Picknick und Leichenschmaus

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 7. Juni 2018. In einem der einprägsamsten Momente des Abends stehen sich der Mitbegründer und künstlerische Leiter des Theaters an der Ruhr, Roberto Ciulli alias Roberto Ciulli, und sein Schauspieler der ersten Stunde Volker Roos alias Clown Sepp gegenüber, und Ciulli fragt Sepp: "Wie lange bist Du schon hier unten bei mir?" – "42 Jahre." – "Hast Du Angst?".

Sepp ist wie die anderen Clowns in diesem Moment schwarz angemalt und verkleidet. Über eine lange Rutsche sind sie aus der Oberwelt des Potts und seinen Ruhrwiesen und Autorennstrecken in ein dunkles Reich mit anderen Werten und Möglichkeiten hinabgesegelt, und weiße Hemden hängen an Zügen unter der Decke wie in einer Weißkaue. Angst gibt es hier nicht.

42 Jahre ist die Summe eines sich dem Ende entgegen neigenden Berufslebens – 1980 wurde das Theater an der Ruhr mit dem markanten Linksabbiegepfeil als Logo von Roberto Ciulli gemeinsam mit dem Dramaturgen Helmut Schäfer und dem kürzlich verstorbenen Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben in Mülheim an der Ruhr gegründet, zuvor hatten die beiden Künstler bereits am Düsseldorfer Schauspielhaus und in Köln zusammengearbeitet.

Letzte Pinselstriche am Ruhr-Gemälde

Dieses Kleinod von Szene wird von einem der wenigen Dialoge des Abends begleitet, der ansonsten fast vollständig ohne Sprache, ohne Texte auskommt, aber unmittelbar seinen eigenen Ton anschlägt, seine ureigene Logik und Poesie offenbart. Wenn das Publikum den Zuschauerraum des Ruhrfestspielhauses betritt, ist die Bühne ein schwarzes Loch. Nur weit hinten ist eine Staffelei aufgebaut, auf der ein schwarz Gekleideter mit langen schlohweißen Haaren, Roberto Ciulli, letzte Pinselstriche auf einem farbenfrohen Gemälde anlegt. Eine blutrote Sonne scheint auf grasgrüne Wiesen, ein schmaler Fluss schlängelt sich durch die Landschaft. Zwischen Himmel und Erde haben die Menschen, denn so geradlinig können nur Menschen planen und bauen, eine Schneise geschlagen, die Autobahn, auf der ein paar bunte Spielzeugautos die Landschaft kreuzen, um Umwege zu vermeiden. "Mit dem Auto vom Bett ins Büro" hieß der Leitspruch eines der wesentlichen Städteplaner der Nachkriegszeit, Friedrich Tamms.

Clowns unter Tage 1 Ensemble 560 F Goetzen TAR 2 uGedränge im Schacht: das Mülheimer Ensemble spielt "Clows unter Tage".
© F. Götzen / Theater an der Ruhr

Nach und nach begegnen wir den zehn Clowns als Sommerfrischlern, die sich zu Vogelgezwitscher in den Ruhr-Auen niederlassen. Den augenzwinkernden Auftakt macht ein einzelner Herr mit unsichtbarem Hund, der sich auf eine graue Decke legt um dann gleich die Hand in die Hose gleiten zu lassen und sich selbst zu befriedigen – sein Stöhnen und Seufzen mischt sich wie im Chorgesang zu den Vogelstimmen. Wenn da nur nicht die Mücken wären!

"Eine musikalisch komische Fahrt in die Tiefe" nennen Ciulli und sein Ko-Autor und musikalischer Leiter Matthias Flake, der als Musiker auch selbst mitwirkt, ihr theatralisches Abenteuer und entwickeln damit "Clowns im Sturm" (von 2017) weiter, aus dem das starke Mülheimer Ensemble seine Figuren hinübergetragen und weitergesponnen hat.

Das Ende des Weißclowns

Ausgestattet mit Sonnenschirmen, weiß lackierten Kinderstühlen und Picknickkorb lassen sie sich nieder, sie rauchen wie die Schlote, die der Maler jenseits des Flusses noch ergänzt hat, quaken und zirpen, ab und an stimmen sie gemeinsam ein Volkslied an, das von Wanderschaft erzählt. Von der Putze über das Parvenü-Pärchen mit Wohlstandsbäuchlein und goldenen Hüften bis zum bärtigen Zuwanderer ist alles zu haben.

Aber was wäre eine Horde Clowns ohne den herrischen Weißclown, der mit einer Art Napoleon-Hut auf dem Kopf einen Nachzügler auf einem selbstgebauten Rollstuhl im blauen Retro-Trainingsanzug aus dem Zimmer bringt und ihn beschimpft? Irgendwie ist es doch ein Erholungsheim oder eine geschlossene Anstalt, in die wir da schauen. Bald regt sich der kollektive Widerstand, und die Clowns fallen über ihren Aufseher her, bringen ihn aus Versehen um, nicht ohne ihn durch sexuelle Handlungen wiederbeleben zu wollen. Und wenn das nicht geht, wird er halt unter der Picknickdecke begraben und ein Leichenschmaus auf ihm abgehalten.

Clowns unter Tage 2 Ensemble 560 J Schmitz TAR uDas Clownsknäuel kullert über die Bühne von Roberto Ciulli und Elisabeth Strauß.
© J. Schmitz / Theater an der Ruhr

Der Abend, der opulent an Einfällen und dabei sehr präzise ist, führt uns in seinem zweiten Teil in die Unterwelt des Bergbaus. Wenn es über die Rutsche in die Erde geht, sehen wir zehn unterschiedliche Arten für den Abgang: Jeder Clown ist seine eigene Marke, eine Persönlichkeit bis in die Fingerspitzen – allen voran die feine Dame, die wie im Damensattel sitzend auf dem schmalen Geländer hinuntergleitet.

Schwarze Karte und Elfmeter

Sie hämmern und sieben und schaufeln lautstark und rhythmisch, in einem improvisierten Fußballspiel kicken sie lustvoll einen Blecheimer hin und her. Als der Schiedsrichter nach einem Foul die schwarze Karte zeigt, holen sie zu einem grandiosen Zeitlupen-Elfmeter aus. Und natürlich gibt es eine Massenschlägerei mit spitzem Schirm und Handtasche bewaffnet. Dann versöhnen sie sich auf Rollhunten tanzend bei einem Wasserballett, das auf dem gekalkten Boden Spuren hinterlässt wie Kufen auf einer Eisbahn und so die Bühne in ein einzigartiges Gemälde verwandelt.

"Clowns unter Tage" ist ein überaus liebevoller und liebenswerter Abend, der ansteckend ist: Denn als Clown lebt es sich irgendwie besser, inniger, intensiver, und man hat da unten sehr viel mehr Spaß als hier oben. Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen unter der Leitung von Frank Hoffmann beweisen einmal mehr, dass sie zu einem Zeitpunkt, da die letzte Zeche geschlossen wird, ihre Herkunft und ihre Heimat nicht vergessen haben.

 

Clowns unter Tage. Eine musikalisch-komische Reise unter die Erde
von Roberto Ciulli und Matthias Flake
Uraufführung
Regie: Roberto Ciulli, Musik: Matthias Flake, Dramaturgie: Helmut Schäfer, Kostüme: Elisabeth Strauß, Raum: Roberto Ciulli und Elisabeth Strauß, Lichtgestaltung: Jochen Jahncke.
Mit: Petra von der Beek, Dagmar Geppert, Simone Thoma, Albert Bork, Roberto Ciulli, Matthias Flake, Klaus Herzog, Fabio Menéndez, Peter Kapusta, Steffen Reuber, Rupert J. Seidl, Volker Roos.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Theater an der Ruhr Mülheim

www.ruhrfestspiele.de
www.theater-an-der-ruhr.de

 

Kritikenrundschau

"Ciullis Fahrt in die Tiefe ist voller Humor und Ideen, allerdings in Teilen genauso rätsel- wie skizzenhaft." Marion Meyer von der Rheinischen Post (11.6.2018) sah "eine teils absurde Geschichte aus dem Ruhrgebiet, verpackt in einer musikalisch-szenischen Clonws-Revue, die von leichter Melancholie durchweht ist". Ciulli setze die Collage fantasievoll in Szene. Er habe immer neuen Slapstick parat, scheue sich aber auch nicht vor großen Gefühlen.

"Im Clowns-Motiv scheint Ciulli in den letzten Jahren voll und ganz zu sich gekommen zu sein", bemerkt Jens Dirksen von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (8.6.2018). "Einmal mehr erweisen sich Ciulli und sein Theater als Zauberer der großen, unvergesslichen Bilder – die Rollwagen-Choreografie, die den zweiten Teil dieses knapp andert­halbstündigen Abends krönt, hat so viel Kindliches, Poetisches, Schönes, dass sich die Frage nach dem Sinn weitgehend erübrigt."

"Nicht einfach, nicht leicht zu verstehen, aber fesselnd, intensiv zu spüren und anrührend", so Mareike Graepels Urteil in der Recklinghäuser Zeitung (9.6.2018). "All diejenigen, die der Komik einer durcheinadergewürfelten Bevölkerung des Findungsprozesses nach einer neuen, regionalen Identität etwas abgewinnen können, werden das Stück lieben."

Seine lobende Kritik über diese "oft rätselhafte Inszenierung" verbindet Benjamin Trilling in der taz (13.6.2018) mit einem Porträt des Schaffens von Roberto Ciulli: "In den letzten Jahren hat der Philosoph auf der Bühne Clowns wie Herr und Knecht aufeinanderprallen lassen: Der Weißclown verkörpert die Rationalität, die Macht, das Geld. Sein roter Gegenspieler lebt aus dem Bauch heraus, anarchisch und rebellisch. Der Clown ist bei Ciulli ein zeitloser Widerstandskämpfer. Und diese Lebenshaltung lässt er die Figuren auch in seiner jüngsten Inszenierung demonstrieren, mit Gesten und wenig Worten."

Einen "eigensinnigen Mix aus Commedia dell’arte und Göttlicher Komödie" sah Martin Krumbholz von der Süddeutschen Zeitung (14.6.2018). "Was Ciulli und die Seinen hier zelebrieren, ist radikal entschleunigtes Theater, wie man es nur noch selten sieht. Da muss man es wohl in Kauf nehmen, dass die erwartete Hommage an die Welt der Bergleute doch harmlos bleibt." Unterm Strich triumphiere in Ciullis "liebenswert-romantischem Biotop" die versöhnliche Note.

 

 
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