Ulrike Meinhof fast-forwarded

 von Esther Boldt

Wiesbaden, 12. Juni 2008. Vor Beginn der Aufführung geht per stille Post der aktuelle EM-Spielstand durchs Publikum, 2:1 für Kroatien, rote Karte für Schweinsteiger. Ist das denn die Möglichkeit! Bei der Rückfahrt redet dann eine Gruppe junger Frauen darüber, bei welcher Nationalmannschaft sie mitfiebert – Türkei? – "Hast du keinen deutschen Pass, oder was?!" Wenig später haben drei junge Herren dasselbe Problem: "Was bist du?" – "Kroatisch-englisch." – "Krass! Ich bin nur Deutsch-italienisch."

Hier schlagen mindestens zwei Herzen in einer Brust, die nationale Identität befindet sich fahnenschwenkend im Niemandsland. Was nationale Angelegenheit ist, wird zur offenen Frage, zum lockenden Potenzial. Von hier ist der Sprung zur Wiesbadener Biennale "Neue Stücke aus Europa" nicht weit: Dort zeigt die polnische Autorin Małgorzata Sikorska-Miszczuk ein Stück über die RAF, "Der Tod des Eichhörnchenmenschen". Und in Interviews erklärt sie, die RAF sei keineswegs eine spezifisch deutsche Frage. Als eine, die im versperrten Ostblock aufgewachsen ist, habe sie die Intellektuellen aus dem Westen gehasst, die den Kommunismus romantisierten und vom Ende einer Gesellschaft des Spektakels in einem Land träumten, in dem man Gleicher unter Gleichen sei.

Skurrile Farce und esoterisches Gesumse
Sikorska-Miszczuks Stück erzählt bei festgestellter Fast-Forward-Taste die Karriere der Journalistin Ulrike Meinhof zur Terroristin, samt gesellschaftlichem Ausstieg mit Sprung aus dem Fenster, Bauchklatscher und Suizid in Stammheim. Diese strammgezogene Geschichte ist versehen mit popkulturellen Versatzstücken und religiösen Über- oder vielmehr Querbauten. Erlöserfiguren, protestantisches Arbeitsethos und esoterisches Gesumse machen aus Meinhofs Leben eine skurrile Farce, sie betonen das Mysterium RAF, die Ikonisierung der Pop-Revoluzzer – und geben sie im gleichen Moment der Lächerlichkeit preis.

Diese komplexen Assoziationen haben an diesem Abend aber mit der Sprachbarriere zu kämpfen: Einiges ist gestrichen, anderes von der Simultanübersetzung geht im Soundgewummer verloren, da ersetzt der Mann im Ohr die Textkenntnis keinesfalls. Einige Metaphern bleiben fremd und dunkel, auch wenn sie prima klingen wie das Märchen von der Farbe Rot, die keiner haben will und die dann beginnt zu beißen. Oder wie der Polizist mit dem Taubenherz, der sich gern von Körnern ernährt. Überdrehung scheint hier Methode zu sein. Schärfer ist der titelgebende Eichhörnchenmensch, der auf einem Parkplatz von Ulrike Meinhof überfahren wird und sich dann unsterblich in sie verliebt.

Und täglich grüßt das Eichhörnchen
Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Eichhörnchenmensch stirbt jeden Tag einmal und ersteht am nächsten wieder auf. Er repräsentiert den Durchschnittsbürger als Versuchskaninchen von Terrorismus und Politik, der sich ordentlich kleidet, den Müll trennt, sein Tagwerk gewissenhaft vollbringt und sich vor Langeweile in eine freie Radikale verliebt. Unglücklich, natürlich. Er ist die tragikomische Verbindungsfigur zwischen den untergetauchten Terroristen und dem gemeinen Volk.

Des Eichhörnchenmenschen täglichen Tod versieht die Autorin mit Anführungsstrichen, indem sie ihrem Stücktext ein Zitat aus der Fernsehserie "Southpark" voranstellt: "Oh mein Gott! Sie haben Kenny getötet! Ihr Schweine!" Auch Kenny stirbt in jeder Folge einen grausamen Tod, auch die RAF führte gern die tierische Beleidigung im Mund. So wird Andreas Baader im Stück zunächst damit abgerüffelt, er sei ja bloß "Schmähavantgarde". Mit drastischen Assoziationsketten von Johanna von Orléans bis zu Comic-Serien wird ein Blick auf die RAF geworfen, der sie weder weichspült noch heroisiert, sondern sie mit historischen Kontexten und Vorbildern versieht, die den Deutschen Herbst in all seiner Widersprüchlichkeit bestehen lassen.

Spätpubertäres Terror-Trio
Auf diesen wilden, lustvollen und sehr unterhaltsamen Mix setzt die Inszenierung von Marcin Liber überall noch eins drauf. Beim "Teatr 2xu/ustausta" aus Warschau ist das Terror-Trio überraschend jung besetzt, als sei die erste RAF-Generation spätpubertär und zeitlos zugleich. Aleksandra Bozek spielt eine bleiche, fast durchscheinende Ulrike Meinhof, Magdalena Poplawska eine laszive, handfeste Gudrun Ensslin und Krzysztof Skonieczny den jungen Wilden Baader.

Liber entwirft den Parforceritt in schnellen, zeichenhaften Bildern, bei denen die Schauspieler weniger spielen denn ihr Spielen abstrahierend ausstellen. Bei der eskalierenden Gewalt aber wird es leider wieder dramatisch und nimmt eine Umdrehung zu viel, da nagelt etwa der Polizist die Meinhof christusgleich an die Wand, um sie zu vergewaltigen, während sich hinter ihr auf der Projektionsfläche ein rotes Gehirn dreht. Da möchte man die Inszenierung mit dem Text schlagen, in dem die drei Terroristen zu Anfang rufen: "Diese Präsentation ist eine Farce! Das ist nur eine Vorstellung!"

 

Smierc Czlowieka Wiewiorki / Der Tod des Eichhörnchenmenschen
von Małgorzata Sikorska-Miszczuk
deutsch von Andreas Volk
Regie: Marcin Liber, Musik: Anna Zaradny und Robert Piotrowicz, Grafik: Arek Romanski, Video: Oczy Niebieskie, Licht: Tadeusz Perkowski
Mit: Aleksandra Bozek, Magdalena Poplawska, Krzysztof Ogloza, Janusz Stolarski, Piotr Kazmierczak, Krzysztof Skonieczny.
Eine Produktion des Teatr 2xu/usta usta

www.staatstheater-wiesbaden.de/biennale

Alles über Małgorzata Sikorska-Miszczuk auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Mindestens so interessant wie das "pfiffige" polnische Stück über Ulrike Meinhof selbst findet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (14.6.2008) die Tatsache, dass in Polen sogar ein ganzer Stückwettbewerb der deutschen Journalistin und Terroristin gewidmet war, den Małgorzata Sikorska-Miszczuks schlieplich gewann. Das Stück sei "grotesk verspielt", manches wirkte auf die Kritikerin auch naiv. "Erst recht in der mit Computertricks aufgepeppten, schauspielerisch starken Inszenierung von Marcin Liber für das Teatr 2xu/ustauta in Warschau." Doch das große Plus dieser Aufführung ist für sie "die Unbefangenheit der Darsteller" und ihr "unangestrengter Umgang" mit einem Thema, bei dem man in Deutschland traditionell in helle Aufregung geraten würde. Trotzdem versichert die Kritikerin, "dass Małgorzata Sikorska-Miszczuk die Untaten der RAF nicht verharmlost." Sie sei misstrauisch, erkläre die Dramatikerin selbst im Programmheft, glaube an keine Utopien und habe Angst vor der Primitivität der Macht."

 
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