Gruppenkunde

von Wolfgang Behrens

3. April 2018. Man kann Kritiker*innen in drei Gruppen einteilen:

1) In die Gruppe derer, die geliebt werden wollen,

2) in die Gruppe derer, die gehasst werden wollen, und

3) in die Gruppe derer, denen es egal ist, ob sie geliebt oder gehasst werden.

Die meisten Kritiker*innen werden wohl behaupten, zur dritten Gruppe zu gehören – eine Blitzumfrage unter einem (in Zahlen: 1) befreundeten Kritiker ergab sogar 100 Prozent, wobei der Umfang der Stichprobe vielleicht nicht optimal gewählt war. Ich behaupte jedoch, dass alle jene, die sich selbst der Gruppe 3 zuordnen, lügen, weswegen sich streng genommen alle Kritiker*innen in die ersten beiden Gruppen aufteilen lassen.

Kleine feine Wut-Hass-Gruppe

Die zweite Gruppe ist vermutlich klein, aber fein, und sie unterliegt einer gewissen Tragik. Zu ihr zählen all jene, die von dem zu behandelnden Gegenstand, zum Beispiel vom Theater der Gegenwart, gequält werden, ihn im Grunde zutiefst hassen und deswegen zurückgehasst werden möchten. (Karl Kraus: "Kritik ist, wenn man auf wen eine Wut hat.") Dieser Gruppe entwachsen manchmal Großkritiker (Kerr, Stadelmaier), manchmal werden ihre Elemente aber auch nur zu verbiesterten Provinzquerulant*innen. Die Tragik der Gruppe liegt darin, dass das Publikum meist den zu behandelnden Gegenstand, zum Beispiel das Theater der Gegenwart, ebenfalls hasst, die Verrisse der Gehasst-werden-Wollenden daher begierig aufsaugt und ihre Verfasser*innen dafür innig liebt. Womit diese Kritiker*innen ihr Ziel gewissermaßen verfehlen, denn sie taumeln bedenklich in Richtung der Gruppe 1.

Hybris der Geliebt-werden-Wollenden

Über die erste Gruppe kann ich vor allem eines sagen: nämlich, dass ich, als ich noch ein Kritiker war, ganz unbedingt zu ihr gehörte. Ich wollte mit meinen Kritiken von allen geliebt werden. Zuerst einmal von der zuständigen Redakteur*in. Daher blieb ich meist, wenn ich eine Nachtkritik verfasst hatte, direkt am Bildschirm sitzen und aktualisierte nach zwei Minuten zum ersten Mal meinen Webmail-Account. Noch keine Reaktion – hat der Text vielleicht nicht gefallen? Nach zehn Minuten wurde ich nervös, und wenn die Kritik um 9 Uhr veröffentlicht war und ich noch immer keine Mail erhalten hatte, in der mir wenigstens ein wenig Lob und liebende Zuneigung entgegengebracht wurde, verfiel ich in stupide vor sich hin brütenden Trübsinn.

17 Kolumne behrens k 3PWidersinnigerweise wollte ich aber auch von den Künstler*innen geliebt werden. Weil ich das Theater liebte, stellte ich mir vor, wie ich vom Theater gegengeliebt würde. Wie Schauspieler*innen und Regisseur*innen meine Kritik läsen und sich im besten Falle erkannt und warm verstanden fühlten. (Jaja, ich weiß: was für eine Hybris!) Die Krone des Ganzen war aber, dass ich noch für meine Verrisse von den Verrissenen geliebt werden wollte. Ich glaubte irgendwie immer daran, dass – sagen wir: nach meiner Kritik zu Peter Steins und Klaus Maria Brandauers "Das letzte Band" – Peter Stein oder Klaus Maria Brandauer anrufen würden, um zu sagen: "Ja, lieber Herr Behrens, das war jetzt schon ziemlich hart, was Sie da geschrieben haben, aber Sie haben ja so recht! Wir werden alles ändern! Wir sind Ihnen unendlich dankbar!" Natürlich hat sich nie jemand gemeldet, weder die Verrissenen noch die Belobigten. Von den Künstler*innen hat ein*e Kritiker*in keine Liebe zu erwarten.

Leere Hoffnung bis zum Like

Bleiben die Leser*innen. Schreibt man als Kritiker*in für Theaterzeitschriften oder Zeitungen, wird man allerdings, was die Liebe des Publikums betrifft, in der Regel enttäuscht. Es ist, als ob man ins Leere schreiben würde: Es kommt einfach nichts zurück. Daher war die Gründung von nachtkritik.de für die Kritiker*innen der ersten Gruppe – und also auch für mich – ein echtes Ereignis, denn mit den Kommentaren hatten die Leser*innen endlich die Möglichkeit, ihrer Liebe adäquaten Ausdruck zu verleihen. Doch, o Schreck! Man bezeichnete mich als "piefigen Provinzbock", machte mich als Anführer einer "revanchistischen, arschkonservativen Rolle rückwärts" aus und wollte mich – "ab in die Arche!" – zum Nachsitzen in Sachen Ästhetik schicken. Von der großen Liebe der Netzgemeinde habe ich verdammt wenig zu spüren bekommen. :-(

Die Rettung für uns Kritiker*innen der Gruppe 1 kam schließlich durch Facebook. Mit den Likes – und in Ermangelung von Dislikes – konnte die Liebe der Leser*innen plötzlich quantifiziert werden. Der Tag nach dem Erscheinen einer meiner Nachtkritiken verging nun damit – und bei den meisten meiner Ex-Kolleg*innen wird das noch heute so sein –, dass ich bei Facebook und Twitter die neu eintreffenden Likes und Retweets zählte. Und mich mit jedem Like ein wenig mehr geliebt fühlte.

Bei amazon.de gab es übrigens bis vor gar nicht allzu langer Zeit noch die Möglichkeit, eine Kunden-Rezension zu disliken. Eine meiner ersten Kritiken überhaupt, in der ich – witzig, witzig! – die Bibel in der Übersetzung Martin Luthers als postmodernen Roman besprach, wurde so auch eine meiner meistgehassten. Ich konnte mich vor Dislikes kaum retten, ich erhielt sogar (im Jahr 2000 war man als Rezensionsautor bei amazon noch direkt kontaktierbar) eine hate mail, die mich zur Löschung der Kritik aufforderte. Mittlerweile hat amazon den Dislike-Button abgeschafft, und – schwupps! – ist die Bibel-Kritik mit den noch verbleibenden positiven Wertungen zu meiner beliebtesten amazon-Rezension geworden. Das freut mich natürlich. Über die Verlässlichkeit der durch Likes quantifizierten Liebe hat mich das allerdings schon ein bisschen ins Grübeln gebracht … 

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit dieser Spielzeit Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er u.a. in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

 

Zuletzt schrieb Wolfgang Behrens über die Beeinflussung der Kritiker*innen von Seiten der Theater.

 

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