Gefangen im Eismeer der verdrängten Ängste

von Reingart Sauppe

Saarbrücken, 12. Januar 2018. Wie in einer mächtigen zerklüfteten Gebirgslandschaft türmen sich Kulissenwände steil nach oben, formen Tunnel, Plateaus und kleine Höhlen. Doch Schutz ist nirgends: Die ineinander verschobenen Wände sind knallweiß und lassen an geborstene Eisschollen denken. Kleine rotblinkende Lichter deuten auf Alarmanlagen hin und grelle Neonröhren tauchen die Szenerie in kaltes Licht. In dieser sterilen Wohnlandschaft hat sich die Mittelschicht verbunkert und träumt von einem aseptischen Leben und von totaler Kontrolle über die eigenen Ängste. Wäre da nicht auch die Sehnsucht nach Wärme und Natur, nach perfekter Familie und gesundem Essen. Auf Knopfdruck wechselt die Stimmung: Die weiße Wohnhölle wird in eine sattgrüne Dschungellandschaft in Nahaufnahme getaucht.

In diesem grünen Fototapetenbiotop stehen drei (Haus-)Frauen wie antike Göttinnen mit Apfel und Schälmesser in der erhobenen Hand da und singen ein Loblied auf den Smoothie, den Lisa Schwindling mit routiniertem Handgriff im elektrischen Standmixer zubereitet. Der Smoothie ist hier rot und nicht grün und auch das ist kein Zufall, denn in den blutigen Gedärmen dieser perfektionsgetriebenen SUV-Gattin rumort es schmerzvoll. Weder esoterische Praktiken noch die zur Religion erhobene Vitaminkost können daran offenbar etwas ändern. Wie ein Engel erscheint da eine weiße Figur mit Fechtmaske, die der Gepeinigten stumm eine zweite Maske reicht. Als ob allein das kopflose Verschwinden Erlösung verspricht.

Nur Neurosen? Der Terror folgt

Regisseurin Bettina Bruinier illustriert mit bewußt gewählten, ruhigen und klug gesetzten Bildern die Neurosen einer angstgepeinigten Gesellschaft. Sieben der insgesamt 17 Kurzdramen, die der britische Dramatiker Mark Ravenhill als Zyklus unter dem Titel "Shoot/Get Treasure/Repeat" veröffentlichte, verwebt sie zu einem psychologischen Kammerspiel, das sich im Laufe des Abends immer mehr zu einer alptraumhaften und beklemmenden Apokalypse steigert. Dabei ist es stets ein schmaler Grat zwischen Normalität und Horror, auf dem die Menschen in dieser bewachten Wohnanlage balancieren.

WirsinddieGuten3 560 Martin Kaufhold uAngstbürger: Raimund Widra, Verena Bukal, Michael Wischniowski, Anne Rieckhof © Martin Kaufhold

Sind es am Anfang noch alltägliche Neurosen wie Schlafstörungen, Paarprobleme und Nahrungsunverträglichkeiten, die diese Angstbürger quälen, so werden sie schon bald mit dem schlimmstmöglichen Terror konfrontiert, dem sie mit noch mehr Kontrollzwang begegnen: Der Sohn, der gleichzeitig der Vater ist (Raimund Widra), träumt nachts vom blutüberströmten Soldaten (Michael Wischniowski), der ihm den gesunden Kopf rauben will, während die Mutter (Anne Rieckhof) eigene Gewaltphantasien bekämpft. Die Soldatenmutter (Martina Struppek) wehrt sich mit rabiaten Mitteln gegen die die Nachricht vom gefallenen Sohn und betäubt diese dann mit TV-Shows, die hypernervöse Stewardess (Verena Bukal) zeigt plötzlich Zivilcourage, beschützt aber unfreiwillig eine potentielle Attentäterin.

Perfektion ist eine Klassenfrage

Schmal ist der Grat, dass solche Szenen nicht in billige TV-Klischees mit moralischer Wertung abdriften. Oder die Angstbesetzten lediglich als neurotische Wohlstandsbürger denunziert werden. Natürlich ist auch in Ravenhills Text die Ironie deutlich zu spüren, mit der er den Sicherheits- und Kontrollwahn einer Gesellschaft, die ihren Status Quo zu verteidigen sucht, anprangert. Der Inszenierung von Bettina Bruinier aber gelingt es, der inneren Logik ihrer Figuren nachzuspüren. Mehr tragisch als komisch wirken diese "Gutmenschen", die sich für die "Guten" halten in ihrem Bemühen, die eigenen Dämonen in Schach zu halten – nichtsahnend, dass sie damit andere wecken.

WirsinddieGuten 560 Martin Kaufhold uDämonische Gutmenschen: Verena Bukal, Martina Struppek, Anne Rieckhof © Martin Kaufhold

Die dramaturgische Auswahl dieser sieben Szenen aus Ravenhills Zyklus "Wir sind die Guten" verschweigt trotzdem nicht, wie sehr das Private auch politisch ist: In der neurotisch-angstbesetzten Abgrenzung einer sich nach Perfektion sehnenden Mittelschicht werden die Klassenunterschiede mehr als deutlich: Den Dreckjob, eben die Verteidigung der westlichen Wohlstandsgesellschaft auf Kosten anderer, übernehmen die weniger Privilegierten: die sich statt an den Smoothiemixer an die Fernbedienung ihres Fernsehers klammern.

Am Ende streitet ein in die Jahre gekommenes Ehepaar um die gemeinsame Zukunft: Er will die von Terroristen bedrohte Großstadt verlassen und mit ihr ins sichere Ausland ziehen, sie würde am liebsten eine Bombe werfen, weil ein unheilbarer Krebs gerade ihren Körper zerstört. Eine gemeinsame Lösung gibt es nicht, nur ein gemeinsames Weitermachen. Beide handeln in der besten Absicht, den Partner zu schützen. Doch der einzige gemeinsame Nenner ist die frisch erworbene Gartenbank. Es ist der traurigste Moment an diesem berührenden Abend.

 

Wir sind die Guten Shoot/Get Treasure/Repeat
von Mark Ravenhill
Regie: Bettina Bruinier, Bühnenbild: Volker Thiele, Kostüme und Video: Ayşe Özel, Licht: Hans-Jörg Zöhler, Dramaturgie: Simone Kranz
Mit: Marcel Bausch, Verena Bukal, Anne Rieckhof, Lisa Schwindling, Martina Struppek, Raimund Widra, Michael Wischniowski.
Dauer: eine Stunde, 50 Minuten

www.staatstheater.saarland

 

Kritikenrundschau

"Zweifelhaft" findet Cathrin Elss-Seringhaus von der Saarbrücker Zeitung (15.1.2018) diesen Abend, "denn er tunkt Ravenhills grell ausgemalten Kosmos in eine bedeutungsschwangere Albtraum-Atmosphäre." Doch nichts bewege sich, so die Kritikerin, "nicht das Gefühl, nicht der Intellekt". Das liegt aus ihrer Sicht "auch an der schlappen darstellerischen Kraft. Das gesamte siebenköpfige Ensemble planscht hilflos in seinen Mehrfach-Rollen, denn Bruinier hat den Schauspielern die Comicnummer untersagt, und der Text selbst gibt nun mal keine psychologisch prallen Charaktere her. Das Ergebnis: Aufsage-Pappkameraden, fad oder überfordert wie Martina Struppek, die als ordinäre Unterschichts-Tussi und Mutter eines Gefallenen im wahrsten Sinne des Wortes die herumhopsende Äffin geben muss. Doch es unmenschelt nirgends, es spukt nur ein bisschen in der Alten Feuerwache. Schärfe und Sog, Fehlanzeige."

Es werde "ein vielschichtiges Bild einer Gesellschaft gezeichnet, die – traumatisiert – ihre eigenen dunklen Seiten zeigt", so Jonathan Janoschka im Saartext (16.1.2018). "Kein leichtes Theatervergnügen, aber absolut sehenswert!"

 

 
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