Papiergoldkrone und Weltbelehrung

von Dirk Pilz

Hamburg, 14. Juni 2008. Am Schluss lässt es sich Stefan Bachmann dann nicht nehmen, hinter seine legere Inszenierung einen dicken Moral-Doppelpunkt zu setzen. Held Sigismund schreitet als glücklich Geläuterter von der Bühne und verkündet dem verdutzten Personal: "Seid edelmütig! Übt Nachsicht!"

Das hatte von Sigismund, dem Halbmenschen, wahrlich keiner erwartet. Denn unter einem Unstern geboren, ward er aus Angst vor der himmlischen Prophezeiung, er werde sich einst als schrecklicher Tyrann erweisen, von seinem Vater in einen weltentrückten Turm weggesperrt. Als aber die Zeit kommt und der Vater, König Basilio, seinen Thron räumen muss, will er die Himmelszeichen dann doch überprüfen.

Er lässt darum Sigismund im Schlaf aus seinem Turme holen und ihn als Fürst am Hofe erwachen, was dieser erwartungsgemäß als Chance begreift, sich als mordschänderischer Wüstling zu gefallen, so dass er abermals der Welt entzogen wird, bis Rebellen ihn befreien und er sich zum Edelherrn gewandelt hat, was hier heißt, sich in den Lauf der Dinge zu schicken und nicht länger gegen Schicksal, Gott und Vater zu schnauben.

Barocke Ordnung der Himmelsdinge

Sigismund, der sich unterwegs in die schöne Rosaura verliebt und am Vater dessen Unrechthandeln entdeckt, verzichtet um des Friedens und der Herzensbildung wegen auf seine große Liebe und alle Rache. Er verzeiht und dient somit der guten Sache, die bei Calderón immer eine Sache Gottes ist. Am Schluss lässt Calderón de la Barca also die barocke Ordnung der Himmels-Dinge erstrahlen, indem alle wieder auf ihrem zugewiesenen Platze sind: Gott im Himmel, der Thronfolger auf dem Thron. "Das Leben ein Traum" ist dabei auch ein Märchen mit eindeutig moralischer Absicht.

Und Bachmanns Clou ist, dass er weder dem Märchen noch der barocken Moral das Recht streitig macht. Er packt seinen Calderón ganz beim moralischen Barte und will an dessen Weltbelehrungs- und Gottesdemutslehre nichts verändert sehen. Ein richtig schön unzeitgemäßes Vorgehen, möchte man meinen. Tatsächlich aber hat er aus der Vorlage ein modisches Jeans-Stück gemacht.

Flockige Atmosphäre des Irrationalismus

Auf einer kupferglatten Rundbühne im innen nachtblauen Thalia-Sommer-Zelt draußen am Alsterlauf, wo man die Dampfer hupen und die U-Bahn quietschen hört, steckt er alle seine Märchen-Spieler in lässige Jeans, was keine Kostüm-Marotte, sondern ein Symbol-Akt von seltener Offensichtlichkeit ist.

Denn so wie sie hier alle ihre strapazierfähigen Beinkleider tragen, so cool oder stramm, so labberig oder verrutscht, ebenso geht dieser zweistündige Abend mit seinem Moral-Gegenstand um: Die straffe Barock-Ordnung Calderóns ist in eine flockig modische Atmosphäre des Irrationalismus umgemodelt, weil Bachmann alles jenseitig Unerklärliche und streng Gottesgesetzliche durch seine Regie-Finger dreht wie esoterikanfällige Joint-Liebhaber ihren Glimmstängel.

Das aber ist nicht unzeitgemäß, sondern ganz aus jenem Geist einer bestimmten Form von Theater-Gegenwart, die ihre Stoffe gern wie Billigklamotten behandelt und sie unversehens mit plumpen Halbgedanken vollstopft, die alle auf die Billigkeit hinauslaufen, dass es in dieser Welt Dinge gibt, die ein bisschen rätselhaft bleiben. Will sagen: Bachmanns gesucht provokante Geste, indem er mit harter Moral-Münze zu handeln vorgibt, ist eine zwar schöne, aber leere Glasperlenspielerei. Das spröde und im Kern mürrisch katholische Stück wurde zum Anlass genommen, einer diffusen Jenseitsahnung Nahrung zu geben. Seine Fremdheit ging damit verloren.

Herrlichkeit am Hohlkreuz

Was bleibt, sind Jeans-Typen in unterschiedlicher Charakter-Konfektionsgröße. Norman Hacker ist in diesem Ensemble sozusagen die XXL-Ausgabe. Als Sigismund schmiert er sich zu Beginn den nackten Bauch über der strammen Jeans mit weißem Kalk-Wasser ein und besteigt als wild Besudelter einen globusförmigen Stahl-Käfig, der unterm Zeltdach baumelt.

Dort hängt er in den Streben als sei er auf Dauer-Droge und äugt heraus als wär' die Welt ein äffisch Narrenspiel. Wenn er sich zum Fürst traumverwandelt, ist seine angelernte Herrlichkeit am Hohlkreuz und Hohnblick abzulesen. Dieser Sigismund ist kein halbwilder Kaspar Hauser, der die harte Erziehungsschule der christilichen Menschwerdung durchläuft, sondern ein vollsüchtiger Anarcho-Schniefer auf Entziehungskur.

Vater Basilio dagegen (Markwart Müller-Elmau), den die Mitspieler wie eine Mumie auf die Bühne hieven, weil er zu seinen Altherren-Jeans mit laufverhindernden Riesen-Kothurnen bestückt ist, dieser Vater ist ganz der gute alte König Drosselbart: umgeklebte Zottelhaare, schiefe Papiergoldkrone und Brummel-Stimme. Vater und Sohn sind damit als die beiden Enden auf der Skala der Zivilisiertheit gebrandmarkt, die offenkundig nichts als Schnittmuster-Menschen, also Unverkennbarkeitstypen produziert.

Der kalte Aktualisierungsschweiß

Rosaura (Melanie Kretschmann) – Typ Straff-Jeans mit Wutblick und Hochstiefeln – hat daneben viel zu zetern, ihre Gegenspielerin Estrella (Anna Steffens) – unterm rosa Riesenschleifchenkleid trägt sie ihre Jeans als elegante Ausgehvariante – ist die stolze Hochherzige, die das Liebeswerben von Astolf (Jan Georg Schütte) mit ausgekühlter Herzensskepsis kontert.

Astolf selbst trägt seine Jeans überm Bunthemd übrigens wie der Latin-Lover vom Südseestrand. Sie alle spielen, sprechen, schreiten und schäumen sich dabei durch die mit Nebel- und Musikschwaden aufgepeppte Geschichte als gälte es, dem barocken Schaustück unter allen Umständen die Sommer-, Regie- und Moralexerziertheatertauglichkeit beweisen zu müssen. Ihren Figuren schnüren sie damit die Lebens- und Liebeskraft ab, so dass am Ende von der Moral nur noch der bittere Beigeschmack und vom Sommer- und Regietheater bloß der kalte Aktualisierungsschweiß übrig bleibt.

Und doch hat dieser Zelt-Abend Welt und Sinne und Gedanken erweiternde Momente. Sie verdanken sich fast durchweg Andreas Köhler als Clown Clarin, der die Jeans hochgekrempelt hat und seine Figur mit einem Spielwitz einreibt, der sie gleichzeitig kenntlich und transparent werden lässt. Wenn er spricht, ist's immer, als tänzele er auf dem schmalen Grat zwischen Klamauk und Katastrophe, was nicht Clarins Figurenvorlage als Harlekin, sondern Köhlers Spielweise zu verdanken ist, die zwischen Spiel und Ernst nicht unterscheiden will und deshalb die tiefgründigsten Verwirrungen produziert. Bei Köhler sieht man eine heitere Traurigkeit, in der sich Himmel und Hölle mischen, ohne Regie-Staub aus dem Barte der Moral zu schütteln.

Das Leben ein Traum
von Pedro Calderón de la Barca
Fassung von Christa Müller nach der Übersetzung von Johann Diederich Gries
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Jörg Kiefel, Musik: Felix Huber, Kostüme: Esther Geremus, Dramaturgie: Anika Steinhoff. Mit Norman Hacker, Markwart Müller-Elmau, Jan Georg Schütte, Anna Steffens, Stephan Schad, Melanie Kretschmann, Andreas Köhler, Johannes Schäfer.

www.thalia-theater.de


Mehr über Stefan Bachmann? Hier geht es zur Nachtkritik seiner Düsseldorfer Inszenierung von Maria Stuart im März 2008. Hier lesen Sie über Bachmanns Shakespeare-Inszenierung Maß für Maß am Thalia-Theater vergangenen Oktober in Hamburg, hier wie er im September 2007 in Wien Wajdi Mouawads Erfolgsstück Verbrennungen inszeniert hat. Und hier, wie Stefan Bachmann im März 2007 am Berliner Maxim Gorki Theater unter dem Titel Die Gottlosen Paul Claudels Coufontaine-Trilogie in einen Theaterabend fasste.

 

Kritikenrundschau

In der Welt (16.6.) schreibt Stefan Grund, Regisseur Stefan Bachmann lasse in "Das Leben ein Traum" Calderóns "Geschichte der sich à la Macbeth selbst erfüllenden Prophezeiung nun im Thalia-Zelt zügig in starken Bildern an uns vorüber ziehen. Mit schlichten Klang- und Lichteffekten, mit shakespearscher Souveränität im zirzensischen Ambiente verhilft er den zentralen Gedanken des langnamigen Dichters ... in der Arena zu neuem Leben". Die "sehr guten Schauspieler" nähmen uns dabei "konzentriert mit auf eine rasante Reise durch abrupt wechselnde Schicksalsschläge." Und die "große Gefahr der Verflachung" werde "durch die einfallsreichen, lebendigen Bilder gebannt". Bachmann gelinge es "mit seiner Inszenierung, Fragen nach Gut und Böse im Hier und Heute anzustoßen".

Stefan Bachmann kürze Calderóns "ausschweifende Textmetaphern" radikal, bemerkt Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (16.6.), übersetze sie "in hübsche Bilder" und motze sie "mit Slapstick und ironischen Zitaten aus Film und Pop auf". Die Figur des Sigismund werde von Norman Hacker "als das Inbild des machtgierigen menschlichen Narren" interpretiert, er wähne sich im Zentrum und als Sieger über Kosmos und Natur und ist doch nur vorübergehend Gast auf Erden. ... Etwas plakativ, doch nicht ohne Effekt." Trotzdem sei Calderón "aber nun mal kein Shakespeare, die Botschaft des Stücks rasch begriffen. Auch fallen Inszenierung und Darstellung deutlich schwächer aus als im ersten Zelt-Erfolg 'Viel Lärm um nichts'."

"Ohne faule Kompromisse" habe das Thalia im Zelt "ein uraltes Stück modern aufbereitet", meint Dagmar Fischer in der Hamburger Morgenpost (16.6.). Das Stück bringe "die ideale Mischung aus Unterhaltung und Tiefgang mit, großartig inszeniert von Stefan Bachmann". Es entstehe "mit geringen Mitteln und der einkalkulierten Fantasie des Publikums ein ganzes Universum: Berauschende Bilder, großartige Schauspieler und eine tolle Story sorgen für einen prallen Theaterabend. Laut, drastisch und voller Überraschungen".

In der Frankfurter Rundschau (18.6.) schreibt Anke Dürr: "Das Leben ein Traum" sei ein "ziemlich kurzweiliger Abend" geworden, Thema: "Die Mächtigen haben alle einen Hau". Das Zirkuszelt sei genau Stefan Bachmanns Arena, Show sei gefragt, "bei gleichzeitiger Beschränkung der technischen Mittel". So werde der Turm zum "Käfig in Form einer Weltkugel, … Ein in die Luft gehaltener Hula-Hoop-Reifen zeigt ein Loch in der imaginären Turmmauer an; ein paar große Birkenäste, die die Schauspieler hin- und herbewegen, dazu ein paar Puster ins Mikrofon, schon fegt ein Sturm durchs Zelt." Klar, einige Einfälle seien altbacken, aber Bachmann sei eben ein Kind des Pop, und im Pop war Zitieren immer schon erlaubt. Auch wenn Bachmanns Inszenierungen "schlichter und gradliniger" geworden seien, gelte noch immer: "Lieber ein guter Popsong mehr und dafür ein Vers weniger."

 

 
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