Tour de farce

von Rainer Nolden

Trier, 3. Juni 2018. Dostojewski als Blaupause für das eigene Leben: Regisseur Boris C. Motzki kann ein Lied davon singen. Oder zumindest eine Strophe. Und dann ein Stück daraus machen. Als Student war er mal im Wiesbadener Casino, am selben Ort, an dem auch der russische Schriftsteller sein Glück gesucht (und nicht gefunden) hat, setzte – nur so aus Jux – zehn Mark und gewann zwei Mal mit derselben Zahl, der Zehn, auf Anhieb 700 Mark.

Eine Erfahrung, die jetzt zu einem Theaterstück geronnen ist. Oder besser: zu einer Farce, zu einer Revue des Wahnsinns, albtraumhafte 90 Minuten, destilliert aus dem Roman "Der Spieler", einer tragischen Groteske oder einer grotesken Tragödie über die Sucht und die Leidenschaft, dargeboten in einem Höllenritt im Geiste der Marx Brothers und aller Chaos-Komödianten, die jemals die Bretter oder Leinwände dieser Welt bevölkert haben.

Ein Happy End für Dostojewski

Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler der Vorlage Alexey, Hauslehrer bei dem ebenso störrischen wie brutalen und kurz vorm Bankrott stehenden namenlosen General, in dessen Stieftochter Polina er sich verliebt hat. Der General hofft auf das Ableben seiner reichen Erbtante, doch die tut ihm den Gefallen nicht, sondern taucht leibhaftig auf, findet ebenfalls Gefallen am Roulette und und verprasst ihr ganzes Vermögen am Spieltisch. Nicht nur finanziell, auch emotional wird die Lage immer verzwickter, da Alexej trotz Polina mit der Mätresse des Generals nach Paris flieht, wo sie ihn auf die Straße setzt, nachdem das gewonnene Geld ausgeht. Anders als im Roman gibt es auf der Bühne allerdings ein Happy End: Alexey kehrt zu Polina zurück, und zu den Schmalzklängen aus "Love Story" liegen sie glückselig und ermattet wie nach mehr oder weniger gutem Sex auf dem Roulettetisch zwischen Jetons und Scheinen.

Spieler1 560 SimonHegenberg uRien ne va plus: Benjamin Schardt, Niklas Maienschain © Simon Hegenberg

Spielstätte in Trier ist das Kasino am Kornmarkt, in dem allerdings niemals Spieltische standen, sondern eine Kasinogesellschaft tagte, in der, und das ist wohl das Geschichtsträchtigste an diesem Haus, Karl Marx, den die Stadt in diesem Jahr zu seinem 200. Geburtstag hypt, als hätte sie ihn immer liebgehabt, Kontakte zur Familie seiner späteren Ehefrau Jenny von Westphalen knüpfte. Um den Roulettetisch herum müssen die Darsteller in schweißtreibendem, rasantem Wechsel in diverse Charaktere schlüpfen, einige technische Probleme mit der Videoshow routiniert wegimprovisieren, dürfen auch mal aus der Rolle fallen und ratlos innehalten, aber in der Hauptsache ihrem schauspielerischen Affen so viel Zucker geben, dass der am Ende des Abends nur noch Karies im Maul haben dürfte.

Treffen sich James Bond und die Drei Schwestern

Franziska Marie Gramss ist Polina und all die anderen Frauen, vom kindischen Töchterlein über die verführerische Mätresse bis zur bockigen Geliebten. Benjamin Schardt wechselt vom zackigen General in Sekundenschnelle zum schmierigen Lover de Grieux und von dort zum very british gentleman Astley, der mit reichlich Whiskey und einigen Ratschlägen zum Frauenrumkriegen immer dann zur Stelle ist, wenn man ihn nicht braucht – nicht zuletzt als sterbender Schwan kann er die meisten Lacher auf sich ziehen. Die Krone freilich, besetzt mit glitzernden Schweißperlen, muss man Niklas Maienschein aufs Haupt setzen, der geldkotzend auf die Bühne stolpert und als ebenso hoffnungsvoller wie ratloser Liebhaber den Frauen und dem Geld hinterherläuft, sich die Seele aus dem Leib schreit und sich in herzergreifendem Liebesleid selbst bemitleidet. Schauspielerisch, keine Frage, war dieser Abend alles Geld wert, was durch die Luft flog und ständig den Besitzer wechselte.

Spieler2 560 SimonHegenberg uMoney must be funny – Franziska Marie Gramss © Simon Hegenberg

Freilich lässt die Regie auch dem Klamauk viel (zu viel) Raum, sich zu entfalten. Boris C. Motzki spickt seine Version zudem mit zahlreichen Anspielungen aus angrenzenden Genres wie Oper, Schauspiel und Film, zitiert Goethes "Zauberlehrling" und "James Bond", beruft sich auf Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" und Tschechows dreischwesternhaftem Sehnsuchtsschrei "Nach Moskau, nach Moskau". Ist ja alles ganz nett, aber – wozu? "Der Spieler" ist gar nicht so lustig – und gerade deshalb wohl nur lustig zu ertragen. Aber die Ergänzungen wirken ein wenig wie deplatzierte Dekorationen auf einem chaotisch arrangierten Büfett. Amüsieren jedoch kann man sich an diesem Abend. Ob auf oder unter seinem Niveau, das muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.

Der Spieler
nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski
Fassung, Inszenierung, und Ausstattung: Boris C. Motzki.
Mit: Niklas Maienschein, Franziska Marie Gramss und Benjamin Schardt.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-trier.de

 

 
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