Seine Majestät, das Gossenkind

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 17. März 2018. Gibt es einen Ort für diesen irrsinnig hellsichtigen Menschen? Ist Caligula, die Denkmaschine in einem Ideen-Experiment, der junge Verführer zum Nichts auf den Gipfeln der Verzweiflung, der den Toten Verschworene, dingfest zu machen? Im Düsseldorfer Schauspiel-Central reihen sich auf Barbara Steiners Bühne Jahrmarktsbuden mit marktschreierischen Farben für billig antik gewandete Figuren und Scherzkekse im flachen Dialog-Sprech. Sie könnten in einem italienischen Fernsehstudio stehen: Toll trieben es die alten Römer.

Die zwei Körper des Königs

Was kann uns Albert Camus’ 80 Jahre alte Künstler-Kaiser sagen? Heutzutage, wo wir seit dem Vorabend einer Wirklichkeit des Totalitären und Massenmordens (Camus schrieb "Caligula" 1938) längst erneut in deren schlimmes Tagwerk geraten sind. Sebastian Baumgarten sucht "Auseinandersetzung" mit 2018, liefert zunächst einen kurzen historischen Abriss, der die Expansion des Imperium Romanum aufzeigt, und dann mit Hilfe der Übersetzung auch die eine und andere kleine schiefe Parallele zum sozialstaatlichen Abbau. Baumgartens "Caligula"-Schauplatz ist nicht schön, sondern schäbig, nicht fein, sondern gewöhnlich und gemein. Statt Glanz kübelweise Dreck.

Vielleicht sollten wir diesen Caligula lieber betrachten wie mittelalterliche Theologen den Körper des gesalbten Königs: getrennt in einen natürlichen, biologischen Körper und in den politischen, unsterblichen Körper. Als Schreckbild eines Tyrannen-Egos hat Caligula wenig zu bieten. Die Polit-Farce bleibt dünn und läppisch, auch an diesem Abend.

Caligula 3 560 SandraThen uAuf dem Killing Field der Sensationslüste: André Kaczmarczyk als Caligula © Sandra Then

Anders ist es bestellt um den Schwärmer und Wahrheitsfanatiker. Angesichts einer entgotteten, unerträglichen Welt, erkennt er kein Gesetz an außer dem eigenen. Sein unbezwingbares Tun regiert ein "Reich, dessen Herrscher Unmöglichkeit heißt". Durch den Tod seiner geliebten Schwester Drusilla steht ihm vor Augen, dass der Mensch sterblich und nicht glücklich ist – und somit nichts Bedeutung hat. Daraus folgert er, sich in einem Spiel ohne Grenzen bindungslose Freiheit zu nehmen und einer unerbittlichen Logik zu folgen, die den Menschen-Kenner in einem Blutfest zum Menschen-Verächter macht. Caligula isst das Brot der Gleichgültigkeit wie eine Hostie. Credo quia absurdum est (Ich glaube, weil es unvernünftig ist), heißt es im christlichen Diskurs. Dies Glaubensbekenntnis lässt sich in negativer Theologie umformulieren: In einer absurden Welt erscheint nur absurdes Handeln als sinnvoll.

Massaker, Gräuel, Guillotine

Im Central splittert das Gedanken-Konstrukt des Dramas in eine grell-farbige Gegenwart zwischen einem Riesentrichter, einem rosa Luftkissen und einer ebensolchen schwerwiegenden Camus-Biografie, dem Vorhang eines Cover-Motivs der Band City Boys International und weiterer schwarzer Bildpropaganda, die ein pop-postkoloniales Afrika aufruft.

Aber das ist kaum jenes (Nord-)Afrika, in das Camus mit seinem letzten Roman, der einmal "Adam" heißen sollte, heimkehrte: als sein von ihm kultisch verehrtes Mutterland der vaterlosen Kindheit, in das er 1913 geboren wurde. Der karge Garten Eden von Camus’ Algerien – oder das Rom der Cäsaren – ist hier ein Killing Field der Sensationslüste, ein Black Sabbath mit Voodoo-Maske, Fratzen, Gummi und Leder. Eingespielt werden Dokumentarfilme und -Aufnahmen aus Frankreichs Algerien-Krieg: Massaker, Gräuel und die Guillotine zu Richard Strauss’ spätromantisch walzerseligen Dreivierteltakten.

Die Wahrheit verfehlt

Dennoch scheint in dem ruppig-prolligen Milieu – nahezu unsichtbar – eine Traditionslinie gezogen, die von Lautréamont und Baudelaire über Bataille zu Genet bis Koltès und Chéreau führt, wobei diese sogleich breit verschmiert, vulgarisiert und knallig übermalt wird. Der, der auf dieser Spur balanciert und auch kräftig neben sie treten muss, ist: André Kaczmarczyk als Caligula.

Caligula 5 560 SandraThen uAuf dem roten Luftkissen: André Kaczmarczyk, Yohanna Schwertfeger © Sandra Then

Bei Camus, dem Humanisten und Verweigerer geschichtlichen Denkens, der (anders als Sartre) hoch empfindlich war für die Ausdünstung totalitärer Herrschaft, wird Caligula zum Ideenträger eines Irrtums. Caligula stirbt – von fremder Hand, darunter denen seiner Antipoden Scipio (Jonas Friedrich Leonhardi) und Cherea (Miguel Abrantes Ostrowski) – in der Erkenntnis, die Wahrheit über den Menschen verfehlt zu haben.

André Kaczmarczyk ist als disparater Irrläufer durch die eigenen inneren Konfliktzonen im permanenten Ausnahmezustand. Zunächst verstörtes enfant sauvage und wie ein erschrockenes Tier, gebärdet er sich als Purzelbaum schlagender Fant und ironisch hohl tönender Rhetor. Näher dran an Andreas Baader mit Knarre und krawalliger Reality-Agent provocateur, wischt er unwirsch das Bild vom dekadenten monstre sacré beiseite. Zieht nervös an der Zigarette, mampft Spaghetti, verzärtelt seine Rohheit, rollt die Schultern, serviert speckigen Eintopf auf dem Camus-Buchschinken, uniformiert sich trashig mit Springerstiefeln, bemalt sich zur Fetischpuppe einer schwarzen Venus, tanzt ballettös zu Nino Rotas Titelmelodie des "Paten", macht sich Celans "Todesfuge" zu eigen und höhnt im Gossen-Charme mit seiner ins Ordinäre stöckelnden Lollipop-Lady Caesonia (Yohanna Schwertfeger). So dreht er am "Uhrwerk Orange". So schlägt er auf Baumgartens Kopfbühne auf und federt Schmutz aufwirbelnd von ihr ab. Am Ende verschwindet Caligula, dem Kaczmarczyk da noch im zerrütteten Schizo-Storm und wie in einer Halloween-Gespenstersonate die Moll-Tonart ablauscht, im hellen Tunnel-Nichts. Baumgartens Tunnelblick weitet sich im Spiel seines Hauptdarstellers.

 

Caligula
von Albert Camus
Übersetzung: Uli Aumüller
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Barbara Steiner, Kostüm: Christian Schmitt, Musik: Stefan Schneider, Video: Hannah Dörr, Dramaturgie: Janiue Ortiz.
Mit: André Kaczmarczyk, Yohanna Schwertfeger, Ben Daniel Jöhnk, Jonas Friedrich Leonhardi, Miguel Abrantes Ostrowski, Rainer Philippi, Konstantin Lindhorst, Markus Danzeisen, Jovan Stojsin.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Eine typische Baumgarten-Bühne: multipel, wuselig, farbig, fantastisch. Dazu passt ein süffiger Soundtrack. Die Kostüme sind drollig römermäßig und bunt. Genug Raum für eine große exzentrische Show: die Caligula- bzw. André-Kaszmarszyk-Show", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (26.3.2018). Dass der Schauspieler die Riesenrolle glänzend meistern würde, war zu erwarten, "er zieht alle Register, herrisch und impulsiv, dann wieder weich und weiblich". Wenn Kaszmarszyks mitreißendem Spiel etwas fehle, dann die Abstürze in bittere Melancholie. "Offenbar war Baumgarten daran nicht so sehr interessiert, und vielleicht würde ihm der Autor sogar recht geben." In Erinnerung bleiben vor allem zwei herausragende Szenen: Wenn Caligula als afrikanische Frau (oder Gottheit) auftrete und wenn er einen Danse macabre tanzt, gespenstisch und fahl. "Wahnsinnig ist er nicht, nur kurz davor. In dieser Differenz ereignet sich großes Theater."

Der Schluss des spektakulär aufgeheizten und knallfarbigen Theaterabends "Caligula" klinge leise, so Max Kirschner in der Westdeutschen Zeitung (20.3.2018). Baumgarten inszeniere mit einem leidenschaftlichen André Kaczmarczyk in der Hauptrolle und einem Übermaß an Einfällen. "Ein fesselnder, blutrünstiger, bilder- und effektreicher Parforceritt durch die Abgründe eines Tyrannen, der die Zuschauer in pausenlosen zwei Stunden schockiert und elektrisiert." Fazit: "Das Übermaß an Einfällen betäubt, lenkt streckenweise von der gottlosen Welt des Caligula ab. Positiv aber, dass Baumgarten und Kaczmarrczyk die beschworenen Allmachtsphantasien als zeitlos darstellen und nicht mit dem Finger auf die Trumps und Erdogans unserer Tage hinweisen."

Dieser "Caligula" sei groß geraten. "Zu anspruchsvoll gedacht von Regisseur Sebastian Baumgarten, der für sein Denklabor einen irren Zauberkasten bereithält. Zu breit angelegt. Zu stark ausgeschmückt. Zu üppig gewürzt. Zu wild gebaut. Zu dramatisch vertont. Mit zu viel dokumentarischem Material durchmischt", schreibt Annette Bosetti in der Westfälischen Rundschau (20.3.2018). Kaczmarczyk ziehe mit seiner grandiosen Darstellung alle Aufmerksamkeit auf sich. "Um ihn herum agiert ein oft drolliges Ensemble auf der anspielungsreichen Bühnenlandschaft von Barbara Steiner. Die beste Würze ist die coole Musik des Düsseldorfers Stefan Schneider." Am schönsten sei dann das Ende - Caligulas Monolog, in den Caesonia (Yohanna Schwertfeger) hineingrätscht. "Er brüllt, dass er noch lebt. Sie singt mit beschwörendem Timbre: You never know. Der allergrößte Applaus ist die Folge."

 

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