Menschen im Sarg

von Michael Laages

Braunschweig, 11. Juni 2008. Auch in Argentinien, und in spanischer Übersetzung, dürfte Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Roman "Der Idiot" das Format eines Wälzers erreichen. Doch Alejandro Tantanian, Autor und Regisseur jener Dostojewski-Aneignung, die jetzt erstmals in Europa beim Braunschweiger Festival "Theaterformen" gezeigt wird, kommt mit gut einer Stunde Spielzeit aus und stellt damit mehr als jede irgendwie um Vollständigkeit bemühte Dramatisierung den fragmentarischen Charakter aus, dem im Umgang mit literarischen Welt- und Lebens- und Geistespanoramen dieses Kalibers vermutlich niemand wirklich entgehen kann.

 

Entscheidend für die Wirkung dieser Form von bruchstückhafter Annäherung bleibt die Stringenz und Klarheit in der Beschwörung von Motiven – und in dieser Hinsicht kreiert der Argentinier Tantanian, der (so weiß es das Programm der "Theaterformen") auch noch Schauspieler, Maler und Musiker ist, eine Begegnung voller Überraschungen.

Holbeins toter Christus im Grabe

Drei Menschen nur – und ein Sarg: In einem quer in den Raum gelegten Kasten agiert das Trio. Dieser Kasten ist zwar offen, gewährt aber keinen Einblick. Über seinen Rand kann keiner schauen, von den Akteuren bleibt ein Brust-, bestenfalls Bauch-Bild. Die vordere Kastenwand nimmt in etwa die Maße von Hans Holbeins berühmtem Gemälde des wundenübersäten Christus nach der Abnahme vom Kreuz auf und vergrößert sie auf Bühnenbreite und Augenhöhe des sitzenden Zuschauers, während das Gemälde selbst mittig und klein am Boden auf dieser Außenwand fixiert ist. Irgendwann werden wir es auch mit den deutschen Übertiteln über die gesamte Szene projiziert bekommen – bekanntlich spielt dieses Gemälde für die Entstehung des Romans eine wichtige Rolle. Nicht nur im ort- und ruhelosen Fürsten Myschkin, eines Epileptikers, der sich durch sein Leiden zu einer Art Universalerlöser transzendiert. In Holbeins geschundenem Christus beschrieb Dostojewski auch die Vorstellung vom eigenen Selbst.

Bei Tantanian dringt ein fast noch halbwüchsiger Myschkin ein in die dramatische Beziehung zwischen der flatterhaften Nastassja und dem brutal begehrenden Rogoschin. Auf diese drei nur, auf "Los Mansos – Die Sanftmütigen" fokussiert Tantanian den Kern des Romans, ihre mehr oder minder ausgelebte "ménage à trois" endet (gar nicht sanft) mit Rogoschins Messer-Mord: wenn er die unerreichte Geliebte schließlich lieber umbringt, als sie für den Leidensapostel Myschkin aufzugeben. Die Tote nur ist er bereit, mit ihm zu teilen.

Düsteres Passionsspiel

Kaum mehr als diese Kern-Motive übernimmt Tantanian; und ergänzt sie obendrein noch um Momente, in denen das Personal sich privat erinnert: an Oma und Opa, an die Leute von damals im Dorf, an krause Abenteuer aus fernen Kinderzeiten. Bedingt nur mischt sich dieses Material mit den Dostojewski-Motiven. Tantanian geht längst nicht so weit wie sein argentinischer Landsmann Daniel Veronese, der bei den "Theaterformen" des vorigen Jahres in Hannover eine "Aneignung" von Tschechows "Onkel Wanja" vorstellte, die das Stück an den Küchentisch eines Kleine-Leute-Haushalts in einer Vorstadt von Buenos Aires verlegte. Tantanian beschwört eher die vage Möglichkeit der Myschkin- und Dostojewski-Existenz im Alltag der Zeiten.

So wird ein eher düstres Passionsspiel draus; wie eingeschlossen im liegenden Fast-schon-Sarg erkämpfen sich Maria Inés Sancerni, Nahuel Pérez Biscayart und Luciano Suardi Haltungen zwischen Attraktion und Abstoßung, Gier und Grauen, Verzückung und Verzweiflung. Das wirkt zuweilen durchaus wie choreographiert, aber auch nur ein bisschen – wie Tantanians Arbeit überhaupt und generell trotz aller sorgsam ausgelegten Spuren starke Züge des Sich-Verweigerns trägt.

Theatralische Verweigerung

Das macht den Autor und Regisseur womöglich interessant für europäische Festivalmacher, die sich ja immer noch stark hingezogen fühlen zu künstlerischen Selbstbekundungen weltweit, die für möglichst wenig Theater im Theater stehen. Dass sich da aber bitte keiner täuscht – die Sparsamkeit bis hin zur theatralen Verweigerung, hat etwa in Südamerika oft auch schlichtere, sprich: finanzielle Gründe; gerade, dass sich aber das tendenziell arme Theater dort mit Dostojewski misst, macht einen Teil des Abenteuers aus.

Ein Bild voll Poesie und Zuversicht hält Tantanian für das Finale bereit – hinter dem Sarg-Kasten richtet Myschkin per Seilwinde ein kleines Bäumchen auf, in dessen Geäst prompt ein nicht näher identifizierbares Kleinst-Tier nistet. Es passt in Myschkins Hand. Da ist das biblische (Apfel-)Bäumchen gepflanzt, und es regt sich was darin. Leben ist möglich. Das war kaum noch zu erwarten.


Los Mansos – Die Sanftmütigen
von Alejandro Tantanian
nach Motiven des Romans "Der Idiot" von Fjodor Dostojewski Inszenierung/Musikauswahl: Alejandro Tantanian, Ausstattung: Oria Puppo, Lichtdesign: Jorge Pastorino.
Mit María Inés Sancerni, Nahuel Pérez Biscayart und Luciano Suardi.

www.theaterformen.de
www.losmansos.blogspot.com

 

Kritikenrundschau 

In Alejandro Tantanians Dostojewski-Bearbietung "Los Mansos", die bei den Braunschweiger Theaterformen zu sehen war, ergäben sich "zuweilen schöne Bilder eines Tanzes am Grabesrand", meint Andreas Berger in der Braunschweiger Zeitung (13.6.2008). "Doch mehrheitlich fehle es diesem Abend entschieden an Situationen, die den existentiellen Konflikt des gottsüchtigen Idioten ausdrückten." Der – nämlich Nahuel Pérez Biscayart als Myschkin – wirke immerhin "zart und verstört und glutvoll" und schaue "mit großen Augen in die Welt der sich bekämpfenden Leidenschaften". Doch die "Installation" wirke "primitiv", schaffe "nicht die Entführung aus unwirtlicher Hallen-Realität in die Symbollandschaft. Auch das Playback zu Porters Kiss-me-Kate-Duett kommt an die Tiefe der Dostojewskischen Leidenschaften nicht heran. Insgesamt bietet die Produktion wenig Bannendes, Überraschendes, Spektakuläres, wie man es bei einem Festival erwartet."

 
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