Marschieren, marschieren

von Tobias Prüwer

Dresden, 11. Februar 2018. Der erste Paukenschlag drückt die Zuschauer in die Sitze. Elektrobass, Violine und Cello beginnen ihr Spiel, Fetzen aus dem "Requiem" werden eingespielt, der Eiserne hebt sich. Im leeren Bühneraum kreiselt eine Scheibe in Schräglage; sie ist hinten höher gelagert. Auf dieser erscheinen die Zwillinge, müssen im eigentümlichen Marschschritt – die Knie sind nie ganz durchgestreckt – mithalten, um auf der Stelle zu bleiben. Im Rhythmus von Marsch und Musik beginnen sie ihre Erzählung: Wie die Mutter sie aufgrund der Kriegsnot zur Großmutter aufs Land verfrachtet. Unter deren Knute leiden sie aber auch nur, härten sich gegenseitig mit Schlägen ab, machen sich fit fürs raue Leben. Sie bekommen Vergewaltigungen mit, Deportationen entmenschlichter Menschengruppen, den Tod der Mutter durch eine Granate und andere Grausamkeiten.

Verdoppelt, vervielfacht

Das Zwillingspaar wird verdoppelt, vervierfacht. Bisweilen sind 16 Schauspieler als die Brüder zu sehen, die marschieren und intonieren – mal stimmlich abwechselnd, mal kollektiv. Ein einziger langer Marsch spielt sich vor dem Zuschauerauge ab. Zum stapfenden Kollektiv hat Ulrich Rasche Ágota Kristófs "Das große Heft" modelliert und auf reine Überforderung angelegt. Nur wenige Monate nach Volker Löschs Spielzeitauftaktstück Der Weg ins Leben kehrt das Chorprinzip ans Dresdner Staatsschauspiel zurück, und wie schon bei diesem in soldatischem Gepräge. Während das Publikum Steherqualität braucht, beweist das Ensemble noch mehr Durchhaltevermögen.

Das groe Heft3 560 Sebastian Hoppe uZwillinge in einer düsteren Geschichte: Johannes Nussbaum, Moritz Kienemann © Sebastian Hoppe

Die monoton agierenden Bewegungs- und Sprechchöre werden mittels Bühnentechnik immer wieder zu neuen beeindruckenden Bildern montiert. Spielszenen finden dagegen gar nicht statt. Das ist eine gute Übersetzung, erzählt Ágota Kristófs Roman die Geschichte doch als schriftlichen Bericht der Zwillinge. Der abgehackte rhythmisierte Chorduktus unterstreicht auch ihre eigenwillig-gefühllose Sprache. Die Spieler sprechen über Headsets, auch die Livemusik kommt über Lautsprecher. Viele Zuschauer haben die ausgeteilten Ohrstöpsel eingesetzt, den bassverstärkten Akustikschlägen gegen ihre Oberkörper entgehen sie damit nicht. Wie für die schwitzenden Spieler wird es auch fürs Publikum unmittelbar physisch.

Elendiger Kreislauf

Die Scheibe, die anfangs der Boden der barbarischen Tatsachen bildete, pendelt auf der Drehbühne weg, die eine zweite zirkulierende Scheibe nach vorn transportiert. Diese Bühne ist noch steiler, und auch bei ihr wird die Symbolik klar: Sie steht für die Unausweichlichkeit der äußeren Umstände, die Unverfügbarkeit der Gesamtsituation. Wer nicht marschiert, wird mitgerissen, geht über den Rand verloren. Weil diese Scheiben sich ihrerseits in der Grundausrichtung drehen lassen, wird eine vielfältige Bühne möglich, wo mal eine, mal beide Scheiben als Spielflächen zur Verfügung stehen. Wechselndes Licht, mal als Spot von oben, mal diffus von der Seite kommend, und ein bisschen Nebel, mehr braucht Rasche nicht für visuell imposante Setzungen.

Das groe Heft1 560 Sebastian Hoppe uScheiben, die die Welt bedeuten © Sebastian Hoppe

Genaugenommen ist es ein einfacher chorischer Effekt – und von Rasche ja auch bestens erprobt –, aber in der Konsequenz der Zeitdauer und des immer barbarischer werdenden Geschehens verblasst er nicht. Im Gegenteil, die Inszenierung nimmt nach der Pause an Wirkmächtigkeit zu. Eindimensional, aber eindringlich, monoton, aber intensiv und bildlich beeindruckend ist der Abend. Wobei es recht schwierig ist, nicht im Rhythmus des sehr genau arbeitenden Chores weggetragen zu werden und dem Wortstakkato nicht mehr zu folgen. Anstrengung und Überforderung sind dem Thema angemessen einkalkuliert.

Ästhetik des Totalitären

"Rammstein und Galeerensklaven", witzelt jemand in der Pause. Und ja, diese formale Zurschaustellung von Männlichkeit, die aus der Inszenierung schreiende Faszination vom Virilen und der maskulin-physischen Belastungsgrenze ist sicherlich kein Zufall. Dafür ist Ulrich Rasche schließlich bekannt. Ja, eine Ästhetik des Totalitären ist hier zugange. Einzig aus dem soldatischen Mann, dem gespannten Körper spricht die Inszenierung. Knappe Protokollform hat die Sprache, starr ist der Blick ins Publikum gerichtet, der Leib ist maskenhaft, ein Körperpanzer. Ästhetische Ideologiekritik muss allerdings vertagt werden: Denn die faschistische Anmutung drängt sich bei dem Stoff schlichtweg auf.

Aber noch zwei andere Momente stellen sich ein. Unbehagen kommt auf, wenn man sich bewusst wird, von dem Gleichklang irgendwann eingelullt zu werden. Masse und Mantra verführen dazu, fast in meditative Deprivation zu versinken. In der zweiten Hälfte zeigt sich der Abend ob der Berichte von Deportation und Massenmord auch als Tasten nach einer Form, Undarstellbares zu verhandeln. Rasches bombastisch-sinnlicher Zugang zur Barbarei hallt jedenfalls lange in Körper und Kopf nach.

 

Das große Heft
nach dem Roman von Ágota Kristóf
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
in einer Fassung von Ulrich Rasche und Alexander Weise
Regie und Bühne: Ulrich Rasche, Bühnenbildmitarbeit: Sabine Mäder, Kostüme und Bühnenbildmitarbeit: Romy Springsguth, Chorleitung: Alexander Weise, Toni Jessen, Komposition: Monika Roscher, Dramaturgie: Jörg Bochow, Katrin Breschke.
Mit: László Branko Breiding, Philipp Grimm, Jannik Hinsch, Harald Horváth, Robin Jentys, Toni Jessen, Moritz Kienemann, David Kosel, Sam Michelson, Johannes Nussbaum, Justus Pfankuch, Daniel Séjourné, Yassin Trabelsi, Alexander Vaassen, Simon Werdelis, Tommy Wiesner, Musiker: Heiko Jung, Christoph Uschner, Kseniya Trusava, Slowey Thomsen.

Dauer: 3 Stunden 40 Minuten, eine Pause
staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Rasche besetze im Theaterbetrieb den Posten des Mensch-Maschine-Kombinators, "er konfrontiert die Schauspieler mit einem großen Apparat, der sie den gesamten Abend hinweg in Bewegung hält", schreibt Rafael Barth in der Sächsischen Zeitung (13.2.2018). "Mal sind es Walzen, mal Förderbänder, auf denen die Spieler über Stunden im Rhythmus gehen und sprechen. Das Ergebnis ist überwältigend, das Konzept preisgekrönt." Eine Sogkraft zeichne auch diesen Abend aus, der deutlich hervorsticht aus allen anderen Inszenierungen, die man derzeit in Dresden sehen könne. Zwei riesige, kreisrunde, schwarzgraue Scheiben drehen sich. "Der Takt der Schritte trifft auf den Takt der Sprache. (...) Die Sprache vermischt sich mit der düsteren Komposition von Monika Roscher." "Soll man sich dieses malmende Totalkunstwerk antun? Ja, unbedingt."

"Die riesigen Scheiben schaffen immer wieder neue Bilder: Mal sprechen die Schauspieler wie von einer Klippe herab, mal schieben sich die beiden Podeste auseinander und zwei Gruppen von Schauspieler schreien sich den Text entgegen", so Thilo Koerting im Deutschlandfunk (12.2.2018). "Das große Heft" verlange Ausdauer vom Publikum, das sich trotz aller Bewegung mit einem letztlich statischen Theaterabend konfrontiert sieht. "Aber es mangelt an nichts: Musik, Licht, Bühne und Schauspiel greifen perfekt ineinander. Und vor allem in den Text, der in Ulrich Rasches Ästhetik sogar an Intensität gewinnt." Fazit: "Es ist ein langer Theaterabend am Dresdener Staatsschauspiel, doch der Zuschauer bereut kaum eine Minute dieser – auch fordernden – vier Stunden."

Das chorische Theater Ulrich Rasches bedeute "einerseits eine Begegnung mit jener Gnadenlosigkeit, die die Zwillingsbrüder bei ihrer Selbstkasteiung auch an den Tag legen", schreibt Michael Bartsch in der taz (15.2.2018) – "andererseits eine mit der stringenten Ästhetik verbundene Uniformität und Monotonie, die den Rezipienten vor die Wahl stellt, entweder abzustumpfen oder sich in einen Trancezustand jenseits kognitiver Wahrnehmungen zu versetzen". Das Bühnenbild sei "treffend und enorm suggestiv", die Musik runde zunächst den Eindruck ab. "Aber die simplen musikalischen Mittel, die Komponistin Monika Roscher einsetzt und die einfach nicht die Magie gekonnter Minimal Music entfalten, nutzen sich schnell ab", so Bartsch: "Gleiches gilt für die Szene", für die intensive Spielweise. "Aber wenn auch die Beschaffung von Schreibpapier wie ein Manifest verkündet wird, bleibt für die wirklich dramatischen Ereignisse zum Kriegsende keine Steigerungsmöglichkeit mehr."

Einen "aufregend-entschleunigenden Abend" hat Andreas Herrmann gesehen, der "als abstrakes Theaterereignis moralkeulenfrei auf mögliche Verluste durch Kriegstreiberei" verweise und als gelungene Bewerbung fürs Theatertreffen 2019 gelten dürfte, so Herrmann in den Dresdner Neuesten Nachrichten (13.2.2018).

Wie­der und wie­der ar­bei­te Ulrich Rasche mit den­sel­ben Stil­mit­teln, schreibt Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.2.2018). "Ein­falls­los, könn­te man sa­gen." Aber weil sonst am Thea­ter so we­nig kon­se­quen­ter Wil­le zur Form er­kenn­bar sei, über­rasche und ver­störe Ra­sches ra­di­ka­le Büh­nen­spra­che. Also empfiehlt Strauss den Blick nach Dresden, auch wenn "man sich im Lau­fe des Abends im­mer wie­der die Fra­ge stel­len" könne, "ob das, was Ra­sche hier zeigt, wirk­lich Psy­cho ist oder bloß Pseu­do". Agota Kristófs ein­fa­cher, el­lip­ti­scher Stil werde durch die cho­ri­sche Hy­postase "stark sti­li­siert", der ein­fa­che Ton ver­liere "ge­wis­ser­ma­ßen sei­ne Un­schuld und wird zur be­deu­tungs­vol­len Pro­phe­zei­ung um­ge­wan­delt", so Strauss: "Und doch kann man sich der to­ta­li­tä­ren Mo­no­to­nie, mit der man hier kon­fron­tiert wird, nicht ein­fach ent­zie­hen."

Stimmen zum Gastspiel der Produktion beim Berliner Theatertreffen 2019

Über "wuchtvolles, emotional erschütterndes Erzähltheater" schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (22.5.2019). Die Inszenierung, "die einen kalt am Kragen und am Herzen packt", setzte "einen Höhe- und Schlusspunkt" des diesjährigen Theatertreffens.

"Unter die Haut wie kein anderer" Abend beim Theatertreffen ging "Das große Heft" Jan Küveler von der Welt (22.5.2019). "Zu sagen, dass auch hier das Männliche dominierte, wäre eine Untertreibung", schreibt er in seinem auf die Frauenquote zugespitzten TT-Resümee. "Ein vielleibiger Chor stampfte zur Dauermusikuntermalung über zwei im Nebel einander umtanzende Drehbühnen. Vor diesem gewaltigen Hintergrund und durch die Wucht des Sprechens in Chor und Kanon wirkte die allmähliche Verrohung eines Zwillingsbrüderpaars im Krieg monumental." Einige Zuschauer beschwerten sich über "den vermeintlichen Verrat am Minimalismus des Romans", so Küveler, "andere witterten – Gleichschritt, Gleichklang, Umarmung des Animalischen, Bösen, Brutalen – Faschismus. Dabei ist eine Analyse der Gewalt selber noch lange keine".

 

Kommentare  
Das große Heft, Dresden: Akribie
Als der E-Bass zum ersten Mal aufjault, ist das Dresdner Abo-Publikum sichtlich irritiert. Zur Pause blieben dementsprechend recht viele Plätze leer.

Die Einwände, die gegen diese Premiere in den kommenden Tagen kommen werden, liegen auf der Hand. Ulrich Rasche verwendet die bekannten Theatermittel, für die er bei den Münchner „Räubern“ gefeiert wurde und die ihm mit dem Basler „Woyzeck“ gleich eine zweite Einladung zum Theatertreffen einbrachte. In „Das große Heft“ erleben wir wieder abschüssige Drehbühnen, auf denen die Spieler die Balance halten müssen. Stampfende, halbnackte Männer ziehen ihre Kreise, schreien und brüllen im Chor: perfekt einstudiert von Alexander Weise und so präzise artikuliert, dass jedes Wort zu verstehen ist. Die beiden Drehbühnen sind technisch bei weitem nicht so aufwändig wie die gigantischen Dampfwalzen, an denen die „Räuber“ festgekettet sind und an denen die Techniker des Residenztheaters ein Jahr lang feilten. Aber die Akribie, mit der die beiden Bühnen während des Stücks immer wieder neu arrangiert werden, nötigt Respekt ab. Für die Spieler sind die Balanceakte auf den kippenden Scheiben eine Herausforderung. Bei keinem sehen die Bewegungen so elegant und selbstverständlich aus wie bei László Branko Breiding, der als einziger schon bei den „Räubern“ dabei war.

Kann man „Das große Heft“ also als Aufguss einer bewährten, exzellent geölten Theatermaschinerie abtun? Nein, der Abend hat zwar einige Längen, aber in den stärksten Momenten eine beeindruckende Kraft. Ulrich Rasches Regiestil mit den erbarmungslos vor sich hin ratternden Maschinen und den verzweifelt kämpfenden, schwitzenden Menschen, die sich dagegen so klein ausnehmen, passt hervorragend zu den düsteren, knappen Sätzen aus Ágota Kristófs dystopischem Roman über Zwillinge im Krieg.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2018/02/11/das-grosse-heft-ulrich-rasches-adaption-von-agota-kristof-auf-dresdner-drehbuehnen/
Das große Heft, Dresden: Wahrheit
@ #1: Wenn man sich schon an einer Kritik versucht, sollte man doch wenigstens bei der Wahrheit bleiben, oder? Falsch ist, dass "recht viele Plätze leer [blieben]". Im Parkett waren es vielleicht zehn. Ebenfalls falsch, dass " László Branko Breiding, der als einziger schon bei den „Räubern“ dabei war. Schauens nach und geloben eine bessere Recherche.
Das große Heft, Dresden: falsch
@Konrad Kögler : "Bei keinem sehen die Bewegungen so elegant und selbstverständlich aus wie bei László Branko Breiding, der als einziger schon bei den „Räubern“ dabei war."

der Satz ist, ums schlicht zu sagen: falsch!

Mehrere der Spieler haben bereits mit Herrn Rasche zusammengearbeitet (auch bei "Die Räuber") und keiner bewegt sich "eleganter" als der andere! Starke Ensemble-Leistung !
Das große Heft, Dresden: wachgerüttelt
@ #2: Keine Ahnung, wo sie "vielleicht zehn" freie Plätze im Parkett gesehen haben wollen… Mal abgesehen, dass diese Premiere generell nicht ausverkauft war und man im zweiten Rang viel Luft hatte, war doch bereits im ersten Teil ein konstantes Verlassen des Saales zu bemerken. Und spätestens nach der Pause taten sich nun wirklich Lücken im Parkett auf.

Das soll gar nicht das künstlerische Ergebnis beurteilen.
So inhaltsleer, nicht-heutig, pathetisch ich den Abend selbst auch fand: Das genannte Abo-Publikum darf natürlich meiner Meinung nach gern mal ein bisschen mit anderen Theaterformen wachgerüttelt werden… und dann eben den Saal verlassen.
Das große Heft, Dresden: ganz große Räder
Den langen Marsch von Dresden hat T. P. sehr anschaulich beschrieben. Die Wucht der Inszenierung hat einige aus dem Premierenpublikum vielleicht erschreckt, dennoch hab ich schon lange nicht mehr einen solchen Beifallssturm am Ende gehört.
Zum Glück – wenn dieser Spielzeithöhepunkt (auch noch) unter den Erwartungen geblieben wäre, hätte man wohl die Krise im Haus gehabt.
Übrigens fand die Aufführung unter den (vermutlich) wohlwollenden Augen des Ministerpräsidenten statt, was in Sachsen durchaus bemerkenswert ist (sein Vorgänger hatte nach seiner verkorksten Ansprache zur 100-Jahr-Feier noch fluchtartig das Haus verlassen, ehe das anschließende Stück begonnen hatte). Für solche Zwecke hat man hier die Königsloge – auch wenn der Intendant sonst woanders sitzt.
Inhaltlich hätt ich aber noch ein paar Ergänzungen, die den Rahmen hier sprengen würden. Bitte hier: http://teichelmauke.me/2018/02/12/ganz-grosse-raeder/
Das große Heft, Dresden: Bitte an Konrad Kögler
Lieber Konrad Kögler, vielen Dank für ihre positive Kritik des Sprechchores. Bitte ergänzen Sie doch hinter meinem Namen noch den von Toni Jessen. Das wäre fein. Vielen Dank!
Das große Heft, Dresden: nicht aufwändiger
@Konrad Kögler : "Die beiden Drehbühnen sind technisch bei weitem nicht so aufwändig wie die gigantischen Dampfwalzen, an denen die „Räuber“ festgekettet sind und an denen die Techniker des Residenztheaters ein Jahr lang feilten." Auch totaler Quatsch. Was größer aussieht ist nicht aufwändiger. Bitte recherchieren.
Das große Heft, Dresden: K und K
Hallo !
Wer ist Konrad Kögler ?

(Konrad Kögler veröffentlicht auf daskulturblog.com Theaterkritiken, u.a. zu "Das große Heft" – siehe #1. Lesenswert! E. Philipp für d. Red.)
Das große Heft, Dresden: bleibt am Thema
Interessant finde ich, dass Rasche an dem Thema bleibt: Zwei Brüder mit gleicher familiärer Prägung in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen... Als würde er das sehr Ähnliche, aber nicht Gleiche noch tiefer ausloten wollen als in seiner "Räuber"-Inszenierung. Noch heutiger in seiner Wirkung auf den Einzelnen, noch unerbittlicher in der dargestellten Eingeschlossenheit im Hamsterrad der gleichschaltenden Erwartung an das gesellschaftlich-historisch einem Geschlecht zugeschriebene Verhalten... Es sieht also aus wie eine inszenatorische Versuchsanordnung und das gefällt mir. Besonders, weil es sich von Regie-Handschrift im Sinne des Mitteleinsatzes unterscheidet.
Das große Heft, Dresden: sensationell für Sachsen
In und unter Sachsen zu leben ist eine Herausforderung für Freunde zeitgenössischer Kunst, Musik und Bühnenkunst. Alles flieht hier ins 18. und 19. Jahrhundert oder in regionale Schulen der Malerei. Bühnenkunst auf zeitgenössischem und kritischem Niveau gibt es im ganzen Bundesland kaum - Gastspiele und Kooperationen ausgenommen. Dass nun im bestenfalls konservative zu nennenden Dresden ein Stück wie "Das große Heft" in einer so zugespitzten Inzenierung aufgeführt wird, ist eine absolute Überraschung. Neben dem ästhetischen Höhepunkt der Spielzeit liegt mir aber die inhaltliche Fragestellung der Inzenierung am Herzen. Die Verrohung und Entmenschlichung und die Mechanik dahinter. Das gerade in Dresden auf die große Bühne zu bringen, ist für mich die eigentliche Sensation. Und dafür bin ich dem Staatsschauspiel und den Künstlern zutiefst dankbar. Zeitgenössisches Theater gegen verrohte Zeitgenossen und deren Verrohungsmaschine in Dresden. Respekt!
Das große Heft, Dresden: Nachfragen
Möchte mir mal jemand erklären, was daran so besonders originell, sinnlich, preis-würdig ist, Faschismus mit faschistischer Sprache und Bewegung zu bebildern?

Nachvollziehen kann ich auch folgende Beschreibung nicht:
"Unbehagen kommt auf, wenn man sich bewusst wird, von dem Gleichklang irgendwann eingelullt zu werden. Masse und Mantra verführen dazu, fast in meditative Deprivation zu versinken."

Ja, ich wurde eingelullt von dieser theatralen Form. "Meditative Deprivation" als kathartischer Moment? Soll ich so verstehen, warum man damals Mitläufer des Nazi-Regimes wurde?

Auch das "Tasten nach einer Form, Undarstellbares zu verhandeln" im zweiten Teil - wie es Herr Prüwer versteht - habe ich nicht gesehen. Verhandelt, inszeniert, kommentiert wurde doch an diesem ganzen Abend nichts. Der Text von Ágota Kristóf steht doch so sehr für sich… und wurde für mich mit allen Mitteln der Rasche-Sprechweise nur eingeebnet oder bedeutungsschwangerer gemacht als er in seiner Einfachheit und Härte es schon ist.
Das große Heft, Dresden: unverstanden
@11 So einen undifferenzierten Blödsinn zum Buch von Ágota Kristóf kann nur jemand schreiben, der das Buch entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat. Zudem wundere ich mich, wie leicht man hier schwerste Vorwürfe ganz leicht und wenig argumentativ untermauert posten kann.
Das große Heft, Dresden: nicht berührt
@12: Ich sehe ein, dass mein Kommentar missverständlich formuliert ist. Ich fand den Roman großartig! Eine klare, harte Sprache für die Beschreibung einer harten Lebensgeschichte in einer harten Zeit. Das hat mich beim Lesen sehr berührt und mitgerissen.

Meine Fragen zielten allein auf die Inszenierung ab. Hier hat mich nichts mehr berührt, ich habe nur die Form gesehen/gehört, keinen Inhalt, keine Haltung zum Stoff, keinen Kommentar. Raffinierte Bühnentechnik traf auf pathetische Musik traf auch perfekte Artikulation. Alles wollte "große Kunst" sein und "ein großes Bild", bei dem ich das Gefühl hatte, ich bin alleinig dazu gebeten, es zu "bewundern".

Zu Ihrem zweiten Satz noch dies: Ich werfe nichts vor, ich beschreibe meine Meinung bzw. versuche, durch Fragen anderen Blickwinkeln (anscheinend auch Ihrem?) näher zu kommen. Ich habe auch keine "Argumente" für oder gegen diesen Abend, sondern gebe meinen Blick auf das Gesehene/Erfahrene wieder - als EIN Zuschauer von vielen.
Das große Heft, Dresden: Haltung genug
@ 13 - Ich kann ihrer Unterscheidung von Inszenierung und Buch nicht ganz folgen. Welche Haltung zum Stoff haben sie denn bei Agota Kristof herausgelesen? Keine, oder? Es ist ja gerade der Verdienst von Kristof, den Bericht der Zwillinge in seiner Härte und Kälte sprachlich fassen zu können. Stellen sie verschiedene Ansprüche an Literatur und Theater? Ich bin froh, dass mir der Rahmen, in welchem ich das Thema zu rezipieren habe, nicht schon mitgeliefert wurde. Und, ist es nicht schon Haltung genug, einen solchen Stoff in einer Region in Deutschland zu zeigen, in dem die Realität die Vorkommnisse des Buches eingeholt hat? Bewundern konnte ich übrigens kaum etwas an der Inszenierung. Ich fand es grauenvoll, den Zwillingen beim Schlachten und Töten zuhören und zusehen zu müssen.
Das große Heft, Dresden: menschliche Blicke
(...) Die Zivilisation schwindet, die animalische Essenz bleibt übrig. Aber die Reduktion auf den menschlichen Körper betont zugleich auch das Menschsein dieser Fast-Maschinen, wirft sie im Moment größter Entmenschlichung auf sich selbst, auf ihr Wesen zurück. Im Augenblick höchster Hoffnungslosigkeit ist die Hoffnung am größten.

Ein paar Mal senkt sich ein semitransparenter Vorhang, darauf stumme, wogende, nackte Körper, herausfordernd oder angsterfüllt in die Kamera blicken. Rasche treibt mit diesem Abend seine totalitären Bildwelten auf die Spitze und untergräbt sie zugleich. Denn das sind keine heldischen Blicke, die die Kamera treffen, sondern zutiefst menschliche, ja, oft kindlich betroffene. Und so gelingt dem Abend mit all seinen en détail ausbuchstabierten und oft kaum erträglichen Erzählungen enthemmter Gewalt, brutalen Egoismus, Missbrauch und völliger Entmenschlichung ein Wunder: In all der industrialisierten Dehumanisierung, die er darstellt, bricht sich das Menschliche Bahn, begehrt das Menschsein auf. In der Weigerung, das Unvorstellbare zu normalisieren, die Vernichtung ganzer Menschengruppen als selbstverständlich hinzunehmen – und dem Streuben gegen das Vergessen.

Die „Hundesöhne“, wie die Großmutter, bei der sie im Krieg abgeladen werden, sie nennt, mögen auf den Tod der Mutter, des Vaters, der Großmutter, der ausgegrenzten ohne offene Empathie und ohne Widerstand reagieren, die erregten Stimmen, die weit aufgerissenen Augen, die alerten, sich gegen die Maschinerie, auf der sie gefangen sind, stemmen, sprechen eine andere Sprache. Sie enthüllen eine Wut, einen trotz, eine Widerständigkeit, die am Ende ein Anfang werden kann. Der vielleicht das ultimative Opfer erfordert, die radikale Individualisierung, das Verlassen des kollektiven Schutzraums, das Aufgeben der mühsam errichteten Identität. Und so rutscht das meist kalte, harte, fahle Licht mitunter in wärmere Farben, wird aus den grandiosen Menschen- und Körperbildern, die Ulrich Rasche wie immer malt, am Schluss ein ganz stilles, ein einzelner Mensch im Dämmerlicht – ohne heroisch kämpferische Pose, ohne skulpturenhafte Körperlichkeit, ein Mensch, ein zu beschreibende Blatt. Von ihm selbst hoffentlich.

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2018/11/04/seht-ein-mensch/
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