Einsame Sterne

von Falk Schreiber

Hamburg, 17. März 2018. Treffen sich zwei Paare. So fängt ein Witz an, also: Treffen sich zwei Paare, um einen schönen Abend zu verbringen. Und zwischen ausgesuchter Musik, Weißwein und Häppchen drängen unterdrückte Begehren an die Oberfläche, überspielte Machtgefälle, sexuelle Frustration, man kennt das. Am Ende fließen Tränen, vielleicht auch Blut.

So fängt ein Witz an, so endet ein Stück von Yasmina Reza, Bürgertums-Dekonstruktion, Well Made Play. Das Well Made Play "Schlafende Männer" ist aber nicht von Yasmina Reza, sondern von Martin Crimp, und Crimp schreibt eigentlich keine Well Made Plays. Und die Uraufführung wird auch nicht von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne inszeniert, der eine diebische Freude dabei empfindet, dem Charlottenburger Bürgertum die Maske vom Gesicht zu reißen, sondern von Katie Mitchell im Malersaal des Hamburger Schauspielhaus, Mitchell, bei der es längst kein Bürgertum mehr gibt, sondern nur noch einsame Sterne, die an einem kalten Himmel weit entfernt umeinander kreisen.

SchlafendeMaenner 3 560 StephenCummiskey u There will be blood. Auf dem Bild: Tilman Strauß, Julia Wieninger, Josefine Israel
© Stephen Cummiskey

Das eine Paar sind also Julia und Paul, Kunsthistorikerin mit erhöhtem Schnepfigkeitsfaktor und Musikproduzent in lustvoller Demütigungshaltung, bei denen weit nach Mitternacht ihre hipsterduttbewehrte Assistentin Josefine und deren stumpf-tanzbärhafter Freund Tilman klingeln. Konflikte, die aufbrechen müssten, gibt es nicht, alles, was gespielt wird, ist vom ersten Satz an Konflikt. Tilman: "Wir haben darüber gesprochen, Kinder zu kriegen, aber das Kind dürfte nicht wie ich sein, es müsste sein wie Josefine, es müsste Josefines Augen haben und Josefines Mund und Hände, und es müsste ihren Verstand und Körper haben und Josefines Lächeln und Josefines gesamte Körpereinstellung, weil, ich bin nur ein Stück Scheiße." So stellen sich diese Figuren vor. Wo sich aber kein Konflikt entwickelt, entsteht auch keine Fallhöhe, aus der sich dramatische Funken schlagen ließen, "Schlafende Männer" ist ein Well Made Play to end all Well Made Plays. Immerhin, Häppchen gibt es ebenfalls nicht, zunächst auch keinen Wein.

Klare Fronten

"Schlafende Männer" bezieht sich im Titel auf mehrere Gemälde Maria Lassnigs: Bilder, die schillern, zwischen expliziter Sexualität, mehrfach gebrochenen Machtstrukturen und dem spielerischen Streit über diese Strukturen. Sex, Macht, Streit sind auch die Themen von Crimps Stück, spielerisch ist hier allerdings nichts, schillernd ebensowenig: Die Fronten sind von vornherein klar, und als Josefine Paul ins Gesicht boxt, weiß sie noch vor dem Schlag, dass ihm die Lippe platzen wird, und er weiß, dass er diesen Schlag genießen wird.

SchlafendeMaenner 4 560 StephenCummiskey uJeder für sich und alle gegen einen. Tilman Strauß, Paul Herwig, Julia Wieninger, Josefine Israel
© Stephen Cummiskey

Mitchell inszeniert dieses Nichtstück mit kältestmöglicher Zurückhaltung. Die Pointen knallen durch die großbürgerliche Wohnung (Bühne: Alex Eales), die Figuren demütigen sich aufs Reizendste, und zwischen den Szenen schaltet die Aktion in den Zeitlupenmodus, damit man auch merkt: Das Geschehen wird von einer Maschinerie angetrieben, und in dieser Maschinerie läuft etwas bedrohlich unrund. Zumindest die Schauspieler, Julia Wieninger, Paul Herwig, Josefine Israel und Tilman Strauß, denen Crimp das Stück auf die Leiber geschrieben hat und die entsprechend ihre eigenen Vornamen performen müssen, zumindest die Schauspieler also versuchen, in der Kühlschrankatmosphäre dieses Bühnenarrangements so etwas wie Seele in ihre Darstellung zu legen und spielen mit knackigem Realismus gegen die Fischblütigkeit von Stück und Inszenierung an. Was gut funktioniert, man kann sich vorstellen, dass es tatsächlich Beziehungen gibt, die ausschließlich geprägt sind von Kälte und von Verachtung. Man weiß nur nicht, was man mit dieser Vorstellung anfangen soll.

Kalt wie das Kapital

Am Ende fließt, wie angekündigt, Blut. In den letzten Bildern wird der Horror von Crimps Stück konkret, man ahnt, dass die unrund laufende Maschine der Kapitalismus sein könnte, der gnadenlose Kapitalismus des Kulturprekariats. Julia zu Josefine: "Wollen Sie Karriere machen?" Und dann wird Josefine gebrochen. "Gibt es ein Problem?" "Nein." Die Männer derweil sollten schlafen, aber wir wissen es besser: Auch auf Maria Lassnigs gleichnamigem Gemälde schlummern Männer friedlich, und nur, wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die Behauptung "Schlafender Männer" eine Lüge ist.

 

Schlafende Männer
Uraufführung
von Martin Crimp, Deutsch von Ulrike Syha
Regie: Katie Mitchell, Bühne: Alex Eales, Kostüme: Clarissa Freiberg, Sounddesign: Donato Wharton, Lichtdesign: Fabiana Piccioli, Ton: Finn Corvin Gallowsky, Katja Haase, Licht: Andreas Juchheim, Regiemitarbeit: Lily McLeish, Komposition Dance Track: Paul Clark, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Paul Herwig, Josefine Israel, Tilman Strauß, Julia Wieninger (und Josef Ostendorf als Telefonstimme).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Katie Mitchell hat offenbar kein Interesse an der Dekonstruktion bürgerlicher Fassaden", schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (19.3.2018). "Mit gewohnt hoher Präzision" führe sie ihren Realismus vor. "An diesem Abend legt sie den abgründigen Horror einer Gesellschaft offen, die längst in einzelne Egos zerfallen ist." Im letzten Drittel verliere sich das Stück, "dessen Entwicklung von unten nach ganz unten steuert", dennoch im Nirgendwo, "um allzu vorhersehbar in einer Bluttat zu enden", so Stiekele. "Es sind die intensiv aufspielenden Darsteller unter Mitchells gnadenlos zurückhaltender Kälte, die dem Stoff Lebendigkeit verleihen."

"Stark ist das Stück, stärker noch die Inszenierung", sagt Michael Laages im Deutschlandfunk Kultur Fazit (17.3.2018). Katie Mitchell verpasse Crimps "virtuos" mit verschiedenen Motiven spielendem Text "ausnahmsweise mal nicht die hoch entwickelte mediale Raum- und Bild-Struktur, die sonst fast immer ihre Arbeiten prägt". Gelegentlich verlangsame sie das Spiel aber zu einer Art "filmischer Zeitlupe". "Und es sieht so aus, als markierten diese Momente der Verlangsamung eine Art Chance – könnte die Geschichte in diesen Augenblicken auch eine andere Richtung nehmen? Kann sie nicht. Die Kampfzone bleibt, wie sie war: Frau gegen Mann", so Laages. "Bei Crimp schlafen die Männer vielleicht tatsächlich noch im Nebenzimmer, betrunken und zufrieden, während die Frauen schon wieder arbeiten, wenn auch weder bloß wieder an der eigenen Unterwerfung." Katie Mitchell hingegen zerstöre jeden möglichen Frieden – "wenn schon die Frauen ihn nicht finden, steht er auch Männern nicht zu."

Till Briegleb schreibt in der Süddeutschen Zeitung (20.3.2018): Katie Mitchell inszeniere diese "traurige Zombiefeier von Diskursleichen" so gequält, als "würde man Yazmina Rezas 'Gott des Gemetzels' von Berliner Experimentalfilmern adaptieren lassen". Ständig um die "fette Unterstreichung der Gestörtheiten" bemüht, verwandele Mitchell Martin Crimps "eigentlich ganz elegantes Kammerspiel" in eine "überkonstruierte Parabelsammlung zum Thema 'uncharmant' ". Mangels jeder Entwicklung in den Figuren ergebe "dieses Standbild stagnierender Selbstreflexionen" einfach nur "ein Psycho-Kabinett".

Mit­chell lasse Crimps schüch­ter­nes Kam­mer­spiel "fo­to­rea­lis­tisch im Schum­mer­licht auf ei­ner Ci­ne­ma­scope-Büh­ne spie­len und ver­sucht da­bei durch ei­ne aus­ge­feil­te Ton- und Licht­re­gie ein we­nig Sus­pen­se her­zu­stel­len", berichtet Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.3.2018). Auch im Stück bleibe alles "sehr im Un­ge­fäh­ren und da­mit zu weit weg vom wirk­lich Dra­ma­ti­schen".

"Es ist ein merkwürdiges Stück", schreibt Katrin Ullmann in der taz (4.4.2018). "Aller Hass, alles Zerfleischende, alle Geheimnisse werden gleich in den ersten Minuten offengelegt. Da gibt es keine Fassade, die bröckelt, da sind von Anfang an alle tragenden Wände eingerissen. Entsprechend lassen einen die Figuren die nächsten eineinhalb Stunden herzlich kalt." Katie Mitchells "distanzierter Inszenierungsstil" tue sein Übriges. Mitchell scheine sich nicht für die Figuren und ihre möglichen Geschichte(n) zu interessieren. "Vielmehr stellt sie diese eher technisch durch das Stück, bevorzugt als Rückenansichten", so Ullmann. "Rein kompositorisch sind das ganz schöne Arrangements, doch die Schauspieler bleiben dabei weit unter ihren Möglichkeiten."

 

 
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