Schwerkraft vs. Schwebkraft

von Rico Stehfest

Dresden, 16. März 2018. Der white cube auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses gibt sich zunächst verschlossen. Aber es braucht nur wenig Vorstellungskraft, das Gebilde auf seinem Dach als Rudiment eines Kreuzes zu lesen. Vor der Bühne warten zwei lange Konferenztische mit Stühlen auf die Reflexion über einen Wertekanon, der älter wohl kaum sein kann. Wie viel Bedeutung haben die zehn Gebote heute für den Einzelnen?

Was folgt, ist kein klassisches Bürgerbühnen-Projekt. Einer Handvoll Dresdner Einwohnern sind mehrere professionelle Schauspieler des Staatsschauspiels und einige Musiker zur Seite gestellt worden. Grundlage des Abends ist ein Klassiker des europäischen Autorenkinos, die zehnteilige Filmreihe "Dekalog" des polnischen Dokumentarfilmers Krzysztof Kieślowski, die er Ende der 1980er gemeinsam mit Krzysztof Piesiewicz geschaffen hat.

Die zehn Episoden, angesiedelt in einem Warschauer Hochhausviertel, sind bekanntlich weder filmische Bebilderungen der biblischen "Gesetze" – noch hatte Kieślowski bei der Umsetzung seiner Filme Interesse an der Darstellung damaliger gesellschaftlicher Verhältnisse in Polen. Seine Kamera folgt individuellen Konstellationen des Lebens, die allesamt eine zeitlose Allgemeingültigkeit kennzeichnet. Diesen Status erreichen sie durch das jeweilige Aufzeigen "beider Seiten": Konflikte werden stets von mehr als nur einer Position aus beleuchtet. Dabei fällt Kieślowski aber eben kein Urteil. Diese Aufgabe käme, wenn dem überhaupt so wäre, einer höheren Instanz zu. Das gelingt dem Filmemacher dadurch, dass er die Bilder deutlich stärker sprechen lässt als es die Protagonisten in ihren Dialogen tun.

Schauspiel im white cube

Nuran David Calis, der die filmische Vorlage gemeinsam mit dem Dramaturgen Benjamin Brückel für die Bühne bearbeitet hat, setzt auf das gesprochene Wort. Zwar spielt auch in seiner Inszenierung das Medium Film in Form von Live-Videos eine entscheidende Rolle, dient aber eher als Lupe, um die Gesichter einzelner Akteure ins Überdimensionierte zu vergrößern oder Szenen aus dem Inneren des white cube, der sich an diesem Abend beständig um sich drehen darf, auf dessen Außenwand zu projizieren.

10Gebote 3 560 SebastianHoppe uLivefilmproduktion – Dresden als Warschau © Sebastian Hoppe

Die Aufgabenverteilung ist dabei eindeutig: Die Riege der professionellen Schauspieler darf die stark auf ihre jeweilige Kernhandlung eingedampften szenischen Vorlagen Kieślowskis umsetzen, was hauptsächlich im white cube geschieht, der vier Zimmer mit bodentiefen Fenstern aufweist. Die Musiker erzeugen einen fein austarierten Klangteppich. Die beteiligten Dresdner Bürger streuen zwischen Kieślowskis Szenenvorlagen Erzählungen ihrer eigenen Schicksale ein. Diese alternierende Struktur ist sehr schnell überschaut, und es ergibt sich der Eindruck von Textlastigkeit in wirklich unschönem Sinn.

Mehr Verfremdungseffekt!

Einen ersten Höhepunkt erfährt die Inszenierung unmittelbar nach der Pause, wenn sich Therese Bendjus aus der Gruppe der Musiker löst und mit ihrem betörenden Gesang die Bühne ganz für sich einnimmt. Dann ist sie "the beast, willing to kill you". Erst an dieser Stelle wird ein inszenatorischer Ansatz sichtbar. Bis dahin standen die von lebensdramatischer Tragik geprägten Individualschicksale den bekannten Anekdoten Kieślowskis isoliert gegenüber. Empathie schreibt zwar auch Kieślowski groß, nur sucht er ja eben vor allem die Sublimierung.

Die einzige Verschränkung, aber gleichzeitig auch die intensivste Wirkung der gespielten Szenen erreicht Mirko Näger-Guckeisen, der keine persönliche Geschichte erzählt, sondern, das 6. Gebot kommentierend, selbst die Magda gibt. Bei Kieślowski ist diese eine Künstlerin, die den Männern zugeneigt ist und von einem spätpubertierenden Postangestellten gestalkt wird. Dieser wiederum ist hier dreißig Jahre alt. Das lässt seine "erste" sexuelle Begegnung mit der "Frau" Magda zwar etwas überzogen wirken, verfehlt aber nicht seine Wirkung: Hier scheint kurz durch, wie man diese Arbeit auch hätte angehen können – mit den Mitteln des Theaters.

Das groteske Lachen, mit dem die Filmvorlage endet, wenn zwei Brüder ihrer Erbschaft in Form einer unschätzbar kostbaren Briefmarkensammlung beraubt werden, ist hier ein farbenfroher Totentanz. Die gesamte Szene ist völlig überdreht und bildet damit den schlüssigen Kontrast zum Rest. In den dreieinhalb Stunden Spieldauer wurde dem Publikum aber insgesamt doch eine Menge Ausdauer abgefordert.

Die 10 Gebote
nach Dekalog von Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz
aus dem Polnischen von Beata Prochowska, für die Bühne bearbeitet von Nuran David Calis und David Benjamin Brückel
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüme: Geraldine Arnold, Musik: Vivan Bhatti, Dramaturgie: David Benjamin Brückel, Licht: Andreas Barkleit.
Mit: den Schauspieler*innen Ismail Deniz, Holger Hübner, Marie Jordan, Anna-Katharina Muck, Oliver Simon, den Bürger*innen Jessica Behr, Gudrun Kleinbeckes, Bernd Kunath, Eva Müller, Mirko Näger-Guckeisen, Evelin Pallas, Cora Spalek, Ruth Marie Wendt und den Musiker*innen Therese Bendjus, Christiane Dumke, Franziska Maywald, Björn Reinemer, Andreas Rudolph, Pina Schubert.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

In der Sächsischen Zeitung (online 19.3.2018) schreibt Rainer Kasselt die Laiendarsteller trügen "leise und bedachtsam" ihre Texte vor. "Sie haben nur sich und ihre traumatischen Erinnerungen." Der "dreieinhalbstündige, streitbare Abend" habe "etliche Längen und Wiederholungen". Regisseur Calis sei der Gefahr "Predigten abzuhalten" nicht entgangen. Er drücke mächtig auf "die Tube der Missionierung". "Man erkennt die Absicht und ist verstimmt." Überraschend sei die wilde Party am ende, abweichend von der Film-Vorlage, was wolle die Regie damit sagen? "Menetekel düsterer Zukunft oder Sieg des Lebens über alle Gebote und Verbote?"

Michael Bartsch schreibt in den Dresdner Neuesten Nachrichten (19.3.2018): Die Inszenierung werfe "Fragen nach den Grundlagen unseres Zusammenlebens" auf, ohne zu moralisieren oder zu agitieren. Und das sei zentral in einer Gesellschaft, die sich über "Grundwerte und ethische Minimalkonsense" nicht mehr verständigen könne. Nach zähem Beginn seien viele Szenen packend, zuweilen gebe es "Szenenbeifall". Das Finale mit dem Zehnten Gebot eigentlich "Kapitalismuskritik pur" gehe in "ziemlichen Durcheinander" unter. Es gab "herzlichen Beifall für dieses lebensnahe Theater".

 

 

 
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