Wie Freier im Seelenpuff

von Philipp Bovermann

München, 14. Februar 2018. Am Valentinstag wird in den Münchner Kammerspielen eine Performance uraufgeführt, die sich mit der kapitalistischen Marktlogik des romantischen Liebeskonzepts auseinandersetzt. Da stellt sich zunächst mal die Frage: Wer bitteschön geht da hin? Am Valentinstag zu einer Anti-Liebes-Performance zu gehen, ist doch noch viel merkwürdiger, als einfach bei Blumen und Sekt schwülstiges Zeug zu reden, wie die bodenständiger Gestörten es machen. Oder etwa nicht?

Kurtisanen der Coolness

"Perfect Romance" heißt der Abend, den die Berliner Simulationstheater-Gruppe The Agency gemeinsam mit dem Post-Pop-Literat Leif Randt entworfen hat. Er ist eine perfekte exploration of weirdness. Eingangs flanieren wir an den Performern vorbei, die uns glückstrunken anlächeln und uns tief in die Augen schauen. "Hi! Schön, dass du wieder da bist." Sie stehen in entspannter Positur über den Raum verteilt, butterweich unbeschwert, eine lümmelt auf einem Klavier herum, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Kurtisanen der Coolness – Frauen, übrigens. Auf sieben weibliche Performer kommt nur ein Mann (er trägt ein rotes Cape und hält einen Herz-Luftballon in der Hand), was das Gefühl verstärkt, auf einer Art Straßenstrich gelandet zu sein. Nur, dass es hier nicht um den Körper, sondern um die Seele geht.

Perfect Romance2 560 Nicole wytyczak uKomm unter meine Kuscheldecke: Belle Santos und Malte Sundermann (im Hintergrund) verführen die Besucher zur perfekten Romanze © Nicole Wytyczak

Der Zuschauer ist Kunde in einem "Pop-Up Store" der "Perfect Romance Corporation". Auf ihrer Homepage verspricht sie, eine "prickelnde Simulation des Schönen, Soften und Verträumten" bereitzustellen und "die Skripte gegenwärtiger Romanzen progressiv fortzuentwickeln". Diese stammen, wer hätte es gedacht, zu großen Teilen aus der Welt der Dating-Plattformen. Aus deren Richtung wittern die Kulturpessimisten an den Theatern ja schon länger eine performanceoptimierte Pragmatisierung des Beziehungslebens – so als seien die Sprüche an der Bar früher von einem tieferen Humanismus beseelt gewesen.

Der perfekte Rhythmus

Unsere Performer berichten von Profilbildern und vom perfekten Rhythmus, um Nachrichten zu beantworten. Sie fühlen sich, als würden sie "in a matrix of love" leben, so formuliert es eine, "but then you showed up. I never was a religious girl. But then I started believing in you. In us."

Lieben kann man aber immer nur ein Individuum, alles andere ist Fetisch. Also verlieben sich die Performer in die durch den Raum flanierenden Besucher und ziehen sich paarweise mit ihnen unter Stoffglocken zurück, die aussehen wie blickdichte Moskitonetze. Dort erzählen sie, dass sie jetzt mal kurz "off script" gehen, ganz im Vertrauen: "Du bist mir aufgefallen" oder "Das alles hier ist doch nichts für jemanden wie dich". Eine Performerin nimmt einen mit aufs Dach der Kammerspiele. Sie bietet eine Zigarette an, zwinkert verschwörerisch. "Da drüben in dem Hotel ist ein Swimming Pool. Sollen wir uns später zusammen reinschleichen?"

Perfect Romance3 560 Nicole wytyczak uSpiele mit Herz: Malte Sundermann und Magdalena Emmerig performen modernes Dating an den Münchner Kammerspielen © Nicole Wytyczak

Immer wieder werden so Menschen aus der Menge entführt, wie Freier im Seelenpuff, während sie den Rest der Zeit an den Aufführungen romantischer Urszenen vorbeischlendern. Die Kulissen dazu bilden ein Steg, der in ein auf Stoff gemaltes ewiges Eis führt, ein Klavier und ein Schiffsbug vor künstlichem Abendrot, wo irgendwann natürlich ein Titanic-Moment losdampft. In der Mitte des Raums steht das Zentralrequisit abendländischer Seelenalchemie, die Bar, und schenkt mächtig aus. "Habt ihr schon einen Lieblingslover, den ihr favorisiert", fragt eine Performerin lächelnd, während sie die Drinks eingießt. Sie hat scifi-mäßige Silberhaare und kauert auf der Bar wie eine Katze.

Perfekt ausgeleuchtetes Lächeln

Wenn sie aber die Katze ist, dann sind die Zuschauer die Mäuse. Mit echter Feindseligkeit kann man umgehen, nicht aber mit geheuchelter Zuneigung oder gar Liebe. Die festangestellten "Lover" machen einen wehrlos. Sie sind die zum Leben erwachten Gespenster der Frage, die einen anspringt, wenn man in ein allzu perfekt ausgeleuchtetes Lächeln blickt und plötzlich das Gefühl hat: Moment, hier geht es gar nicht um mich. Als sei man in eine Simulation geraten, in einen Probelauf für ein Gefühl, das es gar nicht gibt – sonst müsste man es ja nicht proben.

Das fühlt sich in der Praxis ziemlich unangenehm an, aber man befindet sich schließlich in einem Theater und hat für die ganze Heuchelei bezahlt. Die Performerinnen führen einen vor den Augen der anderen Besucher in Hinterzimmer, um dort ihre narrative Dienstleistung an des Kunden Seele zu vollziehen. Sie lösen dabei eher Fluchtreflexe als Nachdenken aus. Ein schön schmieriges Abenteuer ist das, aber kommt man der romantischen Liebe so auf die Spur? Wo es so richtig unromantisch wird, da ist man in der Romantik meistens noch knietief drin.

 

Perfect Romance
von The Agency und Leif Randt
Musik: Nile Koetting, Video: Josephin Hanke, Voiceover: Mona Vojacek Koper, Choreographische Beratung: Kimberly Kaviar, Bühnenbildbau: Ertl und Zull, Flo Westphal.
Mit: Adela Bravo Sauras, Magdalena Emmerig, Stacyian Jackson, Belle Santos, Lara Scherrieble, Rahel Spöhrer, Malte Sundermann, Yana Thönnes.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Ein "parodistisches Spiel mit den Techniken eines Dienstleistungsmarktes, der jedes Bedürfnis prompt befriedigt, auch die Liebe zur Ware macht", das klinge nach einer spannenden und witzigen Idee, schreibt Petra Hallmayer in der Süddeutschen Zeitung (16.2.2018). Die Realisierung des Fakes versuche "Perfect Romance" jedoch nicht ernsthaft, "dafür wäre weit mehr nötig gewesen, als rote Luftballons und eine Fototapete." Der Internet-Werbeauftritt der PRC sei perfekt. "Das (künstlerische) Produkt dagegen leider ziemlich enttäuschend."

Eine "wunderbare Satire über den totalen Markt und das totale Marketing" hätte das werden können, wie Alexander Altmann im Münchner Merkur (16.2.2018) schreibt. Allerdings werde die "Rumstehparty" in den Kammerspielen schnell fade.

 
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