Ein letzter Paartanz, mon amour!

von Jens Fischer

Bremen, 1. Juni 2018. "Amour" steht auf dem Programmzettel, aber es sieht nach Körperertüchtigung aus. Betongraue Wände, kopfhoch holzvertäfelt, blickdicht verschmutzte Fenster, frisch gebohnerter Fußboden in PVC-Anmutung und eine abgerockte Dusche. Diese perfekte Turnhallen-Illusion ließ Thomas Rupert im 1960er-Jahre-Design als eine Art Anna-Viebrock-Raum bauen.

Passend dazu marthalern die eigenbrötlerischen Bewohner kauzig erschlafft um ihre Würde. Der stierende Blick ins Leere ist bevorzugtes Ausdrucksmittel. Alle scheinen in sich selbst zu verschwinden und zu Hüllen zu erstarren. Denn dies ist der Ort, an dem Insassen einer Abschiebestation für Demenzkranke Ausgang haben wie Häftlinge im Gefängnishof.

Frohsinn aus dem Popmusikkästchen

Auch ist die Halle eine Konzertarena. Vom per Wimpel angekündigten "Musikverein Frohsinn“ von 1921 ist immerhin Maartje Teussink anwesend, die mezzo-dunkel mit angerauter Singer-Songwriter-Intonation einige Pophits darbietet, entzückend jämmerliche Tubasoli dazu trötet, zumeist aber als Multiinstrumentalistin damit beschäftigt ist, Atmosphärisches zu klötern, streichen, zupfen, blasen, schrabbeln und loopen.

Amour3 560 Joerg Landsberg uAnimation auf der Demenzstation: das Ensemble im Bühnenbild von Thomas Rupert
© Jörg Landsberg

Zudem ist die Turnhalle ein Animationssaal, in dem Patienten wie Kleinkinder mit Aufblasfiguren oder Lachsäcken in Tiergestalt beglückt werden, aber ratlos sind, wie sie damit Spaß haben sollen. Auch wird die Bühne als Besucherraum genutzt, in den Karikaturen von Verwandten hineinstürmen "Was gab’s zu Mittag? Kartoffeln! Lecker", ruft einer aus. Handyfotos werden gemacht. Omas Wunsch, nach Hause zu wollen, erstickt in höhnischem Gelächter. Schnell wird sie vor dem Fernseher abgestellt und der Spuk ist zuende.

Auf der Rollstuhlrampe

Diese Auftritte wiederholen sich, werden von mal zu mal schneller und aggressiver absolviert. Wirken damit immer grotesker. Eingesetzt werden sie, wenn die Bewohner es selbst nicht mehr schaffen, die wohlig verlässliche Dramaturgie der Aufführung zu bedienen – also das Wellenreiten zwischen der berühren wollenden Trostlosigkeit geistiger Zerrüttung und der Zuspitzung dementen Verhaltens zu Momenten absurden Theaters. Was auf unsentimentale Art komisch ist.

Amour2 560 Joerg Landsberg uSpurenbeseitigung: Miguel de Jong, Marie-Laure Fiaux, Fania Sorel © Jörg Landsberg

Hinreißend macht das Nadine Geyersbach. Ihr gehört gleich die erste Szene. Körperlich aufgepolstert, mit schreiend bunter Bluse und Schlabber-Trainingshose bekleidet, quält sie sich durch die Turnhallentür, wackelt im Arthrose-Gang zur Rollstuhlrampe, senkt ihren schwerfälligen Körper mühsam auf den Rollatorsitz – und rast mit Skateboarderlust die Schräge hinab.

Nicht über sie wird gelacht, sondern mit ihr über ihre Komödiantinkunst und mit ihrer Figur über den entrückt juvenilen Seniorenspaß. Später auch über die Komik, die mit dem Gedächtnisverlust einhergeht. Nicht aber über die Tragik – wie Menschen mit Löchern im Kopf launisch, reizbar, verletzend, Ich-bezogen werden. Sensibel für die Abgründe des Komischen und Banalen baut Regisseurin Alize Zandwijk spannungsgeladene Bilder und entwickelt daraus szenische Schlaglichter, die das Abdriften ins Vergessen fokussieren. Dabei häufig in fassungslose Stille münden.

Wörter hängen vor mir in der Luft

Worte gibt es wenige an diesem Abend. Dialoge sind extrakurz und vermeintlich sinnlos: "Wie spät ist es?" – "Gestern war's wärmer." Minimonologe klingen an: "Ich sehe die Wörter in der Luft vor mir hängen, aber ich kann sie nicht erreichen." Der Reiz des Abends ist der Versuch, den regressiven Prozess körperlich auszudrücken. Die Betroffenen können sprachlich ja nicht bewältigen, wie ihr Kurzzeitgedächtnis geschädigt, dann auch die Gefühlswelt und Persönlichkeitsstruktur angegriffen wird. Sterben auf Raten.

Amour1 560 Joerg Landsberg uTanzen, auch wenn die Kräfte schwindenden: Verena Reichhardt und Gabrio Gabrielli.
© Jörg Landsberg

So ist "Amour“ vor allem ein Theater der Haltungen und Bewegungen – also Tanz. Wobei die Schauspieler mit äußerstem Mut zum Altsein einen je eigenen Motionskanon entwickeln. Wenn einer Tuba Windgeräusche entschweben, vollführt etwa Geyersbach einen tapsigen Taumeltanz, als müsste sie wie König Lear gegen einen tobenden Sturm ankämpfen. Welche Traumata dazu auch immer animieren. Mitglieder des Tanzensembles geben das Pflegepersonal. Bieten auch mal eine Choreografie der Verausgabung. Und thematisieren in ihren Soli, dass Aufrechthalten bei schwindenden Kräften kaum möglich ist.

Im Glück regt sich die Inkontinenz

Was Zandwijk vor allem zeigen will, verdeutlichen die Pas de deux. Ein Tänzer umgarnt eine Patientin, führt zärtlich die Hand und absolviert mit ihr Hebefiguren. Wobei sie "Mon amour" haucht und etwas mit "Je t'aime" singt. Liebe! Ein anderes Paar kommt zusammen, liebäugelt, streichelt sich, legt Hände auf den Pöter des anderen und schwoft los. Idylle? Kitsch? Nein, im entspannten Glück regt sich Inkontinenz. Direkt auf den Boden wird gepinkelt. Das gesamte Ensemble kippt weiter Flüssigkeit auf die Bühne, um sie mit Schwimmring oder nackt als Rutschbahn zu nutzen. Ab unter die Dusche, wo eine jüngere und ältere Frau ihre Körper vergleichen. Voller Zuneigung.

Das zeichnet die Produktion aus: der Mut hinzuschauen beim Zerfall – dem Welken, Altern, demenziellen Dahinsiechen. Dass dieser Schrecken ernst genommen, einander mit Empathie begegnet und alles mit Humor abgefedert wird, das macht ihn leichter unerträglich.

 

Amour
von Alize Zandwijk
Regie: Alize Zandwijk, Choreografische Mitarbeit: Ulrike Reinbott und Samir Akika, Bühnenbild: Thomas Rupert, Kostüme: Anne Sophie Domenz, Musik: Maartje Teussink, Licht: Christopher Moos, Dramaturgie: Viktorie Knotková.
Mit: Mirjam Rast, Nadine Geyersbach, Verena Reichhardt, Marie-Laure Fiaux, Fania Sorel, Maartje Teussink, Gabrio Gabrielli, Miquel de Jong, Guido Gallmann.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

"Ein virtuoses Theater des Mitfühlens, das der tragischen Grundierung des Stoffes wohltuende Brechungen unterlegt", hat Hendrik Werner gesehen und schreibt im Weserkurier (2.6.2018): Die choreografischen Anteile am Geschehen seien "zwar allzeit sichtbar, aber nie plakativ". Umso trennschärfer ließen sich "jene magischen Alize-Zandwijk-Momente identifizieren, in denen Zeit allenfalls tröpfelnd verrinnt statt linear fortzuschreiten." "Bewundernswert, wie die smarte Ökonomie der Inszenierung allen Akteuren dieses Endspiels verschiedene Perspektiven und Erfahrungshorizonte zubilligt!", so Werner: "Großartig, welch markante Einzel sie in diesem enormen Ensemblestück mannschaftsdienlich spielen!"

"Die Inszenierung ist tabulos, aber niemals geschmacklos", gibt Christine Gorny auf Radio Bremen (2.6.2018) zu Protokoll. "Ich finde es mutig und richtig, dieses Thema so zu inszenieren. Und das ist durchaus gelungen. Auch Dank der sehr überzeugenden Ensembleleistung. Mich hat der Abend angerührt."

 

 
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