Der goldne Erregungstopf

von Matthias Schmidt

Magdeburg, 2. Juni 2018. Zehn Minuten nach dem Schlussapplaus vor dem Schauspielhaus: "Danke, dass ihr mich mitgenommen habt", sagt eine Dame zu ihren Begleitern, "Corinna Harfouch ist so eine tolle Schauspielerin! Trotzdem sieht mich das Haus hier nie wieder." So war das gestern, zur Magdeburger Premiere der mit den Ruhrfestspielen koproduzierten Stückfassung des Comics "Die Präsidentin". Stimmen werden im Theater ja bislang nur bei Ferdinand von Schirachs "Terror" gezählt, aber hier wäre das Ergebnis schon auch aufschlussreich gewesen.

Geschätzt 30 Prozent bejubelten Corinna Harfouch und das Ensemble stehend, weitere 30 Prozent gehörten zum Team, und der Rest saß konsterniert dazwischen. Das Land ist gespalten, die Inszenierung versuchte zu sortieren und versank am Ende in einem schwer zu beschreibenden Wirrwarr aus Fakten, Fiktion und Meinung. Eine Art Polit-Varieté hatte Regisseurin Cornelia Crombholz die Inszenierung vorab genannt. Wenn damit "formal und dramaturgisch bunt, aber desolat" gemeint war, ja, dann war es das. Doch von vorne.

Praesidentin1 560 Nilz Boehme uAn der Spitze einer Bewegung © Nilz Boehme

Das intellektuelle Dilemma in der Stückfassung ist, verglichen beispielsweise mit Michel Houellebecqs "Unterwerfung", relativ überschaubar. 2017, Frankreich: Marine Le Pen kommt an die Macht und setzt nun ihr Programm um. Das zu entzaubern ist die Aufgabe, und mit einer Schauspielerin wie Corinna Harfouch schien sie lösbar. Denn klar, Analogien drängen sich auf, das Land ist zerrissen. So viel weiß man auch in Sachsen-Anhalt. Man muss die Geschichte einbetten in die Stimmung hier, das war wohl der Gedanke des Inszenierungsteams. Und sie zuspitzen, richtig böse machen. Auch das klingt folgerichtig. Das Wahlergebnis führt also direkt in eine Antiutopie. Straßenschlachten. Ausgangssperren. Überwachungsdiktatur. Gleichschaltung der Medien. Aus den harmlos wirkenden rechten Clowns werden Verbrecher, die Mord und Totschlag anzetteln und die Demokratie abschaffen. Davor zu warnen, ist nicht nur richtig, sondern vielleicht sogar nötig. Jede weitere AfD-Rede spricht mehr dafür.

Im Grenzbereich zum Agitprop

Aber die Magdeburger wollten noch mehr. Und weil viel eben viel hilft, wird auch noch der Atomkoffer gezeigt. Irgendwie haben auch die kapitalistischen Geschäfte mit dem Wasser etwas damit zu tun. Desweiteren treten männliche Femen-Protestierer auf. Besorgte Bürger sprechen, es geht um den Islam und die Zuwanderung, um Trump und die EU. Alles rein in den Erregungstopf und schön laut umrühren. Dass man da nicht heil herauskommen kann, weiß jeder, der es in den letzten Monaten auf einer privaten Feier probiert hat. Dass die Magdeburger es dennoch tun, ehrt sie sehr, allein – sie landen mit ihrem gespielten Nachdenken und ihren rhetorischen Fragen im Grenzbereich zum Agitprop. Sie laufen aufgescheucht mitsamt fahrbarer Stellwände und Stühle herum, sie brüllen und schwitzen abwechselnd gegen Live-Musik oder Sprechchöre an. Die Zeigefinger erhoben, unterschätzen sie rätselhafterweise ihre eigentlichen Stärken.

Praesidentin2 560 Nilz Boehme uGefangen im Nummernprogramm © Nilz Böhme

Dabei sind sie einmal ganz nah dran, ihre Botschaft grandios zu platzieren: Es mag nach einer halben Stunde sein, gefühlt nach einer ganzen, da wird Corinna Harfouch als Präsidentin inthronisiert und hält eine Rede. Gewandet in die französische Flagge, spricht sie die Sätze rückwärts und ist jetzt ein König Ubu, eine wandelnde Satire, eine Enttarnung, eine Offenbarung. Sie ist jetzt ganz kurz das, was Chaplin im "Großen Diktator" war. Bei diesen zehn so großartigen Minuten blieb es leider, dann ging das Nummernprogramm weiter: mit Johanna von Orleans, einer Talkshow und der – anfangs kurz originell wirkenden, bald aber nur noch nervenden – Kulissenschieberei.

Kein Trost

Ganz am Ende darf Corinna Harfouch nochmal ran. Nun nicht mehr Präsidentin, sondern längst von den Hardlinern der neuen rechten Diktatur abgesägt, tritt sie – warum auch immer – als Chansonette auf. Alles hätte also versöhnlich enden können. Nicht im Stück, natürlich, nur für die Zuschauer. Burschikos improvisiert sie, Hoffnung keimt auf, aber noch bevor sie richtig singen kann, wird die Bühne leergeräumt. Fast wird sie dabei mit weggefegt. Warum? Das Konzept, mit ihr und einem Stück Marine Le Pen zu entzaubern war längst gescheitert, war, wie auch die Idee, Le Pens Machtergreifung als Dystopie erlebbar zu machen, untergegangen in einem teilweise kruden Wirrwarr aus Tagespolitik und Aktivismus und Belehrung. Das versprochene Königinnendrama hat sie nicht geben können, wenigstens was Schönes singen lassen hätte man sie noch können. Nicht wenige waren wegen ihr gekommen.

Die Präsidentin
Nach dem gleichnamigen Comicbuch von Francois Durpaire und Farid Boudjellal
Für die Bühne bearbeitet von Cornelia Crombholz und David Schliesing
Regie: Cornelia Crombholz, Bühne: Marcel Keller, Kostüme: Irina Bartels, Musikalische Leitung: David Schwarz, Maren Kessler, Video: Nazgol Emami, Choreografie: David Williams, Sprechchöre: Alexander Weise, Licht: Guido Schnorr, Dramaturgie: David Schliesing.
Mit: Corinna Harfouch, Antonia Schirmeister, Christoph Förster, Marian Kindermann, Daniel Klausner, Oliver Niemeier, Ralph Opferkuch, Thomas Schneider, Burkhard Wolf.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen
www.theater-magdeburg.de

 

Kritikenrundschau

"'Die Präsidentin' ist keine leichte Theaterkost. Sie fordert den Zuschauer, häufig schmerzt sie auch mit ihrem brutalen Realismus. Aber gerade deshalb, in dieser Ambivalenz von hohem Unterhaltungswert und bitterem Beigeschmack, zeigt sich politisches Theater der Sonderklasse", ist Rolf-Dietmar Schmidt in der Magdeburger Volksstimme (4.6.2018) begeistert. "Dieses Stück verlangt von den Schauspielern alles, und die sprühen vor Spielfreude." Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz habe sich als Regisseurin mit dieser Inszenierung ausgangs ihrer letzten Spielzeit in Magdeburg ein Denkmal gesetzt. "Und das nicht nur, weil (…) die Protagonistin Corinna Harfouch als Präsidentin Le Pen mit einer schier unglaublichen Verwandlungsvielfalt dieser Dystopie den charismatischen Stempel einer tragikomischen Farce aufdrückte".

"Nur unkomischen, erkenntnisfreien Klamauk" hat hingegen Britta Heidemann erlebt und schrieb nach der Premiere bei den Ruhrfestspielen in der Neuen Ruhr Zeitung (13.5.2018): Cornelia Crombholz verliere sich "im Rechtfertigungsreigen". "Am Ende, nach zwei durchlittenen Stunden, bleibt der Eindruck einer schreienden, schwitzenden, stampfenden Hilflosigkeit. Und eine Erkenntnis, immerhin: Das Theater weiß also auch nicht weiter."

 
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