Wenigstens die Hexen

von Andreas Thamm

Coburg, 2. Juni 2018. Nicht schwer vorstellbar, dass einige Coburger in der Nacht von Samstag auf Sonntag von Alpträumen heimgesucht wurden. Alpträume, in denen drei Hexen eine Rolle spielen. Denn wie Matthias Straub diese in seinem Macbeth inszeniert, ist eindrucksvoll: Dürre Gestalten mit kahlen Köpfen, die sich fein choreographiert umeinander ranken, wie Schlingpflanzen, die ihre krampfenden Körper krümmen, als würden ihre Eingeweide gefoltert. Die Worte, die sie tauschen, kommen effektvoll verzerrt vom Band, Originaltext: "When shall we three meet again...", dazu: Getrommel, Gefauche und nicht grade wenig Nebel, der Fell und Geäst, Gemäuer und Hexen gänzlich einhüllt.

Das ist ein intensiver Auftakt zu diesem Abend, und man mag sich fragen, was kommt da noch in den nächsten zweieinhalb Stunden? Und hat doch das Beste an dieser Macbeth-Inszenierung schon gesehen. Wenn die Hexen dran sind, ist es ein großer Genuss.

Ruine, Kilts, Gefuchtel

Der Rest, so viel gleich vorweg, macht den Eindruck, als wollte Straub quasi totgeglaubte Erwartungen ans gute alte Theater einfach mal erfüllen: Da steht eine Burgruine, da gibt es schottische Tartan-Kilts, und ordentlich gefuchtelt wird auch. Angestaubt wirkt das von Anfang an, das ist die Grundprämisse: Hier wird heute nix aktualisiert, hier gibt es mal keinen Gegenwartsbezug. Und das kann ja auch ganz angenehm sein. Wenn es denn mit letzter Konsequenz durchgescheppert würde. So aber hängt dem Thomas Straus als König Duncan eine zu kleine Krawatte um den Hals, eine kleine, verfremdende Albernheit, die innerhalb der angelegten Ernsthaftigkeit dann fehl am Platze wirkt.

Macbeth 28 560 Sebastian Buff uSchottisch karierter König (Niklaus Scheibli) mit schottisch karierten Spiderman-Mördern
© Sebastian Buff

Macbeth jedenfalls will nicht Duncans Krawatte, sondern Krone. Die Hexen haben sie ihm versprochen. Schöner Zufall, dass der König sein Nachtlager auf seiner Burg bezieht. Nun also Lady Macbeth, die große Einflüstererin: "Eile her, dass ich dir meinen Geist ins Ohr einflöße", giert Kerstin Hänel im langen roten Kleid. Ihr Mann aber fühlt sich nicht recht als Mörder: "Ich wage alles, was dem Manne ziemt. Wer mehr wagt, ist kein Mensch."

Hier kulminiert zum ersten Mal der über die Maßen klassische Konflikt von der Moral, der Angst vor der eigenen Schuld und der Sehnsucht nach Macht. Allein, man kauft es niemand so recht ab. Vielleicht weil alles so überladen ist. Die Worte hört man, doch klingen sie nicht nach existentieller Zerrissenheit, sondern mehr nach Gedichtaufsagen in der Oberstufe.

Auf der Kippe

Vieles in dieser ersten Hälfte des Stücks kommt leider unerklärlich lasch rüber. Man fragt sich, wie die edle Wirtin, Lady Macbeth, ihren Gast, den König, hören soll, wenn er so flüstert. Man fragt sich, ob die erotische Versuchung der Gewalt nun irgendwie durchbricht. Doch es schimmert nur. Hänel und Niklaus Scheibli in der Hauptrolle bleiben dann doch recht zugeknöpft.

Während der Mann den Mord verübt, kommt die Lady mit einer flackernden Kerze vors Gemäuer. Das Stück befindet sich auf der Kippe zum Kitsch. Mit blutroten Händen tritt der Than vor ins Licht. Am nächsten Morgen flieht Malcom, des Vatermords verdächtigt. Ungleich dem "Vater" fällt Benjamin Hübner allerdings eher durch Overacting auf. Er steht ununterbrochen vorm Zerbersten.

Macbeth 36 560 Sebastian Buff uDie Lady (Kerstin Hänel)  im Tuch  © Sebastian Buff

Macbeth also ist König. Der vormals Kamerad Banquo muss dran glauben. Er ist zu kühn, zu klug. Also heuert Macbeth drei Gestalten in karierten Anzügen, inklusive Sturmhaube, an, die witzig am Gemäuer herumklettern. Auch dieser Moment will einfach nicht so recht zum Rest dazupassen. Umso schöner dafür der, als Banquo dem zunehmend unzurechnungsfähigen Herrscher erscheint: vor Blut triefend, das Tischtuch einsauend, eine Horrorgestalt.

Brüllen, Ächzen, Soundtrack

Nach der Pause ist das Burggemäuer zerklüftet, das Licht düstrer. Macbeth hat Schottland mit Tyrannei überzogen. Seine Frau windet sich im von der Decke baumelnden, blutigen Laken, drüber summen dunkle Celli, drunter klimpert ein dunkles Klavier. In England verbündet sich Malcom mit Macduff, dem Verräter. Der bekommt nun mehr Raum. Macbeth hat seine Familie geschlachtet und in Valentin Kleinschmidt schwingt drohend die Notwendigkeit der Rache – eine überzeugende Leistung.

"Hängt alle, die von Furcht nur reden!", weist der König seinen Bediensteten an. Was in der ersten Hälfte fehlte, gibt es nun im Übermaß. Es wird viel gebrüllt, viel geächzt, viel schwer geatmet. Klar, nun kommt der Verfall zweier Psychen, die Rache des Sohns und des Familienvaters. Das Blutbad-Pendel schwingt zurück. Teilweise gelingt das, zu oft aber ist der Soundtrack von Marten Straßenberg hauptverantwortlich für die Emotion, die in dieser Art von Inszenierung doch letztlich einzig maßgeblich ist.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Deutsch von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens
Inszenierung: Matthias Straub, Bühne und Kostüme: Gabriele Wasmuth, Licht: Patricia Dechantsreiter, Choreographie: Tara Yipp, Video: Constantin Eckhardt, Sounddesign: Marten Straßenberg, Dramaturgie: Carola von Gradulewski.
Mit: Niklaus Scheibli, Thomas Straus, Benjamin Hübner, Frederik Leberle, Valentin Kleinschmidt, Thomas Kaschel, Solvejg Schomers, Nils Liebscher, Stephan Mertl, Kerstin Hänel, Chih-lin Chan, Joshua Limmer, Lauren Limmer, Takashi Yamamoto, Leopold Krämer, Clemens Illies.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.landestheater-coburg.de

 

 

Kritikenrundschau

Carolin Herrmann schreibt im Coburger Tageblatt (4.6.2018): Matthias Straub "intensive Inszenierung" lasse vor allem dem "gedachten Grauen" Raum. Der ungeheure Bühnenraum von Gabriele Wasmuth ziehe die Zuschauer sofort mit "tief im Mythischen" wurzelnder "Bilderwucht" ins "düstere Land der Machtgier". Niklaus Scheibli als Macbeth stecke mit "Kopf und Mimik intensiv im Machtkampf", doch bleibe wie bei den anderen Schauspielerinnen sein Körper in "merkwürdigen Verhaltenheit", in "einer gewissen Erstarrung", vielleicht weil der Regisseur "dem Wort Shakespeares unbedingten Vorrang einräumen wollte". Davon abgesehen aber laufe hier "ein Horrorfilm" aus dem "Abgrund der Menschheit". Ein "fulminanter Theaterabend".

Dieter Ungelenk schreibt in der Neuen Presse (4.6.2018): Matthias Straub habe Shakespeares "blutigstes Drama" mit "starken Bildern" und "eindringlicher Atmosphäre" in ein "intensives Theatererlebnis" verwandelt. "In gruftpoetischer, von düsteren Klangcollagen untermalter und mit Licht- und Videoeffekten verfeinerter Ästhetik" biete sein Ensemble "hochkonzentriertes Schauspielertheater", das auf die Kraft der Sprache baue. "Empathische Rampenmonologe" konfrontierten den Zuschauer mit den "Gewissensnöten" der Figuren. Straub unterstreiche die Isoliertheit der Figuren in dieser "Law-und-Order-Männerwelt" durch "strenge Bewegungsregie und statuarisches Spiel", das "viel Konzentration" abverlange.

 
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