Geht doch mit der Gemeinsamkeit!

von Martin Thomas Pesl

Wien, 8. März 2018. Als Michael Turinsky 2017 mit Doris Uhlich den Nestroy-Spezialpreis entgegennahm, hielt er eine Rede. Wortgewandt mahnte er Solidarität im Lichte politischer Veränderungen ein, im Speziellen gegenüber Menschen mit Behinderung. Der Choreograf und Philosoph selbst hat Zerebralparese und spricht daher vergleichsweise langsam. Allein, dass er sich dennoch gegen jede Redezeitbeschränkung die Zeit nahm, das Nötige zu sagen, war ein politisches Statement, das die Anwesenden zu befreiten Ovationen hinriss.

Futuristisches Disko-Silber und Glitzersocken

Seither erfährt auch die Arbeit des 40-Jährigen mehr Aufmerksamkeit, der seit Jahren regelmäßig choreografiert, international tourt und dabei oft, anders als bei seinem aktuellen Stück, selbst performt. Wie eine tänzerische Umsetzung der Nestroy-Rede erscheint "Reverberations" (deutsch: "Nachklänge, Echos") nicht zuletzt aufgrund der Ankündigungen, Turinsky wolle mit seinen drei Tänzer*innen der "fortschreitenden Entsolidarisierung" entgegenwirken. Er tut es dann auf durchaus plakative Art: durch eine Gleichzeitigkeit von Bewegungen. Aus drei Individuen macht er eines.

Reverberations 1 560 Michael Loizenbauer uIch fühl mich Disco: Andreas Guth, Elizabeth Ward und Mzamo Nondlwana  © Michael Loizenbauer

Ein durch Licht angedeuteter Kreis in der Halle G des Tanzquartiers Wien ist auf drei Seiten von Publikum, auf einer von einer mächtigen Lautsprecherpyramide umgeben. Ihr gegenüber sitzen schon beim Einlass die drei Performenden in einheitlich futuristisches Disko-Silber und Glitzersocken gekleidet. Als sie sich erheben und gen Bühnenmitte bewegen, wird der vermeintliche Clou des Abends, die choreografische Challenge sichtbar: Andreas Guth hat eine Gehbehinderung, Elizabeth Ward und Mzamo Nondlwana nicht. Wie harmonisch werden diese Körper sich aufeinander einschwingen können?

Gespenstisches Geduldsspiel

Nun, ziemlich harmonisch, wobei sie klein anfangen. Wie auf eine Wiese bei Sonnenschein legen sich die drei zunächst nebeneinander in den Kreis, Hände hinterm Kopf verschränkt, und wirken ganz bei sich. Zögerlich winkelt erst Nondlwana das rechte Bein an, streckt es wieder aus. Dann Ward. Dann Guth. Dann allmählich alle zugleich, immer wieder, immer synchroner, immer wieder. Das Bild wäre von weiter oben besehen wohl hübscher, aber die Tribüne im Tanzquartier ist entstuhlt, die Sitzordnung sieht eine Begegnung auf Augenhöhe vor (um einen häufig verwendeten Begriff der Inklusionskunst zu strapazieren).

Das gespenstische Geduldspiel nimmt sicher ein Drittel der einstündigen Performance ein, einer Zuschauerin entfährt gar ein unterdrücktes "Na kommts, Leute!". Und wie man noch über das Spiel mit Erwartungen sinniert, über ein Bühnenbild aus Lautsprechern, die jeden Laut verweigern, da setzt mit dem Wechsel zum linken Bein clubbiger Sound ein. Im Raum verteilte Neonröhren strahlen im Beat mit. Noch geraume Zeit wird weiter angewinkelt und ausgestreckt, mal links, mal rechts, mal beide Beine. Die Musik nimmt indes eine karibische Weichheit an, bevor die Soundmaster Dubster und Hyko Dubz – etwas erratisch – wieder zu rammsteinsch aggressiveren Bässen übergehen.

Reverberations 2 560 Michael Loizenbauer uWir sind eins: Andreas Guth, Elizabeth Ward und Mzamo Nondlwana © Michael Loizenbauer

Wenn die drei dann irgendwann doch aufstehen, ist das ein überraschend starker Moment. Auf einmal sieht man ihre Gesichter, an denen sie sehr wohl als unterschiedliche Menschen zu erkennen sind. Der Marsch gen Gleichschwung wird dadurch aber noch energischer. In einfachen Schrittfolgen preschen die Tanzenden in alle Richtungen. Die Füße geben den Takt vor, den restlichen Körper durchzuckt Energie.

Performance in Fahrt

Dabei scheint es, als hätte man für die tänzerische Inklusion die denkbar einfachste Lösung gefunden, indem die beiden ohne Behinderung das angebotene Bewegungsmaterial des Dritten übernehmen. Und siehe da: Was als hochproblematische Persiflage spastischer Reflexe wahrgenommen werden könnte, sieht hier schlicht gut aus und bringt die Performance in Fahrt. Elizabeth Ward entlockt das sogar ein Lächeln, während zuvor alle drei bierernst konzentriert waren. Im Kollektivumarmungsknäuel trippelt das Triplett schließlich ein paarmal durch die Zuschauerreihen und dann aus dem Saal.

Geht doch mit der Gemeinsamkeit! Man mag den suggerierten Gedanken als harmloses Herbeibehaupten einer heilen Welt kritisieren, das der Entsolidarisierung natürlich nicht viel entgegenzusetzen weiß. Andererseits kann man auch feststellen, dass Michael Turinsky hier einfach liefert, was auf dem Etikett steht: sich koordiniert ästhetisch bewegende Menschen, mit anderen Worten ein Tanzstück, pur und simpel. Dass einer der daran Beteiligten körperbehindert ist, spielte im Entstehungsprozess gewiss eine Rolle. Im Ergebnis spielt es keine mehr. Gleichschwung geschafft.

 

Reverberations
Tanzstück von Michael Turinsky
Künstlerische Leitung und Choreografie: Michael Turinsky, Sound: Dubster, Hyko Dubz, Bühne: Jenny Schleif, Ines Kirchengast, Kostüm: Lise Lendais, Ines Kirchengast, Licht: Andreas Lendais, Dramaturgische Betreuung: Iris Borovcnik
Performace und Choreografie: Andreas Guth, Mzamo Nondlwana, Elizabeth Ward
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.tanzquartier.at
www.michaelturinsky.org

 

Kritikenrundschau

"Wie pure Anarchie" wirke "Reverberations", wenn man es – wie Helmut Ploebst im Standard (10.3.2018) – mit der "Ästhetik der Fitness" vergleicht, "die alle als irgendwie krank oder 'behindert' markiert, die ihr zu dick, zu krumm (oder als Raucher) in die Quere kommen". Turinsky ziele "unter anderem darauf, was der Nachhall (dt. für 'reverberation') des alten Biologismus für jene bedeutet, die außerhalb der gemeinen Durchschnittsversessenheit tanzen – weil sie müssen oder weil sie im Normierungszirkus nicht mitturnen wollen". Die Individuen in Turinskys Trio symbolisierten bedrängte soziale Gruppen: "Nondlwana als Afroösterreicher, Ward als Frau und Guth mit einer Körperbehinderung", so Ploebst. Nachdem sie schließlich in Bewegung gekommen seien, tanzten sie, "in Science-Fiction-haft silbrige Kostüme gekleidet, ein Fest ihres Zusammenseins, das als Statement gegen die Auflösung der Solidarität in unserer Gesellschaft gemeint ist".

 

 
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