Pseudoattitüden der No-Go-Generation

von Georg Petermichl

Wien, 13. Juni 2008. Mitten im Reich der Retromanie, zwischen eingesessenem Jugendkult und anschleichender Bürgerlichkeit, plustern fünf Thirtysomethings ihr bisschen Weltschmerz und die verbleibende Lethargie zur Apokalypse auf: King Lear ist in der schmeichelweichen Einbauwohnzimmergummizelle hängen geblieben.

Ausstatterin Janina Audick hat den beigen Spannteppich auch über gefährliche Stufenecken fließen lassen. Stofftiere warten geduldigst auf einem Opferhaufen. Ein Roundtable auf antiautoritär gealterte Sprösslinge. Ein paar Sekundärbühnenquadratmeter auf kreatives Kritikverhalten. So wirklich hart kann hier niemand mehr aufknallen. Und doch haben sich die fünf zu Ehren ihres Vaters entschlossen, die Tragödie der majestätisch fallenden Vaterfigur durch die Mangel zu drehen. Versinken, das ist allerdings nur den Highheels im Teppichfilz vorbehalten.

Geschichten aus der Neobohème 

Die Geschichte wird mit Augenverdrehen schon in den ersten Bühnenminuten in ein Standmikro gemäkelt: In seiner Suche nach Totalverehrung verzockt König Lear das Reich ans sinnentleerte Liebesmauscheln seiner beiden Rabentöchter Goneril und Regan, lässt seinen Lieblingsspross Cordelia mit ihrer ehrlichen Sprachlosigkeit untergehen. Dank dieser Fehlentscheidung bleibt er ganz glorios samt Altkönigsehren im Regen stehen.

Im stürmischen Niemandsland wird er verrückt. Seine Ausnüchterung meistert er königlich; sie verhindert aber den gründlichen Exodus nicht. Alle tot. Auch der Narr. Lear stirbt – Nasenrümpfen im Kollektiv – an gebrochenem Herzen. Über all dem thront das Zitat, von einer "Miss Shakespeare" zurecht gestutzt: "This HOT night will turn us to fools and madSLUTS." Hier wartet also ein rasanter, jetztbezogener Shakespearekommentar.

Seit 2001 nimmt die Schweizer Regisseurin Barbara Weber, u.a. mit ihrer "unplugged"-Serie, die archaische Energie aus großen Erzählungen, verpflanzt sie in die Neoboheme der Allroundverweigerer. Passend dazu wird ihre neueste Textbearbeitung an einem Ort gezeigt, der in den letzten Jahren vom Wiener-Festwochen-Programm gemieden wurde: Mit Saisonbeginn haben Haiko Pfost und Thomas Frank das "brut" im Künstlerhaus zu einem zeitgemäßen Koproduktionshaus aufgerüstet.

Zeigen, wo der Zuneigungshammer hängt 

Als Vertrauensbekundung lassen die Festwochen dort mit Webers "Die Lears" die insgesamt siebte Produktion steigen. Generationskonflikt – ein schleichender Vatermord? "Denk an die Ponys und das Austauschjahr in Amerika!" wird Rahel (Hubacher) von Michi (Michael Haves) ausgerichtet. Er gehört als MC zum guten Gemeinschaftston. Sie hat sich als augenkullerndes Püppchen in Petticoat – Cordelia – gerade um eine Liebesbekundung an Sebastian (Rudolph) "König Lear" gedruckst. Noch hat dieser seine Haare zur Königskrone vorgekämmt.

Als tänzelndem Kraftmeier sind ihm derzeit Anne (Ratte-Polle) als Goneril und Yvon (Jansen) als Regan lieber. Erstere ergibt sich, in violette Tussiseide gehüllt, dem Hauch totaler Ergebenheit. Zweitere steckt burschikos im Pailletten-bestickten Etuikleid und macht klar, wo der Zuneigungshammer hängt. Kurz danach sitzen beide beim pikierten Kuchenkränzchen und lästern ab: Der König soll seine exaltierten Schlagzeugwirbel woanders ablassen.

Abmarschbefehl ins Altersheim 

In der Folge wechseln die Lear-Charaktere zwar ihre Schauspielerhüllen, und Originaltextzitate zerschellen am Alltagsduktus – die Machtverteilung bleibt aber ein Familienrollenerbe. Schließlich haben die fünf ihrem Vater und auch dem Onkel Luis was auszurichten: In Shakespeares Stoff schlummert ein Gleichnis von der Stumpfsinnigkeit einer altvorderen Generation. Und parabelhaft dazu, wollen sie ihre eigene Jugend feiern. Der Verweis auf die selbstgefühlte Aufgeschlossenheit soll zittrig-infantil und möglichst hinterrücks die alte Riege beim Altersheim anmelden.

Für diesen Abmarschbefehl haben sie auch gleich einen samtig schmetternden Synthesizerteppich komponiert. Barbara Weber lässt ihren Festwochenbeitrag unterhaltsam pulsieren, stattet ihn mit ausdrucksstarken Bildern aus. Das Ensemble, allen voran Anne Ratte-Polle, spielt großartig, tunkt jede Figurenfassette in den Trotztiegel einer abgeklärten, multioptional gelangweilten, und mit Pseudoattitüden ausstaffierten No-Go-Generation.

Und trotzdem findet man in dieser Neubearbeitung kaum noch Ankerpunkte für ein ernstzunehmendes Moralkonzept. Wenn auch das immerwährende Thema Generationskonflikt dank Boulevardpolitur entstaubt wird, so fehlt jedoch genau hier eine annehmbare Selbsteinschätzung: "Niemand auf der Welt hat je so verdreht gedacht wie wir!" flüstert am Schluss ein Stofftier dem anderen zu. – Spätestens da aber hat das Publikum endgültig vergessen, wem es sein Mit-Leid eigentlich schenken müsste. Dem aufgeblätterten Seniorenclub? Den agierenden Couchrebellen? Letztlich sehen sie alle ein wenig alt aus.


Die Lears
ein Schauspielprojekt nach William Shakespeare
Inszenierung: Barbara Weber, Ausstattung: Janina Audick, Live Musik: Michael Haves. Mit: Rahel Hubacher, Yvon Jansen, Sebastian Rudolph und Anne Ratte-Polle.

www.festwochen.at

Kritikenrundschau

Barbara Weber betreibe zwar erfolgreich Mythenzersetzung, meint Margarete Affenzeller im Standard (16.6.), bei König Lear aber sauge sie "derart viel Fett" ab, "dass am Ende ihrer Festwochen-Inszenierung nichts als eine recht magere Kinderzimmerparty" herauskomme. Das große Übel Lears sei tatsächlich "die Doppelbelastung als Staatsmann und – als Herr Papa", doch Weber erkläre "die Tragödie zum reinen Familiendrama, in dem sich die Kuschelecke ... als genauso tödlich erweist wie die ostenglische Heide. Die Reduktion aufs Kinderzimmerformat entleert das Drama aber. Es wird beliebig."

90 Minuten Geblödel auf hohem komödiantischen Niveau" hat Norbert Mayer von der Presse (16.6.) in Barbara Webers "Die Lears" gesehen. "Lear" sei "zur Soap verkommen, zur Familienaufstellung für die frühe Midlife-Crisis." Die uralte Tragödie wirke hier "wie professionelles Kasperltheater": Man lebe vom Klamauk. "Wenn man das akzeptiert hat, genießt man einen Abend voller Spiellust, mit exzellenten Darstellern."

"So viel Unverfrorenheit hat man bei den Wiener Festwochen in diesem Jahr noch nicht gesehen", konstatiert Stephan Hilpold in der Frankfurter Rundschau (16.6.) angesichts von von Barbara Webers "Die Lears". "Was als Familienchose im Wohnzimmer beginnt ..., wird zu einer Verwurstung des Shakespeareschen Altersdramas." Von Shakespeare klaue sich die Regisseurin die Geschichte, vom Feuilleton hole sie sich "die neuesten Diskussionen rund ums Thema Generationenkonflikt und aus Pop und Fernsehen die Mittel, wie sie die bunte Familienschlacht auf die Bühne bringt." Der Lear kümmere sie "dabei nicht wirklich, er liefert das Rohmaterial – nur: Was genau man mit den komischen Alten machen soll, das weiß auch Weber nicht."

Christopher Schmidt, er schreibt in der Süddeutschen Zeitung (18.6.), kann dieser "Lear-Travestie mit den Mitteln der Soap-Opera" nichts abgewinnen. Für ihn handelt es sich um einen "Übergriff der Blogger-Mentalität aufs Theater", Barbara Weber formuliere ihre Einwände gegen Luc Bondys King Lear-Inszenierung mit Gert Voss "szenisch". Und erfülle damit "brav den Generationenvertrag", die Jungen müssen gegen die Alten sein, "um sich abzunabeln". Weber begehe also einen "künstlerischen Vatermord", das sei "ebenso insiderisch wie narzisstisch". Im Übrigen halte sich der Abend "am Inventar einer Theaterästhetik" fest, die "etwas zwanghaft auf ihrer popkulturellen Zeitgenossenschaft herumtrampelt". Dieser "affirmative Anti-Lear" sei in den "Neunziger Jahren steckengeblieben" und "unfähig, aus eigener Kraft zu bestehen". "Wer so ungeniert die Erkennungszeichen seiner Generation bedient, verwandelt sich in deren unfreiwillige Parodie."

 

 

 

 

 
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