Kafka im Lamettawald

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 13. April 2018. Eine kleine Blechdose mit sechs Paar Wachskügelchen: Die hatte Franz Kafka wohl immer bei sich. 1908 war das Wundermittel gegen Lärm auf den Markt gekommen und wurde für den geräuschempfindlichen Dichter zum lebensnotwendigen Arbeitsmittel: "Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht", schrieb er an seine Freundin Felice.

Der amerikanische Alptraum

Wäre Kafka jetzt in der Premiere im Stuttgarter Schauspielhaus gewesen, wo sein Roman-Fragment "Der Verschollene" unter dem griffigeren Brod-Titel "Amerika" für die Bühne bearbeitet wurde, hätte er vermutlich ziemlich schnell seinen Hut genommen und hätte freundlich lächelnd, aber sehr bestimmt, das Theater verlassen. Denn da hätten auch die Ohropax-Stöpsel nichts genutzt, bei diesem zeitweise unerträglichen Dezibelpegel auf der Bühne: Etwa als minutenlang sinnfrei stampfende Musik in die Ohren dröhnte und hektisch sich drehende Maschinengetriebe auf die Bühne projiziert wurden. Mittendrin Karl, der nichts anderes tat, als ins Publikum zu starren.

Amerika1 560 JU u Horror im Glitzergewand: Ferdinand Lehmann, Moritz Grove, Andreas Leupold, Manja Kuhl © JU

Lilja Rupprecht, die Regisseurin des Abends, hat den Roman auch selbst bearbeitet. Die Geschichte vom 17-jährigen Karl Roßmann, der von seinen mittellosen Eltern fortgeschickt wird in die Neue Welt, weil ihn daheim ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hat, wird in ihrer ganzen Drastik vermittelt: Kafka lässt im "Verschollenen" den amerikanischen Traum zum Albtraum mutieren. Vom Tellerwäscherstatus geht es nicht auf-, sondern nur abwärts mit dem Karl. Alles Bemühen, alles Gutwollen, nutzt ihm nichts: Hilflos, unerfahren gerät er immer weiter ins Abseits und in die Vereinsamung. Diesen Weg hat Rupprecht auch durchaus konsequent bis zum bitteren Ende in Szene gesetzt: Karl splitternackt, allein, kotbesudelt in finsterer Wüstenei. Und der von monoton-meditativen Gitarrenklängen unterlegte Herzschlagrhythmus bricht vor dem finalen Theater-Dunkel abrupt ab, Karls Tod andeutend, den auch Kafka wohl im Sinne hatte.

Viel Text, wenig Spiel

Der Herzschlagrhythmus stand schon am Beginn des Abends. Denn Rupprecht nahm die Anmerkung im Roman, "Die ersten Tage eines Europäers in Amerika seien ja einer Geburt vergleichbar", sehr ernst: Auf die Vorhangsgaze projiziert sieht man einen Fötus zucken, aus dem sich langsam die Gestalt Roßmanns formiert, der dann mit blutigen Händen die Fruchtblase zu zerreißen sucht. Was dann videofilmisch wirr in den Schiffskorpus des Romananfangs geleitet wird, weswegen die gesamte "Heizer"-Szene, die Ankunft Roßmanns in New York, per Live-Videokamera aus dem Off bestritten wird: Gut eine halbe Stunde quatschen Fratzen in die Kamera – viel Text, wenig Spiel, die Gesichter bis zur Unkenntlichkeit vergrößert. Ermüdend. Langweilig.

Amerika2 560 JU uKarl Roßmann und sein Schatten Robinson: Ferdinand Lehmann und Andreas Leupold © JU

Und wenn dann endlich der Blick frei wird auf die Bühne, ist da erst einmal ein dichter Lametta-Wald – achso, ja, Amerika, die Show-Glitzer-Welt. Nun ist Karl – in Kniebundhose und mit Nickelbrille, aber weiterhin blutbesudelt vom Gang durch den Geburtskanal – in New York bei seinem Onkel, der – mechanisch den Takt schnipsend – Kommandos gibt. Der Romantext wird vor allem rezitiert. Zu viel davon hat das fünfköpfige Ensemble zu bewältigen, als dass es dazu käme, die unzähligen situationskomischen Szenen auszuspielen, die der Roman bietet. Stattdessen: Prosa und Dialoge verschmelzen zu streckenweise unendlich lang wirkenden Monologen. Keine Spur von der Bewegung, die den Roman befeuert. Viel Stehtheater. Nur Herr Green darf stetig quasselnd und mit Papagei im Arm langsam aus dem Backstagebereich auf die Bühne kommen und wieder zurück. Und auch die schwarze, angeschrägte Insel auf der kargen, düster gehaltenen Bühne darf sich drehen: Im Albtraum-Hotel Occidental, wo Karl dann als Lift-Boy ackert, lässt ihn der Michelin-Männchen-Oberkellner gar einige Runden darauf rennen, bis Karl in seinem weißen Plastikkostüm puterrot anläuft. Ansonsten bleibt Ferdinand Lehmann als Roßmann eher blass.

Fantastisch im Fatsuit

Denn ein Manko in der Personenführung Rupprechts ist, die Protagonist*innen artifiziell und oft in übertriebener Lautstärke skandieren zu lassen. Ihr gelingt in dieser Inszenierung deshalb nur phasenweise, Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne zu bringen. Da fällt Andreas Leupold als Vagabund Robinson und unangenehme Klette Roßmanns geradezu aus der Rolle, so lässig ist sein Alltagsjargon und so fein differenziert und präzise gelingt es ihm, in seinem Charakter Bauernschläue, Anbiederung und Selbstmitleid zu vereinen.

Aber eine ganz fantastische Szene hat der Abend doch zu bieten: Wenn Karl auf die skurrile Wohngemeinschaft der dicken Ex-Opernsängerin Brunelda trifft, die sich das Vagabundenpaar Robinson und Delamarche für niedrigste Dienste gefügig gemacht hat. Rahel Ohm im Fatsuit ist hier ganz in ihrem Element: als hustende, männerfressende, faule Walküre, die sich in der Wanne suhlt und sich die Fußsohlen kraulen lässt. Die karge Bühne dämmert in mystischem Rot, verfremdetes Ariengesäusel dringt aus dem Off. Das alles ist stimmig und bringt – kurz vor Ende – den Abend endlich auch spielerisch in Fahrt.

 

Amerika
nach dem Roman von Franz Kafka
Bühnenfassung von Lilja Rupprecht
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne: Anne Ehrlich, Mitarbeit Bühne: Annelies Vanlaere, Kostüme: Christina Schmitt, Video: Moritz Grewenig, Musik: Romain Frequency, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Katrin Spira.
Mit: Ferdinand Lehmann, Andreas Leupold, Rahel Ohm, Moritz Grove, Manja Kuhl, Philip Roscher (Live-Kamera).
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

 

Kritikenrundschau

Nicole Golombek schreibt in den Stuttgarter Nachrichten (online 14.4.2018, 12:45 Uhr): Rupprecht finde, "kaum zu glauben", in dem Text "tatsächlich die Lebensleidensgeschichte eines Unschuldigen". Der "transzendentalen Obdachlosigkeit" bei Kafka setze Rupprecht jedoch ein "schützendes, alles erklärendes Dächlein" auf. Sie wolle "Ordnung ins Chaos" bringen, sie möge es simpel. Die Inszenierung gerate zu einer "Abenteuergeschichte mit Erlösungscharakter", wie "im Märchen". Jegliche "interessante semantische Ambivalenz" werde mit dieser "Brachialvereinfachung" ausgetrieben, "entsprechend vorhersehbar und öde ist der Abend".

Roland Müller schreibt in der Stuttgarter Zeitung (online 13.4.2018, 23:01 Uhr) eine Nachtkritik: In der Inszenierung von Lilja Rupprecht sei Amerika eine "pervertierte Show-Welt", hinter deren Lamettavorhängen eine "Reise ins Herz der Finsternis" beginne. Doch "trotz magischer Bilder" fehle dem Abend "die Dringlichkeit, die Kafka hat".

"In den ersten 20 Minuten passiert nichts", konstatiert Monika Köhler im Südkurier (15.4.2018).  Auch im weiteren Verlauf ihrer pausenlosen, zweieinviertel stündigen Bühnenfassung lasse "Lilja Rupprecht Ideenreichtum und geistreichen Witz vermissen, während sie sich für ihre erste Inszenierung in Stuttgart mehrfach schon anderswo gesehener Bilder bedient".

Rupprecht verzichte auf USA-Klischees und auf Trump, finde subtilere Bilder, schreibt Otto Paul Burkardt in der Südwestpresse (16.4.2018). Dabei mag sie sich nicht zwischen Traumerzählung und Schelmenroman, Systemdiagnose und Stationendrama entscheiden. "Doch im Vermeiden von Stereotypen, im verwirrenden Spiel zwischen gleißender Verheißung und undurchsichtigem Dschungel trifft die Inszenierung etwas vom Ton des Romans. Gescheitert? Vielleicht, aber auf hohem Niveau."

 

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