitbringt. Aber der Text mit dem schilleresken Titel "Was sagt uns das, das sogenannte Politische?“ zündete wohl nicht nur wegen der generellen Größe und Credibility seiner Autorin, sondern auch, weil er viele Fragen bündelte, die das Jahr über und eigentlich schon länger die Gemüter bewegten (und weiter bewegen werden): Kann das Theater wirklich glaubhaft politische Kraft für sich reklamieren, wenn es in seiner eigenen Praxis zuhauf Geschlechterungerechtigkeit praktiziert, wenn es Schauspieler*innen im Produktionsprozess regelmäßig an die Grenzen der physischen und mentalen Belastbarkeit führt, wenn es neuen Dramatiker*innen Nebenbühnen zuweist, um die großen Säle den altvorderen Kanonikern zu überlassen?

Reform-Ideen

Diese Fragen bestimmten weite Teile der Theaterstrukturdebatten von den Reform-Vorschlägen des Organisationstheoretikers Thomas Schmidt über die Mitbestimmungs-Diskussionen beim ensemble-netzwerk bis zum neu gegründeten Verein Pro Quote Bühne mit seinem Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Berg spitzt die Debatte zu und hat Antworten parat: Schaut auf das funktionierende Jugendtheater, gönnt Euch einen Schuss mehr Popularität à la Londoner "West End". Sie sagt das an die Adresse der Intendant*innen, denen der Apell vor seiner nachtkritik.de-Veröffentlichung bei einer Bühnenvereins-Tagung in Hofgeismar vorgetragen ward.

Die Liebe zum Ranking

Die "Einschaltquote" für Sibylle Bergs Rede zum Politischen im Theater stößt zahlenmäßig in Regionen vor, die sonst nur den viel gescholtenen nachtkritik-Charts vorbehalten sind (die wie jedes Jahr außer Konkurrenz laufen). Rankings wie die Charts, Jahreshitliste der nachtkritik.de-Kritiker*innen und die Meldung zur Auswahl des Berliner Theatertreffens behaupten stabil ihren Platz in der Liste der meistgelesenen Beiträge auf nachtkritik.de.

Volksbühnen-Streit

Ein Evergreen ist seit 2015 auch der Streit um die Berliner Volksbühne, das Politikum schlechthin. Diverse Debattenbeiträge, Presseschauen, Kommentare und einzelne Nachtkritiken, deren Kommentarfelder sich zu Großkampfarenen des Berliner Theaterstreits auswuchsen, finden sich nicht nur unter den Top 10, sondern auch im erweiterten Feld der "Meistgelesenen". Der Berliner Streit dreht sich mit unverminderter Vehemenz um die neue Produktionsstruktur des von Chris Dercon übernommenen Hauses (siehe die Zusammenfassung zur Lage) und um die Rolle der Berliner Kulturpolitik (siehe den jüngsten Kommentar). Mit der Besetzung der Berliner Volksbühne im September 2017 fand die Auseinandersetzung um den Intendantenwechsel einen ungewöhnlichen Höhepunkt, nachtkritik.de begleitete den Vorgang in zwei Kommentaren (hier und hier), die die in den Top 10 vertretene Meldung flankieren.

Volksbühnen-Kunst

Die Castorf-Volksbühne mit ihrer Final-Fanal-Inszenierung "Faust" von Frank Castorf findet sich ebenso unter den "Meistgelesenen" wie die Visitenkarten-Würfe des Dercon-Teams mit Boris Charmatz auf dem alten Tempelhofer Flugfeld und Tino Sehgal / Samuel Beckett im Haupthaus am Rosa-Luxemburg-Platz.

Münchner Debatte

Nicht unähnlich der Berliner Strukturdebatte ist der Streit um den Umbau der Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal (der den Fokus vom traditionellen Schauspielertheater ein stückweit in Richtung freie, performative Kunstformen rückt). In der Münchner Nachtkritik zum "Kirschgarten" hallt der Kammerspiel-Streit des Jahres 2016 nach: Wie viel Schauspielertheater beherrscht das Haus unter Intendant Matthias Lilienthal eigentlich (noch)?

In Memoriam Patrick Schlösser

Unter den meistgelesenen Meldungen findet sich die Nachricht vom viel zu frühen Tod des Regisseurs Patrick Schlösser, ein Künstler, der deutschsprachige Theaterlandschaft breit durchmessen hat, von Bochum bis Basel, vom Hamburg bis Graz und Klagenfurt. "Ich bin ein Wandervogel, ein nomadischer Typ", sagte Schlösser einmal. Er hat seine Spuren hinterlassen.

(chr)

 

Die meistgelesenen Texte auf nachtkritik.de 2017

1 Vortrag von Sibylle Berg (12/2017)

Was sagt uns das, das sogenannte Politische?

Über das Theater und seinen Wunsch, politisch zu sein


2 Meldung aus Berlin (9/2017)

"Wir bleiben"

Aktivist*innen besetzen Volksbühne Berlin


3 Leser*innen Wahl (1/2017)

Wählen Sie die wichtigsten Inszenierungen des Jahres!

nachtkritik-Theatertreffen 2017: die Nominierungen


4 Nachtkritik aus Berlin von Georg Kasch (10/2017)

Zurück in die Zukunft

Samuel Beckett / Tino Sehgal – Mit Einaktern von Beckett in der Regie des Beckett-Getreuen Walter Asmus und älteren Performances von Tino Sehgal eröffnet die Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz


5 Meldung aus Berlin (2/2017)

Top Ten

Einladungen zum Theatertreffen 2017


6 Meldung aus Klagenfurth (2/2017)

"Ich bin ein Wandervogel"

Regisseur Patrick Schlösser verstorben


7 Meldung aus Potsdam (1/2017)

Gemeinsamer Entscheidungsprozess

Tobias Wellemeyer verlässt das Hans Otto Theater Potsdam


8 Nachtkritik aus Berlin (3/2017)

Keine Erlösung, keine Erschöpfung

Faust – Frank Castorf exorziert zum Abschied von seiner Volksbühnen-Intendanz Goethes Gelehrtendrama in einer siebenstündigen Großinszenierung


9 Nachtkritik aus München (1/2017)

... und Vorhang

Der Kirschgarten – Nicolas Stemann zwingt Tschechow an den Münchner Kammerspielen ins Korsett der Performerdebatte


10 Nachtkritik aus Berlin (9/2017)

Auf der Suche nach dem historischen Moment

Fous de danse – Boris Charmatz und Kollegen eröffnen mit einem Flughafenfest Chris Dercons Volksbühne Berlin


Hier geht es zu den Listen der meistgelesenen Texte der Jahre 2016, 2015, 2014 und 2013.

 
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