Wie konntest Du töten wollen?

von Shirin Sojitrawalla

München, 9. März 2018. Dass der Erkenntnisgewinn an diesem Abend gegen Null tendiert, liegt weder an dem Roman von Yasmina Khadra noch an der Inszenierung von Amir Reza Koohestani, sondern am gefühlt schon immer währenden Konflikt zwischen Israel und Palästina. Alle Argumente sind seit Ewigkeiten ausgetauscht, Frontlinien und Ausweglosigkeiten klar, Frieden nicht in Sicht. Die Hoffnung stirbt angeblich zuletzt, davor aber gibt und wird es Tote geben.

Wahrheitssuche

In seinem 2005 erschienenen Roman "Die Attentäterin" schildert Yasmina Khadra die Wahrheitssuche des arabischstämmigen Israeli Amin Jaafari. Nach einem Attentat in Tel Aviv stellt sich ziemlich schnell heraus, dass seine eigene Ehefrau Sihem die Selbstmordattentäterin war. Ihr Mann kann das nicht glauben, hat sie doch nie den leisesten Hinweis gegeben. Beide lebten ein modernes Leben, er ein angesehener Chirurg, sie eine scheinbar säkulare Frau. Khadras Roman nimmt durchweg Amins Perspektive ein, er, seine Selbst- und Zwiegespräche stehen im Zentrum. Seine Reise führt auch in palästinensische Gebiete, zu den Quellen des Hasses. Als Theaterstück bietet sich das nicht gerade an, aber welcher Roman bietet sich schon als Theaterstück an.

Am Tisch

Nach der Romanadaption von Der Fall Meursault ist es die zweite Inszenierung von Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen. Das zentrale Möbelstück auf der Bühne (Mitra Nadjmabadi) ist diesmal ein lang gestreckter Tisch, der mal in der Kantine, mal im OP-Saal, mal im Wohnzimmer, mal an der Strandbar zu stehen scheint und sich bei jedem Ortswechsel dreht. Den gut gemeinten Vorschlag, dass sich doch alle an einen Tisch setzen sollten, um den Frieden herbeizureden, illustriert das wuchtige Möbel ebenso wie der Abend genau das in Dauerschleife vorführt: Menschen, die am Tisch sitzen und reden.

die attentaeterin1 560 Judith Buss uLena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Das fängt herrlich quirlig an, wenn die beiden gut aufgelegten Ärztekollegen Kim (Maja Beckmann) und Amin (Thomas Wodianka) einen pointierten Plausch über Penisse abliefern. Später verhört dann Kommissar Moshe den Chirurgen Amin an eben jenem Tisch. Samouil Stoyanov tut das mit metallischer Polizeiapparat-Präsenz, ohne eine Miene zu verziehen. Das kann man bis in die hinteren Reihen gut sehen, weil immer mal wieder die Gesichter in Nahaufnahme auf die Rückwand projiziert werden. Dazu fahren Kameras, die sich in kleinen fahrbaren Säulen befinden, schon mal am Tisch entlang. Man denkt an Rasterfahndung und Überwachungsstaat, und kurze Zeit später informiert ein eingeblendeter Text über Überwachungsmethoden des israelischen Staates. Alles Dinge, die Koohestani dem Buch hinzufügt, den Humor wie die Hintergrundinformationen. Besonders aber Sihem selbst, Amins Frau, die Selbstmordattentäterin.

Filmaufnahmen

Im Roman bleibt sie weitgehend stumm, auf der Bühne nimmt sie Gestalt an, erst nur als sprechender Kopf (nicht viel mehr als ihr Schädel blieb nach der Detonation von ihr übrig), dann als leibhaftige Geistererscheinung. Die langjährige Koohestani-Schauspielerin Mahin Sadri verkörpert sie als herumspukende Schmerzensfrau. Die Inszenierung füllt also die Leerstellen des Buches; erzählt zwar die gleiche Geschichte, aber mit anderen Mitteln und anderem Fokus. Wo Khadra die Spannung hochtreibt, indem er Amin wie einen Kriminalkommissar auf die Suche nach der Wahrheit schickt, unternimmt die Inszenierung den Versuch, die Stimmungslagen atmosphärisch auf den Punkt zu bringen und obendrein noch dem vermeintlich feministischen Potenzial der Selbstmordattentäterinnen nachzuspüren. Letzteres erschöpft sich in ein paar Schlagworten, ersteres oftmals in dekorativen Bildideen. Die Filmaufnahmen indes, besonders der Verhöre, aber auch die der Selbstmordattentäterin, fügen dem Abend eine Dringlichkeit zu, die ihm sonst fehlt.

Warum?

Der erste Teil spielt in Israel, der zweite in Palästina, außer Mahin Sadri und Thomas Wodianka agieren alle Schauspieler*innen in verschiedenen Rollen. Nahe kommen einem die Figuren nicht, was auch an den recht hölzern drapierten Szenen liegen mag. Der entscheidenden Frage "Wie konntest Du töten wollen?" kommt der Roman letztendlich eher auf die Spur als die Inszenierung, auch weil er Täter*innen deutlicher als Opfer ihrer Ohnmacht grundiert und sich mehr Zeit nimmt, dem Hass auf den Grund zu gehen. Dass die Märtyrer der einen Seite der anderen als Terroristen gelten, ist eh klar. Im Münchner Schlussapplaus wirft Yasmina Khadra dann vergnügte Kusshändchen von der Bühne ins Publikum. Ein irgendwie hoffnungsfrohes Bild.

 

Die Attentäterin
Nach dem Roman von Yasmina Khadra, in einer Fassung von Amir Reza Koohestani
Deutsch von Sima Djabar Zadegan
Inszenierung: Amir Reza Koohestani, Bühne: Mitra Nadjmabadi, Kostüme: Negar Nemati, Video: Benjamin Krieg, Mitarbeit Video: Phillip Hohenwarter, Musik: Bamdad Afshar, Licht: Christian Schweig. Dramaturgie: Katinka Deecke
Mit: Maja Beckmann, Walter Hess, Lena Hilsdorf, Clara Liepsch, Benjamin Radjaipour, Mahin Sadri, Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Der Tenor der Buchvorlage lautet, und das hat der Regisseur kongenial auf der Theaterbühne umgesetzt, es gibt keine Gewissheiten", sagt Rosemarie Bölts im Deutschlandfunk (10.3.2018). Aus der Romanvorlage werde auf der Bühne "ein erhellend beklemmendes Verwirrstück, das den ganzen Irrsinn der Nahost-Situation erfahrbar macht, ohne zu werten und zu verurteilen", so Bölts. "Mit allen Sinnen wird der Zuschauer in den Sog des Unausweichlichen hineingezogen. Ganz unspektakulär gespielt und ausgefeilt inszeniert. Überwältigend beeindruckend."

"Schon Khadras Roman setzt auf klare Figuren und schlichten Aufbau. Koohestanis Arrangement ist noch übersichtlicher, noch modellhafter", schreibt Sonja Zekri in der Süddeutschen Zeitung (12.3.2018), "alles nicht falsch, aber die kleine Schwester der Parabel ist das Klischee." In Gaza, in Bethlehem würde diese Inszenierung wohl einen heilsamen Skandal auslösen, so Zekri: "Aber in Deutschland?"

"Eine Lösung für den Nahostkonflikt haben natürlich weder Koohestani noch Khadra parat, aber sie öffnen den Blick auf die Perspektive beider Seiten", schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung (12.3.2018). Khadras "mitreißender Roman" sei aber doch "um Längen besser". Die Inszenierung falle besonders gegen Ende ab: "Ob Koohestani (…) schlicht die Zeit und Ideenkraft ausging oder er sich bewusst aufs Wesentliche, die Argumente, konzentriert, lässt sich schwer ausmachen."


 

 
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