Künstliche Intelligenzen im Paradies

von Sascha Westphal

Dortmund, 7. April 2018. Etwas fehlt. Das fällt sofort auf. Aus "Die Schöpfung", wie Joseph Haydn sein im April 1798 uraufgeführtes Oratorium zum Lob Gottes, des Schöpfers, überschrieben hat, ist einfach "Schöpfung" geworden. Der feste Glaube an den einen Gott, der im Anfange Himmel und Erde schuf, hat in den vergangenen 220 Jahren mehr als nur ein paar Risse bekommen. Spätestens seit Darwin und dem Wissen um die Evolution haben sich die Prioritäten verschoben.

Die Schöpfung ist kein singulärer Akt mehr. An die Stelle des einen Gottes ist die Menschheit getreten, die mittels der Wissenschaften und der Technik die Evolution in ihre Hände nimmt. Die an ihre vergängliche Hülle gefesselten Menschen werden zu Schöpfer von Leben, das jenseits alles Biologischen existiert und sich irgendwann gänzlich von allem Menschlichen lösen wird.

Überwindung des Menschlichen

Das ist zumindest die Vision, die Claudia Bauer und Dirk Baumann zum Ausgangspunkt ihrer musiktheatralen Reflexion über das Verhältnis zwischen dem Menschen und einer aus Algorithmen erwachsenden Künstlichen Intelligenz machen.

Schoepfung 1 560 BirgitHupfeld uMenschen? Zumindest Wesen, die menschliche Sprache wie eine Maske benutzen in Claudia
Bauers elektronisch verzerrter "Schöpfung" am Theater Dortmund © Birgit Hupfeld

Im Anfang sind die Nebelmaschinen. Noch bevor sich der eiserne Vorhang hebt, hört man, wie sie stoßweise ihr Werk verrichten. Als er dann in die Höhe geht, verhüllt der Nebel alles. Die Bühne ist, wie es in einer der ersten Zeilen von Haydns Oratorium von der Erde heißt, "ohne Form". Erst als sich die Schwaden lichten, sieht man ein Bühnenbild, das in seiner eher altmodischen und auch recht tristen Anmutung Erinnerungen an Marthaler-Inszenierungen weckt. Dazu passen dann auch die Kostüme der Schauspielerinnen und Schauspieler, die zusammen mit drei Opernsolisten aus der Tiefe der Bühne nach oben gefahren werden. "Wir / sind niemand", verkünden Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Frank Genser, Marlena Keil, Bettina Lieder und Uwe Rohbeck sogleich im Chor, um nur wenig später zu erklären: "Wir / benutzen die menschliche Sprache / als würden wir eine Maske mit aufgemaltem freundlichem Lächeln benutzen." Und schon stecken wir mitten drin in einem Abend der Widersprüche und der Anachronismen.

Murx ihn, Murx ihn

Menschen verkörpern eine nicht-menschliche Künstliche Intelligenz aus der Zukunft und schlüpfen dafür in Kostüme, die aus der Zeit gefallen sind. Murx den Menschen. Das war es dann aber auch schon mit den Marthaler-Assoziationen. Die Gruppe zerfällt. Die drei Opernsolisten gehen zu ihren Plätzen am rechten Rand der Bühne, während die Schauspielerinnen und Schauspieler in dem Gebäude verschwinden, das Andreas Auerbach auf die Drehbühne gestellt und aus dessen Innern, einer spiralförmig angeordneten Reihe von Räumen, fortan Videobilder live übertragen werden.

Schoepfung 2 560 BirgitHupfeld uHybrid aus Musik- und Sprechtheater © Birgit Hupfeld

Das Schauspiel Dortmund kündigt Claudia Bauers Inszenierung als "Hybrid aus Musik- und Sprechtheater" an. Das klingt nach Vermischung, als würde das eine ins andere fließen. Doch so ist es letztlich gar nicht. Haydns Oratorium und die Sprechtexte, die Claudia Bauer und Dirk Baumann aus unterschiedlichsten Materialien collagiert haben, verhalten sich eher wie zwei parallele Linien, und die können sich zumindest in der euklidischen Geometrie niemals treffen. Die eine, T.D. Finck von Finckensteins Bearbeitung von Haydns Musik, zitiert noch einmal den großen Schöpfungsmythos der Genesis. Allerdings verschiebt sich durch die konsequente musikalische Reduktion und durch elektronische Verfremdungen die Wahrnehmung. Maria Helgath, Ulrich Cordes und Robin Grunwald, die drei stimmlich ungeheuer eindrucksvollen Opernsolisten, lobpreisen in Rezitativen, Arien und Chorpassagen zwar den Herren. Aber noch mehr feiern sie den Menschen als "Mann und König der Natur".

Skeptische Betrachtung der menschlichen Natur

Die andere Linie zeichnet eine zweite Schöpfungsgeschichte nach. Während sich die Bühne dreht, durchwandert das sechsköpfige Schauspielensemble die Räume, die von oben durch das Auge einer Kamera betrachtet eine Goldene Spirale bilden, und spielt dabei Szenen einer Evolution durch, die schließlich in der Erschaffung einer dem Menschen überlegenen Künstlichen Intelligenz gipfelt. Mal verschwinden die Darstellerinnen und Darsteller hinter Masken, mal werden ihre Stimmen elektronisch bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, mal bilden sie einen Chor, mal löst sich jemand aus der Menge heraus und bricht so das Geschehen auf.

Schoepfung 1 560 EdiSzekely uBei der Schöpfung einer überlegenen Künstlichen Intelligenz © Edi Szekely

Man kennt diese Techniken aus anderen Inszenierungen von Claudia Bauer. So kehrt sie hier zu Bernhard Studlars bitterbösem Gegenwartsporträt "Die Ermüdeten" zurück, dessen Uraufführung sie 2015 in Leipzig inszeniert hat. Aber anders als Studlars Stück ist diese Textcollage, in die neben Passagen aus Stanislaw Lems "Kyberiade" und anderem auch das traurige Märchen der Großmutter aus Büchners "Woyzeck", ein paar Verse aus Goethes Faust sowie Zitate aus E.T.A. Hoffmanns Schauermärchen "Der Sandmann" und aus Paulus' 1. Brief an die Korinther Eingang gefunden haben, weder Abrechnung noch Anklage. Das Spiel des sich perfekt ergänzenden Ensembles ist wie der Gesang der Opernsolisten eine Feier des Menschen. Nur ist der Blick, den es auf den "König der Natur" wirft, etwas skeptischer.

Zwischen parallelen Geraden

Zum Ende hin treffen sich dann ein menschlicher Adam und sein Geschöpf, eine nicht-menschliche Eva, vor einem Green Screen. Bettina Lieder und Frank Genser spielen die beiden als Paar, das nicht zusammenkommen kann. In dieser scheiternden Liebesszene offenbart sich nicht nur auf anrührende Weise die Tragik des Menschen, der sich seiner Schöpfung als unwürdig erweist. Sie verändert auch die Geometrie der Inszenierung. Aus dem euklidischen wird ein projektiver Raum, in dem sich die parallelen Geraden in einem Punkt schneiden können. Dieser Punkt ist das letzte Rezitativ aus Haydns Oratorium, in dem der Engel Uriel Adam und Eva davor warnt, "mehr zu wissen als ihr sollt!" Aber, und daran erinnert einen Claudia Bauer höchst eindringlich, der Mensch wäre nicht der Mensch, wenn er diese Warnung beherzigen würde.

Schöpfung
nach Joseph Haydn / Gottfreid van Swieten
unter Verwendung von Szenen aus "Die Ermüdeten" von Bernhard Studlar
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Patricia Talacko, Musikalische Leitung: T.D. Finck von Finckenstein, Dramaturgie: Dirk Baumann, Regiemitarbeit: Jan Friedrich, Licht: Stefan Gimbel, Live-Video: Tobias Hoeft, Ton: Jörn Michutta, Andreas Sülberg. Mit: Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Frank Genser, Marlena Keil, Bettina Lieder, Uwe Rohbeck, Maria Helgath (Sopran), Ulrich Cordes (Tenor), Robin Grunwald (Bass), Petra Riesenweber (Piano), T.D. Finck von Finckenstein (Live-Musik)
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

"Die Inszenierung zeigt das Mangelwesen Mensch in vielen Facetten", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (9.4.2018). "Viele Momente atmen Heiterkeit, zum Beispiel wenn die Scheidung der Erde in Wasser und Land besungen wird und dabei die Schauspieler unter die Dusche geschickt werden." Hinreißend, wie die Schauspieler mal menscheln, mal mit elektronisch verzerrten Stimmen als Zwerge gegen die gewaltige Schöpfungsmaschine rebellieren. Der Abend jedenfalls lasse viel Raum, dem unschuldigen Optimismus Haydns wie den bösen Ahnungen Lems, "und das erzeugt heilsame Verunsicherung. Großer Beifall."

Mit gesicherten Erkenntnissen könne der Abend kaum aufwarten. "Eher schon mit Fingerzeigen und Denkanstößen, die optisch ansprechend verpackt sind, als verbale Sturzflut (in Mickymaus-Stimme) das Publikum aber bisweilen überfordern", schreibt Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhrnachrichten (9.4.2018). Ästhetisch sei "Schöpfung" nicht weit entfernt von den Arbeiten Kay Voges', "die Bühne (Andreas Auerbach) ist ein Schmuckstück, im mittig kreisenden Dreh-Element paradieren die Innenräume vorbei." Fazit: "Die Textverständlichkeit ist gut, spartanische Arrangements geben dem Gesang viel Raum. Alles in allem: geistig fordernd, aber kurzweilig und anregend. Viel Applaus."

Claudia Bauer setze in ihrer Inszenierung auf "Philosophie und utopische Spekulation", schreibt Max Florian Kühlem in der taz (11.4.2018). "In der Drehbühne von Andreas Auerbach agieren meist keine als Individuen erkennbaren Figuren, sondern das Ensemble bebildert Denkfiguren." Der Kritiker zeigt sich von der Machart und der Komik der Unternehmung überzeugt. "Gespiegelt in der digitalen Philosophie der Gegenwart, in der die Maschinenwerdung des Menschen als logischer Schritt der Evolution behandelt wird, erscheint Joseph Haydns 'Schöpfung' – und das ist ein Clou der Inszenierung – ungemein naiv."

 
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