Wem der Volksmundgeruch stinkt

von Valentina Tepel

Wiesbaden, 10. Februar 2018. Ein grandioser Krieger, durch und durch, das ist er, Michael Birnbaums Coriolan! Gerade noch als Retter gefeiert, soll er nun zum Konsul ernannt werden. Doch alles, was er zu dem frenetischen Jubel zu sagen hat, ist: "Ich gehe mir die Hände waschen." Wie ein störrisches Kind reagiert er auf die Provokationen der Volkstribune Brutus und Sicinius, findet das Volk eigentlich schlicht zu blöd und will auch sonst lieber mit seinem Holzschwert rumfuchteln als große Reden schwingen. Das Ende vom Lied: "Nicht jeder Held ist auch ein Herrscher."

Coriolan und die Kinder der Nacht

Shakespeare hat in seinen Römischen Tragödien "Coriolan", "Julius Cäsar" und "Antonius und Cleopatra" mit gnadenloser Skepsis das Verhältnis von Herrschaft und Volkswillen ausgeleuchtet. Und seine Konstellationen haben an diesem Abend im Kleinen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden nicht eine Prise Aktualität verloren. Aus Shakespares Vorlage schuf John von Düffel einen neuen Textkomplex, mit den drei Teilen "Verachtung", "Verschwörung" und "Verführung". Überzeugend fokussiert Düffel darin auf die Spannungsverhältnisse der Demokratie. Die Figuren oszillieren zwischen persönlicher Moral und kollektivem Bewusstsein, zwischen Macht und Liebe, zwischen den Normen der Politik, der Religion und dem Volkanspruch. Und sie halten dabei kaum die Waage.

roemische trilogie 560a KarlMonikaForster uUnter dem kaputten Kirchenfenster: Christina Tzatzaraki, Michael Birnbaum und Kruna Savić reisen mit Shakespeare/John von Düffel ins antike Rom © Karl Monika Forster

Regisseurin Beka Savić hat Coriolan und die anderen zornigen Kinder der Nacht im ersten Teil "Verachtung" in einen dunklen kühlen Raum gesetzt. Im düsteren Mondlicht scheinen sie aus ihren Ecken zu kriechen, um umeinander zu buhlen, gegeneinander zu hetzen oder sich zu schlagen. Ein kaputtes Kirchenfenster wirft übergroß seine Schatten auf die Figuren, die Bühne bleibt durchweg sehr dunkel. Susanne Füller und Matthias Schaller haben ihre Bühnenkonstruktion und die Kostümwahl der Figuren sorgfältig in Schwarz- und Blautönen aufeinander abgestimmt, was die Zeitlosigkeit der Figuren verstärkt. Ein Gerüst und ein in der Luft hängendes Klavier sowie monotone Orgelklänge vollenden die schummrige Kirchenatmosphäre.

Die Kreuzigung des Julius Cäsar

Aus der hysterisch aufgeladenen Situation einer aufmüpfigen Jugendclique rund um Coriolan entwickelt sich im zweiten Teil "Verschwörung" eine schonungslos ernste Wortgewalt. Denn der Lauf der Zeit hat sich nicht geändert. Die Krankheit ist nicht ausgestanden, sie ist lediglich in einem anderen Stadium, wie der Brutus von Janning Kahnert weise betont. Kahnerts Brutus ist ein junger Zweifler, im Herzen seinem Herrscher Julius Cäsar loyal und doch so herzzerreißend rebellisch. Der "Volksmundgeruch" stinkt, sagt Brutus, weil das Volk sich von Usupatoren blenden lasse. Dem sucht er abzuhelfen.

Brutus will die Freiheit für sein Volk, will den Volkswillen verkörpern. So muss Cäsar, der die Alleinherrschaft anstrebt, sterben. Und das ziemlich dramatisch. Da liegt der einstige Tyrann erst nackt und tot auf dem Boden, hängt dann nackt und tot an der Decke, umarmt von jener Wahrsagerin, die sein Unheil voraussah und jetzt mit ihm zu einem grotesken Kreuzigungskunstwerk verschmilzt, plakativ verstärkt durch die Marienstatue, die danebensteht. Dennoch wirksam, denn unter all dem Blut lauert die unausgesprochene Frage, die der Zuschauer mit in die Pause nehmen kann: Wie weit darf man gehen, um die Demokratie zu schützen?

Antonius und Cleopatra im Korsett der Leidenschaft

Sind die ersten beiden Teile von Savić klug gerafft inszeniert, so erschöpfen sich die gut dreieinhalb Stunden dieses Abends im letzten Teil "Verführung". Mit statischen Gesten spielen sich die Schauspieler*innen durch den Schaden, den ihre Figuren angerichtet haben: Paul Simon als hyperagiler Octavius läuft hektisch auf und ab und kommt doch nicht von der Stelle. Karoline Reinkes Octavia ist fast genauso verwirrt, strauchelt in ihren hübschen Kleidern hilflos tänzelnd durch den Bühnenraum. Doch es weht auch ein Hauch shakespearehafte Komik, wenngleich recht kalkuliert, vor allem im Liebesspiel von Kruna Savićs Cleopatra und Atef Vogels Eros – ein diabolisches Duo voller Zorn, Zicken und Leidenschaft.

roemische trilogie 560b KarlMonikaForster uBei der Leichenschau: Paul Simon und Janning Kahnert © Karl Monika Forster

Und da ist dann wieder Michael Birnbaum, diesmal als Antonius, der zunächst in allerfeinster Populisten-Manier und monotoner Selbstgefälligkeit am Grabe Cäsars die vorangegangene Rede des Brutus mit monotonen Wendungen lächerlich macht. Birnbaum hat sich in seinen Figuren glanzvoll durch den Abend gekämpft. Facettenreich wie faszinierend ist er stolziert: erst als Coriolan, der tyrannische Kämpfer, dann als Antonius, der Diplomat, und zu guter Letzt als Antonius im Korsett der Leidenschaft, taumelnd zwischen der Verführung der Macht und der Verführung der Liebe zu Ägyptens Königin Cleopatra.

Beka Savićs durchgefeilte Inszenierung nimmt die zeitlose Tragik auf, die bei Shakespeare wie bei Düffel pulsiert. Mit subtilen Eingriffen formt sie einen Gedankenkomplex, der nicht immer frei von Sentimentalität ist, aber dennoch wirksam die Wurzeln der Demokratie, ihre Auswüchse, Gefährdungen und ihre Labilität offenlegt. Am Ende sind die Helden erschöpft. Allen voran Antonius. "Hier bin ich, Marcus Antonius, und kann nicht mehr ich sein", seufzt er.

 

Römische Trilogie
von John von Düffel nach William Shakespeare
Regie: Beka Savić, Bühne und Kostüme: Matthias Schaller, Susanne Füller, Dramaturgie: Laura Weber.
Mit: Michael Birnbaum, Kruna Savić, Janning Kahnert, Karoline Reinke, Paul Simon, Thomas Jansen, Atef Vogel, Christina Tzatzaraki. 
Dauer: 3 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Kritikenrundschau

Es sei "ein verständliches Experiment, die Gesetze von Macht, Manipulation, Männerbünden und Herrschaftsformen über mehrere Herrscher hinweg untersuchen zu wollen", schreibt Astrid Biesemeier in der Frankfurter Neuen Presse (12.2.2018). "Doch die Risiken, die mit starken Kürzungen einhergehen, zeitigen leider die typischen Nebenwirkungen: Auf der Bühne stehen holzschnittartige Figuren, die eher Thesen als Menschen aus Fleisch und Blut verkörpern."

John von Düffels "Römische Trilogie" entwickele in der Wiesbadener Inszenierung von Beka Savic "über weite Strecken Hochspannung, die hypnotisch hineinzieht in dieses komplexe Welttheater", schreibt Birgitta Lamparth im Wiesbadener Tagblatt (12.2.2018). Besonders stark arbeite Savic die Unterschiede zwischen Männern und Frauen heraus: "Hier die Kriegs- und Politspiele, dort die Wartenden, die sich in Sisyphosarbeit üben." Der dritte Teil distanziere sich "mit leichtem Humor, eher exaltierterem Spiel an der Rampe, auch der ein oder anderen Länge" vom Rest. "Gleichwohl: Das Konzept der Regisseurin geht auf."

 
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