Public Viewing gegen die Einsamkeit

von Mirja Gabathuler

Zürich, 12. Juni 2018. Nachspielzeit? Lassen Sie sich nicht täuschen: Es geht in Jan Sobries Stück nicht um Fussball. Oder nur am Rande, als Schlusspointe, kurz vor Abpfiff sozusagen, im Theatersaal besser bekannt als Applaus, hat der Ballsport noch seinen Auftritt, irgendwie ist ja bald WM und davor kann auch das Theater die Augen nicht verschließen. Zu Beginn spielt das Drama sich aber nicht auf dem Rasen ab, sondern um einen gedeckten Tisch im Foyer des Schiffbaus in Zürich, das sich mit seinen zahlreichen Fenstern und Rolltüren in Richtung des urbanen Westens von Zürich wunderbar als Bühne für ein Stück eignet, das mit der Gegenwart hadert.

Schwarzer Humorr im Restaurant

Weitere Tische stehen im Raum, ein Kühlschrank und ein Klavier, daran sitzt ein älterer Mann und spielt. Oder spielt, dass er spielt: Als er aufsteht, klimpert die Melodie munter weiter. Aus einem Lautsprecher plätschert der Soundteppich für den slapstickhaften Auftritt eines alten Paars, das zwar gleichgetaktet niest, alsbald aber mit Besteck, Blumenvase und Salzstreuer bewaffnet einen Rosenkrieg anzettelt. Eine der schönsten, schrägsten Szenen des Abends – der später einige Längen hat.

Der operettenhafte Kleinkrieg der Alten findet im Kopf eines Kellners (überzeugend gespielt von Urs Bihler) statt. Ulrich heißt der gealterte Oberkellner, der das Bedienen perfektioniert hat. Zum Wohl der Gäste des Lokals zieht er unbemerkt die Fäden im Hintergrund. Er feuert Konfettikanonen und zündet Wunderkerzen, wenn jemand feiert, und wenn es bei einem Rendezvous harzt, lockert er mit seinem einstudierten Furz die Stimmung auf. Garantierter Eisbrecher. Billie Holiday erledigt dann die Reststrecke zum Liebesglück.

 Nachspielzeit3 560 RaphaelHadad uUrs Bihler als lebenssatter Kellner Urich in Jan Sobries "Nachspielzeit" ©  Raphael Hadad

Ulrich selbst ist wenig nach Lieben und Lachen zumute. Er sei ein "negativer Enthusiast" oder wie er präzisiert: ein Pessimist. Vor allem aber ist der Kellner altersmüde, abgehängt von der Gegenwart und einsam. Während er einst "wie ein Balletttänzer" zwischen den Gästen hin- und herschwebte, fühlt er sich nun "wie ein alter, kastrierter Kater".

Traumfrau im Kühlschrank

Seine Einsamkeit staffiert er mit fantastischen Figuren aus. Etwa einer Frau im Kühlschrank, die nicht, wie in Krimi-Manier, tot und tiefgefroren darin ausharrt, sondern ihm ziemlich lebendig entsteigt, tänzelt und flirtet was das Zeug hält. Eine Traumfrau im wahrsten Sinn des Worts, vielleicht eine Verflossene, eine verflossene Chance auf Zweisamkeit. Auf der Flucht vor missglückten Lebensentwürfen landet Ulrich immer wieder in seinem "Keller voller Geschichten".

Die absurden Pfade der Fantasie sind der Gegenentwurf zur frustrierenden Altersrealität. Das ist stellenweise zauberhaft: Ein Liebesspiel mit Luftrüsseln zu italienischen Discoschnulzen, das in einem ekstatischen Rave endet. Der Humor, der manchmal so nüchtern daherkommt, dass man ihn beinahe überhört.

Nachspielzeit 560 RaphaelHadad uNach draußen getänzelt: die Türen im Schiffbau öffnen sich © Raphael Hadad

Doch dann knallt irgendwann die Konfettikanone, Achtung Publikum, und kurz darauf knallt das Tischtuch samt Gedeck auf den Boden. Denn nun startet die Gesellschaftskritik, aus dem Mund des abgehalfterten Kellners, nun wird ziemlich dick aufgetragen: hier die Gegenwart mit ihrem Verkehrschaos, ihrem Plastikmüll, ihrer smartphone-generierten Gleichgültigkeit, dort der verlassene, gutherzige Mann, der Bach hört in alten Kirchen.

Nostalgie und Zeitgeistverweigerung

Zäh wird's, weil die Zwischentöne fehlen. Als Ulrich ein klischiertes Bild aus seiner Kindheit heraufbeschwört, auf dem ein blondes Mädchen und ein Junge mit blauen Augen Händchen halten – spätestens dann könnte man denken, der Verfasser dieses Monologs gehöre einer anderen Generation an als Jan Sobrie, der belgische Autor und Schauspieler, der für das junge Schauspielhaus zum ersten Mal in Zürich inszeniert.

Vielleicht ist das nur konsequenter Spiegel der sturen Nostalgie und Zeitgeistverweigerung, in die ältere Menschen manchmal verfallen. "Das haben wir schon hundert Mal gehört", sagt ein jüngerer Kellner in einer Szene zum älteren – und genau dieser Gedanke kann einem als Zuschauerin kommen.

"Hopp Schwiiz"-Rufe

Die Großstadt, die den armen Ulrich so gnadenlos abhängt, ausspuckt oder "wegschwemmt", ihn gar unbemerkt wegsterben lässt, bleibt ein Allgemeinplatz. Was hat sie mit dem Ort zu tun, der am Ende der Stückes sichtbar wird, wenn die Rolltore sich öffnen und Kunstschnee den Nachthimmel vernebelt?

Man ist froh um die frische Brise. Denn irgendwann mag man nicht mehr richtig zuhören. Wie in der harzigen Nachspielzeit eines ansonsten ganz unterhaltsamen Fußballspiels, wenn man sich selbst ertappt, wie man auf den baldigen Abpfiff hofft. Der Schlussakzent kommt – und er gehört dem Fußball. Der Ausweg aus der Einsamkeit: Public Viewing und – standortbedingt – "Hopp Schwiiz"-Rufe. Zumindest hier scheint die Gemeinschaft noch in Ordnung.

 

Nachspielzeit
von Jan Sobrie
Deutsch von Barbara Buri
Regie: Jan Sobrie, Choreografie: Fabienne Vegt, Szenografie: Leo de Nijs Kostüm: Bettina Weller, Dramaturgie: Petra Fischer, Fabienne Vegt.
Mit: Nicolas Batthyany, Urs Bihler, Larissa Keat.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

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