Hopsa!

von Elena Philipp

Berlin, 19. Januar 2018. Dublin brennt! Feuer, Schwefelflammen, dichter Rauch. Im Flackern roter Bühnenportal-Neonröhren zählt Linda Pöppel, lässig im Leder-Look, lächelnd Lamentables auf: Galopp von Hufen. Kommandos und Kanonen. Sterbende, die schreien. Tote, die wiederauferstehen. Pandämonium, Apokalypse, Weltenbrand! Macht aber nix. Falls Dublin mal von der Erde verschwände, erklärt Szenen später ein Joyce-Zitat Pöppels glattkalte Verbindlichkeit, könne man's doch anhand seines "Ulysses" rekonstruieren. Selbstsicher formulierte der Autor so die Poetik seines welterschaffenden Totalromans. Alltagsprall, ideensatt und fleischeslustig ist er, elegant und gewitzt. Ein pochend-monströser Sprachkörper, bekanntlich handlungsarm: die Fährnisse des modernen Menschen in 18 Kapiteln. Ein Tag im Leben des Leopold Bloom, 38 Jahre alter Anzeigenakquisiteur und kultivierter Allerweltskerl. Wie bringt man so was auf die Bühne? Sebastian Hartmann, prosaerprobt, wagt's am Deutschen Theater Berlin.

Theaterzauber, wirkungsvoll

Eine realistische Darstellung von Vorgängen – Nierenbraten, Briefabholen, Seifekaufen – verbietet sich. Bleibt der Text, in Hans Wollschlägers kongenialer Übertragung. Und dazu körperintensives Spiel. In 25 Szenen, nicht der Chronologie der Vorlage folgend. Frontal ans Publikum gerichtet meist. Roter Faden? Bedingt. Und am Ende darf sich Leopold zu seiner Molly legen, nackt auf bloßer Bühne: "Ich ruhe. Ich bin gereist." Homer'sche Heimkehr. Dazwischen geht's um alles oder nichts: Religion, Nation, Evolution. Des Menschen Verhältnis zum Universum. Transmigration. Prostitution. Um Sex und Tod, Geburt und Stuhlgang. Sehr wild, noch immer frisch.

Ulysses1 560 ArnoDeclair uUnterm Todesstern: Benjamin Lillie, Edgar Eckert © Arno Declair

Was Hartmanns Inszenierung nur bedingt vermittelt. Gedacht wird der "Ulysses" hier vom deutschen (Theater-)Kanon aus. Teutonische Schwere schraubt sich in Blooms Bewusstseinsstrom. Joyces Ironie begegnen die Spieler*innen mit Innerlichkeit, dem milden Spott mit Pathos. Gelegentlich Gebrüll, mitunter Manierismen. Immer mal ein Moment, in dem eine Szene abhebt, ja, aber selten. Gelegentlich Theaterzauber, wirkungsvoll.

Faustisch wird's gleich zu Beginn, wenn Bernd Moss als Magier die Bühne betritt. Fängt den wummernden Sound in seiner Hand, hebt mit aller Willenskraft ein Bein vom Boden – "aaah!" –, lässt aus dem Zylinder eine imaginäre Taube flattern. Ein versierter Verführer. Stellvertreter für Autor und Regisseur, die Spieler und Demiurgen. Wenn sich mal nicht Benjamin Lillies flohverseuchter Hund dazu als des Pudels Kern erweist – in Stephen Dedalus' Strandbetrachtungen den Osterspaziergang zu wittern, ist durchaus plausibel.

Lang wie Dublins Fluss Liffey

Goethe grüßt  und ohne Shakespeare geht's ohnehin nicht, ist er doch für Joyce zentraler Referenzpunkt und Inspiration für manch krachenden Kalauer: "Rein oder Nicht-Rein", das ist laut Daniel Hoevels die Frage, als des "Ulysses" verstolperte Alltagshelden nachttrunken vor verschlossener Haustür stehen. Einer Ophelia gleich hält Cordelia Wege den Schlussmonolog der Molly, im kurzen weißen Kleid. Ihre Choreographie der Todesarten tanzt das Ensemble nach, die Körper in spukhafter Verschränkung korrespondierend. Als Dark Lady wandelt die nackt mit grauschwarzer Farbe übergossene Linda Pöppel über die Bühne, eine Verkörperung auch von Joyces dunklen Worten (wobei eine unangenehme Reminiszenz ans Blackfacing nicht abzuschütteln ist). Unter den zwei ungetümen schwarzen Kugeln, die sich immer mal aus dem Schnürboden senken – "Star Wars"-Todessterne, "Melancholia"-Meteoriten –, wirken die Spieler*innen nicht wie Shakespeares star-crossed lovers ("Romeo und Julia"), sondern wie star-crossed laughers: Witzbolde, lost in space.

Ulysses2 560 ArnoDeclair uUlrich Matthes im Erzählungs- und Körperknäuel, drumherum Edgar Eckert, Bernd Moss, Daniel Hoevels, Benjamin Lillie, Manuel Harder, Judith Hofmann, Cordelia Wege, Birgit Unterweger
© Arno Declair

Ja, die Komik: Sie ist hier Fluchtort und schauspielerisches Sofakissen. Aufgebürdet haben sich Sebastian Hartmann und das Ensemble Herkulesaufgaben. Eine raumweite Stille zu tragen oder das Publikum für einen Monolog zu fesseln, lang wie Dublins Fluss Liffey, ist ja auch ein gewaltiger Auftrag. Lieber lustig labern: Den jovialen Antisemiten spielt Cordelia Wege und greift Joyces Splatter-Ästhetik auf, wenn sie einen Toten mittels Stummfilmgestik zur Nation befragt. Monty Pythons Ministry of Silly Walks dient dem sich hochengagiert ins Spiel werfenden Benjamin Lillie als Einstieg in die Bloom'sche Onanieszene, die im beseelt gestöhnten und korrekt gegenderten Gegrabsche mit Birgit Unterweger endet.

Hier atmet der Text

Hochgepitchte Spielweisen führt das Ensemble auch, aber nicht nur in der Bibliotheksszene vor, bei der Stephens Hamlet-Theorie im Dinnerparty-Modus diskutiert wird. Mitunter aber glückt's: Punktgenau performt etwa Judith Hofmann eine vernichtende Eloge auf die Männer, lobt gestisch die feinsinnigen, sensiblen, wunscherfüllenden Exemplare in die Höhe – um die dummen, narzisstischen, klitzekleinen Versionen mittels Handfläche immer bodennäher zu schrumpfen und sie schließlich wie ein lästiges Insekt mit der Schuhspitze zu zertreten. Applaus.

Zäh zerrinnt die Zeit, das stimmt. Aber gänzlich gescheitert ist dieser "Ulysses" nicht: Darstellerisch nachbilden lässt sich Joyces Verfahren des sprachlichen Registerwechsels durchaus, das zeigen Ulrich Matthes wie Manuel Harder in ihren Monologen. Wo Matthes Auszüge aus dem Hades-Kapitel innerlich durchlebt und sie formal minutiös gestaltet, verkörpert Harder die Figuren aus dem Krankenhaus-Kapitel, ohne die souveräne Distanz zu verlieren. Stöhnend in tiefer Kniebeuge plagt er sich mit Mina Purefoys Wehen, um unvermittelt chaplinesk einen Hüpfer aufs Parkett zu legen: "Hopsa, ein Jungeinjung, hopsa!". Hier atmet der Text – "Ulysses" lebt.

 

Ulysses
nach James Joyce in der Übertragung von Hans Wollschläger
Regie / Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Videoanimation: Tilo Baumgärtel, Licht: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Edgar Eckert, Manuel Harder, Daniel Hoevels, Judith Hofmann, Benjamin Lillie, Ulrich Matthes, Bernd Moss, Linda Pöppel, Birgit Unterweger, Cordelia Wege.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Ich habe schon lange nicht mehr einen so anstrengenden und schwierigen Abend auf der Bühne gesehen“, sagt André Mumot auf Deutschlandfunk Kultur (19.1.2018). Das liege daran, dass Sebastian Hartmann so "wahnsinnig konsequent" sei. Der Regisseur verzichte auf alle erzählerischen Elemente. "Es fällt alles weg, was mit klar erkennbaren Figuren oder der Handlung zu tun hat." Das Entscheidende für den Regisseur sei das Prinzip der Assoziation. "Man musste viel aushalten (...) und viel trockenes Brot schlucken an diesem Abend, aber es gibt auch starke, eindringliche, wuchtige Momente, die man so schnell auch, glaube ich, nicht wieder vergessen wird."

"Se­bas­ti­an Hart­mann tut das ein­zig Sinn­vol­le: Er lässt sich über­wäl­ti­gen." Sei­ne In­sze­nierung unternehme nicht den Ver­such, das Joy­ce­sche To­hu­wa­bo­hu in ei­ne li­nea­re Ord­nung zu brin­gen, son­dern löse aus den Bil­der­flu­ten des Tex­tes nur hier und da ei­nen Trop­fen her­aus und träu­fele ihn auf die Büh­nen­flä­che, schreibt Simon Strauß in der FAZ (22.1.2018). "Toll­wü­ti­ger Slap­stick kippt ur­plötz­lich in alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Fu­ror, eu­pho­ri­sches Lie­bes­ram­meln wird im nächs­ten Mo­ment von trau­ri­ger End­zeit­stim­mung ab­ge­löst." Was Hart­mann zeige, sei kei­ne Es­senz, kein Kon­den­sat des Joy­ce­schen Werks, son­dern ei­ne Syn­the­se mit Blick auf die Grund­stim­mung: "Den Wirr­warr, die ent­grenz­te, je­den er­zäh­le­ri­schen Rah­men spren­gen­de Phan­tas­ma­go­rie." Allerdings fand Strauß den Abend zu lang.

Diese Inszenierung schere sich um keine Konventionen des Spielens und Erzählens, sondern schichte Szenen, Worte und Bilder übereinander. "Dieses Theater will alles, und es will alles auf einmal", so Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (22.1.2018). "Mit Bildungsbeflissenheit, der offenkundig tief sitzenden Kulturtechnik, die Kunst durch Verstehen und Theoretisieren bannen zu wollen, zeigen Hartmann und die Seinen die achselzuckende Schulter." Das aber sei das Schöne, schön Unerhörte und schön Vermessene dieser Inszenierung: "dieser umstürzlerische, beinahe naive, aber ungemein bildsatte Glaube an die Kräfte der Kunst selbst, die das Unmögliche als Alternative zur Wirklichkeit erklärt".

Die Gedanken- und Bewusstseinsströme seien ästhetisch aufgelöst in eine Struktur, die zunächst an eine Nummernrevue erinnere und als solche zumindest vor der Pause ins Aphoristische abzudriften drohe. "Allerdings mit Schauspielern, die durchgängig auf Höchstniveau agieren", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (22.1.2018) Unterm Strich bleibe trotz Schwierigkeiten ein interessanter Abend, der mindestens einen häufig unerfüllt bleibenden Wunsch an dramatische Roman-Adaptionen einlöse: "Er liefert eine eigene, theatrale Sicht auf die Vorlage und hat schon insofern Seltenheitswert."

Die Inszenierung erschöpfe sich über weite Strecken in effektorientiertem Gezappel. Hartmann fahre ein Maximum an szenischen Ausrufezeichen auf, das aber auf der vergeblichen Suche nach Bedeutung leer laufe, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (26.1.2018). "Man atmet auf, als Ulrich Matthes auftritt. Mit ihm setzt endlich so etwas wie Theater, Konzentration auf einen Text, ein gemeinsames Nachdenken und in sich Hineinhören ein."

Derek Scally, Deutschland-Korrespondent der Irish Times (24.1.2018, online 5:00 Uhr), der allerdings eher ein Politik-Berichtertatter ist, wundert sich ziemlich über das deutsche Theater, seine Überschrift sagt eigentlich schon alles: "Joyce’s ‘Ulysses’: No Dublin, no pubs, no brothels, so German".

 

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Ulysses, Berlin: bleibt SkizzeSascha Krieger 2018-01-20 13:13
Dass Teil eins wenig mehr als ein leicht szenisch angehauchtes Regieexposé ist, merkt dann wohl auch der Regisseur und zieht nach der Pause spürbar an. Wenn es doch darum gehen soll, dass Ulysses die Möglichkeit alternativer Welten und Realitäteten denken lässt, warum das dann nicht auf die Bühne bringen? Und so spielt der zweite Teil in einer Dämmerwelt, einem leeren, absurden Universum vor Beckett, bevölkert von irrlichternden Gestalten, die sich mal zu Gruppen formen, mal wie fremdgesteuerte Roboter bewegen, dann immer wieder vereinzeln, verloren umhersuchen nach Sinn, nach halt, nach Bedeutung. Den didaktischen Frontalunterricht kann Hartmann dabei nicht ganz lassen und so muss Bernd Moss einer amüsierten Zuhörerschaftetwas von der Quantenphysik erzählen, der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, der Zusammengehörigkeit des Getrennten. Wieder einmal traut der Abend sich nicht selbst, sondern glaubt sich erklären zu müssen, auch um den Preis, den eigenen Rhythmus zu unterbrechen und jegliche Spannung zu entsorgen.

Von der es nun reichlich gibt. Wenn Edgar Eckert als clownesker Tour-Guise die Spieler*innen zu einem personalisierten Dublin gruppiert, einem verlorenen Sehnsuchtsraum, verschwunden in der Leere der Welt, die stets auseinander laufen, wenn er nicht hinschaut, ist das ein so tieftrauriger Moment fragmentierter Welterfahrung und existenzieller Verzweiflung an der Möglichkeit von Realität, dass der Abend ganz plötzlich und ganz kurz andeutet, wie sich diese literarische Weltenerfindungsmaschinerie theatral übersetzen ließe. Als Science-Fiction-Spiel vielleicht, als düsterer Erfahrungsrausch rat- und wirklichkeitsloser Wanderer in einem kalten, leeren Universum. Da erscheinen gar die Kugeln, die jeden Verbindungsversuch abweisen, sinnhaft. Auch hier zündet längst nicht alles: Stephen Dedalus‘ Shakespeare-Theorien als Dinnerparty-Talk oder die meist eher lustlosen, fast obsessiven komödiantischen Brechungen, die wirken, als hätte man Angst, dass es zu ernst werden könnte, zu schwierig, zu komplex.

Dabei ist es gerade der Mut zur Collage, der den Abend nach der Pause ein Stück weit rettet. Auf ihrer Suche durch den Raum finden die namen- und haltlosen Menschlein immer wieder neue Welten. Sprachliche wie Manuel Harder, der bei seinem Text über das vermeintliche Wunder der Geburt virtuos durch die Sprachgeschichte eilt, individuelle und universelle Evolution verschränkt, Menschheit und Mensch paart und Sprache tatsächlich als Kreationsinstrument und -quelle aufnimmt. Oder Weges Molly-Monolog, der auch hier am Schluss steht: geisterhaft pflügt sie sich durch den Tod – als Schrecken, als Zuflucht, tränenerstickt, zu sich selbst in Distanz und zugleich ganz in den Worten aufgehen, die sie spricht, zu ihnen werdend, so sehr, dass sie am Ende den entglittenen Mann heraufbeschwört, die Vereinigung mit ihm erspricht. Das ist Lichtjahre entfernt von den Taschenspielertricks des Anfangs. So bleibt der Abend Skizze, Versprechen einer theatralen Umsetzung, Übersetzung, Transfiguration des Ulysses, das er zu selten hält. Wenn er es jedoch tut, ist es wahre Magie. Sprachliche wie theatrale. Da brennt Dublin tatsächlich.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2018/01/20/die-welt-ersprechen/
#2 Ulysses, Berlin: nur Platz 8Sascha Krieger 2018-01-20 13:26
Und weil es Wochenende ist und ich dann gern klugscheiße eine Bitte an die Autorin, doch ein wenig präziser mit ihren Vergleichen zu sein. Ausgerechnet den Liffey, der je nach Messung lediglich 125-130 km lang ist (zum Vergleich: Die Spree ist 3x so lang) und durch gerade 3 der 32 Counties der Insel fließt und auf der Liste der längsten Flüsse Irlands nur Platz 8 einnimmt, als Symbol für länge zu benutzen, ist nicht ideal :)
#3 Ulysses, Berlin: wunderbarwolfgang eubel 2018-02-27 14:50
Ulysses im Deutschen Theater

Eine ganz wunderbare Inszenierung!

.....

Die ganze renzession ist nacghzulesen unter:

www.facebook.com/wolfgang.eubel/posts/10215902966557225
#4 Ulysses, Berlin: ohne HaltegriffeKonrad Kögler 2018-04-30 00:39
Die schroffen Textbrocken schrauben sich in immer unzugänglichere Gefilde: Edgar Eckerts launige Skizze des Stadtplans von Dublin, den er mit den widerspenstigen Kolleginnen und Kollegen nachstellen will, ist ein kurzer Moment des Durchatmens. Ansonsten wird das Publikum in einem Kurzvortrag von Bernd Moss in die Quantenphysik eingeführt und mit den nächsten Assoziationsfetzen traktiert. Sebastian Hartmanns zu langer Abend bietet seinem Publikum keine Haltegriffe in der Ulysses-Steilwand.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2018/04/30/ulysses-sebastian-hartmanns-duestere-ueberladene-james-joyce-assoziation-am-deutschen-theater/
#5 Ulysses, Berlin: Dafür gibt es Theater!Ken 2018-04-30 11:01
Der Abend ist anstrengend ja, aber einfach nur herausragend. Dafür gibt es Theater!!
#6 Ulysses, Berlin: atmet das alte CentraltheaterBlack 2018-05-12 00:09
Wahnsinnig starke Inszenierung, vor allem der zweite Teil mit dem großartigen Finale. Alle Schauspieler toll, aber vor allem in den Szenen mit Pöppel, Unterweger, Wege, Eckert, Harder und Lillie atmet das "alte" Centraltheater. Nice!!

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