Die Auserwählten

26. Januar 2018. Das virtuelle nachtkritik-Theatertreffen 2018 ist entschieden Die Leser*innen von nachtkritik.de haben aus den 38 Vorschlägen, die ihnen die nachtkritik-Autor*innen und -Redakteur*innen vorgelegt hatten, ein Tableau aus 10 Inszenierungen ausgewählt. Abgegeben wurden 11.966 Stimmen, im Vorjahr waren es 8.363. Das Ergebnis sind die folgenden zehn Inszenierungen in alphabetischer Reihenfolge (mit den Begründungen der Nominierung für die Leser*innen-Wahl):

 

 

"7 Minuten. Betriebsrat"
Video: Staatstheater Mainz
7 Minuten. Betriebsrat

von Stefano Massini
Regie: Carole Lorang
(Deutschsprachige Erstaufführung)

Koproduktion Théâtre des Capucins Luxemburg, Staatstheater Mainz

Nachtkritik vom 4.11.2017

"Anatol"
Video: Landestheater Linz
Anatol

von Arthur Schnitzler
Regie: Susanne Lietzow

Landestheater Linz

Nachtkritik vom 1.12.2017

 

BilderVonUns 280 UweSchinkel"Bilder von uns"
© Uwe Schinkel

Bilder von uns

von Thomas Melle
Regie: Henri Hüster

Wuppertaler Bühnen

 

DashalbeLeid SIGNA 3 280 ErichGoldmann u"Das halbe Leid"
© Erich Goldmann
Das halbe Leid

von Signa

Deutsches Schauspielhaus Hamburg 

Nachtkritik vom 16.11.2017

 

"Die Fremden / Der Kaufmann von Venedig"
Video: Theater Münster
Die Fremden / Der Kaufmann von Venedig

von William Shakespeare
Regie: Stefan Otteni

Theater Münster

Nachtkritik vom 4.11.2017

 

"Die Zukunft reicht uns nicht ..."
Video: Schauspielhaus Wien
Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)

von Thomas Köck
Regie: Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach
(Uraufführung)

Schauspielhaus Wien

Nachtkritik vom 9.11.2017

 

Schlussapplaus nach der "Faust"-Premiere
Video: nachtkritik.de
Faust
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Frank Castorf

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin

Nachtkritik vom 3.3.2017

"Homohalal"
Video: Staatsschauspiel Dresden
Homohalal

von Ibrahim Amir
Regie: Laura Linnenbaum
(Uraufführung)

Staatsschauspiel Dresden

Nachtkritik vom 31.3.2017

 

"La Révolution #1"
Video: Theater Münster
La Révolution #1

von Joël Pommerat
Regie: Stefan Otteni

Theater Münster

Nachtkritik vom 22.4.2017

 

"Lenin"
Video: Schaubühne Berlin
Lenin

von Milo Rau

Schaubühne Berlin

Nachtkritik vom 19.10.2017

 

 

Was zeigt das Ergebnis?

Mit der Publikumsabstimmung beim nachtkritik.de-Theatertreffen verhält es sich wie mit dem DFB-Pokal im Fußball: Es ist die Chance für mutmaßlich kleinere Vereine vulgo Theaterhäuser, aus der Tiefe des Raumes kraftvoll in die Spitze zu stoßen. Und dabei per Publikumsmobilisierung ein paar Platzhirsche rauszukicken (wie sie auf der Liste der Nominierten zu finden sind). Es sind regionale Häuser dabei, die auch in der Feuilletonwahrnehmung positiv von sich reden machen, wie Linz und Münster (letzteres doppelt nominiert, jeweils mit Arbeiten des bereits beim nachtkritik.de-Theatertreffen bewährten Regisseurs Stefan Otteni, und doppelt von den Leser*innen bestätigt). Mit Wuppertal konnte eine Bühne ihre Fans mobilisieren, die kulturpolitisch heftig geschrumpft wurde. Mit einem Abend aus der Feder des Romanciers und Erfolgsdramatikers Thomas Melle.

Überhaupt sind eher neue Autoren vertreten als Klassiker: neben Thomas Melle auch Thomas Köck (Wien), Ibrahim Amir (Dresden), Joël Pommerat (Münster), Stefano Massini (Luxemburg, Mainz) sowie Milo Rau und sein Team (Berlin).

Kaum überraschend ist das Auftauchen von Arbeiten, die kunstvoll die Grenzen zwischen Bühne und Publikum überschreiten und die mithin selbst schon auf starke Resonanzentfaltung über das eigentliche Theaterereignis hinaus angelegt sind. Die partizipative Erlebniswelt "Das halbe Leid" von Signa (Hamburg) bringt die Zuschauer als Mitspieler mit fiktiven Obdachlosen und sozial Abgehängten für eine Nacht zusammen und motiviert dabei einen nachhaltigen Austausch über die notwendig sehr unterschiedlichen Erfahrungen, die ein jeder in dieser Kunstinstallation macht. Die Diskurskraft der Signa-Arbeit war bereits in den Diskussionen im nachtkritik.de-Forum zu ermessen. Ähnlich steht es um den "Kaufmann von Venedig" aus Münster, wo Statisten in der Rolle von rechten Provokateuren aus dem Publikum heraus agieren und so mithelfen, die Diskriminierungsproblematik des Shakespeare-Stücks in neuer Weise lesbar zu machen. Auch über diese Inszenierungen gab es längere Auseinandersetzungen im Forumsbereich von nachtkritik.de.

Last but not least, die Berliner Volksbühne, Darling und Debattendauerbrenner auf nachtkritik.de. Den großen Schlussakkord der Intendanz von Frank Castorf, seinen frei komponierten "Faust" nach Goethe (und Emile Zola und zahlreichen anderen), trug die Wählerschaft des virtuellen nachtkritik.de-Theatertreffens ins Final-Tableau. Castorf, Milo Rau und Signa sind die Künstler*innen, die bereits beim Berliner Theatertreffen vertreten waren. Sie geben hier die Rolle des FC Bayern München oder der Borussia aus Dortmund, also der Dauer-Champions, die noch aus jeder DFB-Pokalschlacht irgendwie siegreich hervorgehen.

(chr)

Hier die Nominierungen, aus denen in diesem Jahr gewählt werden konnte, inklusive Nominierungsbegründungen.

Mehr zu den Gewinnern der letzten Jahre: Ergebnis 2017, Ergebnis 2016, Ergebnis 2015, Ergebnis 2014, Ergebnis 2013, Ergebnis 2012, Ergebnis 2011, Ergebnis 2010 und Ergebnis 2009.

Kommentare

Kommentare  
#1 nk-TT Ergebnis: StimmanzahlStatistiker 2018-01-26 09:45
In den vergangenen Jahren habt ihr auch die jeweiligen Stimmanzahlen, die auf die jeweiligen Inszenierungen entfielen, veröffentlicht. Aus Gründen der Transparenz wäre es schön, wenn ihr die nachliefern könntet.

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Lieber Statistiker,

wir haben uns in dieserm Jahr für die Präsentation eines Tableaus der zehn Inszenierungen mit den meisten Stimmen entschieden, ohne Abstufungen. Wie viele Leser*innen für die einzelnen Inszenierungen votierten, werden wir daher nicht preisgeben.

Herzlich
miwo / Redaktion
#2 nk-TT Ergebnis: TautologieStatistiker 2018-01-26 11:55
Sehr geehrte*r miwo, Ihre Schlussfolgerung ist tautologisch. Sie geben die Anzahl der Stimmen nicht preis, daher geben Sie die Anzahl der Stimmen nicht preis. Eine Begründung kann ich darin nicht erkennen. Ich finde das schlicht arm, an dieser Stelle die Transparenz zu verweigern. Eine Wahl ist eine Wahl, und hinterher möchte man wissen, wie viele Stimmen jeder bekommen hat. Bei der Bundestagswahl wird auch nicht einfach eine Regierung gebildet, ohne das man wüsste, wie viele Stimmen die Parteien bekommen haben. Ich bin enttäuscht!

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Lieber Statistiker,

wir möchten, anders als in den letzten Jahren, die 10 Inszenierungen mit den meisten Stimmen als gleichwertige Gewinner nebeneinander stellen. Wer erster, zweiter, dritter ... ist, soll keine Rolle spielen.

Viele Grüße
miwo/Redaktion
#3 nk-TT Ergebnis: GlückwunschUdo Eidinger 2018-01-26 12:12
Glückwunsch nach Wuppertal!
#4 nachtkritik-Theatertreffen: Gesamtstimmen?Hans Wegener 2018-01-26 15:37
Schön!
Kleine Theater sind, anders als beim „großen“ Theatertreffen mal vorn.
Ich verstehe gut, dass sie keine Platzierung nennen, anders als beim letzten Jahr. Aber wieviele gesamt abgestimmt haben, würde mich schon interessieren.

(Liebe*r Hans Wegener, es steht im Vorspann: "Abgegeben wurden 11.966 Stimmen." MfG, sd/Redaktion)
#5 nachtkritik-Theatertreffen: irrelevantMarc 2018-01-26 16:48
12.000 Stimmen? Wenn dann die "Auserwählten" auf allen möglichen Computern 10 mal für sich selbst gestimmt haben und nebenbei da und dort noch ein Kreuz... - reden wir doch ehrlicherweise von unter 1.000 Menschen, die abgestimmt haben. Das ist in einem mittelgroßen Theater in Deutschland bei vollem Saal eine einzige Vorstellung. Schon relevant, das Forum hier. Hahaha.
#6 nachtkritik-Theatertreffen: RechnungGrrlll 2018-01-26 16:58
Also zwischen 1200 und 11.966 Wählern.
#7 nachtkritik-Theatertreffen: politisches TheaterTobias 2018-01-26 17:01
Glückwunsch nach Münster und die Teams von Stefan Otteni. Das ist wirklich spannendes politisches Theater was da gemacht wird. Jetzt wird's Zeit daß der mal ein eigenes Haus kriegt.
#8 nachtkritik-Theatertreffen: Erläuterung*Maria Mayer-Szilágyi 2018-01-26 18:15
Liebe*r MfG, sd/Redaktion,

ich würde gerne wissen, was die Ansprache "Liebe*r Hans Wegener," in Ihrer Antwort an Hans Wegener bedeutet. Ich habe diese Form Ansprache bisher noch nie und nirgends gelesen.

(Liebe*r Maria Mayer-Szilágyi, da man bei uns anonym kommentieren kann und wir unsere Kommentator*innen deshalb im Regelfall nicht persönlich kennen, schließen wir nicht von ihren Namen auf ihr Geschlecht. Mehr dazu hier: de.wikipedia.org/wiki/Gendergap_(Linguistik). MfG = mit freundlichen Grüßen, die ich jetzt auch Ihnen sende, sd = Sophie Diesselhorst / Redaktion)
#9 nachtkritik-Theatertreffen: Austricksmöglichkeit?Straßenköter 2018-01-26 18:15
#5 - Also ich habe ja keine Ahnung von diesen Dingen, aber kann man nicht über Tor seine IP-Nr. linken und dadurch endlos abstimmen, wenn man lustig ist und nichts anderes den ganzen Tag zu tun hat, als seinen IP zu vermummen???
#10 nachtkritik-Theatertreffen: ÜbereinstimmungOlaf 2018-01-26 21:00
Was Berlin betrifft, vollste Übereinstimmung; Faust und Lenin. Das waren Höhepunkte im letzten Jahr. Wer welchen Platz hat, ist wirklich egal. Eine schöne Auswahl, auch wenn ich den Rest nicht kenne. Signa würde ich gern zum TT sehen. Was passiert wohl, wenn Castorfs Faust auch zum TT18 eigeladen wird?
#11 nachtkritik-Theatertreffen: AbstimmungOlaf 2018-01-26 21:04
PS, Marc
ich habe 9 Inszenierungen gewählt, die ich gesehen habe und das nur einmal. Falle ich da aus Ihrer Rechnung? Fehlen immerhin 9 Stimmen in ihrem Plan. Die Neue Volksbühne habe ich nicht gewählt, obwohl gesehen. Egal. Hier geht es mir zu sehr um Rechnungen und Anzweiflungen derjenigen, die bestimmt auch nach ihrem System abgestimmt haben und nun enttäuscht sind.
#12 nachtkritik-Theatertreffen: gutes SignalRenate H. 2018-01-27 11:51
Ich habe auch mehrere Inszenierungen gewählt, aber vor allem die, die ich selber gesehen habe, also Hamburg und Ruhrgebiet. Und ich bin froh, dass meine Favoriten (also die beiden hervorragenden Münsteraner Aufführungen und Signa) auch alle vertreten sind. Dass politische Inszenierungen wieder mehr Zuspruch finden in der Gesellschaft ist ein gutes Signal. Man kann nur hoffen, dass das analoge Theatertreffen sich mit seiner Auswahl nicht wieder auf "interessante Ästhetiken" zurückzieht.
#13 Einladungen tt18: Schalke, Dortmund und OtteniMaria Hilf 2018-01-30 21:26
"Castorf, Milo Rau und Signa sind die Künstler*innen, die bereits beim Berliner Theatertreffen vertreten waren. Sie geben hier die Rolle des FC Bayern München oder der Borussia aus Dortmund, also der Dauer-Champions, die noch aus jeder DFB-Pokalschlacht irgendwie siegreich hervorgehen."

Otteni dann Schalke 04? Wann wurde Dortmund eigentlich das letzte Mal Meister?

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