Heimat ist immer woanders

von Veronika Krenn

Wien, 5. Januar 2018. Mit "Habe die Ehre", einer erfrischend unkorrekten Komödie über Ehrenmorde, erregte der syrisch-kurdische Arzt und Autor Ibrahim Amir in Wien erstmals Aufsehen. Für einen kleinen Skandal sorgte später, dass die Uraufführung seiner dystopische Komödie "Homohalal" am Wiener Volkstheater kurzfristig abgesagt wurde. Zum Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise sei eine Dystopie kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung mit dem Thema, ließ das Theater in einer Presseaussendung wissen. "Heimwärts" (hier die Nachtkritik von der Kölner Uraufführung) ist neben einem Auftragswerk das erste der beiden Stücke Amirs, die das Volkstheater stattdessen zeigt. Politisch nur halb so brisant charakterisiert es Heimat in einem bunten Roadmovie voller prekärer Identitäten als Phantasma, das sich verflüchtigt, sobald man sich ihm nähert.

Heimat ist für den seit 45 Jahren in Österreich lebenden Syrer Hussein ein Sehnsuchtsort "zwischen hässlicher Dürre und prächtiger Wüste", an dem er niemals ankommt. Günter Franzmeier als Hussein weilt im Geiste – in einen farbenprächtig orientalisch schimmernden Seidenschlafrock gehüllt – immer noch an den verklärten Orten, von denen er vor Jahrzehnten fliehen musste. Mit seinem Neffen Khaled (Kaspar Locher) spielt er Schach. Ein Spiel, bei dem er seinen Bauern Namen gibt, als Ausgleich dafür, dass das Schicksal von Rekruten in den 1960er-Jahren auf den Golanhöhen namenlos war. Aus dem Radio lässt Regisseurin Pınar Karabulut eine Passage der Rede des deutschen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert erklingen, anlässlich des Jahrestages des Völkermordes an den Armeniern vor 100 Jahren. Das Deutsche Reich sei mitverantwortlich gewesen, bekennt dieser. Als Reminiszenz an Österreichs Heimat erschallt "Edelweiss, Edelweiss, bless my homeland forever", die "Sound of Music"- Hymne und Ernst Jandls Lautgedicht "schtzngrmm". Dieses besteht nur aus dem Wort "Schützengraben" und schmettert dieses wie Maschinengewehrsalven.

Gegen den Strom auf der Balkanroute

Hussein ist todkrank und möchte mit seinem Neffen Khaled, dem er in Wien ein Medizinstudium ermöglichte, ein letztes Mal in seine ehemalige Heimat – also die Balkanroute rückwärts – reisen. Hussein, gewitzter Greis – obwohl er während der Reise verstirbt –, ist die tragende Figur von Amirs "Heimwärts". Sein aufmüpfiger Geist wandelt auch nach seinem Tod noch munter weiter und macht die anderen Figuren zu Statisten seiner Jugenderinnerungen. Der Autor erzählt in dem Stück eine wahre Geschichte aus seinem familiären Umfeld, lässt diese aber fiktiv in die Zeit des gescheiterten Putschversuches in der Türkei münden. Über Khaled schwebt – als syrischem Kurden – der pauschale Terrorverdacht.

Heimwaerts1 560 Alexi Pelekanos uReisen bildet: Günther Wiederschwinger, Kaspar Locher, Sebastian Pass, Isabella Knöll, Günter Franzmeier, Oktay Güneş © Alexi Pelekanos 

Mit von der Partie sind auch die kämpferisch schrille Transsexuelle Simone (Isabella Knöll), eine Krankenschwester in grellem kurzen Rüschenoutfit und mit einer Geschlechteridentitätsproblematik im Rucksack. Ebenso ihr Partner, der türkisch-österreichische Arzt Osman (Günther Wiederschwinger), der mit der Aufgabe seiner türkischen Staatsbürgerschaft seine angestammten Rechte in seiner alten Heimat verwirkt hat und zum Verräter erklärt wird. Zwei schräg-martialische türkische Beamte (oft in türkischer Sprache!) lassen den Grenzaufenthalt für die Reisenden mit einem Verstorbenen im Gepäck zur Tour de Force werden. Sebastian Pass gibt den Sohn eines deutschen Gastarbeiters als zurückgekehrten, nunmehr glühenden Nationalisten Bekir. Oktay Günes hingegen mimt einen Beamten, der Österreich mit Kängurus in Verbindung bringt, als einzigen Österreicher Hitler erinnert und sich später als Putschist entpuppt.

"Schnitzel statt Kebab"

Die gesamte Reise spielt auf der kleinen Volxbühne des Volkstheaters vor dem Hintergrund eines roten, samtig überzogenen Massivs (Kostüme und Bühne: Aleksandra Pavlovic). Dahinter springen die türkischen Grenzbeamten hervor, als die illustre Gruppe die Grenze von Bulgarien übertritt. Die Reisenden hingegen pressen sich in schmale Vorsprünge, wenn die Beamten ihre Willkür walten lassen. Hinter bezogenen Leinwänden im Hintergrund tobt das türkische Volk mit patriotischen Parolen. Der Verstorbene – dessen Antlitz vermeintlich "IHM" gleicht, dem im Stück ungenannt bleibenden türkischen Präsidenten – wird auf das Massiv gezerrt, um als Double eine Rede zu halten. "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind", erklingt ein Originalzitat montiert mit FPÖ-Slogans wie "Daham statt Islam" und "Schnitzel statt Kebab". Schlussendlich sind der Verstorbene und sein Neffe geläutert, ihre Sehnsucht beschränkt sich bloß noch auf Sachertorte mit Melange.

Heimwaerts2 560 Alexi Pelekanos uIm Grenzgebiet: Günter Franzmeier, Oktay Güneş © Alexi Pelekanos

Ibrahim Amirs Stück "Heimwärts" will viel – vielleicht allzu viel. Die junge Regisseurin Pınar Karabulut bringt diese Fülle zwar weitgehend kurzweilig, aber nicht restlos überzeugend in einen Guss. Die Regie-Idee, passagenweise in türkischer Sprache zu spielen und in Wiederholungen erst in deutscher Sprache, erzeugt punktuelles Stocken. Manche der zahlreichen individuellen Exkurse erscheinen verwirrend, drosseln den Fluss der Erzählung und nicht alle Figuren überzeugen in ihrer konstruierten Schrillheit. Ohne erdenden Boden und Seele bleiben diese bloß Statthalter von Motiven, deren Witz als Klamauk verpufft.

 

Heimwärts
von Ibrahim Amir
Österreichische Erstaufführung
Regie: Pınar Karabulut, Bühne und Kostüme: Aleksandra Pavlovic, Dramaturgie: Michael Isenberg, Regieassistenz: Barbara Wolfram, Hospitanz Franziska Köberl, Alaa Gamian.
Mit: Günter Franzmeier (Hussein), Oktay Günes (Beamter), Isabella Knöll (Simone), Kaspar Locher (Khaled), Sebastian Pass (Bekir), Günther Wiederschwinger (Osman).
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.volkstheater.at



Kritikenrundschau

Die Kriegserzählungen von Hussein sind für Stefan Weiss vom Standard (online 7.1.2018) die "starken poetischen Stellen" des Abends; sie seien durch die Rolle des Neffen "zwar noch humoristisch gebrochen“, aber "nie herabgewürdigt". Im Ganzen aber "verharrt das Stück" für den Kritiker "in der bloßen Beschreibung von allseits bekannten Missständen wie Homophobie oder radikaler Islamanschauung. Der Versuch, so viele Problemlagen wie möglich in ein Stück zu pressen, geht zu lasten fokussierter Aussagen, die mehr Wirkung entfalten könnten. Ein originell neuer Gedanke abseits der Erkenntnis liberal Gesinnter, wonach mit übertriebenem Nationalismus egal welcher ethnischen Zuschreibung kein guter Staat zu machen ist, tut sich nicht auf."

Amirs neues Stück ist für Barbara Petsch von der Presse (online 7.1.2018) "eine Farce, die das Leben schreibt. Wer seine Heimat verlässt oder verlassen muss, sieht scharf und grotesk, was woanders nicht stimmt." Regisseurin Pinar Karabulut zeige das "ständige Schweben über dem Abgrund" mit ihren Spielern auf "äußerst lebendige Weise". Fazit: "Dieser Abend vermittelt, wie Bühnenkunst mit Inklusion aussehen könnte: als Abbild der Welt, gezeichnet in krassen Farben, aber auch mit Humor."

 
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