Der bequeme Weg

von Esther Slevogt

10. April 2018. Seit einiger Zeit teile ich mein bürgerliches Heldenleben mit einem Obdachlosen. Meist kommt er erst abends, um sich hier im Durchgang zum Nachbarhof in die immer gleiche Ecke zu kauern. Der Durchgang hat den Luxus, dass er beheizt ist und seine Türen sich schließen lassen. Der Mann ist eher jung als alt, schaut freundlich, fast kindlich aus seinen erschreckten Augen. Oft sitzt er auch mitten am Tag einfach da, raucht, trinkt und grüßt freundlich, wenn ich an ihm vorbei zu den Fahrradständern hinterm Haus gehe. Meist lässt sich die Dauer seines Aufenthalts in diesem Durchgang an der Zahl der Kippen, an leeren Flaschen und Essensresten ablesen, die er um sich verteilt hat.

Plötzlich Entscheiderin

Manchmal wechseln wir ein paar Worte. Übers Wetter oder so. Etwas Geld habe ich ihm auch schon gegeben. Ihn zu seinem Schicksal zu befragen scheue ich mich. Wäre das nicht schon ein unzulässig paternalistischer, ja respektloser Übergriff auf sein Privatleben?

kolumne 2p slevogtImmer wieder schlafen im Winter Obdachlose hier. Solange wie dieser jetzt ist aber noch keiner geblieben. Ich verstehe das. Ähnlich geht es den anderen, die hier leben. Die Galerie im Haus hat zum Beispiel ein Verlängerungskabel unter ihrer Tür in den Gang gelegt, daran schließt der Mann manchmal einen Wasserkocher an. Selbst der Hausmeister duldet ihn. Wohin soll einer wie er schließlich gehen.

Vor ein paar Monaten schon hat mich ein Theaterprojekt der ungarischen Gruppe Stereo Akt mit einem besonders trickreich konstruierten Stück Mitmachtheater tief in die Existenzbedingungen von Obdachlosen hineingezogen – ausgerechnet mich, die ich eigentlich kein Mitmachtheater mag und mich daran stets nur sehr widerwillig beteilige. In Budapest, wo das Stück im Kontext eines Theaterfestivals lief, ist das Obdachlosenproblem noch viel krasser als in Berlin. Und der rigorose Umgang mit Obdachlosen, ihre Vertreibung aus dem Stadtbild durch die gerade wiedergewählte Regierung auch ein Thema, mit dem Orban und seine Partei regelmäßig Punkte machen können.

In dem Stück "Addressless", das wie ein Gesellschaftsspiel aufgebaut ist, war mir als Zuschauerin plötzlich die Entscheidungsgewalt über einen Obdachlosen übertragen worden, den ich wie eine Spielfigur durch den Winter manövrieren musste. Ich bekam immer mehr Punkte, während der Obdachlose immer weiter Lebenspunkte verlor. Und zwar in jedem Fall, es war immer nur die Frage, wie viel Lebenszeit und Gesundheit ihn meine Entscheidung jeweils kosten würde. Was mein Bemühen im Verlauf des Theaterspiels ins immer Fieberhaftere steigerte, den Schaden möglichst gering zu halten, den ich mit meinen Entscheidungen verursachen würde – in diesem Fall gottseidank nur im Theaterleben einer Theaterfigur. 

Bröckelnde Gewissheiten

Im Gegensatz zu dem Mann, der hier nun neben meinem Wohnungseingang haust und dessen (gesellschaftliche) Dysfunktionalität sich langsam auch in Form von Gerüchen und Unrat auf die Umgebung auszuweiten beginnt, die keine Theaterumgebung sondern das richtige Leben ist. Hatte ich nach dem Theaterstück in Budapest lange gedacht, sicher nie wieder das Bedürfnis verspüren zu werden, für die Vertreibung eines Obdachlosen aus dem Hausflur sorgen zu wollen, beginnt diese Gewissheit nun zu bröckeln. Des Geruchs aber auch der sonstigen Atmosphäre der Verwahrlosung wegen, die von dem Mann ausgeht und die mein Mitgefühl für seine Lage anzuknabbern beginnt. Auch die Galerie hat das Verlängerungskabel für den Stromanschluss inzwischen wieder abgebaut.

Was also tun? Gehe ich den bequemen Weg und rufe die Hausverwaltung an, damit sie sich des Mannes beziehungsweise seiner Vertreibung annimmt? Oder versuche ich einmal, mit dem Mann die Bedingungen unseres Zusammenlebens hier auszuhandeln? Handeln statt zuschauen also. Was das Mitmachtheater schließlich schon lange lehrt, wenn es ästhetische und gesellschaftliche Konzepte miteinander kurzschließt, um Gesellschaft zu spielen. Aushandeln also, dass der Mann wenigstens seinen Müll wegräumt zum Beispiel. Oder wird er das als unzulässigen Versuch begreifen, ihn erziehen zu wollen? Werde ich mir selbst in dieser Rolle der Erzieherin gefallen? Habe ich überhaupt das Recht dazu? Mein Versuch, auch im richtigen Leben eine ebenso eifrige Gesellschaftsspielerin werden zu können, wie ich es auf dem Theater in dieser Angelegenheit in Budapest schon einmal war, stockt.

 

Esther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de und außerdem Miterfinderin und Kuratorin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt blickte Esther Slevogt skeptisch auf den Zustand der deutschen Einheit im Jahre 29 nach dem Mauerfall.

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