Dem Durchdrehen zuschauen

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 10. Mai 2018. Wir begeben uns auf "Subtile Jagden". So lässt sich mit Blick auf Ernst Jünger, den entomologischen Meister der affektiven Kälte, sagen. Wie "Insekten in einem Beobachtungsglas", schreibt Ewald Palmetshofer in der ersten Regieanweisung zu "Vor Sonnenaufgang", sollten sich uns die Figuren aus dem Fundus seines Vorgänger-Kollegen Gerhart Hauptmann darbieten. Aber stimmt diese ausforschende Betrachtung? Spürt man nicht einen unterirdischen Wärmestrom fließen? Das Dramen-Personal – und wie Palmetshofer es zu- und gegen- und aneinander vorbei führt – drückt Schmerz um das Vergebliche aus. Da ist ein Nachzittern angesichts der Gleichgültigkeit des Kosmos, ist die deterministische oder fatalistische Einsicht, "unheilbar selbst sein" zu müssen. Gelegentlich äußert sich der Mut zum 'trotzdem', obgleich alles auseinander "driftet", zuvörderst im Menschlichen. Mehr als das Verwalten von Schicksal ist nicht drin.

Die Laborsituation greift Florian Lösches (bis auf wenige Requisiten leere) Bühne im Ruhrfestspielhaus auf, um sie in ein anderes Zeichen zu übertragen: Auf einer Drehscheibe, die gleich einem Mühlrad kreist und knarzt, sind die Figuren wie auf dem Präsentierteller angerichtet und konzentriert, um ihre Beziehungen weich oder hart auszuleuchten.

Diffuses Wispern

Zwei Tage, Abende, Nächte in der Familie Krause und ihrem Haus mit noch unfertigem Anbau, womit eine symbolische Zustandsbeschreibung für seine Bewohner gegeben wäre. "Lass!" heißt das erste Wort im Text, gesprochen von Helene, der jüngeren Schwester von Martha, verheiratet mit Thomas Hoffmann, schwermütig und schwanger. Sie sind Töchter aus erster Ehe von Egon Krause, der seine vormalige Sekretärin Annemarie heiratete. "Lass" – rühr nicht daran, rühr mich nicht an, lass gut sein, lass es bleiben. Dieses "Lass" ist bei Jette Steckel gestrichen, stattdessen trennt ein Prolog in diffusem Wispern Stimmen und Körper, schafft eine Art ungreifbarer Trance und die Tonlage für die Isolation jedes Einzelnen. Eine Formung, die auch weiterhin der Produktion des Deutschen Theater Berlin nützt, indem sie eine Künstlichkeit forciert, die Palmetshofers Sprache behauptet.

Vor Sonnenaufgang 560 ArnoDeclair uBeim Sonnenaufgang © Arno Declair

Hauptmanns einst skandalöse Vorführung der "echten Natur" brachte den Konflikt von Klasse und Geschlecht, die soziale Frage und die Vererbungslehre auf die Bühne des Kaiserreichs. Bei Palmetshofers Verschreibung an die Gegenwart zeigen sich Zusammenhänge komplexer, was es den Figuren auch leichter macht, sich der Verantwortung zu entziehen ("Ich bin bloß eine Metapher", sagt Hoffmann) und sich auf Meta-Ebenen zu versteigen. Menschen ertrügen "den Realismus ihrer Gegenseitigkeit nicht", schreibt der Philosoph Hans Blumenberg. Diese Toleranzschwelle misst Palmetshofer aus – und zeigt deren Instabilität.

Krauses Schwiegersohn Hoffmann schmeißt den Laden, eine Karosseriebau-Firma, beansprucht als Leistungsträger die Ideologie des Erfolgs für sich, ist Teil der Eliten, die er früher am "Abgrund" wähnte. Als sein Studienfreund und Intimus Alfred Loth nach einem Jahrzehnt vor der Tür steht, bedrängt ihn der 'links' denkende Journalist mit Fragen zu Haltung, Sinn und Zweck. Das Freund-Feind-Schema – nahezu gebaut wie das zwischen Danton und Robespierre – spielen Felix Goeser (offensiv sich aufknöpfend, pastos, doch alles Brachiale meidend) und Alexander Simon (aus der Defensive heraus, zunächst soft, in sich geschlossen und im Schutz der Neurose, die Hände an der Naht und auf dem Fleck verharrend) brillant in der zentralen Dialog-Debatte aus. Für den Pragmatiker Hoffmann ist evident, dass der Mensch schlecht und niedrig, für den Utopisten und den Trost des Fremden spendenden Loth, dass er gut und zu verbessern sei.

Schatten werfen

Gegen diese auch im körperlichen Spiel imponierenden Protagonisten (und die heroische Resignation des Arztes – Timo Weisschnur) fallen die Darstellerinnen ab, die sich emsig bestrebt in schmale Charakter-Entwürfe fügen, wo sie doch tiefe, fast mythische Schatten werfen müssten. Dass die Inszenierung, die sich in ihrer Intensität steigert, in der alle am Rad und auf dem Rad sich drehen, in die hinein auch die Albee-Wölfe heulen, in der Emotionen aufbrechen, rabiate Stillstellungen und Verzweiflungs-Umarmungen geschehen, anfänglich etwas äußerlich und rhetorisch flächig erscheint, mag am übervollen Sprechmaterial liegen, aber auch an einigen Manierismen. Die nie pathetisch sich andickende Existenz-Etüde wird zusätzlich (und unnötig) auf der Tonspur instrumentiert: Klaviertasten schlagen an, Vögel krächzen und zwitschern den Morgen herbei, eine Uhr tickt uns das letzte Stündlein ins Gedächtnis, Mozarts Requiem und Don Giovanni mischen sich ein, eine Partitur des verlöschenden Atmens legt sich über uns. Dunkel, Brüder und Schwestern, ist der Weltraum.

 

Vor Sonnenaufgang
von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüm: Sibylle Wallum, Musik: Mark Badur, Dramaturgie: Anika Steinhoff.
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Maike Knirsch, Franziska Machens, Alexander Simon, Regine Zimmermann, Timo Weisschnur.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Jette Steckel inszeniert trocken, nüchtern, auf einer fast leeren Bühne", so Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (12.5.2018). Die Bühne werde beherrscht von einem kreisrunden Podest, das sich dauernd dreht, langsam und quietschend. "Bis hier die Tragödie durchschlägt, ist der Ton geradezu heiter, wie bei einer Sitcom." Man sehe streckenweise gerne zu, vor allem wegen der starken Darsteller. Aber bei allen "spielerischen Qualitäten ist der Gewinn der Aktualisierung überschaubar". "Die Ruhrfestspiele haben als Motto 'Heimat'. Palmetshofer aber hat 'Vor Sonnenaufgang' den Ort ebenso genommen wie das Motiv des Strukturwandels. Ein geschrumpftes Drama."

Ewald Palmetshofer drehe an wenigen entscheidenden Schrauben, um Hauptmanns Personenkonstellation und den Konfliktstoff gleichzeitig zu übernehmen und zu modernisieren, schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (14.5.2018). Palmetshofers Text könne als Muster einer geglückten Klassiker-Übermalung gelten. "Weil er zwar wie Hauptmann eine soziale Momentaufnahme knipst, zugleich aber die Frage nach dem Menschenbild stellt". Die gewissermaßen küchenrealistische Verortung der Szenen mache die Regie von Jette Steckel behutsam rückgängig. "Das Beste sind aber die großartigen Schauspieler des Deutschen Theaters, die ein Gespür dafür entwickeln, wie relevant die hier verhandelten menschlich-politischen Konflikte sich anfühlen."

Palmetshofers Aneignung des alten Stücks seien so stimmig und seine kunstvoll rhythmisierte Sprache so stark, dass der originale Hauptmann im Vergleich fast museal wirke, schreibt Harald Suerland von den Westfälischen Nachrichten (13.5.2018). "Es ist ein bisschen schade, dass Jette Steckel ihre radikale Reduktion nicht bis zum Ende durchhält, sondern zu Mozart-Zitaten und plakativen Sounds greift, die das Drama überlagern. Dessen Kern ist nicht mehr, wie bei Hauptmann, die Klage über die Verhältnisse, sondern eher über Menschen wie Loth, deren Idealismus beim eigenen Nutzen endet."

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