Habe nun, ach, na ja, ...

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 25. Juni 2008. Ganze Welten sollen ja in ihm liegen, diesem zutiefst erkenntniskritischen Goetheschen "Ach", das den berühmtesten deutschen Akademiker nach seinem "Habe nun" und frustrierenden Mühen an diversen Fakultäten "unruhig auf seinem Sessel am Pulte" hin- und herreißt. In weniger hochstudierten Kreisen steht so ein "Ach" heute noch für sanftes Erstaunen, auch für ein eher ratloses "Na ja". Oder gar ein leicht bedauerndes "Schade".

Ein solches, eher unakademisches "Ach" schwebt auch über Mannheims "Faust", den Georg Schmiedleitner zum Saisonende auf die Nationaltheaterbühne brachte. Er, der Spezialist für bildreiche und verträgliche Klassikerinszenierungen, stellt des Doktors Pult nicht in das hochgewölbte gotische Zimmer, sondern in eine Bildungseinrichtung zwischen Klassenzimmer und Lesesaal, deren Wände Bühnenbildner Florian Parbs als abgegrastes Schwarzes Brett gestaltet hat. Weltweit könnte es so vor jeder x-beliebigen Mensa um Studienplatztausch, WG-Zimmer oder Lerngruppe bitten.

Undiabolischer Pakt zweier Win-Win-Player

Zehn geklonte, überalterte Famuli der Marke Wagner (Reinhard Mahlberg), hängengebliebene Langzeit-Hiwis mit Hornbrille und breiten Scheiteln blättern stumpf in Aufsätzen, kratzen Tesa-Schnipsel und Papierfetzchen von längst veralteten Aushängen am schwarzen Brett. Zwischen ihnen, ach ja, der Faust. Wie Becketts Krapp hört er das letzte Band mit großen Faust-Zitaten ab, zitierfähige große Worte eben, die das Stück so bekannt und schwierig machen.

Das passt, empfindet doch auch Faust alles als tausendmal gehört und sinnlos. Edgar M. Böhlke spielt ihn sichtlich gerne, hat hiermit vielleicht sogar eine Traumrolle übernommen. Leider hat sie ihn im Laufe der Proben erdrückt. Ein großer Schauspieler spricht großes Sprechtheater, so wie er es schon immer mal sprechen wollte. Zu viel Einlassung hat hier keinen Platz. Ein ähnliches Schicksal erleidet ein zweiter großer Schauspieler des Mannheimer Ensembles, Ralf Dittrich, des Teufels Mime. Nach einem gelungen launigen Prolog wechselt er mit dem Aufsetzen der Sonnenbrille in die tänzelnde mephistophelische Karikatur, die im Businessanzug auch gerne mal mit dem Pferdefuß scharrt - aber exzellent spricht.

Spannende Momente sind Schmiedleitner dennoch gelungen, etwa im erfreulich undiabolischen Pakt zweier Win-Win-Player, der gerade in seiner Pragmatik besonders teuflisch wirkt. Dicht ist auch die Kästchenszene Gretchens, die mit Nadine Schwitter ideal besetzt ist. Weder Lolita, noch dumme Gans: Schwitter gelingt das seltene Kabinettstück, eine aufrecht Naive ohne Kitsch noch Peinlichkeit zu geben. Generell gehen Situationen immer dann auf, wenn Schmiedleitner extreme Individualität zulässt. Sei es mit der schrägen Marthe Schwerdtlein (eher lebensgierige Single denn fiese Kupplerin: Ragna Pitoll), dem hyperviril-aggressiven Valentin (endlich zupackend: Jens Atzorn) oder eben dem umwerfend natürlichen Gretchen.

Softig säuselnder Wellness-Swing

Selbst bei Edgar M.Böhlke gelingt dies, wenn er zweckorientierter Thesenverdreher und Besserwisser sein darf, wie er es auch bei der gründlich ausgearbeiteten Gretchenfrage ist. Dass gerade jene Szene zum Höhepunkt wird, ist wieder ein erstauntes Ach wert: Wie er es denn mit der Religion halte, möchte man auch den Regisseur fragen. Ob Osterglocken, Auferstehungschoräle oder Mariengebet, ein softig säuselnder Wellness-Swing (Philipp Stangl) genügt über drei Stunden für alle transzendentalen Fälle. Vieles will nicht so recht zusammenpassen an diesem Abend, der ein besonders großer werden wollte.

Wenn die Regie dem Zauber des schlichten Spiels nicht vertraut, flüchtet sie in große Operntableaus, die Mimen großsprecherisch beschallen. Fahrende Podeste, kreischende Teenager, kichernde Famuli. Große Choreografie mit exzellent geführter Statisterie gilt ohnehin als Schmiedleitners Spezialität, sein Bilderreichtum ist ebenfalls bestechend. "Zwei Seelen wohnen, ach!" (da ist es wieder) auch in Schmiedleitners Brust. Groß ausgestellte Saaloper oder intimes Spiel in der Enge von Kammer, Kerker und Kabinett?

Man hat das Gefühl, als hätte sich mancher Bogen mit mehr Bauzeit auch ohne Gotik noch zuspitzen lassen. So aber werden die (gelungenen) Bilder des getriebenen Forschers zu schnell aufgegeben, wirken die raren Textausbrüche ins Heutige wie verklemmte Fremdkörper, bleiben Längen und grobe Übergänge und ein recht fader Schluss: ach, na ja, Schade.



Faust. Der Tragödie erster Teil
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Georg Schmiedleitner, Bühne/Kostüme: Florian Parbs, Musik/Komposition: Philipp Stangl, Licht: Andreas Rehfeld.
Mit: Edgar M. Böhlke, Ralf Dittrich, Reinhard Mahlberg, Nadine Schwitter, Ragna Pitoll, Silja von Kriegstein und Jens Atzorn.

www.nationaltheater-mannheim.de


Mehr über Regiearbeiten von Georg Schmiedleitner finden Sie hier, die Nachtkritik zu seiner Horváth-Inszenierung Geschichten aus dem Wiener Wald am Wiener Volkstheater nämlich. Und wie man Goethes Faust I in jüngster Zeit sonst noch spielte, können sie hier nachlesen, wo es um Tilmann Köhlers Faust I in Weimar geht. Oder hier, wo Sie zur Nachtkritik von Christoph Schroths Schweriner Inszenierung der Tragödie im Januar 2008 gelangen.

 

Kritikenrundschau

Was das Mannheimer Gretchen Nadine Schwitter am eher großväterlichen Faust von Edgar M. Böhlke attraktiv finden kann, versteht Silvia Staude durchaus: "Auch Geistesschärfe kann sexy sein, vor allem, wenn sie mit guten Umgangsformen und einem gewissen Vermögen (all der schöne Schmuck!) einher geht", schreibt sie in der Frankfurter Rundschau (27.6.2008). Auch sonst findet sie die Figurenzeichnungen in Georg Schmiedleitners Inszenierung einleuchtend: von Marthe Schwerdtleins "gickelnden Schülerinnen in Blumenkleidchen" über die Forscher mit "Faschingshütchen und Hasenohren" bis zum Bruder Valentin, der als Afghanistan-Soldat daherkommt. Letzteres sei als aktuelle Politisierung fast nicht nötig, denn dieser Mannheimer "Faust" sei "auch so nah genug am Leben": "In der Pause stöckelt ein Trupp gickelnder Schülerinnen durchs Foyer und einen Augenblick glaubt man, genau diese Schar gerade noch auf der Bühne gesehen zu haben."

Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (27.6.2008) bringt die Stilbestrebung Schmiedleitners auf den Begriff: "'Faust – Der Tragödie erster Teil als Comedy, geht das überhaupt?" Und antwortet sich: "Wenn man es so macht wie der Regisseur Georg Schmiedleitner, (...) dann funktioniert es sehr gut, weil Schmiedleitner die von Goethe vorgegebene Komödiantik herausarbeitet und trotzdem dem tiefschürfenden Geist der Dichtung seine Reverenz erweist." Die Inszenierung sei übrigens durchaus von Marthaler inspiriert. Edgar M. Böhlke spräche "genialisch", Nadine Schwitter als Gretchen sei "hervorragend", und überhaupt hätte sich das Nationaltheater-Ensemble "am Abend des EM-Halbfinalspiels Deutschland/Türkei mindestens genauso gut behauptet wie die deutsche Nationalmannschaft in Basel."

In der Rheinpfalz (27.6.2008) siedelt Dietrich Wappler Schmiedleitners "Faust I" zwischen Klaus Michael Grübers Faust-Essenz von 1982 und Peter Steins Fest-Faust im Jahr 2000 an: "Sein 'Faust I' ist auf moderate drei Stunden eingestrichen, erzählt aber fast die ganze Geschichte mit den wichtigsten Figuren. Dennoch ist dem Regisseur der Text kein Heiligtum, er wurde gekürzt, umgestellt, montiert, anderen Figuren zugeordnet, Passagen in Gegenwartssprache eingefügt." Hinzugefügt habe der Regisseur "dieser Tonspur eine fast filmische Bilderfolge", die "eine eigene Faust-Geschichte erzählt, manchmal ein paar Gedankensprünge weit weg von Goethe, dafür gegenwärtig und jederzeit nachvollziehbar." Gefiel das? Aber ja:Trotz all der Menschen, die hier immerzu um Faust herum seien, blicke man nur in "Fausts fantastische Gedankenwelt" und "unter die Schädeldecke dieses (...) Prototypen des modernen Menschen, den das Wissen in die Verzweiflung treibt und die Macht zum Mörder werden lässt."

 
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