Hedgefonds und Pflege

von Jan Fischer

Braunschweig, 8. Juni 2018. Es sind die kleinen, leisen Gesten, die in der Inszenierung "Independent Living" des japanischen Regisseurs Takuya Murakawa zwei unterschiedliche Länder greifbar machen. Drei Pflegesituationen zeigt die Inszenierung: Eine in China, eine in Südkorea und eine in Japan. Die Pfleger werden dargestellt von – so die Behauptung – Menschen, die tatsächlich im Pflegesystem des jeweiligen Landes arbeiten. Die Bepflegten – jeweils Menschen, die sich nur eingeschränkt mitteilen und bewegen können – werden von einer Frau gespielt, die Murakawa vor der Aufführung aus dem Publikum ausgewählt hat. Die darf auf dem Bett in der Mitte der Bühne liegen, sich umdrehen lassen oder in einen Rollstuhl hieven.

Es sind die kleinen, in jahrelanger Übung und Ausbildung einstudierten Gesten, mit denen das geschieht, die die größten Unterschied zwischen den Ländern ausmachen: Wie werden die Beine vor dem Umdrehen arrangiert? Wie die Arme? Mit welcher Technik wird die Bepflegte aus dem Bett gehievt? Die Techniken aus China, Korea und Japan unterscheiden sich da, zumindest in der Inszenierung, ganz massiv.

Kraft der Körpersprache

Es sind solche fein beobachteten Kleinigkeiten, die "Independent Living" ausmachen. Das Pflegepersonal wechselt in der anderthalbstündigen Inszenierung jeweils dreimal durch, gezeigt werden drei Tagesabläufe in der Heimpflege, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Mit der Bepflegten aus dem Publikum baut sich Murakawa einen kleinen Zufallsgenerator in seine Inszenierung. Denn diese versteht weder chinesisch, koreanisch oder japanisch und hat die Anweisung erhalten, nicht auf die Übertitel zu schauen. So kann sie den Anweisungen ihrer Pfleger nicht Folge leisten, und wird damit, in der Bühnensituation, de facto zu einem Pflegefall, zumindest aber zu jemandem, der in der Sprache so isoliert ist, dass es ihr nicht möglich ist, das zu tun, was sie soll.

IndependentLiving1 560 Kai Maetani courtesy of Kyoto Experiment uIm Bett auf Hilfe angewiesen: wer Hilfe braucht ist auch ausgeliefert in "Independent Living"
© Kai Maetani / Courtesy of Kyoto Experiment

Es geht bei "Independent Living" nicht darum, das Gesundheits- und Pflegesystem der jeweiligen Länder zu kritisieren. Es geht eher darum, die Isolation und die Machtlosigkeit der Hilfebedürftigen zu zeigen. Dafür sind die täglichen Rituale und kleinen Verrichtungen des Pflegepersonals von Murakawa exzellent beobachtet und recherchiert. Gleichzeitig fällt durch das Zufallselement, also dadurch, dass eben nicht berechenbar ist, was die Bepflegte tut oder nicht, die Situation aufs Publikum zurück: Wie, so die Frage, würde man diese Situation des Ausgeliefertseins selbst ertragen? Was würde man tun?

Die Inszenierung des eigentlich aus dem Dokumentarfilm stammenden Murakawa arbeitet dabei sehr leise, sehr zurückgenommen. Das reduzierte Bühnenbild aus Bett und zwei Stühlen, die präzisen Gesten nicht nur bei der Körperpflege, sondern auch bei dem Versuch, den jeweiligen Raum noch pantomimisch entstehen zu lassen: Alles das nimmt sich Zeit. Mehr Zeit, eigentlich, als es bräuchte, um die Idee der Inszenierung zu verstehen, so dass sie stellenweise aus ihrer Ruhe heraus ins langatmige verfällt.

Finanzsystem-Glücksspiel am Pokertisch

Wo "Independent Living" langatmig ist, entwickelt "£¥€$" der Gruppe Ontroerend Goed panische Schnappatmung. Auch hier wird mit Publikumsbeteiligung gearbeitet, allerdings darf das ganze Publikum ran. Es sitzt an Pokertischen verteilt, die jeweils Phantasieländer repräsentieren und darf handeln – erst noch mit für eigenes Geld eingetauschten Plastikmünzen, später mit Schuldscheinen, Staatsanleihen und Shortselling-Optionen.

So entfaltet sich im Saal Stück für Stück ein Wirtschaftsraum, in dem jeder Tisch ein eigenes Kreditrating bekommt und alles auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist, gerne begleitet von inspirierenden Zitaten wie "Eine Krise ist auch eine Chance" oder einem ironischen "May the odds be ever in your favor" aus dem Zentrum des Raumes, aus Richtung der Rating-Agenturen und Wirtschaftswächter.

Liebe zum Detail

Die Kapitalmaximierungsmaschine bläht ihre Blase in dem Pokertisch-Wirtschaftsraum während der gut zweistündigen Inszenierung bis zum Platzen auf – das Finale ist ein Crash der Finanzsysteme vierer Länder, nur einem davon kann durch die internationale Gemeinschaft mit einen Rettungsschirm wieder auf die Beine geholfen werden. Panische An- und Verkäufe der Staatsanleihen sind die Folge, so lange, bis klar ist, welche davon wertlos werden.

Y 560 Thomas Dhanens uPlastikgeld in "£¥€$", aber die Regeln, wie es eingesetzt wird, sind echt © Thomas Dhanens

"£¥€$" ist damit letztendlich ein großes Brettspiel. Allerdings eines mit ausgeklügelter Spielmechanik, und vor allem mit viel Wissen und Liebe zum Detail gestaltet. Der Finanzmarkt wird in der Inszenierung zu einem Spiel, das wiederum mit flacher Lernkurve dem Publikum nahe gebracht wird. Und dabei Schritt für Schritt komplexer wird, so lange, bis die abstrakten Vorgänge des Marktes für Laien zumindest ansatzweise durchschaubar werden und dabei auch noch Spaß machen. Gleichzeitig bemüht "£¥€$" sich, nicht in Antikapitalismus zu verfallen – der Markt, das kapitalistische System, sind nicht per se schlecht. Das Finanzspiel macht Spaß und funktioniert so lange, so eine der immer wiederholten Thesen, wie Vertrauen zwischen den Handelnden vorherrscht. Und beim Handel mit Werten, über dessen Existenz oder Nichtexistenz (oder die Frage, ob das überhaupt Kategorien sind, in denen sich zu denken lohnt) sowieso schon jeder den Überblick verloren hat, wird es eben schwer, zu vertrauen.

Panische Zwischentöne

Sowohl "£¥€$" als auch "Independent Living" - so unterschiedlich beide Inszenierungen auch sein mögen – sehen sich dabei als dokumentarische Inszenierungen. Murakawa hat eine interessante Möglichkeit gefunden, dokumentarisches und Improvisationstheater zu einer sinnvollen Mischung zu führen, beziehungsweise einen Zufallsgenerator in eine Inszenierung einzubauen. "£¥€$" dokumentiert dagegen eher systemisches – sinnvollerweise in einem kleinen, vereinfachten Abbild dieses Systems, getarnt als Spiel mit bestimmten Regeln. Wo die eine Inszenierung sich in ihrer Gangart zurücknimmt und auf Zwischentöne hört, prescht die andere mit spielerischer RIsikobereitschaft vor und erzeugt in ihrem Finale tatsächlich so etwas wie Panik, in der keine rationalen Entscheidungen mehr möglich sind. Ihren Gegenstand erfassen beide auf ungewöhnliche Weise.

Independent Living
Regie: Takuya Murakawa
Mit: Shuzo Kudo, Jeehye Ham, Zhenqiang Hu.
In Kooperation mit Kinosaki International Arts Center (Toyooka City), unterstützt von The Saison Foundation
Produktion: Takuya Murakawa, Koproduktion: Kyoto Experiment
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.kyoto-ex.jp
 
£¥€$
Regie: Alexander Devriendt, Text: Joeri Smet, Angelo Tijssens, Karolien De Bleser, Alexander Devriendt
Kostüme: Astrid Peeters, Musik: Johannes Genard, Design: Nick Mattan, Bühne: vormen, Dramaturgie: Koba Ryckewaert, Zach Hatch, Julie Behaegel, Koproduktion: Charlotte Nyota Bischop, Produktion: David Bauwens Tourplanung: Karen Van GinderachterTechnik: Babette Poncelet, Iben Stalpaert.
Mit: Joeri Smet, Angelo Tijssens, Karolien De Bleser, Samir Veen, Hannah Boer, Aurélie Lannoy, Joeri Heegstra, Britt Bakker, Charlotte De Bruyne, Bastiaan Vandendriessche, Robin Keyaert, Max Wind, Sjef van Schie, Aaron Gordon.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.ontroerendgoed.be

www.theaterformen.de

 

Kritikenrundschau

£Y€$ sei eine Lehrstunde im Kasino-Kapitalismus, "ein verführerisches Spiel, mit dem die Künstler die irren Mechanismen der Finanzmärkte ganz undidaktisch vorführen", so Patrick Wildermann im Tagesspiegel (11.6.2018). Und über "Independent Living" schreibt er: den Namen Takuya Murakawa sollte man sich merken. "Er könnte eine ähnliche internationale Karriere nehmen wie sein Landsmann Toshiki Okada." Die Pflegevorgänge in "Independent Living" haben tieftraurige Selbstverständlichkeit, "und lassen einen ratlos mit der Frage zurück, wie es sich aushalten lässt, nicht mehr über sich selbst bestimmen zu können". Insgesamt bahne sich bei diesem Theaterformen-Festival ein starker Jahrgang an.

Stefan Arndt schreibt in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (12.6.2018): Natürlich ahne man bald, am Ende von £Y€$ werde das "hier am Spieltisch simulierte Wirtschaftssystem zusammenbrechen". Der Crash würde dann die Katharsis dieses Theaterabends sein, "der reinigende Erkenntnisgewinn", dass das "Streben nach leichtem Profit zumindest fragwürdig" sei. So komme es dann auch. Allerdings gingen nicht alle bankrott, manche Länder=Mitspieler profitierten von der Krise. Dass der Abend so durchschaubar erscheine, eröffne letztlich sogar "eine beunruhigende Einsicht": Wahrscheinlich sei manches in der "vermeintlich hochkomplexen Wirklichkeit nicht sehr weit entfernt von den verstörend einfachen Mechanismen dieses Spiels".

Kommentar schreiben