Ein Land mit Herz und Regeln

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. Januar 2018. Ein Perspektivwechsel: Das Publikum sitzt im Halbkreis auf der Bühne, während Bühnenbildner Michael Köpke den Zuschauerraum mit einem großen Glaskasten überbaut hat, und dazwischen lagern die Darsteller um ein Rednerpult, offen, kommunikativ, freundlich. Man wird kurz taxiert, als man den Raum betritt, sie registrieren schon, wer heute zuschaut, aber interessanter ist doch das Gespräch untereinander. Ein schönes Einstiegsbild hat Gernot Grünewald für seine Recherche "Performing Embassy of Hope" konstruiert, ein Bild, das ebenso Ankommen beinhaltet wie Unsicherheit, was einen erwartet.

Politdiskurs hier, Erfahrungswerte da

Der Halbkreis stellt sich als Deutscher Bundestag 2016 heraus: ganz rechts die Grünen-Fraktion, ganz links Die Linke, vorn der jeweilige Redner. Durchgespielt werden Debatten des vorletzten Jahres, Asylpaket 1, Asylpaket 2, Integrationsgesetze: Von Monat zu Monat argumentiert die Politik konsequenter in Richtung Abschiebung, Abschottung, Homogenisierung. Sandra Flubacher gibt den Innenminister, Tim Porath den SPD-Fraktionschef, der Augenmaß verlangt, dabei aber die Hardlinerpolitik stützt, Oda Thormeyer eine Linke mit vor Betroffenheit überschnappender Stimme und Björn Meyer einen in seiner menschenverachtenden Bräsigkeit fast schon liebenswerten Christsozialen.

PerformingEmbassy1 560 KrafftAngerer uPolitiker unter sich © Krafft Angerer

Während im Glaskasten hinter den Politikern neun (echte) Refugees sitzen, musizieren und im Vergleich die reflektierteren Argumente bringen: Einer erzählt, dass er schon verstünde, wenn Deutsche Angst vor Zuwanderung hätten, immerhin kämen da Leute, die ungewohnt aussehen, unverständlich sprechen, nicht immer wissen, wie man sich in welcher Situation verhalten soll. Es ist nicht leicht, hier eine Position einzunehmen, und in dieser Distanz zwischen selbstsicherem Politdiskurs und tastenden, unsicheren Erfahrungswerten öffnet sich eine Wunde, in die "Performing Embassy of Hope" den Finger legen könnte.

Unauffällige Gegenleistungen

Macht Grünewald aber nicht. Denn eigentlich will er ja Bundestagsdebatten nachstellen, und zu denen gehört eben auch eine Abstimmung, also: "Würde Deutschland es schaffen, jedes Jahr zwei Millionen Zuwanderer aufzunehmen?" Überwältigende Zustimmung im Publikumsparlament. Natürlich, man selbst ist ja auch dieser Meinung, nur: Was soll das bringen, als Theater? Bis auf den Versuch, das schon nach zehn Minuten mehr oder weniger unergiebige Plenarsaalmotiv weiterzuführen? Selbst um den Preis, dass die Geschichten der Refugees Staffage bleiben?

Die "Embassy of Hope" wurde im November 2015 vom Thalia Theater als internationales Café im Gaußstraßen-Foyer eingerichtet. Seither finden hier regelmäßig Gesprächsrunden, Rechtsberatung, Film- und Kochabende sowie Theaterworkshops für Refugees statt: ein bewusst unspektakulärer Einsatz des Theaters, das seine Räume öffnet, ohne direkt medial oder künstlerisch verwertbare Gegenleistungen zu erwarten. Diese Gegenleistungen schmuggeln sich eher unauffällig durch "Embassy of Hope"-Besucher ins Thalia-Programm: in die Spielzeiteröffnung In der Einsamkeit der Baumwollfelder etwa, oder in Grünewalds 2016er-Projekt ankommen, das der Regisseur mit minderjährigen unbegleiteten Refugees erarbeitete.

Wahrscheinlich versteht das niemand

Bei "Performing Embassy of Hope", einer der beiden Thalia-Eigenproduktionen des alljährlichen Toleranzfestivals "Lessingtage", weitet Grünewald den Blick, sucht nach Widersprüchen. Die aber liegen offen da; der kreative Funken zündet nicht. Stattdessen dreht die provokante Anlage des Abends ziemlich schnell hohl. Vielleicht, weil sich die Thalia-Schauspieler gegenüber den Refugees unbewusst in den Vordergrund spielen, vielleicht, weil die zu Beginn so einleuchtend erscheinende Bühnenlösung tatsächlich die Trennung beider Welten zementiert, vielleicht, weil es in Wahrheit gar keine originelle Idee ist, den parlamentarischen Streit vor allem als Kakofonie der Argumente darzustellen. Jedenfalls werden die knapp zwei Stunden am Ende ziemlich lang, zumal man da schon verstanden hat, dass man hier nicht mehr wirklich eine Erkenntnis zu erwarten hat.

PerformingEmbassy2 560 KrafftAngerer uDie und wir © Krafft Angerer

In einer starken Szene versucht Björn Meyer, einem Refugee zu erklären, wie Anerkennungsverfahren funktionieren: Man könne sich um eine Asylanerkennung bemühen, oder aber um eine Flüchtlingsanerkennung, letztere mache deutlich weniger Arbeit, und einen Nachteil für den Antragssteller gebe es im Grunde keinen. Und der solchermaßen Aufgeklärte: "Ich verstehe das nicht." Ja, wahrscheinlich versteht das niemand, wahrscheinlich versteht das auch das Gegenüber nicht. Das versteht wohl nicht einmal die Legislative, die sich diese ganzen Kriterien ausgedacht hat. Die Legislative, die sich aufreibt zwischen halbverstandenen Žižek-Zitaten und einer herzzerreißenden Schnurre von der Globalisierung, die sich im morgendlichen Müsli symbolisiere.

Das Parlament erscheint so als halbdebile Laberbude, die unverständliche Gesetze verabschiedet – wenn man sich überlegt, in welchen Kreisen vergleichbare Bilder gepflegt werden, dann kann man Grünewald eigentlich nur wünschen, dass "Performing Embassy of Hope" vor allem an einer ästhetischen Konzentrationsschwäche leidet und nicht etwa an einer gefährlichen politischen Schieflage.

 

Performing Embassy of Hope
von Gernot Grünewald
Regie: Gernot Grünewald, Ausstattung: Michael Köpke, Video: Jonas Plümke, Musik: Daniel Sapir, Live-Musik: Ziad Khawam (Kanun), Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit Sandra Flubacher, Björn Meyer, Tim Porath, Oda Thormeyer, Mahmoud Alali, Samsom Mebrahtu, Dzidzor Yawavi Mensah, Sabri Mustafa, Mohammad Salem Omari, Seyed Jamolodin Sajadi Nia, Omar Sawwas, Hazim Smuqy, Samoon Zazai.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Da wäre mehr möglich gewesen", bemängelt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (22.1.2018). "Polit-Palavereien dominieren, die die Volksvertreter ziemlich schal erscheinen lassen." Die Ereigniskurve sei zu gleichförmig. "Die Eskalation, die dem Stoff innewohnt, bleibt aus, auf ein Argument folgt ein Gegen­argument und dann ein Erlebnisbericht der Betroffenen."

 

 
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