Krimskrams

von Michael Laages

Kassel, 13. Januar 2018. Gerade ist alles schief gegangen. Und die, die alles hatten gerade biegen wollen, sitzen einander noch einmal gegenüber, wie beim Streitgespräch im Fernsehen. Auf dem Bildschirm über der Bühne reden sie: "Aber du wolltest doch…" fängt der eine an, der Macher; "Aber Du hast doch…" antwortet der andere, der Denker. Ratlos und am Ende sind beide; und als nichts mehr zu sagen ist über die gescheiterte Vision von der besseren Welt, die der Visionär dem Herrscher in den Kopf gesetzt hatte zu Beginn des Theaterabends, löst der Geist sich in ein Logik-Wölkchen auf – weg ist er, und an den Sitzplatzreihen im Theater entlang wandernd liefert er nur noch ein wenig Statistik nach über den kleinen und unbedeutenden blauen Stern, dessen Bevölkerung kurz vor der Zerstörung nichts Besseres zu tun wusste als genau daran intensiv zu arbeiten: am Ende. Am Untergang.

Mit diesem letzten Palaver der längst schon Sprachlosen, reduziert auf die freundliche Nichtigkeit einer Talkshow, endet Marco Štormans Versuch, all die Historien-Malereien, wie sie Tankred Dorst Ende der 70er Jahre miteinander verband und verstrickte in der Fabel über "Merlin oder Das wüste Land", mit vier Jahrzehnten Abstand möglichst ganz anders zu erzählen. Genau das aber, und eigentlich nur das: dieses "ganz anders", bleibt in Erinnerung von diesem zutiefst unbefriedigenden und unerfreulichen Theaterabend am Staatstheater in Kassel.

Vom Rätsel zur Wirrnis

Die Inszenierung schmeckt fatal nach dem fürchterlichen Bemühen, bloß keinen Stein auf dem anderen zu lassen, bloß nichts so erzählen, dass Dorsts Weltendrama einfach bloß verständlich und zugänglich werden könnte; und weil ja der Text selber sich, dem jeweiligen Inszenierungsteam und dem Ensemble sowie letztlich uns, dem Publikum, ohnehin schon ein Menge Wirrnis zumutet, verwandelt sich das Stück in Herrn Štormans hochmoderner Verrätselungsmaschine in Krimskrams pur, einen Kramladen aufgedonnerter Effekte fast ohne Sinn und Verstand.

merlin3 560 N Klinger uKönigreich Bühne: Hagen Bähr (Chronist), Michaela Klamminger (Chronist), Marius Bistritzky (Parzival), Jürgen Wink (König Artus), Caroline Dietrich (Merlin) © N. Klinger

Aber der Reihe nach … Das Spiel beginnt im Foyer des Kasseler Schauspielhauses. Die berühmte Schwertprobe wird dort vollzogen – wer das sagenhafte Kampf-Eisen namens Excalibur aus dem Stein ziehen kann, wird König sein und die Welt retten; sagt jedenfalls der Zauberer Merlin, des Teufels Sohn, der mit diesem Trick den Verwirklicher der eigenen Visionen etablieren will. Rolf, Klaus und Herrmann aus dem Premierenpublikum schaffen es natürlich nicht; erst ein gewisser Artus passt in Merlins Vorstellung vom Weltenretter. Dabei sträubt der sich beharrlich, ist im Grunde sicher, dass er, der kleine Mensch, all das sicher nicht schaffen wird. Aber er muss – Merlin will es so.

Er soll den "runden Tisch" bauen lassen, wo sich die ehedem verfeindeten Mächtigen und Schlachtenlenker von gleich zu gleich, alle im gleichen Abstand voneinander und also "demokratisch" über die Zukunft der Welt beugen sollen. Um diesen Tisch im Einsatz zu sehen, müssen wir dann alle ganz schnell in den Theatersaal strömen; und die bedauerlichen Einlassdamen kommen kaum nach mit Türenöffnen und Kartenabreißen …

Nachts im Museum

Drinnen ist dann sofort klar, dass das Unternehmen nicht gutgehen kann. Demian Wohler hat eine Art Museumsdepot aus lauter Regalen und Gerüsten gebaut, wo immerzu alles mit allem allen den Blick verstellt. Darum müssen natürlich Kameras her … und weithin durchmikrophoniert, muss sich das Ensemble natürlich auch mühen, mit der Stimme die mal grummelnden, mal lärmenden Live-Collagen des Musikers Moritz Löwe zu übertönen. Herr Löwe ist auch der Tischler am Artus-Hof und soll den runden Tisch bauen, weigert sich aber … er kann nur Wagenräder. Und während Herr Artus nun eine Konstruktion aus Plexiglas zu errichten versucht (vergeblich), kreischt über die Bildschirme minutenlanges, brachial lautes Gewimmel und Getümmel aus all den Schlachten, die vor der Zeit des demokratisch-runden Tisches die Menschheit reduzierten. Von diesem Angriff auf alle Sinne erholt sich die Inszenierung nicht mehr.

merlin2 560 N Klinger uDas Stück in der Mangel. Marius Bistritzky (Sir Mordred), Jürgen Wink (König Artus) © N. Klinger

Zumal sich auch niemand darum zu bemühen scheint, eine Art roten Faden kenntlich bleiben zu lassen – extrem unordentlich (und auch noch in der anhaltenden Dauer-Hysterisierung, die die mieseren Blaupausen neueren Regietheaters oft so schwer erträglich macht) schlingert die Fabel von Figur zu Figur; vom etwas tumben Visionsverwirklicher Artus über dessen seitenspringerische Königin Ginevra, die gleich dem tollen Ritter Lancelot erliegt, hin zum reinen Toren Parzival aus den Wäldern, doppelt (und also verwirrend) besetzt mit dem finstren Teufelsbalg Mordred, der des Königs unehelicher Sohn ist; warum, kriegt niemand mit. Das steht im Programmheft, muss also reichen – wie die pausenlose Aufführung zunehmend ähnlich pausenloser Erklärungen bedürfte. Ach ja – Merlin selber darf hier eine dekorativ blauhaarige Frau sein. Tja.

Überfordern und blödeln

Vier sogenannte "Chronisten" übrigens, ausgestattet wie Laborassistenten aus dem Museumsdepot, sind für "Continuity" zuständig – vom beleuchteten Klemmbrett steuern sie Regie-Anweisungen bei; gegen Ende, wenn’s immer unübersichtlicher zugeht, stößt auch die Souffleuse hinzu. Da aber auch diese Service-Truppe immer nur ironisch rumblödelt, bleibt der Effekt nahe Null. Eher konzentriert sich die Regie auf Überforderungsnummern wie für Mordred, der mit dem Schwert auf einen gefüllten Sack eindrischt, bis er nicht mehr "papp" sagen kann; oder auf gequirlten Quark wie Merlins Auftritt als weiser Mahner in einer Baumkrone – Mordred drischt die um, und Merlin singt prompt Alexandra: "Mein Freund der Baum / ist tot …"
Meine Güte.

Frank Castorf hat sich ja neulich im Interview-Gegrummel mit der Zeitschrift "Cicero" mal wieder über all die Adepten und Kopisten beschwert, die mit dem Abklatsch eigener Großtaten der Regie-Moderne neuerdings Karriere machen wollen; über dieses Geschlecht erfinderischer Zwerge, wie es in Brechts "Galilei" heißt. Das las sich gewohnt arrogant und rüde selbstverliebt – aber ein Abend wie der jetzt in Kassel ist Minute um Minute der schlagende Beleg für die Richtigkeit des Genörgels.
Und dass das Premierenpublikum in Kassel all das nicht bloß klaglos, sondern sogar begeisterungsfähig hinnimmt, mutet schon sehr weltstädtisch an.

 

Merlin oder Das wüste Land
von Tankred Dorst, Mitarbeit: Ursula Ehler
Regie: Marco Štorman: Bühne: Demian Wohler, Kostüme: Bettina Werner, Musik: Moritz Löwe, Licht: Oskar Bosman, Dramaturgie: Michael Volk.
Mit: Hagen Bähr, Marius Bistritzky, Caroline Dietrich, Christian Ehrich, Katharina Henker, Eva-Maria Keller, Michaela Klamminger, Moritz Löwe, Lukas Umlauft und Jürgen Wink sowie Lena Hause/Kristina Kazsageorgis.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

In dem eigentlich großartig designten, spektakeligen Ambiente blieben die Inhalte und mögliche Ideen des Regieteams weitgehend auf der Strecke, so Bettina Fraschke von der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (15.1.2018). Die Handlungen der Sage seien zwar erkennbar, die Stränge allerdings kaum miteinander verknüpft oder gar in eine Logik gebracht. "Wer also mehr will als einen wimmelbildartigen Regietheater-Abend, in dem sogar das Publikum bei der Schwertprobe mit dem berühmten Excalibur mitwirken soll, hat es hier nicht immer leicht."

 
Kommentar schreiben