Braunschweig, 8. Juni 2018

Heute schon was gegessen?

von Yvon Edoumou

Vor ein paar Tagen war ich bei der jüngsten Ausgabe des Internationalen Theaterfestivals in Kinshasa. 10 US-Dollar kostete der Eintritt für eine Vorstellung von "Die Zofen", diesem großartigen Stück über zwei Hausmädchen, die ihre boshafte Arbeitgeberin töten wollen. 10 Dollar für eine Karte, das scheint erstmal nicht viel – oder etwa doch?

Wie wäre es mit 20 Dollar für den afrikanischen Klassiker "When Things Fall Apart" im besten Buchladen von Kinshasa? Oder 50 Dollar für ein Koffi-Olomide-Konzert? Oder einfach gratis? Nicht vergessen: Wir sind in Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, einem Land, das seit über einem Jahrzehnt auf allen Entwicklungsindizes ganz unten rangiert.

Musee National de Kinshasa 560 Yvon Edoumou uIn Kinshasa wird gerade ein neues Museum gebaut, aber für wen? © Yvon Edoumou

In den letzten Jahren habe ich mit einem guten Freund immer wieder über den Stellenwert von Kunst in der kongolesischen Gesellschaft diskutiert. Darüber, wie Armut Millionen Menschen in ihren Möglichkeiten beschränkt, Kunst zu erleben. Ganz platt gesagt – politisch korrekte Sprache kurz beiseitegelassen: Können arme Menschen Kunst und Kultur genießen?

Mit "arm" meine ich zum Beispiel Hausangestellte – nicht die des Präsidenten, sondern die von Normalsterblichen, die gerade genug für Essen und Miete verdienen; diejenigen, für die eine anständige Mahlzeit am Tag keine Selbstverständlichkeit ist. Ich denke an durchschnittliche kongolesische Polizisten, die 100 Dollar im Monat verdienen. Und was ist mit den Millionen arbeitslosen jungen Männern und Frauen ohne Perspektiven?

Mein Freund vertrat die Ansicht, solange die Mehrheit der Kongolesen nicht für ihre Grundbedürfnisse sorgen könne, blieben Kunst und Kultur ein ferner Traum für sie, nur etwas für ceux qui sont rasassiés – diejenigen, deren Bäuche voll sind. Nur sie könnten es sich leisten, sich weniger materiellen Dingen zuzuwenden.

Daraufhin erzählte ich ihm von Abraham Maslow und seiner berühmten Bedürfnispyramide – ich reichte ihm praktisch noch das Instrument, um mich zu erledigen! Noch nie von Maslow gehört?

Seine Theorie geht davon aus, dass die menschlichen Bedürfnisse in fünf hierarchische Ebenen gegliedert sind. Wenn ein Bedürfnis befriedigt wird, kann das nächste entstehen. Die Theorie geht davon aus, dass erst ein Bedürfnis hinlänglich befriedigt sein muss, ehe das nächsthöhere angesprochen werden kann. Diese fünf Bedürfnisse sind:

1. Physiologische Bedürfnisse – die Grundbedürfnisse nach Luft, Wasser, Nahrung, Kleidung und Behausung

2. Sicherheitsbedürfnisse – also Sicherheit und Schutz des Körpers, des Lebensraums und der Gefühle. Zum Beispiel: ein sicherer Arbeitsplatz, finanzielle Absicherung, Schutz vor Tieren, Schutz der Familie, Gesundheit usw.

3. Soziale Bedürfnisse – betreffen zum Beispiel Liebe, Zuwendung, Mitgefühl, Zugehörigkeit und Freundschaft

4. Individualbedürfnisse – hier gibt es zwei Unterkategorien: innere Bedürfnisse (Selbstachtung, Selbstvertrauen, Stärke, Erfolg und Freiheit) sowie äußere Bedürfnisse (Ansehen, Einfluss, Status, Aufmerksamkeit und Bewunderung)

5. Selbstverwirklichung – Dazu gehört das Streben, das eigene Potenzial und die eigenen Fähigkeiten auszuschöpfen, zum Beispiel das Bedürfnis nach Entwicklung und Selbstzufriedenheit; das Verlangen nach mehr Wissen, sozialem Engagement, Kreativität und ästhetischem Wirken. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung kann nie vollends befriedigt werden. Sowie man sich psychologisch weiterentwickelt, entstehen neue Möglichkeiten für weitere Entwicklungen.

Selbstverständlich hat diese Theorie ihre Grenzen, und interessanterweise führen einige Kritiker an, die Theorie träfe für den Fall des "hungernden Künstlers nicht zu, da dieser, selbst wenn seine Grundbedürfnisse nicht befriedigt sind, dennoch nach Anerkennung und Erfolg strebe."1

Es geht nicht nur ums Geld

Ja, mein Freund hat Recht: Wer arm ist, hat Prioritäten, und Kunst gehört nicht dazu. Wer mit 20 Dollar seine Familie zwei Wochen lang ernähren kann, wird kaum so viel für ein Buch ausgeben.

Allerdings sollte es bei dieser Debatte nicht nur um den Preis für eine Theaterkarte, ein Buch oder ein Gemälde gehen. Die größeren Fragestellungen betreffen die Teilhabe an diesen Kulturgütern, die Förderung öffentlicher und privater Initiativen, damit arme Leute Kunst erleben können, und noch wichtiger: das Einreißen der mentalen Schranken, von denen Kunst umgeben ist.

Jawohl, in Kinshasa können arme Menschen Kunst erleben.

Es gibt zahlreiche Orte und Initiativen in Kinshasa, wo man Kunst erleben kann, angefangen bei den Galerien der Académie des Beaux Arts de Kinshasa. Im französischen und belgischen Kulturzentrum werden regelmäßig Gratisvorstellungen und -konzerte angeboten. Das Kulturzentrum Texaf Bilembo, früher eine Textilfabrik, bietet seine Ausstellungen gratis an. Im vergangenen Monat konnten kongolesische Künstler*innen und Kunstliebhaber*innen einer Diskussion mit dem international bekannten kamerunischen Künstler Barthelemy Toguo beiwohnen. Das Kin ArtStudio, jüngster Neuzugang im Kunstbetrieb und vom Künstler Vitshois Mwilambwe Bondo verwaltete Künstlerresidenz, wo man jungen Künstlern wie Eddy Ilunga und Francis Tenda begegnen und mit ihnen reden kann, ist die ganze Woche über für jedermann geöffnet. Für fünf Dollar – Preis für Staatsangehörige – kann man das Kinshasa Museum besuchen.

Galerie Kinshasa 560 Yvon Edoumou uWer kommt hierher? Eine der wenigen Galerien in Kinshasa © Yvon Edoumou

In ganz Afrika gibt es Initiativen, die die Kluft zwischen der Kunstwelt und jenen, für die Kunst ein fremder Planet ist, verringern wollen. Alle Beispiele haben mit Teilhabe zu tun und wollen den Massen so viel Zugang zum Kunstgenuss wie möglich bieten. Es geht um nicht weniger als die Demokratisierung der Kunst.

Jawohl, in Kinshasa können arme Menschen Kunst erleben.

Die Kunst zu den Menschen bringen

Man muss das Thema weiter vorantreiben, indem man Kunst zu den Menschen bringt, hinein in ihre Wohnviertel, damit sie begreifen, dass Kunst nicht nur für Familien in schicken Villenvierteln gedacht ist, sondern dass sie in den Vororten, den Slums und den weniger wohlhabenden Vierteln stattfinden kann und stattfinden muss.

Auf Createquity, einer mittlerweile stillgelegten Website zur Betrachtung der Kunstwelt, wurden in einem Artikel die Ursachen für den fehlenden Kontakt zur Kunst bei schlechtverdienenden und bildungsfernen Menschen untersucht. Darin stand unter anderem:

"Menschen mit geringerem Einkommen und Bildungsniveau nehmen in geringerem Maße an einem großen Bereich von Aktivitäten wie z. B. Klassikkonzerten oder Theater teil, aber auch an weniger 'elitären' Beschäftigungsformen wie Kinobesuchen, sozialen Tanzveranstaltungen oder sogar Sportveranstaltungen. Die Kosten sind zwar für viele Menschen geringen sozialökonomischen Status', die an Kunst teilhaben möchten, ein Hinderungsgrund, aber durchaus nicht in dem Umfang, den man vermuten würde. Selbst wenn man es so einrichten könnte, dass Erwachsene mit geringem sozialökonomischem Status sich aus Kostengründen mit gleicher Wahrscheinlichkeit für den Ausstellungs- oder Theaterbesuch entscheiden würden wie ihre wohlhabenderen Mitbürger*innen, würde das an der sozio-ökonomischen Zusammensetzung des Publikums kaum etwas ändern."

Kollektive Therapie

Jawohl, in Kinshasa können arme Menschen Kunst erleben.

Das größte Hindernis liegt allerdings darin, wie die kongolesische Gesellschaft – vom Schulsystem bis hin zu den wenigen kongolesischen Käufern – Kunst betrachtet.

Der kongolesischen Regierung stelle ich die Frage: Wieso ist Kunst im Lehrplan derart unsichtbar? Den Schulleiter*innen stelle ich die Frage: Wann hat Ihre Schule zuletzt einen Ausflug in eine Kunstinstitution unternommen? Den Familien stelle ich die Frage: Wann waren Sie zuletzt mit ihren Kindern bei einer Veranstaltung? Den Käufern stelle ich die Frage: Wann haben Sie zuletzt ein Gemälde gekauft, ohne zu handeln, damit der Künstler oder die Künstlerin den Preis des Gemäldes beträchtlich senkt?

Kulturelle Teilhabe ist ein Menschenrecht

Die Frage von Kunstteilhabe und Kunsterleben muss in Zusammenhang mit dem Verhältnis der Gesellschaft zu Kunst und Kultur überhaupt gestellt werden, mit dem Wert, den wir ihnen beimessen, den offenen und verborgenen Botschaften zum Stellenwert von Kunst, die wir insbesondere jenen vermitteln, die arm und weniger wohlhabend sind und für die Kunst bloß ein unerreichbarer Planet ist.

Darüber hinaus muss diese Frage im Zusammenhang einer Menschenrechtsdebatte geführt werden. Artikel 19 und 27 der UN-Menschenrechtscharta versprechen Meinungsfreiheit und Teilhabe am kulturellen Leben. Dieses kulturelle Recht muss im selben Maße geschützt und gefördert werden wie alle anderen Rechte auch.

Die Kunstszene in Kinshasa ist lebendig. Sie mag embryonisch anmuten, aber sie hat einiges zu bieten. Für Reiche und für Arme – wobei Letztere sie dringender brauchen.

 

1) https://www.managementstudyguide.com/maslows-hierarchy-needs-theory.htm

 

Yvon Edoumou 80Yvon Edoumou, gebürtig aus Côte d'Ivoire, lebt in Kinshasa/Demokratische Republik Kongo. Er betreibt einen Blog auf https://medium.com/@malabofame



 

Here you can read the English original of this article. Deutsche Übersetzung: Bochert Translations (Henning Bochert).

Hier schreibt Milisuthando Bongela zur Lage des Kulturjournalismus' auf dem afrikanischen Kontinent.


Der Text ist im Rahmen des Journalist*innen-Projekts "Watch & Write" des Festivals Theaterformen entstanden und wird im Rahmen einer Medienkooperation auf nachtkritik.de veröffentlicht. Er ist nicht Teil des redaktionellen Programms von nachtkritik.de.

 
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