Tourneen der German Angst

von Harald Raab

Heidelberg, 9. Februar 2018. Bar und Show-Room mit Laufsteg: "Mesdames et messieurs, ladies and gentlemen, meine Damen und Herren!" Revue-Time im Theater Heidelberg. Stargast ist ihre Majestät die Angst, ein sehr umtriebiger, diffus-schillernder Zeitgeist-Herrscher. Geboten ist ein zerbrochener Spiegel. Die Scherben soll das verehrte Publikum in sich selbst aufsammeln. In Thomas Arzts neuem Stück "Die Anschläge von nächster Woche" spielt das Angstgefühl die alles beherrschende Rolle, parfümiert mit moralischem Alarmismus.

Tempo, Tempo!

Furcht oder Angst? Regisseurin Brit Bartkowiak lässt diese Erscheinung vielgestaltig auftreten – Tempo, Tempo – eine Nummer jagt die andere. Bühnenebel, Lichteffekte. Nervenkitzel, hochgepusht von einem Showmaster, dem Magier Tartini (Domenik Lindhorst-Apfelthaler). Der lässt die Puppen tanzen, auch zum Trommelschlag der rechten Marschierer. Trotzige Endzeitstimmung. Dazu das Lied: "Der Mensch legt wieder Blumen nieder / Sehnt die alte Zeit zurück / Er rückt zusammen endlich wieder / In der Masse nicht allein ..." (Musik: Ingo Schröder).

Der verführerischen Faszination des Populisten Tartini erliegt auch die brave, auf Heimchen am Herd getrimmte Eva (Maria Magdalena Wardzinska). Sie strippt in schwarzen Dessous mit Strapsen und kniet mit verbundenen Augen zum Sado-Maso-Spielchen bereit, vor ihrem Dominus, der ihr das Messer an der Kehle drückt.

Anschlaege3 560 Sebastian Buehler uDompteur der Angst-Massen: Domenik Lindhorst-Apfelthaler als Magier Tartini © Sebastian Bühler

Die sinistere Szene einer schwarzen Messe à la "Eyes Wide Shut" darf nicht fehlen. Dazu flattern Flugblätter in den Zuschauerraum. "Ordnung", "Ruhe", "Heimat" ist auf Demonstrationstafeln zu lesen. Die Zuschauer sehen sich in einer breiten Spiegelwand, Motto: Erkenne dich selbst. Wir sind das Volk – von Angst geschüttelt, verführt zur dumpfen Abschottung. Pistolenschüsse knallen – ein hoffnungslos überforderter Verfassungsschützer bei der Arbeit.

Derart flott aufgepeppt nimmt das Stück mit auf eine Zeitreise, die vom Endpunkt her rückwärts erzählt wird. Da ist Armin (Martin Wißner), ein Lichttechniker auf diversen Tourneen der Angst-Revue. Zufälligerweise oft dort, wo Terroranschläge passieren, etwa am 13. November 2015 in Paris, am Boulevard Voltaire. Ein Jahr später spricht ihn Franz Göttinger vom Verfassungsschutz (Hendrik Richter) in einem Lokal an. Es ist die Silvesternacht, in der in Köln Übergriffe auf Frauen passieren werden.

Die große Angst-Revue

Armins Bewegungsprofil macht ihn höchst verdächtig. Wer sind seine Hintermänner? Was hat es mit seinen Auftraggebern Michailov (Friedrich Witte) und Tartini auf sich? Geht es wirklich nur um die perfekte Licht-Inszenierung in der populistischen Schau oder doch um die große Explosion, den nächsten Terroranschlag? Und da ist auch noch Eva, die Braut Arnims. Sie steht für ein anderes Megathema des Autors, für Heimatsehnsucht mit Familienwunsch. Die geheimnisvollen Reisen ihres Liebsten und die viele Kohle für einen Hiwi-Job machen sie misstrauisch.

Alle Action-Register werden gezogen, um den eigentlich simplen Text des Stückes aufzumischen. Bartkowiak arbeitet in ihrer Konzeption das Bruchstückhafte dieses Verwirrtheaters heraus. Es gibt keinen verlässlichen Erzählfaden mehr. Alles fließt ineinander, um wieder auseinanderzustreben und sich im Irgendwo zu verlieren. Die Figuren reden aneinander vorbei, sind Gefangene ihres Tunnelblicks auf eine Realität, die es gar nicht mehr zu geben scheint.

Anschlaege4 560 Sebastian Buehler uImmer dort, wo der Terror ist: Martin Wißner als Lichttechniker Armin und Domenik Lindhorst-Apfelthaler als Magier Tartini © Sebastian Bühler

Die Auflösung, um was es denn überhaupt geht, erfolgt erst ganz am Schluss mit einem Statement des Geheimdienstmannes: "Kennen Sie den Unterschied zwischen Angst und Furcht. Die Angst ist das, was da ist, ohne dass wir wissen, warum es da ist. Keine klare Analyse, kein Objekt, worauf sie sich bezieht. Eine sehr schwammig Angelegenheit, so eine Angst."

Soziopsychologische Analysen auf der Theater-Couch sind Thomas Arzts Spezialität. Er will mit (scheinbar) realistischem Erzähltheater der Gegenwart auf die Schliche kommen. Sprachästhetisch ist der Autor ein Purist. Seine Sätze sind knappsten Zuschnitts, brechen oft mittendrin ab. "Mir ist die Sprache davongehetzt", heißt es entschuldigend.

Die Moral von der Geschicht': German Angst ist unser ständiger Begleiter, wächst exponentiell und hat überhaupt eine blühende Zukunft. In der narzisstischen Selbstoptimierungsgesellschaft mit ihrem Individualitätsfetischismus ist sie immer mehr der einzige gemeinsame Nenner, die letzte Gemeinsamkeit der Egosurfer. Dieses Phänomen einer Angst, die sich stetig potenziert, als Angst vor der nächsten Angst, arbeiten das Stück von Thomas Arzt und die Inszenierung von Brit Bartkowiak mit viel Spektakel eindrucksvoll heraus.

 

Die Anschläge von nächster Woche
von Thomas Arzt
Uraufführung
Regie: Brit Bartkowiak, Bühne und Kostüme: Nikolaus Frinke, Musik: Ingo Schröder, Dramaturgie: Jürgen Popig.
Mit: Martin Wißner, Maria Magdalena Wardzinska, Hendrik Richter, Friedrich Witte, Dominik Lindhorst-Apfelthaler.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Stück zur rechten Zeit im doppelten Wortsinne" lobt Volker Oesterreich in der Rhein Neckar Zeitung (12.2.2018). "Ein Plot, der nach einem geradlinigen Krimi klingt, aber so einfach ist Thomas Arzts Rezeptur nicht." Weder werde am Ende ein Täter geschnappt, noch reiche der Autor ein Heilmittel gegen die Angst. Brit Bartkowiak unterstreiche die Gefahr in ihrer Inszenierung mehr als deutlich: "Sie schlittert souverän auf dem Glatteis der Andeutungen, die ihr der Text liefert."

"Für zeitgenössische Dramatik rührend altmodisch" sei die Struktur von Thomas Arzts Stück, schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (12.2.2018). Auch die sprachliche Finesse halte sich in Grenzen. Brit Bartkowiak schaffe für seine "nebulöse Handlung, aus der wir nicht schlau werden sollen, den Weg eines nahezu altertümelnden Bühnenrealismus im Showformat". Schlecht sei das nicht, aber "zu schnell begreifen wir, dass wir hier keine Gewissheiten bekommen."

 
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