Viel Spaß bei Eurem Untergang!

von Georg Kasch

Berlin, 16. März 2018. Ein Staat steht Kopf. In die Tiefe zieht sich die Wand, bedruckt mit Wolkenkratzern, die ihre Dächer Richtung Boden strecken. Sie bleibt auch dann noch stehen, als die Drehbühne mit ihren verschiedenen Spielorten längst abgeräumt ist und nur noch Fragmente übrig sind. Vielleicht, weil eine der Konstanten in den gut 400 Jahren, von denen "Rom" erzählt, ist, dass immer Chaos herrscht – Bürgerkrieg, Aufruhr, Machtkampf.

"Rom" nennt John von Düffel knapp seine Trilogie über Aufstieg und Fall einer Republik. Dazu hat er die Shakespeare-Dramen "Coriolan", "Julius Cäsar" und "Antonius und Cleopatra" auf all das hin eingedampft, was erzählt von Macht und Machtmissbrauch, vom Entstehen und Vergehen einer Demokratie. Die kommt bei Shakespeare nicht besonders gut weg: Das Volk ist wankelmütig, verführbar und verlangt nach starken Männern, die sich aneinander aufreiben, bis die Republik Geschichte ist und nur noch einer übrig bleibt: Kaiser Augustus.

Tragödie mit Reiseführerin

Von Düffel reißt an, führt vor, räumt ab: Erst die Kriegsmaschine Coriolanus, den die manipulative Mutter nicht zum doppelzüngigen Politiker umgebogen kriegt. Dann Brutus, der Cäsar ermordet, um die Republik vor dem Tyrannen zu retten, aber Antonius leben lässt – der im dritten Teil Cäsars Adoptivsohn Octavius unterschätzt.

Das ist mit Blick auf die pädagogische Botschaft geschickt gebaut, oft verslos und heutig – und schon in Nürnberg und Wiesbaden erprobt. Allerdings verzwergt der Abend so auch die ungeheuren Konflikte. Immerhin setzt ihm Karin Henkel starke Schauspieler entgegen, die sich ihre Hände regelmäßig mit Kunstblut aus dem Blecheimer beschmieren. Zudem lässt sie Kate Strong als Denglisch plaudernde Schicksalskommentatorin durch den Abend führen. Die ätzt so böse, stiert so hinreißend Ausrufezeichen in die Luft, dass man ihre Worte aufsaugt, als wären sie von Shakespeare.

Zu Beginn malt ein Kind mit dem Blecheimer-Blut "Rom Republik" an die Wand, die die Vorder- von der Hinterbühne trennt, um uns dann den Stinkefinger hinzuhalten. Das ist der Ton: Viel Spaß bei Eurem Untergang! Hier sitzt der Krieger im Unterhemd und wird von seinen drei Müttern umrundet, die eher wirken wie Macbeth-Hexen. Ein Satyrspiel, eine Verhandlungstischkomödie.

Spannungs-Soufflés

Coriolanus' Leiche wird anschließend zu der Cäsars, die Räume weiten sich, die Drehbühne kreist. Ein Verhandlungsdrama auch das zwischen Brutus und Antonius, verkleinert zum Blickduell am Küchentisch. Natürlich wirken die berühmten Reden immer noch – "denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann." Aber was man hier noch hätte rausholen können, deutet sich nach der Pause an, als Manuel Harders Antonius plötzlich vom ernst Gebremsten zum Rockstar mutiert, ein lässig-müder Verführer, der seinen Gegner unterschätzt – Camill Jammal und Benjamin Lillie als doppelter, jugendlicher Octavius mit dämlicher Prinzenrollenfrisur, der nach der Krone hascht.

Rom 2 560 ArnoDeclair uPolitik als blutiges Männergeschäft: Camill Jammal, Felix Goeser, Manuel Harder © Arno Declair

Und dann Anita Vulesicas Cleopatra! Eine Verführerin auch sie. Aber wie perfide kühl, glasklar in ihrem Machtstreben. Ihrem Sohn Cäsarion zählt sie auf, was sie alles opferte für ihren Thron. Als Antonio ihr seine Ehe mit Octavius' Schwester beichtet, da tobt sie so kontrolliert, dass es einen graust. Der eigentliche, späte Höhepunkt jedoch ist Bernd Moss' kurze Rede eines Kriegers, in der er vor dem Eisernen Vorhang nüchtern sein Dilemma schildert: Wenn demnächst Octavius und Antonius ihre Truppen aufeinanderjagen, wem ist er dann verpflichtet? Dem Senat? Rom? Oder den wild gewordenen Machthabern, die für ihren persönlichen Machtkampf das Land spalten?

Kaum hat sich die Spannung aufgebaut, fällt sie aber schon wieder in sich zusammen, weil von Düffel nur seine These interessiert. Wie ungeheuerlich die Erkenntnis ist, dass die Demokratie nicht stark genug war, um gegen die Gier einer Elite zu bestehen, dass ausgerechnet ein skrupelloser Machtspieler und absolutistischer Herrscher am Ende das Land mit seiner Pax Romana befrieden wird, kann noch gar nicht richtig einsickern, da sind schon wieder alle tot.

Rom
nach "Coriolan", "Julius Cäsar" und "Antonius und Cleopatra" von William Shakespeare
Bearbeitung / Übersetzung: John von Düffel, Fassung: Karin Henkel, John von Düffel
Regie: Karin Henkel, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Tabea Braun, Sophie Leypold, Musik: Lars Wittershagen, Licht: Matthias Vogel, Maske: Andreas Müller, Dramaturgie: John von Düffel.
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Manuel Harder, Camill Jammal, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss, Kate Strong, Anita Vulesica, Jacob Braune / Bennet Schuster.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

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Kritikenrundschau

"Wieso handeln die Bürger einzig für den nächsten Vorteil, lassen sie sich so plump belügen und bestechen? Wieso stolpern die alle sehenden Auges in eine Populismusfalle nach der anderen? (...)." Es sei sehr unterhaltsam und tue wohl, diese dilemmatischen Fragen so intelligent und gut gespielt vor Augen geführt zu bekommen. Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (17.3.2018) sah einen kurzweiligen Schnelldurchlauf durch Shakespeares Römerdramen. John von Düffel nennt er die "produktivste, auch hier wieder einmal ziel- und wirkungssicherste Turbotextschleuder des deutschsprachigen Theaters".

André Mumot von Deutschlandfunk Kultur (18.3.2018) erlebte eine "oft süffige Geschichtsstunde". Das Ensemble agiere mit herausragender Präzision und Artikulationsschärfe. "Gute drei Stunden lang ist 'Rom' ein kopflastiges Spielereignis der politischen Verantwortungssuche zwischen Größenwahn und munterer Satire, gelingt aber am Besten, wenn er sich traut, dem Affen Zucker zu geben, zu überspitzen, aufs Tempo zu drücken." Der Abend sei ambitioniert, wolle hoch hinaus und türme Gestalten und Konflikte, scheitere auch nicht daran, bleibe aber letztlich "zu voll und zu kalt, um wirklich zu gelingen".

John von Düffel habe die Stücke geschickt montiert und auf ihre Schlüsselszenen reduziert. "Natürlich geht dabei einiges verloren, und doch gelingt es dem Abend, so konzentriert von den Turbulenzen und Deformationen der Staatsformen zu erzählen, dass er zugleich auch die globalen Demokratiebestrebungen von heute hinterfragt", so Barbara Behrendt vom Deutschlandfunk (18.3.2018). "Karin Henkel inszeniert das laut und kräftig, zuweilen satirisch zugespitzt, immer plausibel." Und weiter: "So analytisch diese dreieinhalb Stunden Theater sich geben, so fesselnd und spielstark sind sie auch."

Einen "absoluten Reinfall" hat Simon Strauss erlebt und schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.3.2018): "So harm- und ge­fühl­los, so voll­kom­men oh­ne Sus­pen­se und Schau­er wie in die­ser Auf­füh­rung ist ei­nem Shake­speare sel­ten be­geg­net." Dem Re­gie-Team um Ka­rin Hen­kel fehle ein Ge­spür für die psy­cho­lo­gi­schen und po­li­ti­schen Ka­ta­stro­phen der Hand­lung: "Statt zu­zu­spit­zen und zu es­ka­lie­ren, ver­harm­lost es das Auf­ge­sag­te noch durch ei­ne ab­sichts­los häss­li­che Aus­stat­tung und ein voll­kom­men sinn­lee­res Büh­nen­bild." Die "un­ver­fäng­li­chen Dia­lo­ge" von John von Düffels Textbearbeitung fü­gten sich zu kei­nem Span­nungs­auf­bau. "Was ge­sagt wird, klingt so, als könn­te es auch nicht ge­sagt wor­den sein." Die­se "Re­a­ders Di­gest"-In­sze­nie­rung sei auch deshalb "ei­ne gro­ße Ent­täu­schung", "weil die Schau­spie­ler der Re­gie nichts Ei­gen­stän­di­ges ent­ge­gen­set­zen".

"Rom" "ist durchweg spannend, unterhaltsam und irritierend", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (19.3.2018). "Jede Rolle trifft auf ein Muster und weicht anders als erwartet von ihm ab." Die vielen Figuren entwickelten "eine eigene Dynamik, legen hier eine Verbindung offen, lassen dort den Behauptungen misstrauen. Sie sind unheimlich, weil sie trotz ihrer grotesken Verzerrung nicht besonders fremd, sondern eher vertraut scheinen."

"Eine toughe Inszenierung, die es leicht macht, Parallelen zum Hier und Heute zu ziehen und die mit dem Tod der Republik ein düsteres Bild vom Zustand der Welt zeichnet" hat Nicole Golombek für die Stuttgarter Nachrichten (19.3.2018) gesehen.

Von Düffels Verkürzung der Shakespeare-Dramen auf Schlagworte wie "Volksverräter" habe ihren Preis in der Banalisierung des Stoffs und der Figuren, so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (20.3.2018). Karin Henkels Inszenierung wirke "seltsam unfertig, etwas fahrig und weit entfernt von den atmosphärisch dichten Kunstwelten der gelungenen Henkel-Inszenierungen".

"Machtversessene Herrscher, korrupte Machenschaften, verführbares Volk: So lautet, im Wesentlichen, die Quintessenz dieses drei Shakespeare-Stücke umfassenden Abends, mit dem das DT eine kleine Geschichte der Demokratie erzählen will", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (20.3.2018). Es wechseln in Henkels Inszenierung durchaus die Mittel und Atmosphären  – "nicht als Comedy, sondern als vergleichsweise seriöses Debattenstück am buchstäblichen Verhandlungstisch. Mit gelegentlich surrealem Horrorfilm-Einschlag".

 

 
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