Kritik des Popolismus

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Januar 2018. Es beginnt schleppend. Aber sobald man meint, die Chose aus "Fickschreiße" und "Schreißefick" nicht mehr auszuhalten, zieht Regisseurin Claudia Bauer am Schauspiel Leipzig vollends vom Leder. Ihr "König Ubu" schaukelt sich zur göttlichen Groteske hoch, um schlussendlich zum Abgesang auf den Fortschrittsglauben und die Hoffnung auf den automatischen Siegeszug der Vernunft zu werden.

Das Plot dieser Verschmelzung von Alfred Jarrys "König Ubu" mit Simon Stephens "Ubus Prozess" um den dumm-dreisten Potentaten ist schnell skizziert. In Polen putscht sich Ubu durch Königsmord an die Macht, lässt den halben Hofstaat hinrichten und erlegt dem Volk neben physischen Grausamkeiten auch noch ein horrendes Steuersystem auf. Mit im Boot hat er seine nicht weniger gierige Gemahlin. Als Russland Ubu den Krieg erklärt, zieht er aus, während in Polen das Volk aufsteht. Vernichtend geschlagen, rettet sich das Paar in die Flucht – zunächst. Vorm Internationalen Gerichtshof wird ihnen der Prozess gemacht.

Gräuel und Video

Auf zwei ihrer typischen Stilmittel will die Leipziger Hausregisseurin Bauer auch hier nicht verzichten: Masken und Handkameraprojektionen. Setzte Jarry in der Uraufführung 1896 auf ungewöhnliche Theaterästhetik und den Bruch des Konventionellen, so folgt sie ihm darin, aber nicht in Kopieform. Bei Jarry waren es Kostüme und Masken. Bauer lässt die Schauspielerkörper selbst zu Masken werden, die sich – geschult an Stumm- und Slapstickfilmen – in absurden Verrenkungen und mit gestischen Ticks bewegen. Die Handkamera kommt in einem halbtransparenten Kubus in der Bühnenmitte zum Einsatz. Darin liegt nackt Ubu, als das Publikum eintritt, die Projektion seines abgefilmten Körpers wird auf dem Kubus sichtbar. Der ist Ubus Zelle, die Anklageschrift gegen ihn wird verlesen. Übermächtig und maßlos erscheint dieser Ubu (Roman Kanonik). Danach spult sich wie in einer Rückschau das Wüten und Morden des Paares Ubu ab.

Ubu3 560 RolfArnold uDie hecken etwas aus: Roman Kanonik und Julia Preuß als Vater und Mutter Ubu © Rolf Arnold

Das nun – in pinker Kostümierung vor goldener Tapete – Folgende wirkt wie ein Erproben, ob Jarrys Text noch funktioniert. Seine Schimpfwortkakophonie wird um ein paar moderne Wendungen erweitert, bleibt aber ohne Effekt. Auch das Arschzeigen – ein Fingerzeig auf den Popolismus? – und das Verspritzen brauner Klumpen mit einer Klobürste sind ermüdend. Die Schauspieler staksen über die Bühne, es schleppt sich, bis der polnische König endlich tot ist. Unter den Darstellenden befindet sich vier Mitglieder vom Leipziger A-cappella-Quintett Voxid. Sie unterstützen gesanglich das Spiel, was als Verfremdungsidee funktioniert. Als sie mal ein ganzes Lied anstimmen, wird an der Schraube zum Nervfaktor heftig gedreht, weil mehr als ein Hauch von Musical aufkommt.

Irrwitz und Aufklärung

Dann erreicht der zweistündige Abend plötzlich seinen Kippmoment. Der souverän vor keiner Peinlichkeit zurückschreckende Roman Kanonik – er spricht den Saal verlassende Zuschauer schon mal direkt an – brilliert in einer irrwitzigen Klavierszene und mischt jetzt Angst in die grelle Zeichnung seines Ubu. Er betätigt die tiefen Töne: Das sei der böse Russe. Die hohen Töne: er, Ubu, das harmlose Vögelchen. Und das spielt er dann rauf und runter, die kommende Katastrophe akustisch vorwegnehmend. Ebenso grandios ist Julia Preuß als Mutter Ubu. Sie schiebt die Hüfte beim Gehen vor, wackelt dabei immerzu mit den Armen, und beherrscht das zu Satzfetzen verzogene Sprachspiel perfekt. Und beide lassen den anderen Darstellenden genug Raum, damit auch diese gute Figur machen können im grotesken Reigen.

Ubu1 560 RolfArnold uEin Königreich für ein Video. Bühne: Andreas Auerbach © Rolf Arnold

Claudia Bauer gelingt nicht nur ein ansehnlicher Abend. Er zeitigt auch politische Anklänge, ohne unter Aktualisierungszwang zu leiden. In Zeiten von unverhohlenem atomaren Säbelrasseln, dem Rechtsruck in Europa, der AfD, den Gidas und steigendem Antisemitismus und Rassismus in Deutschland wäre ein direkter Hinweis oder Kostümdreh darauf gerade am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust leicht gewesen. Allzu leicht. Die Gefahren von maßlosem politischen Willen, von Populismus und Machtgeilheit, Gier und Menschenhass sprechen auch so aus dem Stück. Und wenn sich Ubu am Ende wieder in den Gerichtshofkäfig zurückzieht, gibt er zu denken. Die Historie sei keine Fortschrittsgeschichte, keine Entwicklungslinie der ansteigenden Vernunft, schreit er in die nun leere Bühne, als sich der Eiserne senkt. Das kann als Warnung aufgefasst werden, denn die Menschen haben immer die Wahl, den Ubus der Welt zu folgen oder eben nicht. Es ist, wie Zygmunt Bauman sagt: "Entweder reichen wir einander die Hände – oder wir schaufeln einander Gräber."

 

König Ubu / Ubus Prozess
by Alfred Jarry / Simon Stephens
Deutsch von Marlis und Paul Pförtner / Barbara Christ
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Vanessa Rust.
Mit: Wenzel Banneyer, Max Hubacher, Roman Kanonik, Denis Petković, Julia Preuß, Florian Steffens, Daniel Barke, Diana Labrenz, Maike Lindemann, Friedrich Rau.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Claudia Bauer gelinge es, die Stoffe von Jarry und Stephens fließend zu verweben, ohne ästhetische Brüche, schreibt Dimo Riess in der Leipziger Volkszeitung (29.1.2018). Konsequent schrill ausgemalte Szenen im Sinne Jarrys zögen vorbei, getragen von einer konstruierten Gestik und Bewegungssprache, bizarren Kostümen und einer fokussierten Bühne, so Riess. Ein hinreißender "grenzdebiler Eiertanz", großartig besetzt. Grotesk karikierte Gestalten bevölkerten die Bühne, "einfältig schrullige Comic-Wesen mit übersteigertem Ausdruck", "aber der pychologische Kern ihres Antriebs schimmert doch sichtbar durch die Hülle". Von Gier getrieben, den Verstand ruhig gestellt, seien sie nicht einfach böse oder psychopathisch, sondern verschanzten ihr Gewissen hinter Schutzbehauptungen. "Die Zeiten machen es der Inszenierung leicht, aus dem über 120 Jahre alten Stoff den Fingerzeig auf egomanische Zeitgenossen abzuleiten", bemerkt Riess Verweise auf Trump oder Putin. Insgesamt zeichneten Bauer und das glänzende Ensemble "ein stimmiges, ein zeitloses Bild".

"Rhythmik und Timing sind über den zwei Stunden langen Abend wirklich perfekt", lobt Stefan Petraschewsky von MDR Kultur (29.1.2018) insbesondere die "exzellente Ensembleleistung". Geschickt verzahne Bauer die beiden Stücke: Jarry lasse sie "wie im Original als Groteske spielen", für Stephens’ Szenen am Gerichtshof wechsle die Spielweise ins Realistische. Ubu werde "plötzlich schlau" und hinterfrage den Sinn des Gerichts. Menschenrechte? "Ist doch alles nur Unterhaltung für Menschen, die Bildung und Aufklärung hochhalten", schreibt Petraschewsky. "Und plötzlich ist Licht im Zuschauerraum. Das Publikum nimmt als Öffentlichkeit an der Gerichtsverhandlung teil. Und schweigt. Ubus Anschuldigen sitzen also."

"Als schriller, schier endloser Witz" gehe Jarrys "König Ubu" über die Bühne, drastisch und mit übertriebener Stummfilmmimik, schreibt Ute Grundmann in der Sächsischen Zeitung (29.1.2018). Über das Wort "merdre" rege sich heute niemand mehr auf, anders als bei der Uraufführung 1896. "Aber vielleicht über einen Massenmörder, der sich seiner Taten brüstet, dabei ungestraft bleibt und immer nach mehr Blut und Geld giert?" Das Wort "Lügenpresse" falle und Ubu äußere vor dem Tribunal den Mielke-Satz "Ich liebe doch alle Menschen", bemerkt Grundmann: "So setzt die Regisseurin kleine Widerhaken, an denen sich Ähnlichkeiten, Parallelen zur heutigen Realität festhaken können." Nerve das überzogene Spiel bisweilen, fügten sich im Schlussteil die Elemente der Inszenierung wie die Teile eines Puzzles ineinader: Während sich Ubu fluchend und drohend weiterhin mit seiner Macht brüste, "breitet sich der kalte Schrecken seiner Taten und der anderer Diktatoren aus".

 

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