Ruhe sanft, Demokratie

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 3. Mai 2018. Der Bühnenraum liegt noch im Dunkel. Kein Strahler erhellt die grauschwarze Tristesse dieses engen Kastens. Das schmale deckenhohe Fenster an der rechten Seite lässt sich nur erahnen, ebenso wie die Türen, durch die einige Personen im Schatten der Dunkelheit auf die Bühne treten. Auf einmal: Ohrenbetäubender Lärm erfüllt den ganzen Saal. Ein Zug kommt mit infernalisch quietschenden Rädern abrupt zum Stehen. Und endlich erleuchtet ein einziger Scheinwerfer nahe der Rampe genau die Mitte der großen Bühne. In seinem Licht steht Maria Happel, als sei sie aus dem Nichts aufgetaucht.

Natürlich ist es ein theatralischer Taschenspielertrick, mit dem Frank Hoffmann hier seine Inszenierung von Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" eröffnet. Aber er verfehlt nicht seine Wirkung. Wie sie plötzlich mit leuchtend roter Perücke und einem turmhohen schwarzen Hut im Zentrum des Geschehens steht, hat Maria Happels Claire Zachanassian etwas von einer überirdischen Erscheinung. Fortan wird sich die Welt um sie drehen. Aber erst einmal erinnert das Arrangement der Figuren entfernt an Botticellis "Geburt der Venus". Nur ist diese Göttin aus der Asche des Verrats geboren.

Revier-Romantik

Frank Hoffmann nimmt die im Stück immer wieder von dem Lehrer gemachten Anspielungen auf die griechische Mythologie von Anfang an ernst. Seine "alte Dame" ist aber keine Medea. Sie gleicht eher einer der Erinnyen, die Athene am Ende von Aischylos' "Orestie" in das demokratische System von Gerechtigkeit und Justiz integrieren will. Die Milliarden-Erbin Claire Zachanassian kann es sich allerdings leisten, Rachegöttin und Wohlgesinnte in einem zu sein. Und so spielt Maria Happel sie als zerrissene Frau. Mal wirkt sie so kalt und unnahbar wie in der ersten Szene des Stücks. Dann prallt alles an ihr und ihrem Zynismus ab. "Und ich bin die Hölle geworden", in diesen Momenten nimmt man Maria Happel diesen Satz sofort ab, auch wenn die Feuer ihrer Hölle eisigkalt lodern.

Aber es gibt auch beinahe zarte Augenblicke. In ihnen erscheint einem diese groteske Frau, deren Leib von zahlreichen Prothesen vervollständigt wird, ungeheuer verletzlich. In dem beinahe monströs bandagierten Körper Maria Happels steckt noch die 17-jährige Klara Wäscher, die Alfred Ill bedingungslos geliebt hat. Bei ihrem letzten Zusammentreffen im Wald ihrer Jugend liegt Burghart Klaußners hemdsärmeliger Ill mit seinem Kopf in Claires Schoss und blickt verträumt zu ihr auf, während sie über sein Haar streicht. Es ist eine fast schon bukolische Szene. Maria Happel spricht zwar vom Tod Ills und dem Mausoleum, das sie für ihn errichtet hat, aber letztlich bekennt sie hier ein letztes Mal ihre große Liebe. Der Tod wird zum Fluchtpunkt einer Leidenschaft, die an der Welt, wie sie nun einmal eingerichtet ist, scheitern musste. Insofern geht es Happels Claire weniger um Rache als um eine Vereinigung zweier Liebender. Es kann kein Zufall sein, dass ihre letzte gemeinsame Zigarette eine "Romeo et Juliette" ist.

Der Besuch der alten Dame 560 ReinhardWerner uMaria Happel, Hans Dieter Knebel, Rolf Mautz © Reinhard Werner

Wehmut durchweht nicht nur diese verquere Liebesszene, sondern erfüllt die ganze Inszenierung, mit der Frank Hoffmann seine letzten Ruhrfestspiele als Festivalleiter eröffnet hat. Dieser "Besuch der alten Dame" ist ohne Zweifel ein Abschiedsbesuch. In dem Jahr, das das Ende des Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet bringt, verlegt Hoffmann Dürrenmatts Güllen ins Revier. Einmal singen Claires Eunuchen "Zuerst stirbt die Zeche, dann stirbt die Stadt". Diese Sorge schwebt in Recklinghausen über der "tragischen Komödie", die hier meist an ein Lehrstück gemahnt. Dürrenmatts böser Humor blitzt höchstens gelegentlich auf. Aber vielleicht gibt es gegenwärtig tatsächlich nur wenig zu spaßen, so dass einem selbst bei Roland Kochs Auftritten als Güllener Bürgermeister das Lachen schnell im Halse stecken bleibt. Eine Stadt, die von einem derart schmierigen, sich in seinen Schmeicheleien und Lügen heillos verstrickenden Politiker regiert wird, kann auch eine Milliarde kaum retten.

Geheime Hauptfigur

Während der Bürgermeister, der Polizist, der Arzt und der Pfarrer in Hoffmanns Inszenierung nur sehr ungenau umrissen werden und schaurige Biedermänner bleiben, entwickelt sich Dietmar Königs Lehrer nach und nach zum geheimen Zentrum des Abends. Er, der sich immer wieder auf den Humanismus beruft und schließlich mit seiner großen Rede Ills Schicksal besiegeln wird, schlägt den Bogen zurück zu Aischylos und dessen "Orestie". Mit der Abstimmung über Ills Hinrichtung endet das von Pallas Athene begonnene humanistische und demokratische Projekt. Europa fällt zurück in die Barbarei, und seine Intellektuellen werden in Gestalt des Lehrers zu den Apologeten der neuen Unkultur. Dazu passt, dass Ills Kunden vom "Volkszorn" schwadronieren und sich wie zu spät geborene SA-Männer aufführen.

Der Besuch der alten Dame 560a ReinhardWerner uDietmar König, Michael Abendroth, Marcus Kiepe, Daniel Jesch, Petra Morzé, Roland Koch, Burghart Klaußner © Reinhard Werner

Angesichts dieser moderaten, aber doch sehr deutlichen Aktualisierung des Stücks kommt Burghart Klaußners Ill eine faszinierende Rolle zu. Auf der einen Seite ahnt Klaußners "verschmierter Krämer", wie Friedrich Dürrenmatt seinen Held selbst charakterisiert hat, sehr früh, wo es hingeht. Auf der anderen fehlt ihm die Kraft, sich dem Offensichtlichen entgegenzustemmen. So wird er mit seinem Tod ein zweites Mal schuldig. Nachdem er einst seine Liebe für Geld verraten hat, verrät er nun die demokratische Ordnung Europas für die Ruhe, die ihm der Tod verspricht.

Der Besuch der alten Dame
von Friedrich Dürrenmatt
Regie: Frank Hoffmann, Bühne: Ben Willikens, Mitarbeit Bühne: Bernhard Eusterschulte, Kostüme: Susann Bieling, Musik und Sounddesign: René Nuss, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Michael Abendroth, Maria Happel, Daniel Jesch, Marcus Kiepe, Burghart Klaußner, Hans Dieter Knebel, Roland Koch, Dietmar König, Rolf Mautz, Petra Morzé, Harald Retschitzegger / Franz Schöffthaler / Peter Nitsche.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Die Inszenierung unterhält nuanciert und appelliert ans Gewissen", schreibt Achim Lettmann im Westfälischen Anzeiger (5.5.2018). "Großartig ist das Ensemblespiel des Burgtheaters. (...) Allen voran der Bürgermeister von Roland Koch. Wie er eine schwadronierende Rede verraunzt, ist eine Nummer für sich", so Lettmann. "Und als er den ruchlosen Anstifter mimt, der Alfred die geladene Pistole ans Herz legt, bleibt ein komischer Rest, der dieses Rollenspiel einem als unmoralischen Verfall hinnehmbar unterschiebt. Ein fieser Horror."

"Schön führen Frank Hoffmann und das bravourös und sehr witzig agierende Ensemble vor, wie schnell die europäischen Werte und Worte umgewertet werden können in Barbarei", sagt Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (4.5.2018). "Frank Hoffmann ist zum Abschied vom Ruhrgebiet ein großer Abend gelungen."

"Frank Hoffmann, der die Leitung der Ruhrfestspiele nach vierzehn erfolgreichen, wachstumsintensiven Jahren abgeben wird, hat sich mit dieser Inszenierung ein schönes Abschiedsgeschenk gemacht", urteilt auch Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (5.5.2018). Alle Komponenten passten perfekt zusammen. "Der Künstler Ben Willikens hat eine grandiose Bühne gebaut." Das umfangreiche Personal habe Hoffmann natürlich entschlackt; "umso exzellenter spielen die zehn Übriggebliebenen alle Facetten ihrer vom Autor eher holzschnittartig angelegten Figuren aus", so Krumbholz. "Happel und Klaußner glänzen in den Hauptrollen, mit gehöriger Schärfe die eine, mit diskretem Pathos der andere."

Ob­wohl die In­sze­nie­rung "selt­sam gut­mü­tig, harm­los, ver­ge­bend und au­gen­zwin­kernd ge­riet", so Peter Kümmel in der Zeit (9.5.2018), treffe sie ge­ra­de auf die­sem Weg "die ab­grün­dig leut­se­li­ge, men­schen­miss­traui­sche Grim­mig­keit Dür­ren­matts". Die Auf­füh­rung tue, als wol­le sie den Tod Ills; sie schmeiße sich wie höh­nisch schun­kelnd auf die Sei­te der Über­le­ben­den. "An­ders ge­sagt: Sie meint die Mit­te. Dür­ren­matt trifft ge­nau ins Pu­bli­kum."

Der ur­sprüng­li­che Un­ter­ti­tel "Ei­ne Ko­mö­die der Hoch­kon­junk­tur" werde von Frank Hoff­mann "mehr als deut­lich ge­macht", so Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.6.2018). "Das al­les ist recht lus­tig und über­trie­ben, et­was ge­strafft, aber nicht zu sehr, kei­nes­wegs kon­ven­tio­nell, aber auch nicht zu über­kan­di­delt, den Be­such ge­wiss wert. Ei­ne Sen­sa­ti­on ist der Abend al­ler­dings auch nicht."

 

 
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