Go, Google, go away!

von Sophie Diesselhorst

11. Juni 2018. Es ist Sommer, und die Nachtkritik(-Redakteurin) ist erschöpft. Aber alles gut. Im luxuriösen Unterschied zu den Theatermacher*innen, die in Vorproben für die nächste Spielzeit sitzen und schwitzen, darf sie im Freibad die Hüllen fallen lassen. Was sich dabei allerdings nicht ablegen lässt, ist die professionelle Deformation jederzeit und überall Inszenierungen zu wittern, zu enttarnen und (selbstverständlich messerscharf!) zu analysieren.

Im Freibad selbst war das bisher noch nicht so spannend, dionysische Massenschlägereien lassen bis zu den Berliner Sommerferien auf sich warten, aber auf dem Weg dorthin passiert in Kreuzberg 36 schon genug. Denn der Kiez ist ein großes immersives Bühnenbild. Und zwar eines nicht für lasche Flaneuere, sondern für Leute, die sich aktivieren lassen wollen.

Rasseln gegen den Tech-Giganten

Der Anlass ist Google. Schon vor Längerem sickerte durch, dass der Tech-Riese in einem ehemaligen Umspannwerk mitten in Kreuzberg 36 einen "Start-Up-Campus" einrichten will. Unter anderem aus der gut organisierten Anti-Gentrifizierungsszene heraus, die im September 2017 auch maßgeblich an der Besetzung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz beteiligt war, formierte sich Widerstand, lange bevor die Google-Pläne die Zeitungsöffentlichkeit erreichten.

Kolumne 2p diesselhorstHandlungsmöglichkeiten für den gemeinen Anwohner bestehen seitdem zum Beispiel in der Teilnahme an einer Lärmdemo ( = aus dem Fenster heraus mit Topfdeckeln rasseln, nur für Vorderhausbewohner) jeden ersten Freitag im Monat; alle zwei Wochen findet in der anarchistischen Bibliothek um die Ecke vom Umspannwerk ein Anti-Google Café statt, und die Zeitung "Shitstorm" wurde auf der Höhe der Bewegung sogar direkt in die Briefkästen geliefert.

Bei Laune gehalten wird der aktivistische Kiez-Geist außerdem von Street Artists, deren launige Wortspiele an den Wänden, auf den Bürgersteigen und auf dem ubiquitären Sperrmüll über die Monate immer aggressiver geworden sind, von harmlosen "Fck Google" über das explizitere "Scheiß Google" bis hin zu "Wir tanzen auf deinem Grab, du Google-Sohn" oder gar "Kugeln für Google" (hier eine lücken-, aber durchaus beispielhafte Dokumentation).

Aus aktivistischen Kreisen heißt es nun, Google sei drauf und dran, das Projekt abzublasen – wegen des anhaltenden Widerstands. Google scheint das anders zu sehen. Erst letzte Woche hat Rowan Barnett, Deutschlandchef von Googles Entrepreneur-Sparte, auf einer Tech-Konferenz eine Lanze für den Start-Up-Campus in Kreuzberg gebrochen, und die ganze Stadt ist derzeit zugepflastert mit einer Plakat-Kampagne für Googles Sprachassistenten: "Mach mal, Google".

Kreuzberg bleibt unhöflich

Der genaue Stand der Dinge ist also unklar. Aber worum geht es in dem Protest gegen Google überhaupt? Wie so oft im immer hyperlokaler sich formierenden Aktivismus laufen auch hier Argumentationslinien ineinander mit der Tendenz, sich zu verknäulen. Einerseits – und wohl vor allem – ist der Anti-Google-Aktivismus lokal motiviert von realistischer Angst vor (weiter) steigenden Mieten und Verdrängung weniger zahlungskräftiger Klientel durch gutbezahlte Mitarbeiter der von Google unter die Fittiche genommenen Start-Ups, für die der Campus konstruiert werden soll.

Andererseits geht es idealistisch global gegen Google, das "behaviour modification empire" (Jaron Lanier), Google, die Datenkrake, die sich an die Weltmacht spioniert und in China faule Zensur-Kompromisse mit einem Unrechtsregime machte – während seine CEOs auf Tech-Konferenzen so tun, als würde das Unternehmen für Transparenz und Informationsfreiheit kämpfen. Alles hinlänglich bekannt und eigentlich skandalös genug – wenn Google sich nicht längst in jedermanns Alltag unentbehrlich gemacht hätte.

Kolumne Google1 560 sdKreuzberger Nächte sind lang – und unwirtlich. Messages gegen den Start-up-Campus von Google in Berlin © sd

Aber ist der Anti-Google-Aktivismus nicht genauso verlogen wie Google? Geht es nicht eigentlich nur um Besitzstands- und Imagewahrung, darum, den Turbokapitalismus, der andere Weltstädte längst viel stärker verändert hat als Berlin, auszuklammern, um an leicht vergorenen linken Träumen von einer anderen Welt festhalten zu können (Kreuzberger Nächte sind lang)? Google als Goliath kommt gerade recht für Kreuzberg in seiner Selbstinszenierung als ewiger David ("Kreuzberg bleibt unhöflich", ist auch auf so mancher Wand zu lesen)?

Ein Raum der Widerständigkeit

So kann man es sehen, wenn man das Thema abtun will. Aber gerade wenn man sich normalerweise mit Theater beschäftigt, ergibt eine andere Denkrichtung mehr Sinn. Denn auch im Theater wird ja schließlich in einem Safe Space Gesellschaft verhandelt – "Theater ist immer Aktivismus" hat die Autor*in und Regisseur*in Sasha Marianna Salzmann mal gesagt. Auch in dieser "Medienfressmaschine" ist es gar nicht so einfach, nicht zwischen künstlerischen Übersetzungsebenen im Fahrstuhl steckenzubleiben – und eine wirklich klare politische Haltung zu artikulieren: Diesen Konflikt zeigte zum Beispiel (im Mai beim Theatertreffen) mit klarsichtiger Wut Alfred-Kerr-Preisträger Benny Claessens in Falk Richters Uraufführungsinszenierung von Elfriede Jelineks Trump-Stück "Am Königsweg" auf, als er sich erst zum Außenseiter freistrampelte, um dann das Publikum für seine Verehrung der Jelinek als Prophetin zu verachteten, wobei er die selbstironische Prophetin selbst auch nicht schonte.

Kolumne Google2 560 sdAnti-Google-Plakate im Kreuzberger Stadtraum-Theater © sd

Wenn man also den Kreuzberger Lokal-Aktivismus in diesem Sinne tatsächlich als Inszenierung betrachtet und den Bezirk als ihren Theaterraum, so geht es um nicht mehr und nicht weniger als darum, einen öffentlichen Raum der Widerständigkeit zu bewahren, in dem die Gedanken nicht nur theoretisch frei sind: einen Raum, der nicht von einem der mächtigsten Unternehmen der Welt geframet wird, sondern in dem die Deutungshoheit dezentral bleibt, man weiterhin, zum Beispiel an Hauswänden, Bürgersteigen und auf Sperrmüll praktisch gegeneinander an framen oder auch: spielen kann. Und eben auch Spielverderber spielen: Mach mal, Google. Mach dich fort!

 

Sophie Diesselhorst ist Redakteurin bei nachtkritik.de. Vorher hat sie mal drei Wochen in einem Call Center gearbeitet, wo sie dazu angehalten wurde, möglichst schnell "Ich aktiviere Sie jetzt!" zu nuscheln, um krumme Deals zu besiegeln, ohne dass der arme Mensch am anderen Ende der Leitung es merkt. In ihrer Kolumne versucht sie deutlich zu sprechen.


In ihrer letzten Kolumne schrieb Sophie Diesselhorst über die Konjunktur der Intendant*innen-Findungskommissionen.

 

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