Kein Schiff wird kommen

von Melanie Huber

Rostock, 27. April 2018. In der Schlussszene geht auf, was aufgehen soll: Die dauerpalavernde Schickeria wird von der Bühne geschwemmt und verliert sich in den dunklen Stoffwellen des Parketts. Chorgesang der serbischen Geflüchteten (Singakademie Rostock) erfüllt den Zuschauerraum und der im Rang angebrachte Leuchtschriftzug "Gloria N." kommt endlich seiner eigentlichen, dem Wortlaut entsprechenden Bestimmung zu. (Gloria 'n cielo e pace 'n terra = Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.) Langsam geht das Licht aus und von der Hinterbühne ist leises Glucksen zu hören: Selbst der Todeskampf ist ein egozentrisches Spiel für die publikumsheischende Künstlertruppe, das seine Wirkung nicht verfehlt.

Es ist die erste Regiearbeit von Konstanze Lauterbach für das Volkstheater Rostock: Das Publikum sitzt auf der Hinterbühne, die Schauspieler agieren im vorderen Bereich – auf dem zwei lange rote Teppiche so ausgelegt sind, dass sie ein X ergeben. Ein rotes Absperrband trennt das Hinterbühnen-Publikum von den Darstellern und ein sich bewegendes, den Seegang simulierendes, nacktes Metallgerüst vervollständigt auf Arianne Salzbrunns Bühne die invertierte vierte Wand.

SchiffDerTraeume 3 560 ThomasHaentzschel uEine verlorene Gesellschaft auf ihrem letzten Höhenflug © Thomas Haentzschel

Damit ist der Rahmen gesetzt, in dem die Theaterfassung des Filmklassikers "E la nave va" (1983) des italienischen Regisseurs Federico Fellini durchexerziert wird: Im Jahr 1914, kurz nach dem Attentat von Sarajevo, besteigt eine Gruppe illustrer Theaterstars und -liebhaber den Luxusdampfer "Gloria N.", um vor der Insel Erimo die Asche der berühmten Operndiva Edmea Tetua zu verstreuen.

Gesellschaftsbild kurz vor dem Untergang

Unter der Trauergesellschaft befinden sich auch Repräsentanten der österreichisch-ungarischen Monarchie, der Großherzog, die blinde Prinzessin Lerinia und der Premierminister. Unterwegs rettet die Besatzung eine Gruppe von serbischen Geflüchteten aus dem Meer, das dekadente Dasein der Künstler-Egomanen wird jäh unterbrochen, in dem hermetisch abgeschlossenen Mikrokosmos kommt es erst zu einer widerwilligen, dann zu einer versöhnenden Annäherung der beiden Welten. Am Ende wird die Asche der Diva verstreut, ein Kriegsschiff fordert die Herausgabe der Geflüchteten und der Ozeandampfer geht unter.

Was sich an gesellschaftsrelevanten Stichpunkten finden lässt in der Geschichte, die um vier Figuren aus dem 1965 prominent verfilmten Roman "Das Narrenschiff" (1962) von Katherine Anne Porter erweitert ist, wird jedoch nur angedeutet. In der Tiefe verhandelt, wie es das Programmheft mit Zitaten und Texten von Franz Kafka, Heiner Müller, Slavoj Žižek und Papst Franziskus verspricht, werden Themen wie Klassengesellschaft, Umgang mit Geflüchteten, Antisemitismus nicht. Doch bringen die Figuren aus dem "Narrenschiff"-Personal Schwere in die Geschichte, die dem Abend insgesamt gut tut.

SchiffDerTraeume 2 560 ThomasHaentzschel uCosima Fischlein, Samer Rezek und Ensemble © Thomas Haentzschel

Da ist zum Beispiel der Nazi Rieber. Bernd Färber zeigt ihn als gängelnden "Das wird man ja noch mal sagen dürfen"-Charmeur, der gerade durch sein ambivalentes Auftreten die unterschiedlichsten Reaktionen im Publikum auslöst.

Kaltes Arbeitslicht

Das Gros der Schiffsgesellschaft setzt sich aus schrägen Typen zusammen, die man entweder aus der Fellini-Verfilmung kennt oder aus anderen Klassikern der Filmgeschichte. Ihre Kostüme (ebenfalls Konstanze Lauterbach) wirken wie ein schreiend buntes Sammelsurium aus verschiedenen Stilepochen. All das hätte vielleicht traumhafter gewirkt, wenn die Bühne atmosphärischer ausgeleuchtet gewesen wäre. So aber spielen die fast vierzig Darsteller unter kaltem Arbeitslicht.

Wie Fellini wird auch Konstanze Lauterbach nicht allzu konkret, reiht grotesk-überzeichnete Traumbilder aneinander, deren Deutung sie dem Publikum überlässt. Die Übergänge der Szenen wirken – auch durch die immer leicht verspätete Einspielung der Musik – oft so holprig, dass selbst Slapstick-Nummern und diverse (Liebes-)Abgründe zwischen den einzelnen Figuren keinen Drive erzeugen. Lauterbach will mit diesem Stück viel, will Persiflage und Gesellschaftskritik zugleich. Aber das funktioniert nicht, weil sie zu unscharf bleibt. Schön allerdings sind die Gesangseinlagen der Darsteller und Mitglieder der Singakademie Rostock, die wunderbares Opernkribbeln erzeugen. Davon hätte es ruhig ein wenig mehr geben können.

 

Schiff der Träume
nach Federico Fellini
Regie und Kostüme: Konstanze Lauterbach, Bühne: Ariane Salzbrunn, Musikalische Bearbeitung und Leitung: Achim Gieseler, Chorleitung: Frank Flade, Dramaturgie: Anna Langhoff.
Mit: Bernd Färber, Peter Beck, Frank Buchwald, Cosima Fischlein, Tanja Merlin Graf, Pascal Lalo, Anika Mauer, Ulrich K. Müller, Yasin Özen, Isabella Parkinson, Ulf Perthel, Brigitte Peters, Samer Rezek, Michael Rothmann, Sandra-Uma Schmitz, Steffen Schreier, Ilya Wolfsohn, Ana Yoffe, Singakademie Rostock e.V.
Dauer: ca. 2 Stunden, 30 Minuten. Eine Pause

www.hmt-rostock.de
www.volkstheater-rostock.de

 

Andere Inszenierungen von Schiff der Träume gab es im März 2016 in Dresden, der Regisseur war Jan Gehler.  Karin Beier inszenierte ein "Schiff der Träume" im Dezember 2015 am Schauspielhaus Hamburg. Johan Simons kombinierte im September 2011 den Fellini Stoff unter dem Originaltitel "E la nave va" mit dem "Haarigen Affen" von Eugene O'Neill an dem Münchner Kammerspielen.

 

Kritikenrundschau

Serbische Flüchtlinge werden an Bord genommen, hier werde der Bezug zum ersten Weltkrieg erstmals deutlich, "das ist aber auch der Moment, in dem die heutige Flüchtlingsproblematik überdeutlich werde", schreibt Thorsten Czarkowski in der Ostsee-Zeitung (30.4.2018). Illustriert werde an dem Abend westliche Dekadenz mit allerlei Befindlichkeiten. Fazit: "Die Inszenierung ist ein wichtiger Beitrag zur Flüchtlingsproblematik, der seine Wirkung nicht verfehlt. Aber auch keine neue Perspektive bringt."

Die Inszenierung zeichne aus: "schillernde Figuren mit Tiefgang. Weltpolitischer Konflikt verbindet sich mit persönlicher Notlage", schreibt Matthias Schümann in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten (30.4.2018). Eine dekadente Künstlergemeinschaft kollidiere heftig mit der wirklichen Welt. Regisseurin Lauterbach spiele auf die aktuelle Situation an. An Board ändere sich alles, als Flüchtlinge aufgenommen werden. "Intensiv ist das Stück dann, wenn sich die Abgründe auftun hinter dem roten Ansperrband, das Darsteller und Zuschauer voneinander trennt."

 

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