Medienkooperation mit dem Theaterfestival Theaterformen

12. Juni 2018

Kleine Geschichte der Demokratisierung des senegalesischen Theaters

von Aboubacar Demba Cissokho

Eine Studie zur Entstehung der Theaterpraxis zeigt, dass es im vorkolonialen Senegal zahlreiche theatrale Ausdrucksformen gab, meist volkstümliches Schauspiel für ein breites Publikum. In der Kolonialzeit, die bis 1960 andauerte, traf das Genre in seiner afrikanischen Ausprägung auf ein westliches Modell, das von der europäischen Schule geprägt worden war. Und so existierten im Senegal nebeneinander eine französischsprachige Theaterpraxis und das Theater in den hiesigen Nationalsprachen, vor allem Wolof.

Verschmelzung zweier Theaterformen

Während beide Theaterszenen anfangs verschiedene Ziele verfolgten, gibt es heute viele Initiativen, die sich für eine Begegnung der Disziplinen einsetzen, damit es zu einer Art Fusion kommt. Ursprünglich bestanden Theaterformen aus Kulthandlungen zur Beschwörung der Geister. Nach und nach verwandelten sie sich in Aufführungen, die anlässlich von Geburten, Hochzeiten oder Begräbnissen gegeben wurden. Jede Sprachgemeinschaft besitzt ihre eigene Variante der Theaterpraxis mit einer spezifischen künstlerischen und kulturellen Ausrichtung.

Das Verankern des westlich geprägten Theaters erfolgte in der Schule und sorgte dafür, das der Senegal zu einem der wichtigsten Schauplätze afrikanischen Theaters wurde. Den ersten Schauplatz dieses Vorhabens bildete 1930 das Schultheater der École William Ponty, einer von den französischen Kolonialherren eingerichteten Eliteschule. Am Ende des Schuljahres führten Schüler Theaterstücke auf, für die sie zur Recherche in traditionelle, ländliche Gegenden geschickt wurden. Im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung der 50er Jahre wurde im Senegal das Théâtre du Palais (1955) gegründet, ein Ort für Inszenierungen nach europäischem Vorbild. Es gab eine italienische Bühne mit Rundhorizont, außerdem wurden Eintrittsgelder verlangt. Diese "Schule" etablierte sich am Théâtre national Daniel Sorano, das 1965 wenige Monate vor dem Festival mondial des arts nègres (April 1966) gegründet wurde. Die staatliche Bühne des Théâtre national Daniel Sorano brachte die ersten Stars der sogenannten "vierten Kunst" im Senegal hervor: Isseu Niang, Awa Sène Sarr, Serigne Ndiaye Gonzalès, Jacqueline Lemoine, Douta Seck, Omar Seck, Joséphine Zambo und andere.

Theatre national Daniel Sorano dakaractuWichtiger Ort für eine ganze Reihe von Künstlerin: das Théâtre national Daniel Sorano 
© Dakaractu.com

Was dieser Form des Staatstheaters in den 80er Jahren jedoch den Niedergang beschert hat, sind Budgeteinsparungen. An den Theatern gab es einen Einstellungsstopp. An der staatlichen Schauspielschule, der École nationale des arts, wurden keine neuen Studierenden mehr aufgenommen. Das bedeutet das Ende für die professionelle Schauspielausbildung im Senegal.

Kompagnien der 1990 wiedereröffneten Kunstschule

Um weiter existieren zu können, hat das Théâtre Sorano bereits vor langer Zeit reagiert und Stücke in den Spielplan aufgenommen, die Alltagsthemen verhandeln. Außerdem wurde die Eintrittspolitik "demokratisiert". Die seichten Stücke wurden zudem immer öfter von Laiendarsteller*innen gespielt. Die "Demokratisierung" wird von Absolvent*innen der 1990 nach zehn Jahren wiedereröffneten Kunsthochschule vorangetrieben. Ihre Theatergruppen haben beschlossen, sich auf das Publikum zuzubewegen. So sind Kompagnien wie Waax Tacc, Faro Théâtre, Théâtre de la rue, Zénith Art, Gueules Tapées und 7 Kouss entstanden.

Diese Schwerpunktverlagerung hin zu einer Schauspielpraxis mit publikumsnahen Darstellungsformen wurde Ende der 70er Jahre durch die Gründung der Truppen Daaray Kocc und Jamonoy Tey durch Cheikh Tidiane Diop und Abou Camara eingeleitet. Diop hatte veranlasst, dass Premieren im senegalesischen Staatsfernsehen übertragen wurden, während Camara das von Abdoulaye Samb begründete Hörfunk-Theater im Fernsehen weitergeführt hat. Durch das Fernsehen lernte das Publikum Darsteller*innen kennen, deren Ausdruck sich vom Gestus der akademisch gebildeten Schauspieler*innen am Sorano-Theater unterschieden. Diese hatten nicht weniger Gespür für ernste Themen und brachten das Publikum zum Lachen und Weinen, oder beides auf einmal.

Zunächst waren es nur die Theatergruppen in Dakar, die diesem neuen, populären Theater zu mehr Sichtbarkeit verhalfen. In den 90er Jahren bildeten sich in Saint-Louis, einer Küstenstadt im Norden des Landes, in Thionck Essyl im Süden und in Vororten der Hauptstadt Dakar schließlich regionale Strukturen heraus. Diese Veränderungen haben dazu beigetragen, dass sich die Theaterlandschaft im Senegal stark gewandelt hat, auch wenn diese Entwicklung mit größeren und kleineren Qualitätseinbußen einhergeht.

Schließung der Schauspielschule

Mit dem Ziel, das Fortbestehen des Berufs zu gewährleisten, bemühen sich professionelle Theaterschaffende, ihren Nachwuchs in den Vierteln und Städten im Landesinneren zu rekrutieren, wo sie junge, passionierte Schauspieler*innen ausbilden. Hier kämpfen sie mit schmalen Budgets sowie mit Verwaltungs- und Ausbildungsmissständen. Es gibt keine Garantie für qualitativ ausgereifte Produktionen, was auf die erneute Schließung des Fachbereichs Schauspiel an der École nationale des arts zurückzuführen ist. Von den akademischen Ausbildungsstandards, die sich in der senegalesischen Theaterlandschaft von den 1930er bis 1970er Jahren herausgebildet hatten, ist man somit heute weit entfernt.

 

Aboubacar Demba CissokhoAboubacar Demba Cissokho (Senegal) ist Kunst- und Kulturjournalist. Seit 2001 arbeitet er bei der senegalesischen Presseagentur APS in Dakar.



 

Hier berichtet Milisuthando Bongela über die Lage des Kulturjournalismus' auf dem afrikanischen Kontinent. Yvon Edoumou schreibt über die Frage, ob "arme" Leute Kunst genießen können. Stéphanie Dongmo portraitiert den Theaterregisseur Martin Ambara aus Kamerun. Und Enos Nyamor schreibt über das Theater in Kenia heute.

Der Text ist im Rahmen des Journalist*innen-Projekts "Watch & Write" des Festivals Theaterformen entstanden und wird im Rahmen einer Medienkooperation auf nachtkritik.de veröffentlicht. Er ist nicht Teil des redaktionellen Programms von nachtkritik.de.

 

 

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