Ghosts on speed

von Mirja Gabathuler

Luzern, 19. April 2018. "Bleiben Sie entspannt!", wird uns Zuschauer*innen in der Einführung zu "Schatten (Eurydike sagt)" im Luzerner Theater geraten. Gemeint ist: Wir sollen uns von Elfriede Jelineks Sprachgewalt nicht erschlagen lassen. Der Inszenierung gelingt es, dem Publikum dieses Schicksal zu ersparen – indem es weniger das Verkopfte und Schonungslose des Monologs hervorhebt, mehr das Verspielte und Rhythmische. Aber entspannt? Eher wird hier überspannt.

Das liegt daran, dass auf der kleinen Bühne der Theaterbox an diesem Abend vieles parallel passiert. Nicht eine Eurydike tritt auf, sondern gleich zwei – einmal Frau (Verena Lercher), einmal Mann (Lukas Darnstädt). Beide tragen identische Langhaar-Perücken und einen hautfarbigen Body, gerade nur so eng, dass die Figuren geschlechtslos bleiben. Ihre Körper werfen im Zwielicht Schatten auf die mit transparenter Gaze bezogenen Stellwände, zwischen denen sie sich bewegen.

Objekt droht Subjekt zu werden

In "Schatten (Eurydike sagt)" deutet Jelinek den Orpheus-Mythos neu und überlässt der "stummen Nebenfigur" das Wort: Eurydike, eine Modepuppe, süchtig nach Konsum und Klamotten, ihre innere Unbestimmtheit mit immer neuen Kleidern verhüllend. Sie definiert sich nur in Bezug auf ihren Partner Orpheus: ein Popstar, Narzisst und Draufgänger, der nichts fürchtet, als den Schwarm junger Groupies, der ihn gierig belagert, während eine Schlange Eurydike einen tödlichen Biss versetzt.

Gestrandet in der Unterwelt wird Eurydike zum Schattenwesen, das aus allen Hüllen gleitet – und plötzlich angenehm befreit ist von gewohnten Rollen und Zuschreibungen. Ihr Schattendasein erscheint ihr frei und unabhängig. Wäre da nur nicht Orpheus, der "sein Objekt" zurückhaben möchte und ihr in die Unterwelt folgt.

Textteppich, Bildteppich, Klangteppich

Auch wenn zu Beginn des Stücks reichlich Bühnennebel in den Zwischenräumen hängt: Das Totenreich, in dem Eurydike sich wiederfindet, wirkt noch ziemlich clean. Für den Anstrich des Unheimlichen sorgt eine dritte Person im Eurydike-Dress: Die Zeichnerin und Performerin Lika Nüssli untermalt das Gesprochene, das Bühnenbild dient ihr als Leinwand. Aus ihren hektischen Pinselstrichen entstehen gespenstische Gestalten.

Schatten109 560 Ingo Hoehn uGespenster-Erweckung mit Pinsel (Lika Nüssli) © Ingo Höhn

Komponist und Klangkünstler David Jegerlehner, in der Clubszene besser bekannt als Dave Eleanor, übersetzt das Geschehen akustisch. Das DJ-Pult steht halb verborgen hinter den Stellwänden – im Hintergrund bleibt leider auch die Musik. Sie dient mal als Verstärker von, mal als Brücke zwischen Textpassagen. Ein neugierig machender Klangteppich, der angesichts des Sounds der Sprache und der Dynamik des Schauspiels aber eigentlich unnötig ist. Diese Dynamik ist bestechend: Die Zürcher Regisseurin Sophia Bodamer ("Das Schweigen der Schweiz") lässt die beiden Eurydikes die Monologfetzen wie Dialoge sprechen. Sie spielen sich gegenseitig die Sätze zu und bewegen sich ständig an der Grenze zum Überzeichneten; hantieren mit operettenhaft aufgeblasenen Gesten, sprechen mit polternder, bewegter, säuselnder Stimme.

Energiegeladen in schwammiger Umgebung

Das könnte schiefgehen, wirkt aber herrlich leichtfüßig und verleiht dem Abend eine ansteckende Energie. Besonders das Wortgewitzte und Groteske der Vorlage kommt dadurch zum Tragen. Dass in einem Jelinek-Stück so oft gelacht wird, kommt wohl selten vor. Einige Szenen irritieren gekonnt: Wenn etwa die Darsteller die Bühne verlassen und sich eine Zigarette anstecken. Und dann stehen sie schweigend da und rauchen, sie fallen nicht aus der Rolle, sie bleiben nicht in ihr, es passiert mitten in diesem aufgekratzten Stück einen langen Moment lang einfach nichts. Das verdatterte Publikum weiss nicht, ob es nun noch zuschauen oder sich derweilen zum Sitznachbarn umdrehen soll.

Andere Bühnenmomente wirken dissonant. Wenn die Eurydike-Zwillinge zur Musik tanzen, außer Takt, wenn sie gegenseitig ihre Gesten spiegeln, leicht unbeholfen, wenn sie den letzten Satz leicht versetzt sprechen: "Ich bin nicht mehr da, ich bin." Ist das Absicht? So richtig klar wird es nicht. Das trübt die Freude an diesem Abend etwas: Zu wenig Absicht ist erkennbar, zu viel nur schemenhaft angedeutet. Zu viel überlagert sich. So wie bei den von Lika Nüssli entworfenen Bildern, wo die Striche ausufern und ausfransen, die Farbe verläuft und verblasst. Zeichnungen, Musik, Text und Spiel – so überzeugend alles für sich alleine ist, am Ende will es auf der Bühne nicht so recht eine Einheit bilden. Die Konturen bleiben unscharf, das Gesamtbild schwammig. Aber man kann es dieser energiegeladenen Inszenierung nicht wirklich übelnehmen.

Schatten (Eurydike sagt)
von Elfriede Jelinek
Regie: Sophia Bodamer, Bühne und Kostüm: Prisca Baumann, Zeichnungen: Lika Nüssli, Musik: David Jegerlehner, Dramaturgie: Hannes Oppermann.
Mit: Lukas Darnstädt, David Jegerlehner, Verena Lercher, Lika Nüssli.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

luzernertheater.ch
fumetto.ch

 

Kritikenrundschau

Eine "sensible Inszenierung" von Jelineks "sprachlich kühn mäanderndem Monolog" durch Sophia Bodamer hat Julia Stephan von der Luzerner Zeitung (20.4.2018) gesehen. "In ihren teigigen Ganzkörper­kostümen" wirkten die Akteure "wie formlose, geschlechtslose Wesen, mehr Schatten ihrer selbst. Sie synchronisieren ihre Bewegungen und ihre Reden, um im nächsten Moment wieder auseinanderzudriften und als Individuen den Dialog zu suchen. (…) Eurydikes langsamer Ablösungsprozess von ihrem Körper, ihr Abschied vom Leben wird zu einer unterirdisch guten Bühnenshow."

"Das Genre-übergriffige Unternehmen (…) ist als Dreisprung wohl ein Sprung zu viel", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (23.4.2018). Es komme ein "unbegreifliches, weil ungreifbares Raunen" dabei heraus. "Bodamers Versuch, die widerspenstigen künstlerischen Setzungen in eine gemeinsame Form oder wenigstens eine produktive Korrespondenz zu zwingen, scheitert mit Aplomb."

Andreas Klaeui sagte auf srf 2 (20.4.2018): Dass der Text von Jelinek auf eine Frau und einen Mann verteilt werde, schaffe "eine übergeschlechtliche Mehrdeutigkeit und Allgemeingültigkeit". Obwohl die Inszenierung wohl auf Erscheinungen im Totenreich abgezielt habe, "menschelten" insbesondere die Schauspielerin doch allzu sehr in Sprach-Gestus und Spielweise. Sie suche "einen psychologischen Ausdruck, eine expressive Innerlichkeit, die sich vor Jelineks Text stellt". Während er den Text "relativ abstrakt" spreche und ihm dadurch "Raum" und "Vielschichtigkeit" verschaffe. Jeder mache "mehr oder weniger sein Ding, in unterschiedlicher Qualität", eine Inszenierung, "die das zusammendenken würde, findet nicht statt".

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