Man sieht nur mit den Augen gut

von Martin Thomas Pesl

Wien, 14. Februar 2018. Links oder rechts? Links natürlich. Aber links ist schon voll. Dann eben rechts. Schon der Einlass zur Performance-Installation "Bergeins" offenbart ihr Dilemma. Die 30 Hereinkommenden dürfen sich nacheinander entscheiden, auf welcher Treppe sie in den Raum hinabsteigen wollen: Die linke mündet vor einem gemalten Bergdorfidyll mit der Überschrift "Österreich, mein Heimatland", auf der rechten Seite ist alles gleich, nur steht da "kein" statt "mein". Freiwillig nach rechts rückt in diesem Publikum niemand.

Von Beginn an steht also fest: Die hier geäußerte Kritik an der neuen Rechtsregierung wird offene Türen einrennen, Andersdenkende werden sie nie zu hören kriegen. Für den Ablauf der knapp einstündigen Multimediaperformance spielt die Seitenwahl dann ohnedies keine Rolle, denn alle werden sogleich mit Lichtzeichen und in Sektflöten offeriertem Almdudler in die Tiefe des Raums gelockt.

Ihn füllen Exponate der jüngsten Geschichte – ein Museum des Grauens. Die Bildchen zur Erläuterung des Verhüllungsverbots sind als Schießbudenfiguren aufgestellt, und neben einem Beet mit echten Pflanzen und ausgestopftem Gebirgsgetier erklingt aus Kopfhörern schauerliche Heimatmusik. Mittig prangt ein Modell des titelgebenden Berges, über den es im vom Band kommenden Text heißt: "Wir werden den Berg gebaut haben als Monument. Im Inneren des Berges werden wir herumstehn, und wir werden alles ausgeleuchtet haben." Farbenfrohes, agiles Licht steuert die Aufmerksamkeit zwischen den Objekten.

Kleiner Prinz Kurz

Gerhild Steinbuch hat den Text verfasst, Sebastian Straub den Großteil davon eingesprochen, und der Raum stammt von Philine Rinnert. Die Autorin, der Schauspieler und die Bühnenbildnerin bilden den Kern des 2011 gegründeten Kollektivs Freundliche Mitte. Für die Koproduktion mit Brut Wien (das aufgrund der Renovierung seines Stammhauses derzeit das Werk X Eldorado bespielt) beschäftigte man sich mit dem Zusammenleben angesichts des Rechtsrucks.

Bergeins 560 Erli Gruenzweil uPappkameraden vor Berg-Nicht-Idyll: das heutige Österreich aus der Sicht des Performance-Kollektivs Freundliche Mitte © Erli Gruenzweil

Steinbuchs Fließtext ist – um den abgedroschenen Vergleich kommt man nicht herum – eine lupenreine Jelinekiade: Ein kokettes literarisches Ich macht sich süffisant seine gegenwartsnahen, an Wortspielereien entlanghangelnden Gedanken. Sitzt in Jelineks "Am Königsweg" Donald Trump auf dem Thron, ist es hier, logisch, Sebastian Kurz. Der Kanzler wird pointiert als kleiner Prinz eingeführt, der "nur mit den Augen gut sieht, während fürs Herzen alle wesentlichen Dinge unsichtbar sind". In vagen Worten entwirft Steinbuch dazu die Vision vom Berg, ohne sofort zu klären, ob diese als utopische Gegenwelt oder dystopisches Endzeitszenario zu verstehen ist. Oder eben: den einen so, den anderen so.

Bernhard Fleischmanns Elektrobeats unterteilen den Text, der, einer Installation angemessen, abwechselnd aus verschiedenen Lautsprechern kommt. Eine Passage liest die Autorin sogar selbst vor, rasant und uneitel, die einzige Live-Aktion des Abends. Es ist der wütendste Teil, er kotzt sich aus über "männliche spießige Befindlichkeiten" und fragt gehässig, wieso Kurz als Retter der österreichischen Familie mit über dreißig noch keinen Nachwuchs gezeugt habe?

Was täten Sie, wenn Sie Bundeskanzler wären?

Die gallige Gegenwartsanklage ist wohlformuliert, geht aber kaum über den Mix aus Empörung und Galgenhumor hinaus, den die meisten Zuhörer*innen Tag für Tag in der eigenen Facebook-Blase erleben. Als sich das Projekt nach der Nationalratswahl zu formen begann, richtete es sich wohl noch allgemein auf die Angst vor und durch Rechtspopulismus. Seit tatsächlich eine ÖVP-FPÖ-Regierung agiert, gibt es Konkretes zu kritisieren.

So kommen die Rechercheergebnisse zum Leben als Gemeinschaft im Verhältnis zu Kurz zu kurz. Bei Pfadfindergruppen, in Seniorenclubs suchte das Kollektiv nach Lösungen für die Zukunft – offenbar vergeblich. Auf vier Videowänden sieht man die Alltagsexpert*innen, wie sie in Werkstätten Elemente der nun fertigen Rauminstallation bauen. Letzte Ausflucht: die physische Arbeit, wie am Ende von "Onkel Wanja"? Dazu auf der Tonebene Ideen Interviewter, was sie täten, wenn sie selbst Bundeskanzlerin wären (Tenor: alles genau anders als jetzt).

Schließlich starren die zahlreichen Freiwilligen in den Videos selbstbewusst und starr nach vorne, als Gruppe, aber auch einzeln. Derlei Bilder wissen dem Text freilich wenig Optimismus entgegenzuhalten, wenn er ausspricht, was schon zu ahnen war: "Der Berg wird keine neue Welt. Der wird ein Ort der Toten." Hint und vorn und links und rechts schaut's da ziemlich düster aus.

 

Bergeins
von Freundliche Mitte
Text: Gerhild Steinbuch, Bühne: Philine Rinnert. Außerdem von: Katharina Bach, Johannes Bellermann, Bernhard Fleischmann, Pia Derler, Simon Dietersdorfer, Lucas Gruber, Dario Stefanek, Sebastian Straub, Mechthild Weber.
Mit: Philine Rinnert, Gerhild Steinbuch, Sebastian Straub; in Videos und Tonaufnahmen: Cleidy Acevedo, Rupert Angermeier, Vitus Angermeier, Katharina Bach, Michael Bednar, Max Bohm, Manuel Bumba, Elias Calinescu, Andrea Dobersberger, Marco Ebli, Antonia Fätkenheuer, Michael Floigl, Daniel Fröhlich, Imola Galvácsy, Eva Geißler, Marlies Gruber, Ernestine Gstöttner, Hamid Haiharoev, Matthias Hofer, Sophie Humer, Cheyenne Jehsenku, Reinhard Klauser, David Knauer, Silvester Kößler, Larissa Kopp, Bartek Kubiak, Dora Kuthy, Bettina Laimer, Stephan Langer, Claudia Lomoschitz, Hannah Mayr, Theresa Maehr, Carsten Missmahl, Andreas Müller, Aleksandar Murkovic, Laura Negele, Mirjam Papouschek, Henriette Pascher, Christina Plank, Elias Polterauer, Christina Raab, Simona Reisch, Martina Rösler, Lea Salvasohn, Tobias Sailge, Gabriel Schmidt, Alina Sklenicka, Margarethe Staudner, Sophie Steinbeck, Marlies Surtmann, Valerie Tillinger, Sandy Tomsits, Bünjamin Titiz, Ilse Urbanek, Simon Usaty, Isis Várkonyi, Teresa Walentich, Stephanie Wörter, Eva Wolfesberger, Helga Wolfgruber, András Zeöld, Zbynek Zigo, Pfadfindergruppe 6&7 "PAXTU".
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.brut-wien.at

 

 

Kritikenrundschau

Einen "Abgesang auf die aktuelle österreichische Regierungskoalition" hat Helmut Ploebst für den Standard (17.2.2018) gesehen. "Viel magisch wirken sollendes Klimbim aus der Theaterwunderkiste hext die Freundliche Mitte herbei". Dem Kollektiv gehe es "um eine Dystopie mit alpiner Idylle, deren Klischees bereits seit gefühlten Äonen vergebens entlarvt sind, und um die Einkehr ins Hohle, ins Spektakel vom unendlichen Spaß." Die Inszenierung sei "ein Monument für den großen Moment im Überlappen von Eigenlust und Fremdenangst, an dem das fatale Morgen schon da ist." Insgesamt: "Beeindruckend."

 
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