Ausbruch in die Provinz

von Ralph Gambihler

Halle, 20. Juni 2008. Es mag sein, dass die Veranstalter nicht glücklich sind über das zeitliche Zusammentreffen mit der Fußball-EM. Am Donnerstagabend aber, dem Abend des "Vorspiels", ergab sich daraus ein wunderbarer Moment urbaner Fülle und Verwirrung. Wie überall im Land bevölkerten die Leute die Kneipen. Mit Schweini und Poldi ging es vor neuester TV-Technik gegen die Elf aus Portugal. Derweil machte eine internationale Gästeschar die Straßen unsicher.

Drei Prozessionszüge, bestehend aus afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Trommlern, schoben sich Meter für Meter Richtung Zentrum, angeführt vom Gaukelspiel diverser Stelzenläufer und Maskenträger. Am Marktplatz vereinigte man sich zum lautstarken Finale. Auf den Freisitzen fuhren die Köpfe herum. Was ist das jetzt? Wohin nun mit der Aufmerksamkeit? Zum Ball und seinen Helden? Oder doch lieber zum Rausch der Rhythmen? Es toste wie beim Karneval der Kulturen. Irgendwo schimpfte jemand in den allgemeinen Tumult hinein. Begegnungen können wirklich schön sein.

Soviel Tuchfühlung war nie 

Die elfte Ausgabe von Theater der Welt ist nicht einfach zu Gast in Halle an der Saale. Das Internationale Theaterinstitut (ITI) als Veranstalter hat ganz bewusst diesen Ort gesucht. So viel Tuchfühlung zu einer Lebenswirklichkeit abseits der gut eingesäumten Zentren mit ihren schicken Kulturbetrieben war nie. Normalerweise findet das 1981 von Ivan Nagel gegründete, alle zwei bis drei Jahre ausgetragene Festival in größeren Städten statt: in Köln, in Hamburg, in Stuttgart. Auch Dresden war schon an der Reihe.

Halle ist nun der Schritt in dichtere Problemlagen, auch ein Gang in die Provinz, beinahe ein Ausbruch. Wobei der halb entschuldigende Hinweis von offizieller Seite, dass der Ort ja "nicht auf Rosen gebettet" sei, die Wirklichkeit nur zum Teil trifft. Atmosphärisch hat sich in Halle viel getan. Die Tristesse der 90er Jahre wurde offenbar erfolgreich bekämpft, zumindest im hübsch renovierten Zentrum zwischen den Häusern der Franckeschen Stiftung und dem Domplatz mit der zauberhaften Residenz.

Rund 500 Künstler aus fünf Kontinenten sind angereist. Unter dem von Hölderlin entlehnten Motto "Komm! Ins Offene" bestreiten sie ein dichtes Programm mit Schauspiel, Tanz-, Musik-, Figurentheater nebst mancher Grenzüberschreitung. 24 Produktionen wurden eingeladen bzw. vor Ort erarbeitet: ein Reigen aus Uraufführungen, europäischen oder deutschen Erstaufführungen.

Globales im Goethekontext 

Torsten Maß, der langjährige Leiter des Berliner Theatertreffens, hält sich dabei an die auch schon wieder alte Managerdevise "think global, act local". Als Kurator will er globale Themen im Kontext der Hallenser Situation reflektiert wissen. Er baut dabei auf "die großen Namen und die großen Experimente". Beispielsweise auf den litauischen Theaterstar Eimuntas Nekrosius mit "Faustas" nach Goethe, auf den Schweizer Performer Massimo Furlan und sein Fußball-Remake über die legendäre deutsch-deutsche Begegnung von 1974. Oder auf Ricardo Baris, eine Galionsfigur der argentinischen Off-Szene, die in "La Pesca / Der Fischfang" das Verschwinden von 30000 Argentiniern zu Zeiten der Diktatur thematisiert.

Der Tag der Eröffnung begann allerdings mit einer Landpartie. Es ging nach Bad Lauchstädt, wo, eine halbe Autostunde von Halle entfernt, neben alten Kuranlagen eine entzückende Sommerspielstätte steht, die Goethe vor zwei Jahrhunderten nach eigenen Entwürfen erbauen ließ (und zu einem Sechstel auch selber bezahlte). In diesem alten Gemäuer ließ man, pardon, die Puppen tanzen. Die leichten Musen durften paradieren, umgeben von lichter Sommerlichkeit.

Historischer Glanz mit Marionetten

Die Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli der nicht weniger alten Mailänder Schausteller-Familie Colla ist weltberühmt. In "Excelsior", einer ebenso herzigen wie historischen Inszenierung aus dem Jahr 1895, blendet das Ensemble zurück in eine Zeit des ungebrochenen Fortschrittglaubens.

Die elf Bilder zu Originalmusik Romualdo Marencos, von der Staatskapelle Halle in kleiner Besetzung gespielt, feiern den Siegeszug von Dampfschiff und Automobil, von Suez-Kanal und Glühbirnen-Licht. Sie ergeben ein theatrales Glanz und Gloria auf den naturwissenschaftlich-technischen Genius, sagenhaft naiv, handwerklich faszinierend. Seltsam, ja schaurig, wie der schmissige Geist des ausgehenden 19. Jahrhunderts in der Luft liegt. Als Märchen, als Blick in die Theatergeschichte und als Furioso der Marionettenkunst ist "Excelsior" aber ein Glücksfall.

Zum Zentralereignis des Eröffnungsabends ging es per Shuttlebus zurück nach Halle, wo sich im Opernhaus der Vorhang für eine musikalische Betörung hob. "Die Manganiyar-Verführung" ist die Stunde von 43 Sängern und Instrumentalisten aus der indischen Wüste Thar im Westen des westlichen Bundesstaates Radjasthan. Die Betonung muss man sich hier auf dem Wort Verführung denken.

Rauschhafte Ausbrüche, tiefe Spiritualität 

Die Musik ist von hypnotischer Wirkung, minimalistisch und doch komplex, hochgradig virtuos, ungeheuer rauschhaft in den Ausbrüchen, getragen von einer tiefen Spiritualität und Innerlichkeit. Es ist schwer, sich den Reizen dieser Klangwelten zu entziehen. Die Modulationen und Tremoli sind von einer einlullenden Beseeltheit. Die Hände der Sänger schicken Töne nach oben, als seien sie Flieger auf feingliedrigen Startbahnen. Selbst eingeschworene Gegner einer Überwältigungsästhetik müssen nach einem solchen Abend mit einer robusten Indien-Sehnsucht rechnen.

Die Manganiyars, informiert das Programmheft, sind eine Kaste muslimischer Musiker, die sich gleichermaßen dem hinduistischen und islamischen Glauben verbunden fühlen. Sie sind keine Berufsmusiker, sondern Musikanten durch Geburt. In ihren mystischen Gesängen preisen sie Allah, aber auch die weitläufige Götterwelt der Hindu und den Gott der Christen. Sie verströmen und leben die religiöse Toleranz, die Lessing im "Nathan" wortreich beschwört. Das vierstöckige Gerüst, das sie auf der Bühne bevölkern, dicht bei dicht, alle im Schneidersitz, erinnert an eine andere Welt der Verführung.

Enge Kabinen mit roten Vorhängen und rahmenden Lichterketten verweisen auf das Rotlichtmilieu von Amsterdam. Der indische Regisseur Roysten Abel, ein international gefragter Theatermann von vitaler Fülle, dessen künstlerischer Werdegang mit Shakespeare begann, hat sich dieses Arrangement ausgedacht. Er ästhetisiert kulturelle Divergenz und überhöht sie magisch. Man ist versucht, ihn einen Schlangenbeschwörer in den Spannungsfeldern zwischen Orient und Okzident zu nennen. Damit wäre allerdings wenig gesagt, denn sein eigentliches Genie beruht auf Beobachten, Zuhören und Kombinieren.

Theater der Welt 2008

Excelsior. Ballett in zwei Teilen
von Luigi Manzotti nach Musik von Romualdo Merenco
Fassung für Marionettentheater: Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli, Italien (Mailand)
Regie: Eugenio Moni Colla, Bühne: Carlo III Colla, Musik: Staatskapelle Halle, Dirigent: Hans Rotmann.

Die Manganiyar-Verführung (DEA)
42 Manganiyars, Indien (Rajasthan & Neu Delhi)
Regie, Konzept, Bühne und Lichtdesign: Roysten Abel, Ausstattung: design habit, Sounddesign: S. Manoharan.

www.theaterderwelt.de/2008

www.marionettecolla.org
www.roystenabel.com

  

 

Kritikenrundschau

Der diesjährige Festivalslogan ("Komm! Ins Offene") sei von Hölderlin geborgt. Für Jan Oberländer im Berliner Tagesspiegel (23.6.) lohnt es sich, ihn zu beherzigen. 500 Künstler aus fünf Kontinenten sind seinen Informationen zufolge nach Halle gekommen. An jeder Ecke der Saalestadt sei Programm, in den 18 Festivaltagen insgesamt über 120 Vorstellungen. "Und das in einer Stadt, die mit 234 000 Einwohnern die kleinste ist, in der das seit 1981 alle zwei bis drei Jahre vom Internationalen Theaterinstitut veranstaltete Festival jemals stattgefunden hat. Im Osten Deutschlands hat das TDW erst ein einziges Mal Station gemacht, 1996 in Dresden. Letzter Gastgeber war vor drei Jahren Stuttgart. Allerdings hatte man dort doppelt soviel Geld zur Verfügung wie die Festivalmacher im von Geldsorgen geplagten Halle. Mit einem Budget von rund 2,2 Millionen Euro, das Bund, Land und Stadt zu gleichen Teilen tragen, machen Kurator Torsten Maß und Festival-Intendant Christoph Werner die alte Salz- und Schokoladenstadt dennoch souverän zur Weltbühne."

Die Hallenser Ausgabe von Theater der Welt habe heftig um die Liebe des Publikums gebuhlt, das mit Begeisterungsstürmen dankte, schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (23.6.). Bei den "unvermeidlichen Eröffnungsansprachen" haben Pilz zufolge alle Redner zunächst "das hohe Halle-Loblied" angestimmt. Staatsminister Bernd Neumann habe vom Theater der Welt als 'Leuchtturm in der Theaterförderung des Bundes' und von Halle als positivem Signalgeber für die Kulturnation gesprochen. Dagmar Szabados habe leidenschaftlich für ihre 'Haushaltsicherungsstadt' Halle als "Kulturstandort" geworben und Festivalchef Torsten Maß jene Sponsoren gepriesen, die immerhin 40 Prozent der notwendigen Gelder gestiftet hätten. "Eifriger Applaus und viel Festival-Vorfreude im Publikum." In diesem Zusammenhang findet Pilz es "überaus clever", mit den Eröffnungsinszenierungen "die allgemein gute Laune nicht zu stören" und ganz auf die zauberischen Kräfte des Theaters zu setzen.

"Eine bessere Eröffnung als Roysten Abel und seine '42 Manganiyars' aus der Wüste von Rajasthan hätte sich das Festival-Team um Torsten Maß kaum wünschen können", jubelt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (22.6.) Die Show der indischen Muslime, die Hilger eigenem Bekunden zufolge "unter die Haut" gegangen ist, findet er nicht nur ästhetisch perfekt und aufregend fremd, sie steht aus seiner Sicht "zugleich für die identitätsstiftende Kraft des Theaters. Denn bevor der Regisseur Abel in ihr Leben trat, glaubten die Manganiyars ihre über Jahrhunderte gewachsene Tradition zum Untergang in der rasanten Modernisierung der indischen Gesellschaft verurteilt. Inzwischen planen sie nach Auskunft ihres Entdeckers sogar die Einrichtung eines Kulturzentrums, in dem alte Gesänge gepflegt und neue Künstler ausgebildet werden sollen."

Als kleinen Geniestreich feiert Andreas Montag in der in Halle erscheindenden Mitteldeutschen Zeitung (22.6.) die Entscheidung, die uralte Marionettenfassung von Excelsior der Mailänder Puppenspielerdynastie Colla im nach Goethe-Plänen erbauten Bad Lauchstädter Theater aufzuführen. "Das Spiel ist ein Traum vor wundervollen Prospekten, die in der Lauchstädter Bühne förmlich aufgehen. So, als sei sie eigens für die Collas gebaut worden. Nach jedem Bild Applaus, am Ende heller Jubel".

 

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