Rache im Remix

von Stefan Schmidt

Hamburg, 21. Januar 2018. Drei Männer stehen um eine brennende Mülltone und werfen ihre Pässe in die Flammen. "Die BRD ist eine Fiktion. Das muss man wissen", sagt einer von ihnen an diesem Premierenabend am Hamburger Thalia Theater. Der Zweite Weltkrieg sei schließlich nie beendet worden. Ganz offensichtlich handelt es sich also um so genannte Reichsbürger, jene diffuse Gruppe von rechten Staatsgegnern, die den Verfassungsschützern heute auch deshalb Sorgen bereitet, weil sie immer größer und gewaltbereiter wird. Im konkreten Fall haben wir es auf der Bühne mit den Gebrüdern Kohlhaas zu tun, ursprünglich im Import-Export-Geschäft, inzwischen im militanten Untergrund tätig. Manches spricht dafür, dass sie zu den Nachkommen des gleichnamigen rächenden Rechthaberprototypen aus Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" gehören. Wenn schon nicht biologisch, dann doch zumindest ideologisch.

Eine "deutsche Erregung" nennt Regisseur Antú Romero Nunes seine szenischen Variationen nach Kleist. Und angesichts der waghalsigen Assoziationsketten vom 16. Jahrhundert (der Zeit der Handlung) übers frühe 19. Jahrhundert (der Entstehungszeit der textlichen Inspirationsquelle) bis zu den Unzufriedenen des 20. und 21. Jahrhunderts hätte daraus eine reichlich bedeutungsschwangere und verkopfte Angelegenheit werden können. Das Gegenteil ist der Fall. Die Inszenierung ist in ihrem überbordenden Ideenreichtum ebenso klug, kenntnisreich und zeitkritisch komponiert wie sie sinnlich brillant, körperlich kraftvoll und ungemein unterhaltsam ausgeführt ist.

Stille im Lagerraum

In den ersten gut 40 Minuten wird auf der Bühne kein einziges Wort gesprochen. Kurz nur tönt aus dem Off die Erzählerstimme Wolf-Dietrich Sprengers, mischt ein- und ausführende Worte aus Kleists Text, charakterisiert Kohlhaas knapp als einen "der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit". Das kann ja heiter werden: Der Regisseur wirft seine drei lässig ausdrucksstarken Schauspieler Thomas Niehaus, Jörg Pohl und Paul Schröder daraufhin nämlich erstmal in einen engen Lagerraum mit düsteren Holzlattenwänden. Dessen Ausstattung mit ausladendem Faxgerät, vorsintflutlichem Rechner, grau-schwarzen Aktenordnern, weißer Kaffeemaschine und taktangebender Kuckucksuhr erinnert stark an die ARD-Vorabendserie "Büro, Büro", die bis in die frühen 1990er Jahre hinein den Bürokratismus der bundesdeutschen Arbeitswelt überzeichnete.

Kohlhaas1 560 ArminSmailovic uBüroatmosphäre: bedrohlich (im Bühnenbild von Matthias Koch) © Armin Smailovic

Die Inszenierung hat da noch einiges draufzusetzen. Dass sie die Kunst des artistischen Slapsticks perfekt beherrschen, haben Thalia-Hausregisseur Antú Romero Nunes und seine Jungs schließlich schon oft genug unter Beweis gestellt. Und so vollführen die drei Schauspieler in ihren blau-grauen Arbeitskitteln Pirouetten auf Bürostühlen, wuchten nebenbei Pappkartons voll Ware Richtung Kunde, lassen aus einem Mülltonnendeckel ein Ritterschild (!) für den Nahkampf werden, entmannen sich fast beim Versuch, ein Fahrrad zu besteigen, dem die anderen den Sattel abgerissen haben, und ärgern einander mit Klingelstreichen am Telefon. Alles im Stummfilmmodus, unterstützt von Johannes Hofmanns Sounddesign und dessen elektronischen Retro-Gimmicks.

Bis hierhin macht der Abend einfach nur Spaß. Zwischendurch lassen sich Motive der Novelle erahnen wie die latente Bösartigkeit der selbstgerechten Scherze administrativer Funktionsträger gegenüber dem Einzelnen, der unterdrückte Hang zu archaischer körperlicher Gewalt in einem vermeintlich rationalen Ordnungssystem (wenn Du mir Pizzareste aus dem Schritt wischst, schlage ich gnadenlos zu!), die Tendenz zur rücksichtslosen (Selbst-)Zerstörung im angeblich stets gerechten Streben des deutschen Mich(a)els. Bis hierhin ließe sich aber auch einfach sagen: Die wollen doch nur spielen – eine Kritik, die das Thalia Theater zuletzt häufiger traf und die oft eine gewisse Belanglosigkeit unterstellt.

Der gerechte Krieg

Dann bricht mit der Sprache (und mit einer angekündigten "Zwangsvollstreckung" der kleinen Firma) die (Literatur-)Geschichte ein in den Holzverschlag um Thomas Niehaus, der als (Pferde-)Händler Michael Kohlhaas in Oberhemd und Krawatte weiterspielt, während die kongeniale Kostümbildnerin Victoria Behr die beiden anderen Darsteller in rasanter Folge mit einigen dieser überzeichnet aufgepumpten, ausladend grellbunten Pseudohistorienklamotten ausstattet, die sie sonst immer für Herbert Fritsch entwirft. So wird ganz flott nah an der Novelle, dramaturgisch äußerst intelligent enggeführt von Matthias Günther, mal eben nebenbei erzählt, wie Kleists kleinkarierter Krieger nach unbestreitbar erlittenem Unrecht (zwei seiner Pferde werden unter fadenscheinigem Vorwand heruntergewirtschaftet und missbraucht) vom braven Bürger zum geradezu fanatischen Terroristen wird, der glaubt, einen "gerechten Krieg" zu führen, wie es im Text heißt. Nur gibt Kohlhaas selbst irgendwann zu: "Es geht mir nicht um die Pferde", sondern um ein vermeintlich höheres Gut, das man Gerechtigkeit nennen könnte – oder "das Geschäft der Rache".

Kohlhaas4 560 ArminSmailovic uDa stehen sie nun und können nicht anders: Jörg Pohl, Paul Schröder und Thomas Niehaus
© Armin Smailovic

Die religiöse Dimension, die in der Novelle als Selbstrechtfertigung noch eine große Rolle spielt, hat sich für die notorisch Unzufriedenen, von denen die Inszenierung heute erzählen will, als Referenzpunkt erledigt. Deshalb überlebt die Figur des Martin Luther am Thalia Theater auch (anders als bei Kleist) die Begegnung mit den Kohlhaaspartisanen nicht. Der Mann wird mit Packband an einen Schreibtischstuhl gefesselt, mit einer toten (Stoff-)Maus malträtiert und anschließend bis zum bitteren Ende mit einer erschreckend lebendigen Schlange gefoltert. Da hat sich das mit der ganzen Witzigkeit schon länger erledigt – und die grausame Fallhöhe des Abends wird deutlich.

Alles und zwar sofort

Natürlich müsste die Inszenierung ihr eigenes Konstruktionsprinzip nicht auch noch zwingend aus dem Off heraus unter Rückgriff auf den Hip Hop als "Sampling" erklären, als Überführung von Motiven in andere Zusammenhänge. Natürlich könnten die Späße im ersten Teils des Abends auch ein paar Minütchen kürzer ausfallen. Natürlich überfordert die Inszenierung manchmal, weil sie am liebsten alles will, und zwar sofort.

Nur: Antú Romero Nunes kann’s halt auch, und genau so kann es sein Team – Geschichten erzählen, Geschichten zerstören, Bilder schaffen, Bilder stürmen, Figuren aufbauen, Figuren in Frage stellen, Lust machen, Schrecken folgen lassen. Das ist perfektes Handwerk, das ist große Theaterkunst mit grandiosen Schauspielern. Bis zum letzten Taschenspielertrick. Am Schluss stehen zwei Statistinnen in Pferdekostümen mit langen blonden Mähnen kitschig harmonisch im Regen, vor ihnen die getöteten Partisanen in ihren blutigen Hemden. Ein Bild von surrealer Kraft. Ein Meisterwerk – wie die ganze Inszenierung.

 

Michael Kohlhaas
eine deutsche Erregung nach Heinrich von Kleist
Regie: Antú Romero Nunes, Bühne: Matthias Koch, Kostüme: Victoria Behr, Musik und Sounddesign: Johannes Hofmann, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Thomas Niehaus, Jörg Pohl, Paul Schröder
Erzählerstimme: Wolf-Dietrich Sprenger
Tanzstatistinnen/Die Pferde (im Wechsel): Charleen Kettner, Kerstin Hornig, Julia Pfeifer, Lena Boneß.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

 

Kritikenrundschau

Genialer Slapstick münde "in beliebige Belanglosigkeit", schreibt Monika Nellissen in der Welt (23.1.2018). Herrlich skurril sei die stumme Büroszene im ersten Teil des Abends, "von jener hintersinnigen Verrücktheit, wie sie Clowns im Zirkus treiben". Die drei Schauspieler Thomas Niehaus, Jörg Pohl und Paul Schröder seien eine "geniale Slapsticktruppe, an deren Witz und Präzision man sich nicht sattsehen kann". Doch der zweite, teils Kleist-treue Teil werde "zur komödiantischen Farce mit platten Verweisen auf deutsche Geschichte, inklusive Reichsbürger und NSU". Bei Kleist erzeuge die Geschichte vom Rosshändler mit dem unerschütterlichen Wahrheits- und Gerechtigkeitsgefühl "bei aller Ablehnung Mitgefühl"; das vermeide der Regisseur. "Nunes ist am Ende die Puste ausgegangen", so Nellissen.

"Eine Inszenierung ohne Sinn, ohne Verstand und ohne Herz" hat Peter Helling vom NDR (22.1.2018) gesehen: "Super Effekte", aber es gebe nur einen einzigen Gedanken von Gewicht, der "mit allen Farben ausgepinselt" werde: "Bei Kleist heißt es nämlich, es gebe auch noch heute Nachfahren des streitbaren Kohlhaas. Aha." Weiterhin kritisiert Helling, der Slapstick sei zu langsam für wirkliche Komik. Wolle die Regie hier die Mangelwirtschaft der DDR und die Verdrängung in die Arbeitslosigkeit zeigen, dann sei das "eine dünne Behauptung" und "ziemlich herablassend". Stimmen aus dem Publikum seien vernichtend gewesen, so Helling. Anders als der türkische Journalist Can Dündar, der im Anschluss zur Eröffnung der Lessingtage am Thalia Theater gesprochen habe, habe die Inszenierung "nichts zu sagen. Gar nichts".

Unmerklich werde die Inszenierung "von einer mehr oder weniger harmlosen Clownerie über ein paar Szenen traditionellen Schauspielertheaters zur scharfen politischen Analyse", so Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (23.1.2018). In einer weiteren Volte aber mache die Inszenierung ihre raffinierte Konstruktion auch noch öffentlich. "Kleists Kohlhaas wird in einen neuen Kontext gestellt, und drei optimal auf­einander eingespielte Akteure sorgen dafür, dass das Ergebnis einen mitreißenden Flow entwickelt."

"Das ist schon schlau, wie Nunes Kohlhaas ironisch an die Seite des Hollywood-Selbstjustiz-Dramas stellt und den 'Tugendterroristen' damit komisch entblättert, bis nur noch der Wutbürger übrigbleibt", schreibt Ruth Bender in den Kieler Nachrichten (22.1.2018). Verhandelt aber würden in derartiger Hollywood-Manier Fragen von Recht und Ordnung, nicht von Gerechtigkeit, so Bender. In Nunes’ Deutung zeige sich zudem "keine Spur der Ambivalenz, die Kleist dem vom Junker Tronka Betrogenen einschreibt". Der Vorhang zu – und keine Fragen offen. Lobend hebt auch Bender das Spiel des Trios Niehaus, Pohl und Schröder hervor, die als "fröhliche Deppen" glänzten und blitzartig durch die Rollen flirrten.

Nunes folge der großen Programmlinie des Thalia-Theaters unter Joachim Lux, möglichst jedes noch so tiefgründige Stück zu verjuxen, damit die Menschen lachen und klatschen können, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (24.1.2018). "Doch anders als zuletzt, wo große Tragödien wie "Richard III.", "Die Weber" oder "Tod eines Handlungsreisenden" im Seichten strandeten, erzeugt der Hausschwur aufs Komische diesmal Überraschendes." Denn die gute erste halbe Stunde sei eine "gelungene Kreuzung aus dem subtilen Witz Christoph Marthalers und dem hysterischen Quatsch von Herbert-Fritsch-Inszenierungen". Dann aber läppere sich der Zitat-Blödsinn dahin, "bis alles Komische, aber auch jeder politische Hintersinn sich komplett im Zettelkasten der Regieideen verloren haben".

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