Die Wunde M

von Anne Peter

Berlin, 10. Juni 2008. Sein Schatten ist das erste, was man von ihm sieht. Ein Kind, ein Ball gegen eine Litfasssäule – und der Schatten. "Du hast aber einen schönen Ball." Noch könnte es jeder sein, der da spricht. Erst dann bekommt die Stimme einen Mund, der Schatten ein Gesicht, der Kindermörder Konturen.

Am Anfang von Fritz Langs legendärem Film "M – eine Stadt sucht einen Mörder" steht das Ungewisse. Es steht auch an seinem Ende, obwohl der Mörder dingfest gemacht und im Namen des Gesetzes über ihn gerichtet wird. Wie gerichtet wird, wissen wir nicht. Vor allem aber wissen wir um keine Lösung des Problems "M", das Peter Lorre als Mörder Beckert in jenem glühenden Plädoyer vor dem Untergrund-Tribunal händeringend auf die Verzweiflungsspitze treibt, während Gustaf Gründgens' Verbrecherchef Schränker den strafenden Lynchmord für "die Bestie" fordert und der Verteidiger für ärztliche Obhut eintritt.

Nervöses Pfeifen mit schrillem Crescendo

Dessen Ich ist gleichzeitig ein Anderer, der ihn jagt, wie ihn auch die hysterischen Horden des mitarbeitenden Publikums jagen, und eine Triebkraft, die ihn müssen macht. Dieses Andere, Unbegriffene ist es, was über das Ende hinaus als Schrecken bleibt und auch dann bleiben muss, wenn das Ich ausgelöscht sein sollte. Unabweisbar hallt sein Echo im Pfeifen Peter Kurths wider, der in der Inszenierung von Pop-Spezialist Stefan Pucher am Berliner Maxim Gorki Theater Lorres Rolle übernimmt. Jenes nervöse Pfeifen einer Grieg-Melodie, das Lorre selbst nicht beherrschte und deshalb von Regisseur Lang persönlich stammt, bläst Peter Kurth in einem grandiosen Crescendo auf immer schrillere Höhen, vor denen sein "M" die Hände an die Ohren reißt. Dann singt er mit brechender Stimme den "Blackbird" der Beatles – es wachsen ihm keine Flügel, um vor sich selbst davonzufliegen.

Als Getriebener, vom Mechanismus Bewegter, fährt ihn schon beim ersten Auftritt die Drehbühne herein, auf der menschenhohe Papierhäuser die Modellstadt-Kulisse bilden, zwischen denen Chris Kondeks Kamera schwarz-weiß schweifen kann. Doppelt getrieben vom Laufband, auf das seine Schritte montiert sind – Selbstflucht zwecklos. Seinem Original Lorre verpflichtet spielt er dort in expressionistischer Manier mit in die Luft greifenden Händen und irrem Lachen den Wahnsinnstaumel des Nicht-anders-Könnens.

Heillose Erkenntnis

Die Spiel-Zitate aus dem Film von 1931, der in den auf mehreren Leinwänden dauerlaufenden Videoprojektionen Kondeks, nachgestellt und variiert, immer präsent bleibt, markieren auch die Zeit, die seitdem vergangen ist. Am Ende wiederholt Kurth den Monolog: Nun ist seine Ansprache ans Publikum getränkt von Resignation, die ihn ruhig macht. Er weiß, wie es um ihn steht, doch die Erlösung von dem Übel ist genauso weit entfernt wie damals. Im Bewusstsein von der Zwecklosigkeit des Davonlaufens spielt er kein um Verständnis ringendes Bitten mehr, sondern stellt diese heillose Erkenntnis nüchtern aus.

In Wiederholungsschleife gellen ihm als Projektion die "Bestie"-Rufe des Filmtribunals entgegen, die auch heute immergleich durch die Boulevard-Presse schallen. Wenn man den Film heute sieht, springen einen die Parallelen geradezu an: die von Medien und Behörden geschaffene Massenparanoia, Angst, Misstrauen, Verdächtigungen allerorten. Dass am Ende nicht die unzählig ergriffenen Maßnahmen fruchten, sondern ein Blinder den Mörder an seinem Pfeifen erkennt, ist Langs deutlicher Kommentar auf die heißlaufende Hysterie-Maschine. Sein Film: nicht nur Vorschein des Nationalsozialismus, sondern ebenso Vorwegnahme von Rasterfahndung, biotechnologischen Kontrollverfahren, Terrorkrieg.

Überdeutliche Fährten ins Heute

"Scheiß auf Schengen!", verlangt Michaela Steiger als Thea von Harbou-Verschnitt mit 30er Jahre Wasserwellen und ruft nach Razzien, fordert alle "Scheiß-Gehirne" auszusortieren und in ein Lager zu stecken, will Mauern ziehen. Daniel Lommatzsch erzählt in einem unterspannt komischen Monolog, wie die "Mitarbeit des Publikums" heute aussieht: vom "Aktenzeichen XY" über Rentner, die die Langhaarigen im Park prophylaktisch anzeigen, bis zu der absurden Verfolgung eines "arabischen Mitbürgers", der verdächtigerweise einen Joghurt mit der Gabel isst, auf die Flugzeugtoilette. Dass diese Parallelen so naheliegen, nimmt ihnen allerdings auch das Irritationspotential.

Um vor den Konsequenzen der Volksverängstigung zu warnen – und von diesem Gestus ist die Inszenierung getragen –, bräuchte es diese offensichtlichen Fährten ins Heute, die Pucher durch seine Inszenierung legt, wohl gar nicht. So erscheint der Abend, bei dem Steiger, Lommatzsch und Peter Moltzen sich die Rollen der "M"-Jäger im fliegenden Wechsel teilen, vor allem als eine geradlinige Übersetzung des Films, die kaum neue Effekte produziert oder überraschende Perspektiven aufmacht. Peter Kurth hält dabei die Unbegreiflichkeits-Wunde offen. Aus dem Schatten hingegen sind eindeutige Bilder geworden.

M – Eine Stadt sucht einen Mörder
Frei nach Fritz Lang/Thea von Harbou, bearbeitet von Stefan Pucher, Mitarbeit: Jens Roselt
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Video: Chris Kondek, Musik: Marcel Blatti. Mit: Michaela Steiger, Peter Kurth, Daniel Lommatzsch, Peter Moltzen.

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Rundschau (13.6.) berichtet Nikolaus Merck vom "Elend und Glanz des gegenwärtigen deutschen Theaters", das sich in Puchers Inszenierung "wie in einem Blitzlicht" zeige. Zum Glanz gehört für ihn der "souveräne" Peter Kurth als Kindermörder und wie es Pucher gelinge, "Chris Kondeks kunstvolle Videos aus dem heutigen Berlin mit Standbildern und Filmsequenzen von Fritz Lang und dem Spiel der Schauspieler zu einem mehrstimmigen Bildgesang zu verbinden". Zum Elend, dass "Pucher von der Tradition törichter Besserwisserei im deutschen Theater nicht lassen will", indem er Peter Moltzen und Daniel Lommatzsch von der Rampe aus "holzhammerhaft" vor dem Überwachungsstaat warnen lasse. "Merkwürdig, dass Stefan Pucher, dem in München, Zürich und Hamburg durchkomponierte Abende gelangen, in Berlin immer wieder Halbzeug abliefert."

Matthias Heine
hat in der Tageszeitung Die Welt (12.6.) in Stefan Puchers Theater-Version des Fritz Lang-Films "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" eher "einen dramatischer Essay über diese Geschichte eines kindlichen Kindermörders (...) als eine bloße Nacherzählung" gesehen. Dabei gehe es "um Paranoia als Vorstufe des Faschismus und darum, inwieweit die Jagd auf Volksfeinde auch heute wieder eine Nation im Hass zusammenschweißen könnte". Der Welt-Kritiker ist froh, dass Pucher darauf verzichtet hat, dem "Kindermörder jetzt einen Islamistenbart umzubinden". Während die bisweilen zwar "ziemlich komischen", aber "länglichen Comedy-Monologe" eher bremsten, sei die Aufführung dann stark, "wenn sie sich mit einem Gemisch aus filmischen und theatralen Mitteln noch einmal den Bildern und Tönen (...) des Originals" nähere. Peter Kurth gebe den gehetzten Mörder "beeindruckend zerrissen, wie es sich gehört". Doch "so richtig mörderisch tolles Theater" sei "M" trotz aller "Momente, in denen sich Gegenwart und Vergangenheit in schöner Synthese vereinen", nicht geworden.

Andreas Schäfer hat im Tagesspiegel (12.6.) vor allem viele Fragen an die Inszenierung: Warum spielten Daniel Lommatzsch und Peter Moltzen einzelne Szenen "übertrieben" nach? "Um sich erst mal über die Dreißiger-Jahre-Rhetorik des Films lustig zu machen?". Warum räkele sich Michaela Steiger, "herausgeputzt wie eine Diva aus der Nazizeit", "mit sadistischer Kontrolllust" auf dem Sofa? "Um auf die Instrumentalisierung des Films durch die Nationalsozialisten hinzuweisen oder irgendeine Aktualität zu behaupten, von wegen mehr Sicherheit?". Warum erzähle Lommatzsch die Geschichte über den verdächtigen "arabisch anmutenden Mann"? "Um den Paranoia-Bogen bis in die Gegenwart zu spannen?". Ansonsten merke man diesem "statischen, hilflos mit medialen Effekten und den naheliegendsten Zeitbezügen herumfuchtelnden Abend", der ursprünglich nicht im Theater, sondern "draußen im echten Leben" Berlin stattfinden sollte, "in jeder seiner fünfundsiebzig sterilen und langen Minuten an, dass er sich am liebsten selbst abgesagt hätte".

Pucher versuche "gar nicht erst, Langs Filmklassiker szenisch auszubuchstabieren", meint Andreas Kilb in der FAZ (12.6.), sondern hole "lieber gleich die Digitalkamera raus" und mache sich "sein eigenes Bild von der Stadt, die bei ihm zugleich Videokulisse und Bühnenmodell ist". Indem er die Kamera auf das Publikum richten lässt, signalisiere Pucher, dass die "Gangster im Parkett“ sitzen. Diese "Abkürzung hat ihn von Lang zum guten alten Brechtschen Moraltheater eines Palitzsch geführt: auch ein Bildungsweg". Peter Kurth mache sich in der "schwersten Rolle" vor dem "unsterblichen Peter Lorre" nicht klein, sondern groß, schlüpfe "nicht in den Film", sondern finde die Figur. Indem er somit "nicht um den Preis des besten Lorre-Nachahmers" spielt, durchkreuze er Puchers Vorhaben und bringe es "gleichzeitig ans Ziel". Hier zeige das Theater, "was das Kino nicht zeigen kann". Fazit: Puchers "M" sei "nicht mehr als ein theatralischer Happen, aber ein erstaunlich bissfester, mit einem Nachgeschmack von Virtuosität".

Auch Dirk Pilz von der Berliner Zeitung (12.6.) findet, dass Kurth dem Vorbild Lorres in nichts nachstehe, sondern "dem Trieb-Spiel sogar noch etwas" hinzufüge: Bei der "schroffen Wiederholung der zentralen Selbstaussage" sei der Mörder in "historischer Distanz zum Film" ein "kalt kalkulierender Analyst des eigenen Schreckens". Indem man häufig gleichzeitig Bühnenspiel und Chris Kondeks "schön vielschichtigen Videos" sehe, entstehe außerdem "ein raffiniertes Spiel mit dem Zweifelhaften unserer (Selbst)Wahrnehmungsmechanismen" – ob man "Film- oder Live-Spiel-Bildern trauen darf", solle, einer "Psychologie des Misstrauens" folgend, "betont offen bleiben". Wie bei Lang habe die "Warn-Absicht" auch bei Pucher, der zeige, "dass wir als Kinder von Nine-Eleven der Hysterie inzwischen längst erlegen sind", "oberste Regiepriorität". "Den Terroristen erkennt man an der Abweichung von der Norm" und "weil nicht mehr gesichert ist, wo die Regel aufhört und das Anarchische anfängt, wird alles und jeder verdächtig" – über diese "Ausgangsthese" käme Pucher letztlich jedoch nicht hinaus.

Jede Adaption, so Peter Hans Göpfert im rbb-Kulturradio (11.6.) müsse sich fragen lassen, "was sie über die Vorlage hinaus" leiste. Puchers Version sei gemessen am Film "nur klein, unbedeutend" und scheitere am eigenen "Anspruch, dem Film eine eigene kritische Qualität entgegenzusetzen oder hinzuzufügen". Der Regisseur arbeite "mit quälend langen, quälend komischen Stammel-Solonummern, wo in der Manier Bunter Abende über die Beargwöhnung (...) von Mitbürgern und vermeintlichen Terroristen gealbert wird". Die "Darstellung der Massenhysterie", bei Lang "so phänomenal gelungen", erscheine hier "bestenfalls minimalisiert". "Am stärksten" sei noch die Figur des Kindermörders getroffen, und Kondek erweise sich mit den "rotierenden Projektionen von Häuserskeletten" "einmal mehr als ein großartiger Videokünstler". Die Inszenierung beziehe jedoch "weder ernsthaft zu Fragen der staatlichen Überwachung des Bürgers noch zum Umgang mit Triebtätern Stellung" und wirke "bei teils perfekter Bühnenästhetik" "inhaltlich wie mit der linken Hand und halbem Verstand organisiert".

 
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