Bis an die Schmerzgrenze

von Nina Peters 

Berlin, 6. Mai 2007. "Ulrich Matthes ist ein ernster Schauspieler", heißt es in der Jurybegründung des Berliner Theaterpreises der Stiftung Preußische Seehandlung. Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit, am Vorabend noch als Pappkamerad Mitspieler in Stemanns "Ulrike Maria Stuart"-Inszenierung auf der Bühne, liest sie vor.

Ulrich Matthes erhält den mit 20.000 Euro dotierten Theaterpreis. Aus diesem Anlass gibt es Preisreden und denkbar liebevolle Darbietungen befreundeter Kollegen im Haus der Berliner Festspiele. Imogen Kogge, gerade noch neben Matthes auf der Leinwand in Andrea Breths "Möwe" zu sehen, steht leibhaftig da und singt, verstörend kratzig, den Song "Kiss". Katharina Schmalenberg und Alexander Khuon lesen komische Gernhardt-Gedichte.

"Der ist so furchtbar mutterwitzig"
Zwischendurch wird via Leinwand die ganze Bandbreite des Schauspielers Matthes angezeigt: der Bühnen- und Filmschauspieler, der Vorleser und Synchronsprecher. Die Stimme ist diesem Schauspieler das wichtigste Ausdrucksmittel. Und dann äußert sich auf der Leinwand auch Humor: "Das Leben ist eine Mohrrübe", sagt Matthes, Tschechow zitierend, in einem filmisch-autobiografischen Selbstbekenntnis: "Da kann ich mich nur anschließen." Regisseur Jürgen Gosch, mit dem der gebürtige Berliner Ulrich Matthes am Deutschen Theater seine erfolgreichste und mitunter sehr komische Rolle der vergangenen Jahre erarbeitete – George in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" –, spricht im nöligen Ton von der großen Leinwand herab: "Der ist so furchtbar mutterwitzig." Das meint Gosch ernst und gar nicht despektierlich. Geht das? Ernst ist der Schauspieler, humorvoll nur der Mensch?

Ulrich Matthes, der am 9. Mai 48 Jahre alt wird, ist ein ernster Schauspieler, sobald er über seinen Beruf spricht. Und er wird noch ernster, als er Christine Dössel zitiert, die neben Wolfgang Engel, Michael Schitthelm und Joachim Sartorius die Preisjury stellte. Zu Michael Thalheimers "Die Fledermaus" am Berliner DT schrieb die Kritikerin jüngst über Matthes: "Er ist nun mal kein Komiker." Es sei unfreiwillig komisch, wenn nicht peinlich, was Matthes spiele. "Unfreiwillig ist das ganz und gar nicht", verspricht Matthes. Und dass der Mut zur Peinlichkeit bis an die Schmerzgrenze für einen Schauspieler "absolut und elementar wichtig sei". Was schließlich die Zuschreibung durch die Jury angehe, "Sprache sei ihm heilig", so sei es eher so: Kleists Musikalität könne ihn immer wieder entzücken, "aber heilig ist mir 'Der zerbrochene Krug' nicht". "Ich will den Menschen zu Herzen gehen", da habe die Jury recht. Und er dankt ihr, mit Kleist, "auf den Knien meines Herzens".

"Ihr könnt euch alle irren!"
1982 saß Ulrich Matthes, Studienabbrecher der Fächer Germanistik und Anglistik, im Zug von Ulm nach Berlin und heulte. Der Oberspielleiter hatte dem jungen Menschen Unfähigkeit bescheinigt und ein Beenden des Studiums empfohlen. "Ihr könnte euch alle irren bei der Beurteilung von Anfängern!", ruft Matthes den zahlreichen Zuhörern eindringlich zu und meint vor allen die Kritiker. Und seinen Laudator, den Kritiker Peter von Becker, müsse er korrigieren: "Heinrich oder Die Schmerzen der Phantasie" habe das Stück von Tankred Dorst geheißen, das er 1985 in Düsseldorf gespielt habe. Nicht "Heinrich oder Die Schmerzen der Vernunft".

Matthes ist an diesem Sonntagmittag kritischer als die Kritiker. Fast ein wenig pedantisch liefert er, der Lehrer werden wollte, die Fußnoten zu den vorangegangenen Reden. Matthes, der mit Sprache nach Nuancen und Ambivalenzen in der Darstellung Suchende, dieser wunderbar nuancierte, musikalische Schauspieler, strebt nach Präzision und Wahrhaftigkeit. Nach gedanklicher Klarheit und Transparenz. Er ist ein ernster Schauspieler, auch das.

 

 
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